{"id":163,"date":"2017-10-18T22:00:00","date_gmt":"2017-10-18T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/10\/18\/vaterlandslose-gesellen\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:13","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:13","slug":"vaterlandslose-gesellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/10\/18\/vaterlandslose-gesellen\/","title":{"rendered":"Vaterlandslose  Gesellen"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p><strong>ape<\/strong>. Es wird dieser Tage eifrig disputiert \u00fcber \u201eHeimat\u201c. Bei der Einheitsfeier neulich in Mainz meinte der Bundespr\u00e4sident, man d\u00fcrfe die Sehnsucht nach Heimat nicht den Nationalisten und Rechten \u00fcberlassen. Da bin ich mal ganz seiner Meinung. Vor allem deshalb, weil bei diesem Thema st\u00e4ndig zwei Dinge vermischt werden, die mein Kopf gar nicht zusammenkriegt: Heimat und \u201edeutsche Nation\u201c. W\u00e4hrend Ersteres meist eine handfeste Sache ist und \u00f6rtlich, landschaftlich, folkloristisch, teils sogar nach Ess- und Trinktraditionen recht klar umrei\u00dfbar, verliert sich Letzteres in mythologischen Nebelgespinsten.<\/p>\n<p>Derzeit gibt es dazu jede Menge Umfragen, mit oft irritierend unterschiedlichen Ergebnissen. Die auf Ja \/ Nein \/ Wei\u00dfnicht eingeengte Frage \u201eBetrachten sie Deutschland als ihre Heimat?\u201c beantwortet eine fette Mehrheit mit \u201eJa\u201c. Auf die offene und mit etlichen Antwortm\u00f6glichkeiten verkn\u00fcpfte Frage \u201eWas betrachten Sie als Ihre Heimat?\u201c antwortet eine noch fettere Mehrheit NICHT mit \u201eDeutschland\u201c. Da reicht vielmehr das Spektrum der pers\u00f6nlichen Heimatdefinitionen von Geburtsort und Kindheitsregion \u00fcber eigenen Wohnsitz oder \u201ewo meine Familie lebt\u201c bis zu \u201e\u00fcberall, wo ich mich wohlf\u00fchle\u201c. Noch vor Deutschland fallen sogar Nennungen wie \u201eGebirge\u201c oder \u201eMeer\u201c oder \u201eWald\u201c oder \u201eLiteratur\u201c.<\/p>\n<p>Ein Bayer, der da \u201eDeutschland\u201c antwortet, k\u00e4me mir seltsam vor. Steht doch seine angestammte&nbsp; Heimatkultur derjenigen \u00d6sterreichs, der Schweiz, der Slowakei und Tschechiens wesentlich n\u00e4her als derjenigen von Rheinl\u00e4ndern, Brandenburgern oder Friesen. W\u00fcrden die St\u00e4mme der \u201edeutschen Lande\u201c ihre Heimatmundarten sprechen, br\u00e4uchte der Bayer auch in Hunsr\u00fcck oder Westerwald, erst recht in K\u00f6ln, Bochum oder auf Helgoland einen Dolmetscher. So \u00e4hnlich \u00e4u\u00dferte ich mich unl\u00e4ngst in einer etwas eigent\u00fcmlichen Runde. Worauf einer meinte: \u201eAber sie k\u00f6nnen alle stolz darauf sein, dass sie Deutsche sind.\u201c<\/p>\n<p>Sorry, aber mit solchem Stolz kann ich rein gar nix anfangen. Weil: Es ist der pure Zufall, dass eine aus Ostpreu\u00dfen gefl\u00fcchtete N\u00e4herin und ein badischer Schreiner sich dereinst im Odenwald ineinander vergafften, mich zeugten und in Heidelberg das Licht der Welt erblicken lie\u00dfen. Ich h\u00e4tte ebenso gut das Produkt anderer L\u00fcsteleien in anderen Weltgegenden sein k\u00f6nnen, w\u00e4re heute wom\u00f6glich Ami, Chines\u2018, Russ\u2018, Zimbabwer, Inuit, Ungar oder gar Bayer. Der liebe Gott w\u00fcrfelt. Was gibt es da stolz zu sein? Kaum hatte ich so gesprochen, griff besagter Herr in besagter Runde emp\u00f6rt zur wilhelminischen Litanei wider den \u201evaterlandslosen Gesellen\u201c, der ich sei.<\/p>\n<p>\u201eEi gewiss\u201c, gab ich munter zur\u00fcck, \u201eich bin \u2013 und das mit einiger Freude \u2013 ein vaterlandsloser, aber durchaus kein heimatloser Geselle. In der badischen Kurpfalz aufgewachsen als Neckarkind und Odenw\u00e4lder; im Rheinland erwachsen und alt geworden als Mittelrheiner und Westerw\u00e4lder; in der Tradition von Siebenpfeiffer, Hecker, Heine, auch von Marx und Raiffeisen stehend; \u00fcberzeugter Europ\u00e4er und Weltb\u00fcrger seit Jugendtagen.<\/p>\n<p>Ja, ja, Deutscher bin ich auch: B\u00fcrger der Bundesrepublik Deutschland. Steht so im Ausweis, ist so bei Amte urkundlich dokumentiert. Indes: In meinem wie in unser aller Blut findet die Wissenschaft zwar reichlich Afrika- und Neandertaler-Erbe, aber kein einziges Deutsch-Gen. Der ganze gek\u00fcnstelte Nationalkram bedeutet mir herzlich wenig; selbstgew\u00e4hlte Heimat hingegen viel; Menschlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit alles.<br \/>\n\u2013 Freund Walter nickt.&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 43.\/44. Woche im Oktober 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Es wird dieser Tage eifrig disputiert \u00fcber \u201eHeimat\u201c. Bei der Einheitsfeier neulich in Mainz meinte der Bundespr\u00e4sident, man d\u00fcrfe die Sehnsucht nach Heimat nicht den Nationalisten und Rechten \u00fcberlassen. Da bin ich mal ganz seiner Meinung. 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