{"id":2799,"date":"2022-05-04T08:30:05","date_gmt":"2022-05-04T07:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=2799"},"modified":"2022-05-27T16:42:01","modified_gmt":"2022-05-27T15:42:01","slug":"strawinskys-le-sacre-in-riskanter-kombination","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2022\/05\/04\/strawinskys-le-sacre-in-riskanter-kombination\/","title":{"rendered":"Strawinskys &#8222;Le Sacre&#8220; in riskanter Kombination"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Mainz. ape. <\/strong><\/em><strong><em>&#8222;<\/em><\/strong>Le Sacre!\u201c soll Koen Augustijnen vor Monaten aufgeschrien haben. Da hatten er und Rosalba Torres Guerrero gerade erfahren: Das Staatstheater Mainz stelle dem Gastchoreografen-Duo f\u00fcr seine n\u00e4chste Produktion mit dem Ensemble von &#8222;tanzmainz&#8220; das Gro\u00dfe Haus mitsamt Philharmonischem Orchester live zur Verf\u00fcgung. Eine derartige Chance will ergriffen sein, Tr\u00e4ume wahrzumachen. Und welche Tanzschaffenden tr\u00e4umten nicht von einer gro\u00dfformatigen Eigenkreation zu Igor Strawinskys Ballettmusik \u201eLe sacre du printemps\u201c? Fast jeder bedeutende Choreograf hat das Werk seit dem 1913er Urauff\u00fchrungsskandal in Paris mal angepackt. Geradezu ikonographischen Status genie\u00dft heute das herzersch\u00fctternde Opferritual von Pina Bausch.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image init-colorbox-processed cboxElement\" title=\"Ensemble tanzmainz, Szene aus &quot;Le sacre&quot;. Foto: Andreas Etter\" href=\"https:\/\/pecht.info\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/vollbild\/public\/Le-Sacre_Ensemble-tanzmainz-06-c-Andreas-Etter.jpg?itok=S9-Pe_p9\"><img decoding=\"async\" class=\"image-large\" title=\"Ensemble tanzmainz, Szene aus &quot;Le sacre&quot;. Foto: Andreas Etter\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/large\/public\/Le-Sacre_Ensemble-tanzmainz-06-c-Andreas-Etter.jpg?itok=uAPixjiv\" alt=\"\"><\/a><\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Mainzer Ergebnis kam an diesem Wochenende zur Premiere. Und gleich der Anfang des 75-min\u00fctigen Abends irritiert. Denn aus dem Orchestergraben schwillt Wagners Ouvert\u00fcre zu &#8222;Tannh\u00e4user&#8220;. Das Befremden dauert an, als darauf Arvo P\u00e4rts &#8222;Cantus in memory of Benjamin Britten&#8220; sowie Beethovens &#8222;Coriolan&#8220;-Ouvert\u00fcre folgen. Musikalisch ist famos, was da unter dem Dirigat von Paul-Johannes Kirschner ert\u00f6nt. T\u00e4nzerisch indes findet herzlich wenig statt. Erst in Minute 45 \u00fcbernimmt Strawinsky das Regiment. Und von da an ist alles anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt mit \u201eLe sacre du printemps\u201c immer schon eine Schwierigkeit: Das Werk ist mit rund 30 Minuten Spieldauer nicht abendf\u00fcllend. Weshalb meist weitere Tanzst\u00fccke vorgeschaltet werden. Rosalba\/Torres Guerrero gehen in Mainz einen anderen, einen riskanten Weg: Sie erweitern das St\u00fcck selbst um besagte Kompositionen und eine zus\u00e4tzlich Ebene des Geschehens. Dabei spielen Kost\u00fcme (Stefanie Krimmel) die tragende Rolle. Exzentrische Fantasiekost\u00fcme, wie sie die in den 1980ern entstandene Bewegung der Club Kids benutzt, um f\u00fcr eine Nacht auf dem Dancefloor in eine andere Welt, ein anderes Ich oder auch anderes Geschlecht einzutauchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu sehen gibt es da allerhand, nur eben keinen Tanz. Es schreiten, stolzieren, gehen, stehen, wiegen sich mal in Linie, mal in Gruppen oder einzeln die Kost\u00fcmierten. Man denkt an h\u00f6fisches Zeremoniell \u2013 das sich dann auch um den Auftritt eines \u201eK\u00f6nigs\u201c zentriert: Zachary Chant mit einer Strahlenkrone a la Ludwig XIV. Zur Wagner-Musik w\u00e4hnt sich der Betrachter szenisch in der Oper und wartet ungeduldig, ob und auf welche Weise das die B\u00fchne beherrschende Element einer Stahlbogenbr\u00fccke (B\u00fchne: Jean Bernard Koemann) hin\u00fcberf\u00fchren kann in die Welt des Tanzes. Bei P\u00e4rt fallen erste Kost\u00fcmteile, tauchen kleine Tanzmomente auf. Es erscheint auch eine kurze Andeutung des Opfermotivs: Maasa Sakano setzt als einzige ihre Maske nicht ab und ger\u00e4t mit einem verwirbelten Solo ins Zentrum des sie umkreisenden 18-k\u00f6pfigen Ensembles.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die statische Anfangsphase k\u00f6nnte als Kost\u00fcmprasentation und Vorstellungsrunde von Club-G\u00e4sten gedeutet werden. Das episch gedehnte Kost\u00fcmfest lie\u00dfe sich ebenso verstehen als Anlehnung an den ersten Teil der Urchoreografie von Vaslav Nijinski, wo Volk in reich verzierten Gew\u00e4ndern sich zur \u201eAnbetung der Erde\u201c versammelt. Dann w\u00e4re dieser Teil allerdings ausgelagert, v\u00f6llig abgekoppelt von Strawinskys Musik und t\u00e4nzerisch extrem reduziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichwohl nehmen Tanzmomente im Laufe der ersten dreiviertel Stunde zwar sehr langsam und gem\u00e4\u00dfigt, aber doch zusehends breiteren Raum ein. Wenn man so will: Die Mainzer Choreografie skizziert in einem \u00fcbergro\u00dfen Ouvert\u00fcre-Bogen einen Hauch von Vorahnung auf jene Ausdrucksteigerungen, die Strawinksy in ein halbst\u00fcndiges Furioso packte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende der &#8222;Coriolan&#8220;-Ouvert\u00fcre entledigen sich die Akteure der opulenten Kost\u00fcme, gehen nun mit knappen Restoutfits ins Eigentliche, den Strawinsky eben. Jetzt kann das Ensemble sein t\u00e4nzerisches Verm\u00f6gen ausspielen: Die Menschenmasse dr\u00e4ngt, wirbelt, tobt mal in scheinbarem Chaos, dann unversehens in geordneten Formationen, in denen manchmal jedes Individuum seine eigene Ausdrucksweise zeigen kann und doch zugleich das Ganze im Gleichma\u00df vibriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da viele Tanzformen den Bewegungsarten in Clubs und Diskos entlehnt sind, wirken manche Aktionen dilettantisch, kontrastieren aber mit kunstvollem Ausdruckstanz. Louis Thuriot gibt, nur mit knallig roter Kurzhose bekleidet, einen Au\u00dfenseiter. Sein Solo gebrochener, verbogener, zerhackter Ballett- und Turnfiguren ist in seiner grandiosen Nichteleganz ein Hingucker. In ihm w\u00e4hnt man das sp\u00e4tere Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch da ist noch ein Au\u00dfenseiter: Eine Frau mit rotem BH, Bojana Mitrovic, meist einsam am Rande agierend. Und da ist der vormalige K\u00f6nig, dessen Rolle auf dem Parkett immer weiter schrumpft. Er hat als Arm\u00fcberzug auch jenes Rot an sich, das so sehr an das Opferkleidchen bei Pina Bausch erinnert. Gibt es in Mainz&nbsp; statt eines Opfers derer drei? Es gibt sogar noch etliche mehr \u2013 oder eben gar keines. Bei den Club Kids des Mainzer \u201eLe Sacre\u201c muss sich selbst in h\u00f6chster Massenekstase niemand als Fr\u00fchlingsopfer zu Tode tanzen. Alles nur ein Dancefloor-Spiel?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie der Anfangsteil, so irritiert auch dieser Schlussteil. Denn st\u00e4ndig sucht&nbsp; der mit mehreren Lesarten des St\u00fcckes vertraute Zuseher nach dem auf die eine Opferfigur fokussierten Zentrum des Geschehens. Das aber gibt es hier nicht. Fehlt es? Irgendwie schon.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andreas Pecht &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Erstver\u00f6ffentlichung dieses Artikels am 3. Mai 2022 in der Printausgabe der Rhein-Zeitung)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mainz. ape. &#8222;Le Sacre!\u201c soll Koen Augustijnen vor Monaten aufgeschrien haben. 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