{"id":261,"date":"2016-01-26T23:00:00","date_gmt":"2016-01-26T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/01\/26\/ich-waere-gern-ein-gutmensch\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:14","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:14","slug":"ich-waere-gern-ein-gutmensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/01\/26\/ich-waere-gern-ein-gutmensch\/","title":{"rendered":"Ich w\u00e4re gern ein Gutmensch"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p><strong>ape.<\/strong> Im Laufe einiger Jahrzehnte erleben widerspenstige Gesellen so manchen Versuch, sie mit Worten zu steinigen. In Jugendjahren etwa schimpfte mich der altdeutsche Mainstream \u201eFaulenzer, Gammler, Kommunist\u201d, empfahl mit sich \u00fcberschlagender Wutstimme \u201egeh doch r\u00fcber!\u201d. Traditionsbewusste deutsche Deutsche w\u00fcnschten einen bisweilen auch \u201eins Gas\u201d. 1989 wurden dann die Begriffe \u201evaterlandsloser Geselle\u201d und \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201d aus der Weimarer Mottenkiste geholt. Damit wurde nach allen geschmissen, die umstandslosen Anschluss und Verramschung des vormaligen DDR-Gebietes nicht f\u00fcr das Gelbe vom Ei hielten.<\/p>\n<p>Zum Jahrtausendwechsel machte ein bis dahin unbekanntes Wort als Beschimpfung Karriere: \u201eSozialromantiker\u201d. Das bekam jeder vor den Latz geknallt, der zu bedenken gab, dass die neoliberale Entfesselung des globalen Kapitalismus \u00f6konomisch, \u00f6kologisch und sozial eher geschichtliche Sackgasse sei als der Weisheit letzter Schluss. Und wie wir dieser Tage feststellen, ist der Weg vom \u201eSozialromantiker\u201d zum \u201eGutmensch\u201d ebenso kurz wie der vom Schlachtruf \u201eGeh doch r\u00fcber!\u201d zur Pedigisten-Parole \u201eWer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!\u201d Selbst die Formel \u201eins Gas\u201d hat wieder Konjunktur, zumindest bei den Rumpelgeistern im Internet.<\/p>\n<p>Deutschland lieben, geht&#8217;s auch &#8217;ne Nummer kleiner mit den nationalen Idealen? Ich kann die eine oder andere Frau lieben, auch meine Kinder. Ich kann vielleicht meine Geburtsheimat Neckartal und meine Wahlheimat Westerwald lieben. Aber eine von Preu\u00dfen ausgehende Gebietsordnung mit einem dar\u00fcber gest\u00fclpten politischen Staatsgebilde nachher wechselhaften Zuschnitts: Wie, bittesch\u00f6n, soll man das lieben? Allenfalls kann man den heutigen republikanischen Status quo hoch sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Ich kann Beethovens Musik lieben, habe aber mit dessen \u201eseid umschlungen Millionen\u201d Probleme. Denn: Es gibt da Typen, die ich so gar nicht umschlingen m\u00f6chte. Dies umso weniger, wenn sie unterwegs zu sich selbst pl\u00f6tzlich einen einzig wahren Gott finden oder den Herzschlag irgendeiner nationalen Volksgemeinschaft versp\u00fcren. Gerne w\u00e4re ich ein guter Mensch. Helfer der Schwachen, Tr\u00f6ster der Verzweifelten, Aufkl\u00e4rer der Irregeleiteten, Verteidiger der Freiheit und W\u00fcrde aller ohne Ansehen von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Weltanschauung. Gerne w\u00e4re ich also einer, der unverbr\u00fcchlich nach den Maximen des Grundgesetzes, der Menschenrechte und des abendl\u00e4ndischen Moralkanons lebt \u2013 und sich deshalb Gutmensch nennen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Doch ich kriege es leider nicht hin. Weil ich gar nicht so viel fressen kann, wie ich kotzen m\u00f6cht&#8216; angesichts der silvestrigen Jagdszenen vor dem K\u00f6lner Bahnhof und der zugleich losbrechenden blindw\u00fctigen Hatz gegen alle und jeden, die aus dem Ausland kommend in Europa Schutz und eine Lebensperspektive suchen. Ich werde meinen Ekel nicht los vor \u201eMitmenschen\u201d, die Frauen oder Fremde oder Arme oder Andersgl\u00e4ubige f\u00fcr minderwertig halten. Ich werde meinen Widerwillen nicht los gegen\u00fcber Zeitgenossen, die eine Welt aus Grauschattierungen in das kalte Schwarz-Wei\u00df ihrer Vorurteile tauchen.<\/p>\n<p>Walter hat wieder seinen Wanderstock mit in die Stadt genommen. Damit will er n\u00f6tigenfalls neuen B\u00fcrgerwehren ebenso Einhalt gebieten wie kriminellen Frauengrapschern. Nein, diese Neigung zur Selbstjustiz ist nicht gut. Doch auch der Freund hat wohl noch einen weiten Weg vor sich, bis er f\u00fcr den Ehrentitel \u201eGutmensch\u201d reif ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 4.\/5. Woche im Janur\/Februar 2016)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Im Laufe einiger Jahrzehnte erleben widerspenstige Gesellen so manchen Versuch, sie mit Worten zu steinigen. In Jugendjahren etwa schimpfte mich der altdeutsche Mainstream \u201eFaulenzer, Gammler, Kommunist\u201d, empfahl mit sich \u00fcberschlagender Wutstimme \u201egeh doch r\u00fcber!\u201d. 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