{"id":258,"date":"2016-05-29T22:00:00","date_gmt":"2016-05-29T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/05\/29\/volle-deckung-schimpfkanonade\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:14","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:14","slug":"volle-deckung-schimpfkanonade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/05\/29\/volle-deckung-schimpfkanonade\/","title":{"rendered":"Volle Deckung: Schimpfkanonade!"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>ape. Die geneigte Leserschaft wappne sich! Es geht diesmal in die Niederungen menschlichen Verhaltens. Dorthin, wo bisweilen selbst der wohlerzogenste Zeitgenosse landet, sobald er aus der Haut f\u00e4hrt: ins Reich der Schimpfworte. Hatte ich schon erw\u00e4hnt, dass Freund Walter eine cholerische Ader besitzt? Die tritt zwar selten zutage, doch im Fall der F\u00e4lle kotzt er einen Sturzbach von Vokabeln aus dem unsch\u00f6n verzerrten Maul, die niemand ihm gegeben h\u00e4tte. Das traditionelle Arschloch respektive die Arschgeige geh\u00f6ren ebenso dazu wie der j\u00fcngst wieder zu Ehren gekommene Ziegenficker.<\/p>\n<p>Hinterfotziges Rindviech, bl\u00f6de Sau, dummer Hund sind Standards, die in unterschiedlicher Kombination auftauchen. Damit will der Kerl einen im Zornesmoment zwar verletzen, glaubt aber selbst nicht an solche Wirkung. Denn nat\u00fcrlich wei\u00df er, dass weder Rind noch Hund und erst recht nicht Sau bl\u00f6d sind. Und hinterfotzig k\u00f6nnen Tiere sowieso nicht sein, weil der aus dem Bayerischen stammende Begriff nunmal nichts zu tun hat mit Geschlechtsteilen, sondern sich auf den Mund im Gesicht (altbayerisch: Fotze) bezieht und Doppelz\u00fcngigkeit, Verlogenheit, Heimt\u00fccke meint.<\/p>\n<p>Sexus-Schimpfw\u00f6rter meidet Walter ohnehin weitgehend, trotz ihrer dieser Tage wieder ausufernden Beliebtheit. Irgendwann bemerkte er, dass die Benutzung selbiger postwendend auf den Nutzer zur\u00fcckf\u00e4llt nach der Devise: Wo hast du dir das denn gefangen? Umso lieber schl\u00e4gt er mit Begriffen um sich wie Haderlump, Galgenstrick, Kesselflicker, Fensterrahment\u00e4nzer, Tunichtgut, Hallodri&#8230; Was besonders lustig ist, sobald junge Leute dabei sind. Die erfassen das Beleidigungspotenzial dieser Worte gar nicht. Man muss sie erkl\u00e4ren. Den Haderlump etwa so: Mieser Typ, der die M\u00e4dels reihenweise flachlegt, ohne sich um die Folgen zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Einige Zeit benutzte Walter die Wendung \u201edumm wie Brot\u201d \u2013 bis wir begriffen, dass wir gar nicht begreifen, was an Brot dumm sein soll. Meine Oma schimpfte in den 1960ern noch: Der oder die \u201eist evangelisch\u201d. Den verunglimpfenden Hintersinn daran hatte ich damals so wenig kapiert wie bei den Worten \u201eKrauts\u201d, \u201eBoche\u201d, \u201ePiefkes\u201d, mit denen Angloamerikaner, Franzosen, \u00d6sterreicher uns Deutsche belegten. Sp\u00e4ter verstand ich, dass sich der Schimpf- und Herabsetzungcharakter vieler Worte oft erst aus dem kulturhistorischen Zusammenhang ergibt. Aus dem Mund einer erzkatholischen alten Frau des Jahrgangs 1899 bedeutete \u201eder ist evangelisch\u201d halt soviel wie \u201edas ist ein gottloser, zu allen Schandtaten f\u00e4higer Gauner\u201d, und \u201ediese Hexe\u201d soviel wie \u201everdorbenes, raffiniertes, skrupelloses Hurenweib\u201d oder neudeutsch: Bitch.<\/p>\n<p>Eine d\u00fcstere Erinnerung hat der Nachkriegsgeborene an Kindheitssilvester, wenn die V\u00e4ter den Buben erlaubten, die \u201eJuddef\u00e4zz\u201d anzuz\u00fcnden. F\u00fcr uns waren das nur rote Minikracher. Die s\u00fcddeutsche Dialektform von \u201eJudenfurz\u201d sagte uns so wenig wie der Satz \u00fcber geldgierige Verwandte: \u201eDes sin arge Judde\u201d. Der gedankenlose Sprachgebrauch von damals besch\u00e4mt mich noch heute. Weshalb ich zur\u00fcckhaltend bin, wenn \u00fcber Negerk\u00fcsse oder Zigeunerschnitzel disputiert wird. Klar, man kann es \u00fcbertreiben mit der sprachlichen Correctness; und literarische Klassiker von diskriminierenden Begriffen reinigen zu wollen, ist absurd. Was jedoch den aktuellen Sprachgebrauch angeht, so darf man sich zumindest mal fragen: Wollten wir st\u00e4ndig als Kraut, Boche, Piefke oder gar Adolf bezeichnet werden?<\/p>\n<p>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 21. Woche im Mai 2016)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Die geneigte Leserschaft wappne sich! Es geht diesmal in die Niederungen menschlichen Verhaltens. Dorthin, wo bisweilen selbst der wohlerzogenste Zeitgenosse landet, sobald er aus der Haut f\u00e4hrt: ins Reich der Schimpfworte. Hatte ich schon erw\u00e4hnt, dass Freund Walter eine cholerische Ader besitzt? 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