{"id":259,"date":"2016-03-27T22:00:00","date_gmt":"2016-03-27T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/03\/27\/fruehlingsgefuehle\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:14","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:14","slug":"fruehlingsgefuehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/03\/27\/fruehlingsgefuehle\/","title":{"rendered":"Fr\u00fchlingsgef\u00fchle"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>ape. Folgt man dem Volksmund, ist Fr\u00fchling eine zwiesp\u00e4ltige Sache. Danach schiebt sich zwischen Fr\u00fchlingserwachen und Fr\u00fchlingsgef\u00fchle ein Hemmschuh namens Fr\u00fchjahrsm\u00fcdigkeit. Wen die bef\u00e4llt, der ist \u00fcbel dran. Was nutzt Goethes Jubel \u00fcber vom Eise befreite B\u00e4che, wenn einer ermattet zu Bette liegt, statt bei Osterspaziergang, Tanz, Angrillen sich inmitten frisch reckender und saftender Natur zu verlustieren. Frank Wedekind schrieb 1891 das Schauspiel \u201eFr\u00fchlings erwachen\u201d. Darin wird vom Fr\u00fchling des Erwachsenenlebens erz\u00e4hlt: jenem in der Pubert\u00e4t losbrechenden Begierdenstrom aller Geschlechter, den Shakespeare schon 300 Jahre zuvor mit dem schillernden Wort \u201eLove\u201d bezeichnet hatte. Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie entflammt den Leib, bewegt das Herz und schickt den Geist auf Urlaub; ganz doll im Lebensfr\u00fchling und noch immer doll genug in jeder jahreszyklischen Aufbruchsphase.<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6r mir uff!\u201d, pl\u00e4rrt Walter vom Kanapee her\u00fcber. Auf dem liegt er mit geschwollenen Augen und blubberndem Rotz; verfluchend die von Zeugungstollheit strotzenden Pflanzen jedweder Art. Der Freund geh\u00f6rt, wider Willen, zu den bedauernswerten Fr\u00fchjahrsm\u00fcden. Just in April und Mai mag er gar nicht mit auf die Gass&#8216;, weigert sich sogar, zu mir ins Auto zu steigen. Wobei das weniger mit seinem Heuschnupfen, mehr mit dem Vorwurf gegen mich zu tun hat: \u201eIm Fr\u00fchling bist du verkehrstechnisch unzurechnungsf\u00e4hig und in der \u00d6ffentlichkeit zum Fremdsch\u00e4men blamabel.\u201d Seine Anklage: Kein Auge mehr h\u00e4tte ich f\u00fcr den Stra\u00dfenverkehr, kein Gesp\u00fcr mehr f\u00fcr gutes Benehmen \u2013 vor lauter Glotzen und Stieren nach dem Weibsgeschlecht.<\/p>\n<p>Solch \u00fcble Nachrede kann ich nicht gelten lassen. Welcher Heteromann, kreuzgewitter, k\u00f6nnte den Blick abwenden von fr\u00fchlingshaft erbl\u00fchenden Frauen. Die M\u00e4ntel abgelegt; die Garderobe in Richtung farbig, leicht, k\u00f6rperbetont gewechselt; Gesichter von Sonne erleuchtet; blitzende Augen; der Gang wieder stolz aufgerichtet und beschwingt. Es ist die ewige Natur, die des Mannes Blick auf die in seinen Augen \u00e4sthetische Krone der Sch\u00f6pfung zwingt. Ach, ihr Gattinnen und Freundinnen! Lasst sie doch schauen, die Burschen an eurer Seite. Wie dumpf, stumpf, arm w\u00e4ren sie, w\u00fcrden sie diesen nat\u00fcrlichen Impuls nicht mehr kennen. Nehmt, ihr Frauen, euch das gleiche Recht, schaut wie es euch gef\u00e4llt und was ihr wollt. Auf dass Freiheit der wesentliche Unterschied sei zur Kasteiung der Vorfahrinnen!<\/p>\n<p>Gutes Benehmen, Freund, besteht nicht aus Wegschauen, erst recht nicht aus heimlichem Begaffen. Die Art des Blicks macht auch f\u00fcr die Betrachteten den Unterschied \u2013 den die Damen sp\u00fcren, je reifer umso deutlicher. Nur der kultivierte und vom Machismo emanzipierte Mann wei\u00df frauliche Sch\u00f6nheit in bewundernder wie freundlicher Achtung zu genie\u00dfen. Derart zu schauen, kann Kompliment sein. Dem giergeilen Bock ist das alles fremd; er ahnt nicht einmal, was er vers\u00e4umt in seinem sabbernden Bem\u00fchen, den Frauen stiel\u00e4ugig im Geiste blo\u00df immer die Kleider vom Leib zu rei\u00dfen. Wie sch\u00e4ndlich, wie geistlos, wie unachtsam! Rechne du, Walter, mich nicht zu den B\u00f6cken, das ist beleidigend.<\/p>\n<p>Da blinzelt er in einem Mix aus Staunen, Skepsis und Bedauern hinter seinem Taschentuch hervor: \u201eSo lass mich hier im Elend zur\u00fcck und geh&#8216; in die Sonne \u2013 Frauen schauen.\u201d Nicht nur, aber doch auch, und das in wohlgemuter Anst\u00e4ndigkeit. Denn es ist Fr\u00fchling.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 12.\/13. Woche im M\u00e4rz\/April 2015)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Folgt man dem Volksmund, ist Fr\u00fchling eine zwiesp\u00e4ltige Sache. Danach schiebt sich zwischen Fr\u00fchlingserwachen und Fr\u00fchlingsgef\u00fchle ein Hemmschuh namens Fr\u00fchjahrsm\u00fcdigkeit. Wen die bef\u00e4llt, der ist \u00fcbel dran. 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