{"id":251,"date":"2016-11-24T23:00:00","date_gmt":"2016-11-24T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/11\/24\/das-kreuz-des-schenkens\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:13","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:13","slug":"das-kreuz-des-schenkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/11\/24\/das-kreuz-des-schenkens\/","title":{"rendered":"Das Kreuz des Schenkens"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p><strong>ape.<\/strong> Wer seit Jahren diese Kolumne verfolgt, k\u00f6nnte einen falschen Eindruck von meinem Busenfreund Walter bekommen haben. Er ist zwar ein sonderbarer, oft grantelnder und deshalb miesepetrig wirkender Kneesebeck. Tats\u00e4chlich aber ist er zugleich ein \u00fcberaus liebenswerter Mensch, der seinerseits die Menschen liebt. Freilich nicht alle, doch sehr viele, eigentlich die meisten. Und das in einer Intensit\u00e4t, die einen bisweilen im Erdboden versinken lassen m\u00f6chte. Da kann es passieren, dass Walter in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone auf jemanden zust\u00fcrmt, fragt: \u201eDarf ich sie umarmen?\u201d, und im selben Atemzug schon munter losherzt. Oder: Wir sitzen im Wirtshaus, diskutieren den Irrsinn der Welt. Pl\u00f6tzlich springt er auf, schnappt sich den Bl\u00fcmchentischschmuck \u2013 und \u00fcberreicht ihn einer v\u00f6llig fremden Frau nebenan mit den Worten: \u201eSie sind hier und jetzt mein Sonnenschein. Danke daf\u00fcr.\u201d<\/p>\n<p>Fragt man nach dem Grund solchen Anfalls, erwidert er nur: \u201eSiehst du es nicht?\u201d Es l\u00e4sst sich kaum erkl\u00e4ren, was in solchen Momenten vor sich geht und was er dabei an diesem oder jenem Mitmenschen sieht, riecht, ahnt oder wie auch immer. Erstaunlich, dass dem Kerl dabei noch nie br\u00fcske Ablehnung entgegenschlug. \u00dcberraschung, Befremden oder auch mal peinliche Anr\u00fchrung, das ja. Aber niemals Feindseligkeit. Bei Ihnen w\u00e4re das anders, meinen Sie, liebe\/r Leser\/in. Mag sein, doch w\u00fcrde Walter das wohl vorab sp\u00fcren und Sie erst gar nicht erw\u00e4hlen. Es scheint fast so, als f\u00e4nden sich in diesen Augenblicken Gleichgestimmte. Vielleicht gilt da auch einfach das Sprichwort: Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es heraus. Ich erkl\u00e4re es mir mit dem Gef\u00fchl, das einen erfassen kann bei Beethovens \u201eSeid umschlungen Millionen\u201d. Oder mit jenen eigent\u00fcmlichen Blitzeinschl\u00e4gen pl\u00f6tzlicher Sympathie bis hin zu schierer Spontanverliebtheit bei manchen Begegnungen selbst mit Unbekannten.<\/p>\n<p>Vielleicht r\u00fchrt daher Walters Neigung, alle m\u00f6glichen Leute zu beschenken: irgendwann, irgendwo, irgendwie, mit irgendwas \u2013 allerdings grunds\u00e4tzlich au\u00dfer der Reihe. Zu Geburtstagen, gar zu Weihnachten, f\u00e4llt ihm herzlich wenig ein. Mit Offizialanl\u00e4ssen f\u00fcrs Schenken hat unser Freund keinen Vertrag: \u201eIch kann halt nicht, wenn ich m\u00fcssen sollte\u201d, meint er. Gewiss, er bem\u00fcht sich. Doch vergeblich. Neulich glotzten wir uns auf der Suche nach Geschenkanregungen f\u00fcr Weihnachten durch etwa zehn Werbebl\u00f6cke im Privatfernsehen. Trotz einer Menge h\u00fcbscher Frauen und sogar einiger filmhandwerklich raffinierter Spots war es ein Gruselabend. Der endete mit Walters Aufschrei: \u201eGenug! Die halten uns alle ja f\u00fcr v\u00f6llig verbl\u00f6det!\u201d<\/p>\n<p>In Walters Begleitung Weihnachtsm\u00e4rkte besuchen, ist auch nicht das reinste Vergn\u00fcgen. Mit Appetit futtern wir beide erst Rindsbratw\u00fcrste nebst gebrannten Mandeln in uns hinein. Indes enden die Ausfl\u00fcge ins Jingle-Bells-Fantasialand nach l\u00e4ngstens eineinhalb Stunden wegen des Freundes \u00fcberschneller Zusch\u00fcttung mit warmem Zuckerwein. Statt vertr\u00e4umt \u201esiehst du es nicht?\u201d zu fragen, greint er dann: \u201eIch seh&#8216; nichts mehr, h\u00f6r&#8216; blo\u00df die Englein Bimmelbamm gr\u00f6hlen.\u201d So landet der Freund denn mit leeren H\u00e4nden unterm Tannenbaum, dem heidnischen. \u201eDas Mittwinter-Geschenk bin ich; nehmt es an oder lasst es\u201d, pflegt er in bester Laune zu intonieren \u2013 um sich sogleich den geliebten Festritualen des Essens, Trinkens, Plauderns, Tischliedersingens und sp\u00e4tabendlichen Skat- oder Pokerspiels hinzugeben.<\/p>\n<p>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website Woche 47\/48 im November\/Dezember 2016)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Wer seit Jahren diese Kolumne verfolgt, k\u00f6nnte einen falschen Eindruck von meinem Busenfreund Walter bekommen haben. Er ist zwar ein sonderbarer, oft grantelnder und deshalb miesepetrig wirkender Kneesebeck. 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