{"id":270,"date":"2017-05-21T22:00:00","date_gmt":"2017-05-21T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/05\/21\/was-auch-mal-gesagt-werden-muss\/"},"modified":"2017-05-21T22:00:00","modified_gmt":"2017-05-21T21:00:00","slug":"was-auch-mal-gesagt-werden-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/05\/21\/was-auch-mal-gesagt-werden-muss\/","title":{"rendered":"Was auch mal gesagt werden muss"},"content":{"rendered":"<p><em>(Unkorrigiertes Redemanuskript. M\u00fcndlicher Vortrag teils abweichend)<\/em><\/p>\n<h3>Hochverehrte Festgesellschaft, liebe Freunde der Marienberger Seminare, werte Betroffene<\/h3>\n<p>die Gr\u00fcnderin dieser Bildungslehranstalt, ihre gute Seele, Antreiberin und spirita recta \u2013 wie es in gedendertem Latein vielleicht hei\u00dfen t\u00e4te \u2013 hat sich bei mir eine weitere Festrede gew\u00fcnscht. Und zwar eine, die dem honorigen Akte seinen staatstragenden Ernst nehmen soll; eine, die Humor verspr\u00fche und Schmunzeln machende Kurzweil unter den G\u00e4sten verbreite; eine, die manches und manchen aus Theorie, Praxis und Umfeld der Marienberger Seminare durchaus auch auf die Schippe nehme.<\/p>\n<p>Als ich zauderte ob dieses Ansinnens, lockte Madame Barbara Abigt mich mit folgendem Satz:<br \/>\n\u201eSie d\u00fcrfen sagen und machen, was sie wollen.\u201d<br \/>\nDarauf die dringliche Gegenfrage meinerseits:<br \/>\n\u201eSind Sie sich dessen sicher???\u201d<br \/>\nUnd wiederum die bestimmte Antwort ihrerseits:<br \/>\n\u201eJa, gewiss doch: Sie d\u00fcrfen sagen und machen, was sie wollen.\u201d<\/p>\n<p>HAH!!! DEAL!!! Eine solche Chance, ungehemmt vom Leder zu ziehen, lasse ich mir doch nicht entgehen. Und von einem zeitlichen Limit f\u00fcr die Rede war auch nie die Rede. Deshalb habt Ihr nun den Salat: M\u00fcsst Euch von Lust und Launen eines berufsm\u00e4\u00dfigen Kritikasters und vom Dadaismus verseuchten L\u00e4stermauls beuteln, sch\u00fctteln, w\u00fcrgen lassen \u2013 f\u00fcr einen unabsehbar langen Zeitraum.<\/p>\n<p>Es ist ja allen Jubel-, Ehren-, Gedenkfeiern seit Urzeiten eigen, dass sie einen geheimen Kern haben. Von dem wei\u00df allerdings jeder, doch spricht keiner dar\u00fcber. Dieser Kern besteht aus: Langeweile. Von der werden stets alle Anwesenden gepackt, auch wenn man es ihnen nur selten ansieht. Man macht gute Miene zum dr\u00f6gen Spiel der Lobges\u00e4nge, Verdienstlitaneien, anerkennenden \u00dcbertreibungen und sch\u00f6nf\u00e4rberischen Leistungsbeschreibungen.<\/p>\n<p>Wo und bei welchem Anlass, meine Damen und Herrn, wird diese Praxis auf die Spitze getrieben? Nein, nicht bei Preis- oder Ordensverleihungen, nichtmal bei der Selbstbeweihr\u00e4ucherung politischer Parteien.<br \/>\nVielmehr im Rahmen von: Beerdigungen.<\/p>\n<p>Nie und nirgends wird mehr gelogen als auf dem Friedhof und in Nachrufen. Da erkennt man in salbungsvollen Reden den Verstorbenen kaum wieder, da wird der Grantler zum liebreizenden Menschenfreund oder der vormalige Hallodri zum \u201eangenehmen Gesellschafter\u201d. \u00dcber Tote redet man nicht schlecht, sagt der Volksmund. Was im Umkehrschluss allerdings hei\u00dft: Wer stets nur Lob erf\u00e4hrt, der ist schon tot.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich unter diesen Pr\u00e4missen einige der bedeutsamsten Komponenten des au\u00dferordentlichen und seit 30 Jahren sich entwicklenden Ph\u00e4nomens \u201eMarienberger Seminare\u201d beleuchten. N\u00e4her betrachtet seien zuvorderst jene beiden zentralen S\u00e4ulen, ohne die es das Ph\u00e4nomen gar nicht g\u00e4be: Hier das Publikum \u2013&nbsp; da der Lehrk\u00f6rper.<\/p>\n<h3>Das Publikum, profan bezeichnet als \u201edie Seminarteilnehmer\u201d:<\/h3>\n<p>In den publizistischen Annalen \u00fcber die Marienberger Seminare wird es immer wieder lobend beschrieben als \u201ehellwach, aus eigenem Antrieb interessiert, aufmerksam, lernbegierig wie auch diskussionsfreudig\u201d. Und treu! Denn ein Gro\u00dfteil der Seminarbesucher kommt seit vielen Jahren immer wieder; manch einer geh\u00f6rt seit drei Jahrzehnten zum inneren Kern \u2013 und ist dar\u00fcber vom besten Mannes- oder Frauenalter ins allerbeste &gt; Greisenalter hin\u00fcbergewachsen.<\/p>\n<p>Ja, ja, wir sind zusammen \u2013 VIELLEICHT \u2013 ETWAS kl\u00fcger geworden, aber ganz gewiss gemeinsam betr\u00e4chtlich \u00e4lter.<\/p>\n<p>Was die Zuf\u00fchrung von frischem, jungem Blut und Hirn zu den Seminaren angeht: Das hat es immer gegeben, je nach Thema im Einzelfall bisweilen sogar in signifikantem Umfang. Ich erinnere meinen Seminartag \u00fcber \u201eHexen und Amazonen\u201d. Da sa\u00dfen pl\u00f6tzlich eine ganze Reihe Damen im&nbsp; pr\u00e4klimakterischen bzw. erst j\u00fcngst heiratsf\u00e4hig gewordenen Alter vor mir. So recht geheuer war mir das nicht, zumal mancher Blick aus dem \u00fcberwiegend weiblichen Publikum doch sehr eng mit dem Thema korrespondierte.<\/p>\n<p>In der Regel allerdings und \u00fcber die Jahrzehnte betrachtet, m\u00fcssen wir leider feststellen, dass der Verj\u00fcngungsprozess langsamer vonstatten geht als der Alterungsprozess. Was sich indes schlagartig \u00e4ndern k\u00f6nnte, sobald die aktuellsten Neuentwicklungen in den Laboren der Biogenetik auch in Bad Marienberg ankommen. Denn vermeldet wurde jetzt mehrfach, der legend\u00e4re Jungbrunnen sei gefunden, er l\u00e4ge in unserem K\u00f6rper selbst, m\u00fcsste nur durch Zuf\u00fchrung von Blut junger Menschen aktiviert werden. In Rede stehen nun Lebenserwartungen von 150 bis 200 und mehr Jahren, bei wiedergewonnener Frische an Leib und Geist. Mag also sein, dass wir alle uns anno 2067 frohgemut und tanzw\u00fctig hier wieder treffen, um dann den 80. Geburtstag der Marienberger Seminare zu feiern.<\/p>\n<p>Sagen Sie nicht, der Pecht redet Unfug! Die Jungbrunnen-Geschichte war in diesem Fr\u00fchjahr auf den Wissenschaftsseiten aller renommierten Bl\u00e4tter bis hin zu Spiegel, Zeit und Nature zu lesen.<\/p>\n<p>Doch bleiben wir beim Publikum, wie es bisher war und noch ist. Wor\u00fcber ich nat\u00fcrlich nur aus der, zugegeben subjektiv einseitigen, Sicht des Referenten sprechen kann. Ich will niemandem ein X f\u00fcr ein U vormachen, weshalb einmal dies geschildert werden muss:<\/p>\n<p>Da hockst du im Seminarraum am Zinnhainer Weg und sch\u00fcttest \u00fcber 12 bis 25 Leute eimerweise die erlesensten Weisheiten der Geistesgeschichte und deiner selbst aus. Dein Vortrag ist lebhaft, engagiert, du selbst bist begeistert, ja stehtst in Flammen vom Feuer der Erkenntnis. Und was geschieht im wohnlichen Seminars\u00e4lchen? \u2013 Nichts.<\/p>\n<p>Viele Augen schauen dich mal mehr, zu sp\u00e4terer Stunde auch weniger wach an, etliche H\u00e4nde machen eifrig Notizen. Aber vom Feuer des Vortrages scheint kein z\u00fcndender Funke \u00fcberzuspringen aufs Auditorium. Fast alle h\u00f6ren zu, aber es ergreift sichtlich niemanden das Fieber der Erhellung, das in dir selbst gl\u00fcht.<\/p>\n<p>Also legst du nach: Sprechweise und Mimik werden eindringlicher, die Gesten ausgreifender, du fl\u00fcsterst geheimnisvoll, deklamierst lauthals, singst, haust auf den Tisch, schraubst deine Thesen in waghalsig provokante H\u00f6hen. Mit jeder Faser deines Seins als Referent rufst du: \u201eSehet und staunet, dies sind die Wunder der Welt!\u201d<\/p>\n<p>Doch das gr\u00f6\u00dfte Erstaunen je rief bei meinem letzten Mittwochabend-Vortrag die&nbsp; Aussage hervor: \u201eDas Benutzen der Klimaanlage im Auto erh\u00f6ht den Spritverbrauch um 1 Liter.\u201d Oh, ach, weija, raunte es betroffen durch den Raum.<\/p>\n<p>Die Kollegen Universit\u00e4tsprofessoren mag das vielleicht nicht weiter anfeinden, sie kennen solche Umst\u00e4nde als studentisches Alltagsverhalten: Der H\u00f6rsaal voll mit 300 jungen Leuten, von denen man weder wei\u00df noch sp\u00fcrt, ob sie dem routinierten, den akademischen Prinzipien der Gelassenheit und Neutralit\u00e4t verpflichteten Vortrag geistig folgen oder nur k\u00f6rperlich anwesend sind.<\/p>\n<p>Mir jedoch, der im Hauptberuf als Theaterkritiker durch die Lande zieht, geht es dabei ganz anders: Wie der Schauspieler im Theater, der sich mit seinem Stoff und seiner Rolle in hohem Ma\u00dfe identifiziert, leide ich H\u00f6llenqualen, wenn das Publikum nicht sp\u00fcrbar ergriffen ist. Der Frust w\u00e4chst und w\u00e4chst, wenn Seminarteilnehmer Stund um Stund scheinbar unger\u00fchrt meinem enthusiastischen Theater folgen.<\/p>\n<p>Noch gr\u00f6\u00dfer ist freilich meine \u00dcberraschung, wenn nach dem Schlusswort \u201eDer Vorhang zu und alle Fragen offen\u201d oder \u201eDies war&#8217;s von meiner Seite\u201d pl\u00f6tzlich herzlichster Applaus aufbrandet. Schier fassungslos nehme ich hernach Bekundungen entgegen wie: \u201eDanke f\u00fcr ihre spannenden Ausf\u00fchrungen\u201d, oder \u201eDas war ein tief bewegendes Seminar\u201d oder \u201eWunderbar, wie Sie uns in diese unbekannte Welt mitgenommen haben.\u201d<\/p>\n<p>Ach, das Publikum! Es war, ist und bleibt wohl auf immerdar, das gr\u00f6\u00dfte aller Geheimnisse. Manchmal str\u00f6mt es zuhauf herbei, um sich mit Stoffen zu befassen, von denen man nie geglaubt h\u00e4tte, dass sie heute noch irgendjemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Dann wieder findet sich nur eine handvoll Interessenten f\u00fcr die spektakul\u00e4rsten Themen. So widerfuhr es vergangenes Jahr mir erstmals \u2013 und geschah auch erstmals in der Geschichte der Marienberger Seminare \u2013, dass ein Vortrag wegen Null,&nbsp; NULL!!!, Anmeldungen abgeblasen werden musste.<\/p>\n<p>Da stand ich nun, ich armer Tor. Hatte das in Rheinland-Pfalz wichtigste und in fast allen Feuilletons des deutschsprachigen Raumes behandelte Thema der gro\u00dfen Trierer Nero-Ausstellungen f\u00fcr Bad Marienberg angeboten \u2013 und tagelang im Schwei\u00dfe des Angesichts vorbereitet. Dann das bis heute unbegreifliche Fiasko: Niemand, gar niemand, mochte sich hierorts mit der neuen, ganz anderen Sicht auf den r\u00f6mischen Kaiser Nero befassen.<\/p>\n<p>Was lernt uns das? Nichts \u2013 au\u00dfer dass das Publikum ein sonderbares Wesen ist, und das Publikum der Marienberger Seminare noch sonderbarer. Denn Letzteres gehorcht partout nicht den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit, die sich gew\u00f6hnlich orientiert an der Maxime \u201eMenschen, Monster, Sensationen\u201d.&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<h3>So, genug der Publikumsbeschimpfung.<\/h3>\n<p><strong>Kommen wir zur zweiten Haupts\u00e4ule der Marienberger Seminare: dem ehrenwerten Lehrk\u00f6rper<\/strong> \u2013 mit dem nun gewiss umgekehrt das Publikum mancherlei durchmachen muss. Wobei: Es sind ja stets nur die besten Referenten geblieben. Denn wer wiederholt zu abgehoben, gedrechselt, unverst\u00e4ndlich, langweilig sprach, den oder die holte der Teufel &gt; Barbara Abigt \u2013 nahm die Betreffenden stillschweigen aus dem Referentenpool.<\/p>\n<p>So unnachiebig zugreifend, so beredt lockend und bezirzend, so liebreizend beschwatzend und \u00fcberzeugend die Spirita recta des Hauses bei der Anwerbung eines Referenten sein kann, den sie unbedingt haben will \u2013 so kurzangebunden kann sie jemanden auch wieder in die W\u00fcste schicken.<\/p>\n<p>Nun, \u00fcber diejenigen Gelehrten, die dauerhaft bei den Marienberger Seminaren aktiv geblieben sind, kann ich gar nicht viel sagen. Denn einige habe ich leibhaftig noch nie bewusst getroffen, bei fast keinem je seine Lehrkunst miterlebt. Dieser Lehrk\u00f6rper ist ein recht eigent\u00fcmlicher. In 30 Jahren gab es meines Wissens noch keine einzige Lehrerkonferenz. Und so wie ich, d\u00fcrften die meisten Referenten kaum je oder noch nie an einem Seminar eines ihrer Kollegen teilgenommen haben.<\/p>\n<p>Was gewiss nicht an mangelndem gegenseitigem Interesse liegt, sondern eher von dem Umstand herr\u00fchrt, dass viele der Referenten nicht hier am westerw\u00e4ldischen Ende der Welt leben oder ihr Brot verdienen. Die Wege sind weit und umst\u00e4ndlich von anderw\u00e4rts nach Bad Marienberg \u2013 und \u00f6konomisch sowieso das unergiebigste, was sich vorstellen l\u00e4sst. Man m\u00fcsste, um hier das Honorar zusammenzukriegen, das es in der Ferne f\u00fcr 1 Vortrag gibt, am Zinnhainer Weg 5 bis 10 Vortr\u00e4ge halten.<\/p>\n<p>Dennoch kommen wir immer wieder gerne hierher. Auch dies ist wohl ein Geheimnis, das sich aus dem Geist der Moderne kaum ergr\u00fcnden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Also: Das Publikum kennt die verschiedenen Pers\u00f6nlichkeiten des Lehrk\u00f6rpers weit besser als die Damen und Herren einander. Doch Barbara Abigt ist der einzige Mensch bei den Marienberger Seminaren, der ALLE Referenten kennt, mitsamt deren starken und schwachen Seiten in guten wie in schlechten Zeiten. Sie ist immer \u00fcberall dabei, steckt in alles Hirnschmalz, Nase, Mundwerk \u2013 und das durchg\u00e4ngig seit der ersten kleinen Runde vor 30 Jahren.<\/p>\n<p>Stellt Euch das vor, liebe Leut&#8216;: Diese Frau hat \u00fcber drei Jahrzehnte in ihrem Zweitwohnzimmer quasi Dutzende hochgelehrter Privatdozenten aus den unterschiedlichsten Fachbereichen genossen. Und was tut sie allemal wieder? Sagt von sich: \u201eIch bin nicht gebildet\u201d. Eine frechere und zugleich reizendere Art des Understatements ist mir noch nie begegnet.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Referenten, die Chefin mag es ohnehin nicht, wenn man sich gar zu arg auf sie kapriziert. Wie gesagt, die Referenten begegnen sich zwar leibhaftig fast nie, sie sto\u00dfen indes immer wieder mal auf Wirkspuren voneinander. Da tauchen in einem deiner Seminare seitens der Teilnehmer pl\u00f6tzlich Fragen und Einw\u00fcrfe auf, von denen du bald den Eindruck gewinnst, sie stammten alle aus einer bestimmten Denkrichtung.<\/p>\n<p>Jedesmal, wenn mir dieses Ph\u00e4nomen in Marienberg begegnet, schaue ich hinterher ins Jahresprogramm der Seminare. Und siehe, dort findet sich des R\u00e4tsels L\u00f6sung: Just kurz zuvor hatte Decher \u00fcber Rousseau gelehrt oder L\u00fcthe \u00fcber Schopenhauer gesprochen, hatte Capristan \u00fcber Heidegger referiert oder Schneider das psychologische Ph\u00e4nomen der kognitiven Verzerrung untersucht usw usf<\/p>\n<p>Und jedesmal muss ich mich dann nachher mit den beim Publikum h\u00e4ngengebliebenen Resten der Philosophie oder Psychologie herumschlagen. Ganz schlimm wird\u2019s, wenn im Vorfeld mein alter Freund und journalistischer Berufskollege Joachim T\u00fcrk sein Unwesen getrieben hat. Dann k\u00f6nnen die Wirkspuren auch mal handfeste Formen annehmen.<\/p>\n<p>Komme ich vergangenen Herbst zu meinem Mittwochabend \u00fcber die V\u00f6lkerwanderung, stehen im Seminarraum, mir nichts, dir nichts, Glaskanister auf den Tischen. So Dinger mit Auslassh\u00e4hnchen unten dran, wie sie dazumal die Apotheker zur Aufbewahrung von destilliertem Wasser oder Essigs\u00e4ure benutzt hatten.<\/p>\n<p>Bef\u00fcllt sind sie im Marienberger Fall mit Wasser. Ordin\u00e4rem westerw\u00e4lder Leitungswasser. Zitronenscheiben und Pfefferminze-Bl\u00e4ttchen sollen die als Getr\u00e4nk gedachte Fl\u00fcssigkeit aromatisieren. Prima Idee, die einem gesundheitlich wahrscheinlich nicht schadet, die \u00f6kologisch sinnvoll ist und die auch das Budget der Seminare um ein paar Euro entlastet.<\/p>\n<p>NUR \u2013 ich mag partout kein Leitungswasser. Es schmeckt mir nicht und es macht mir den Hals trocken. Wer aber war auf diese famose Idee gekommen? Der Blick ins Jahresprogramm 2016 fiel sogleich auf eine vorausgegangene&nbsp; Mittwochsveranstaltung unter dem simplen Titel \u201eWassermangel\u201d. Referent war, wie sollte es anders sein, mein Freund T\u00fcrk \u2013 der sich nicht damit bescheiden kann, zur geistigen Erhellung seiner Seminarteilnehmer beizutragen, sondern sie ZUR TAT aufstacheln muss. W\u00fcrde ich nach demselben Prinzip verfahren, Marienberg w\u00e4re l\u00e4ngst zur Keimzelle einer Weltrevolution geworden.<\/p>\n<p>Sie sehen mal wieder: Unser Welt ist ein dichtes Netzwerk, in dem alles mit allem zusammenh\u00e4ngt. Und obwohl die Referenten der Marienberger Seminare kaum Kontakt zueinander haben, wirkt sich das Tun eines jeden auf jeden anderen aus \u2013 mal so, mal so.<\/p>\n<p><strong>Doch einmal im Jahr gibt es hier geradezu eine Klumpung von Referenten<\/strong>. Da kommen gleich vier \u00c4LTERE Herrn des Lehrk\u00f6rpers zusammen, um JUNGE Literatur vorzustellen. Oder sagen wir besser: Aktuelle B\u00fccher zu besprechen. Denn einer der vier tanzt stets aus der Reihe und pr\u00e4sentiert tausendseitige Wuchtbrummen, die auf jeder Bestverkaufsliste ganz vorne stehen, aber auf keiner Bestenliste je zu finden waren.<\/p>\n<p>Die etwas hochstaplerisch \u201eLiterarisches Quartett\u201d genannte Viererbande ist ein Traditionsformat der Marienberger Seminare. Unver\u00e4ndert, vertraut,&nbsp; humorig seit gef\u00fchlt 100 Jahren. L\u00fcthe spricht auf Basis blo\u00df einiger Notizen in ruhiger professoral-erfahrener Aufger\u00e4umtheit. Zitterbarth rezitiert ein Manuskript, abgefasst in so winziger Handschrift, das unsereins sie nichtmal mit Lupe lesen k\u00f6nnte. T\u00fcrk hingegen scrollt seine Ansprache \u00fcber den Bildschirm der jeweils neuesten Generation derer von Labtop, Notebook, Tablet. Pecht schlie\u00dflich st\u00fctzt sich auf zwei, drei Seiten gedruckter Notizen, an die er sich im Zuge sch\u00e4umender Abschweifung dann doch nie h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Mehrfach schon wurde erwogen das altehrw\u00fcrdige Format dieses Literarischen Quartetts zu modernisieren oder es gar ganz abzuschaffen. Ja, ja, kann man machen. Muss man aber nicht, solange die Bude sich noch jedesmal halbwegs ordentlich f\u00fcllt. Ich mag die Veranstaltung wie sie ist \u2013 und sollten irgendwann keine Zuh\u00f6rer mehr kommen, dann ist es halt vorbei. Jedes Ding hat seine Zeit. Sowieso t\u00e4te es mir gar nicht zusagen, Romane vorzustellen mit Filmeinspielern und Powerpoint, gar der modernen Kurzweil wegen beim Tanze mit L\u00fcthe, Tortenschlacht mit Zitterbart oder Striptease-Challange mit T\u00fcrk.<\/p>\n<p>Manche Sache soll man einfach lassen wie sie ist, bis sie sich \u00fcberlebt hat. Anderes kann man ganz neu einf\u00fchren. Weil bei den Marienberger Seminaren die Uhren etwas anders ticken als im Rest der Welt, war es hier oft ausgerechnet die Seniorin, die auf Neuerungen dr\u00e4ngte. Nein, nicht nur dr\u00e4ngte, sondern sie forsch und gegen allerlei Bedenken auch in die Welt setzte.<\/p>\n<p><strong>Erinnern wir uns an die Erfindung der sogenannten Akademie der Marienberger Seminare<\/strong> \u2013 dieses am Ort oder \u00fcber Fernlehrgang beim&nbsp; B\u00fcgeln, Essen, Baden, Schmusen vollziehbare Volksstudium \u00fcber die wesentlichen Epochenmarksteine der Zivilisationsgeschichte. Barbara Abigt dr\u00fcckte es durch. Und die Marienberger Seminare brachten einen entsprechenden Lehrgang heraus \u2013&nbsp; f\u00fcnf Jahre bevor der Zeit-Verlag mit einem \u00e4hnlichen, nur professioneller und teurer gemachten Projekt auf den Markt kam.<\/p>\n<p>Und noch eines dr\u00fcckte sie mit ihrer unvergleichlich einnehmenden und \u00fcberzeugenden Art durch: Dass ich mich vor einigen auf das wahnwitzige Unternehmen einlie\u00df, den gesamten Akademie-Lehrgang aufzubereiten f\u00fcr eine vierzigseitige Zeitungsserie in zwei gro\u00dfen rheinland-pf\u00e4lzischen Tageszeitungen.<\/p>\n<p>Und jetzt, so ganz unter uns, sei mal aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen geplaudert. Kollegin Andrea Mertes und ich, damals beide schon selbst\u00e4ndige freie Journalisten, st\u00fcrzten uns mit Freude und Verve in dieses Projekt. Denn in Aussicht gestellt ward eine interessante, leichte und finanziell eintr\u00e4gliche Redigierarbeit. Wir h\u00e4tten ja, so hie\u00df es, nur die Begleitmanuskripte ein bisschen auf Zeitungsformat umzubauen.<\/p>\n<p>Von den Kategorien interessant, leicht und eintr\u00e4glich blieb nachher nur das \u201einteressant\u201d. Denn: Die Begleitskripte erwiesen sich ebenso als v\u00f6llig ungeeignet f\u00fcr die Zeitungspublikation wie die Vortragsmitschnitte. Die eine oder andere Referentenausf\u00fchrung h\u00e4tte zudem manchen Kr\u00fcmelz\u00e4hler in der gro\u00dfen Zeitungsleserschaft auf die Barrikaden getrieben. Kurzum, die praktische Devise f\u00fcr die beiden exekutierenden Journalisten hie\u00df bald: Mache v\u00f6llig neu und alles anders!<\/p>\n<p>Nun gut, das Ergebnis konnte sich, kann sich noch immer sehen lassen. Und bei schlussendlich nur f\u00fcnf sachlichen Fehlern auf 40 Zeitungsseiten darf man den Kopf schonmal h\u00f6her tragen. Doch bis dahin war unser Arbeitsaufwand gegen\u00fcber den Anfangserwartungen ins schier Unermessliche angewachsen \u2013 und unser Stundenhonorar ins Bodenlose gefallen.<\/p>\n<p>Weil der Projektzuschuss des Bildungsministeriums ein gedeckeltes Fixum war und die Zeitungsh\u00e4user, entgegen unsrer anf\u00e4nglichen Annahme, sich in die Finanzierung sagen wir mal: dann doch nicht einmischen wollten, landeten wir am Ende bei einem Stundenlohn, \u00fcber den man besser stille schweigt. &gt;&gt; 3 EURO 90!!!!<\/p>\n<p>Wir haben die Arbeit dennoch gerne gemacht \u2013 f\u00fcr die Marienberger Seminare und im Dienste der Hebung allgemeiner Volksbildung. Allerdings nur einmal und nie wieder.<\/p>\n<p><strong>Lassen Sie mich zum Schluss noch ein paar Worte verlieren zur neuesten Neuerung in diesem Hause: den Rhetorik-Seminaren<\/strong>. Diesen Zug hat wiederum Frau Barbara h\u00f6chstselbst auf die Gleise gesetzt. Sie macht nun auch gleichzeitig die Arbeit von Lokomotivf\u00fchrer, Heizer und Schaffner.<\/p>\n<p>Rhetorik \u2013 von den alten Griechen als systematisch gepflegte hohe Kunst der guten und \u00fcberzeugenden Rede eingef\u00fchrt \u2013 soll nun vor allem j\u00fcngeren Menschen mit auf den Lebensweg gegeben werden. Barbara Abigt und ich hatten im Vorfeld der neuen Rhetorik-Seminare ein kleine Unterhaltung, bei der sie mir ihr Leid hinsichtlich zweier Fragen schilderte.<\/p>\n<p>Erstens ein ganz praktisches Problem:<br \/>\nS\u00e4mtliche modernen Rhetorik- oder Rednerlehren w\u00fcrden gleich zu Anfang eine Grundregel aufstellen: \u201eDu sollst H\u00e4nde und Arme ruhig halten, und du sollst keine Grimassen schneiden.\u201d Was ich davon hielte.&nbsp; Antwort meinerseits: Stellen sie sich vor, ich w\u00fcrde ein Seminar mit regungslosen Gliedma\u00dfen und allweil freundlich neutralem Gesicht geben. Reaktion ihrerseits: \u201eUnm\u00f6\u00f6\u00f6glich!\u201d Eben. Das halte ich davon.<\/p>\n<p>Die zweite Frage war mehr grunds\u00e4tzlicher Natur. Doch sie war von einer so schlichten und zugleich zwingenden Logik, dass es mir erstmal die Sprache verschlug. Sie lautete: \u201eWof\u00fcr sollte jemand rhetorische Fertigkeiten ben\u00f6tigen, der noch nichts im Kopf hat und also eigentlich auch gar nichts zu sagen wei\u00df?\u201d<\/p>\n<p>Nun, wir wissen alle, dass in der heutigen Realtit\u00e4t da drau\u00dfen einer der m\u00e4chtigsten und auch lukrativsten Gegenwartstrends das BEREDTE NICHTSSAGEN ist. Oder anders formuliert: das bem\u00fcht pathetische bis blo\u00df noch geschw\u00e4tzige Dampfplaudern.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ein Wunder gewesen, h\u00e4tte sich Barbara Abigt zu so etwas hinrei\u00dfen lassen \u2013 das dem seit 30 Jahren bei den Marienberger Seminaren&nbsp; gepflegten Geist widerspr\u00e4che. Weil hier seit jeher das Primat des substanziellen, geistvollen, interessanten Inhalts gilt, macht sie auch die neuen Rhetorik-Seminare zu inhaltlich allgemeinbildenden Veranstaltungen.<\/p>\n<p>Man spricht hier nicht gepflegt, versiert oder kunstvoll \u00fcber Nichts, sondern allemal nur \u00fcber interessante Themen. So war es hier immer, so ist es hier noch, so wird es bleiben \u2013 bis irgendwann in fernerer oder n\u00e4herer Zukunft der Letzte das Licht ausmacht.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren, liebe Leut&#8216;: Wir sehen schon wieder betroffen \u2013 den Vorhang zu und alle Fragen offen. Dies war&#8217;s f\u00fcr erste von meiner Seite.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p class=\"rtecenter\">***<\/p>\n<p>Der Vollst\u00e4ndigkeit halber und f\u00fcr speziell Interessierte: Hier auch die Rede, die ich an gleichem Ort vor 10 Jahren zum 20. Geburtstag der Marienberger Seminare gehalten habe<\/p>\n<p><a href=\"\/D7\/node\/242\">2007-11-12 Ansprache:<br \/>\nL\u00e4sterliche Laudatio zum 20. Geburtstag der Marienberger Seminare<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Unkorrigiertes Redemanuskript. M\u00fcndlicher Vortrag teils abweichend) Hochverehrte Festgesellschaft, liebe Freunde der Marienberger Seminare, werte Betroffene die Gr\u00fcnderin dieser Bildungslehranstalt, ihre gute Seele, Antreiberin und spirita recta \u2013 wie es in gedendertem Latein vielleicht hei\u00dfen t\u00e4te \u2013 hat sich bei mir eine weitere Festrede gew\u00fcnscht. Und zwar eine, die dem honorigen Akte seinen staatstragenden Ernst nehmen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"archiv":[18,25],"archiv_inhaltlich":[272,270],"class_list":["post-270","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","archiv-18","archiv-2017-05","archiv_inhaltlich-menschen-initiativen","archiv_inhaltlich-themen"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/270","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=270"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/270\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=270"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=270"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=270"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=270"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=270"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}