{"id":272,"date":"2005-10-13T22:00:00","date_gmt":"2005-10-13T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/10\/13\/verein-will-verstaendlich-lehren\/"},"modified":"2005-10-13T22:00:00","modified_gmt":"2005-10-13T21:00:00","slug":"verein-will-verstaendlich-lehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/10\/13\/verein-will-verstaendlich-lehren\/","title":{"rendered":"Verein will verst\u00e4ndlich lehren"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape. Bad Marienberg.<\/strong> <em>So zerstritten die Parteien derzeit sind, ein Ziel haben alle: mehr Bildung. Dem hat sich im Westerwald schon seit 1987 ein privat initiierter Verein verschrieben &#8211; lange bevor von Pisa die Rede war. Jetzt starten die Marienberger Seminare e.V. ein Sonderprogramm, das es so in der deutschen Bildungslandschaft kaum gibt: Eine Akademie f\u00fcr Allgemeinbildung &#8211; Akademiker vermitteln Grundlagen abendl\u00e4ndischer Kultur- und Geistesgeschichte an jedermann, f\u00fcr jedermann verst\u00e4ndlich.<\/em><\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist es hier, idyllisch, ruhig. Ein Wohngebiet an der Peripherie der &#8222;Stadt&#8220;. Die Stadt: Bad Marienberg, 6300 Seelen, ziemlich weit oben im Westerwald. L\u00e4ndliche Mittelgebirgsgegend, wie sie typischer nicht sein kann. Und doch birgt sie \u00dcberraschungen. Zinhainer Weg 44, ein Wohnhaus wie andere, an der T\u00fcr indes das Schild &#8222;Marienberger Seminare&#8220;. 40 Mal und \u00f6fter pro Jahr wird es dort im eigens eingerichteten Seminarraum lebendig. 15, 20, 25 &#8222;ganz normale&#8220; Leute vom Sch\u00fcler bis zur Rentnerin kommen f\u00fcr Stunden, einen Tag, ein Wochenende zusammen. Um was zu tun? Aus freien St\u00fccken den Kopf anzustrengen, den Horizont zu erweitern, etwas zu lernen &#8211; weil Lernen hier Spa\u00df macht, Bildung das Leben bereichert und die Pers\u00f6nlichkeit aufs N\u00fctzlichste st\u00e4rkt.<\/p>\n<h3>Raus aus dem Elfenbeinturm<\/h3>\n<p>1987 wurden die Marienberger Seminare gegr\u00fcndet. Seither verlassen eineinhalb Dutzend gestandene Geistes- und Naturwissenschaftler immer wieder gern die akademischen Refugien in Siegen, Marburg, Koblenz, Mainz, Frankfurt, um im Westerwald ihre Kenntnisse und Einsichten mit wissensdurstigen und bildungshungrigen Normalb\u00fcrgern zu teilen. Raus aus dem Elfenbeinturm hei\u00dft es dann: Schopenhauer und Kant verst\u00e4ndlich darlegen; Marx und Miegel begreifbar gegen\u00fcberstellen; Themen der Kunst-, Religions- und Technikgeschichte spannend erhellen, ihre Bedeutung f\u00fcr Menschen von heute verstehbar machen.<\/p>\n<p>Die Seminare im Zinhainer Weg 44 haben einen guten Ruf. 2003 wurde Barbara Abigt, Gr\u00fcnderin und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Vereins, f\u00fcr ihr ehrenamtliches Bildungsengagement mit dem Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Darauf angesprochen, pflegt sie abzuwinken, redet lieber \u00fcber die n\u00e4chsten Projekte. Das Wichtigste nennt sich &#8222;Akademie der Marienberger Seminare&#8220;, l\u00e4uft zus\u00e4tzlich zum regul\u00e4ren Seminarprogramm, beginnt im November und ist in seiner Art ein ziemliches Novum in der Bildungslandschaft.<\/p>\n<p>&#8222;Oft sitzen wir in den spannendsten Seminaren, lernen hier Emil Nolde kennen, dort die Gotik. Wir vergleichen Shakespeare und Shaw, analysieren die Franz\u00f6sische Revolution oder fragen uns, was die Urmenschen von den B\u00e4umen trieb. Und immer fehlt denen, die den gro\u00dfen Bildungskanon nicht, nicht richtig oder zu trocken genossen haben, etwas: der rote Faden, das kulturgeschichtliche Ger\u00fcst, das Epochen, Entwicklungen, Stile, Denkschulen ordnet und verkn\u00fcpft.&#8220; So wurde die Idee f\u00fcr die &#8222;Akademie&#8220;, f\u00fcr eine komprimierte und allgemein verst\u00e4ndliche Einf\u00fchrung in die Grundz\u00fcge der Kultur- und Geistesgeschichte, geboren. &#8222;Nicht geboren&#8220;, sagt Abigt, &#8222;erbeten, ja verlangt.&#8220;<\/p>\n<p>Seit zwei Jahren laufen nun die Vorbereitungen f\u00fcr dieses Sonderprojekt. &#8222;Unsere Professoren waren erst nicht begeistert, klagten, was da alles weggelassen werden m\u00fcsse.&#8220; Die Idee, mit einer &#8222;nur&#8220; Hauptstr\u00e4nge und Knotenpunkte ausweisenden Orientierungskarte die Kulturgeschichte zu bereisen, musste von &#8222;unten&#8220; kommen. Von denen, die das unangenehme Gef\u00fchl mangelhafter Orientierung kennen oder noch erinnern. Abigt geh\u00f6rt dazu, denn ihr Weg in die Welt des Geistes begann erst im 54. Lebensjahr. Ein Freund nahm sie mit an die Uni, eine Freundin erz\u00e4hlte ihr von den Bildungs-Salons des 19. Jahrhunderts. Da war sie infiziert mit dem Virus des Wissen- und Verstehenwollens. Die vormalige Gattin, Mutter, Hausfrau begann zu studieren: Soziologie, Psychologie, Philosophie, Kunstgeschichte &#8211; &#8222;alles, was ich kriegen konnte.&#8220; Und bald rief sie die Marienberger Seminare ins Leben, setzte damit ein praktisches Beispiel f\u00fcr die Freuden des Lernens, die sie selbst gerade f\u00fcr sich entdeckt hatte.<\/p>\n<p>Abigts Begeisterung f\u00fcr die &#8222;Akademie&#8220; ist ansteckend. Das Mainzer Kulturministerium sagt Unterst\u00fctzung zu, die \u00f6rtliche Kreissparkasse steigt als Sponsor ein, der Gesch\u00e4ftsmann J\u00fcrgen Lebek begr\u00fcndet sein finanzielles Engagement bei der B\u00fcrgerinitiative: &#8222;Auf so etwas habe ich lange gewartet.&#8220; Damit wird das nicht-kommerzielle Projekt erst bezahlbar.<\/p>\n<h3>Von B\u00fcrgern f\u00fcr B\u00fcrger<\/h3>\n<p>Mut zur sinnvollen Vereinfachung wurde vom Dozententeam f\u00fcr den Grundlagenkurs verlangt. Das Programm steht jetzt, umfasst 31 Kapitel &#8211; vom Faustkeil zum Computer die Menschheitsgeschichte skizzierend, dabei Geistes- und Naturwissenschaft, Kunst und Kultur, Politik und Technik miteinander verkn\u00fcpfend. 31 Zwei-Stunden-Abende, einer pro Woche, mit Vortrag und Diskussion im Zinhainer Weg 44, wird dieses von B\u00fcrgern f\u00fcr B\u00fcrger privat initiierte Grundstudium Generale in der ersten Phase umfassen.<\/p>\n<p>Eine Veranstaltung blo\u00df f\u00fcr Westerw\u00e4lder soll es nicht bleiben, denn es gibt auch die M\u00f6glichkeit, von der Ferne teilzunehmen: &#8222;Vortr\u00e4ge und Diskussionen hier am Ort werden jeweils mitgeschnitten, und Woche f\u00fcr Woche als CD zusammen mit den Tagesskripten an die Fernteilnehmer verschickt; wohin auch immer&#8220;, erkl\u00e4rt Abigt. Selbstbewusst f\u00fcgt sie hinzu: &#8220; Keine Vertragsbindung, jeder kann jederzeit aussteigen &#8211; aber niemand wird es wollen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Bad Marienberg. So zerstritten die Parteien derzeit sind, ein Ziel haben alle: mehr Bildung. Dem hat sich im Westerwald schon seit 1987 ein privat initiierter Verein verschrieben &#8211; lange bevor von Pisa die Rede war. 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