{"id":160,"date":"2017-10-05T22:00:00","date_gmt":"2017-10-05T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/10\/05\/eine-gute-wahl-literaturnobelpreis-fuer-kazuo-ishiguro\/"},"modified":"2017-10-05T22:00:00","modified_gmt":"2017-10-05T21:00:00","slug":"eine-gute-wahl-literaturnobelpreis-fuer-kazuo-ishiguro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/10\/05\/eine-gute-wahl-literaturnobelpreis-fuer-kazuo-ishiguro\/","title":{"rendered":"Eine gute Wahl: Literaturnobelpreis f\u00fcr Kazuo Ishiguro"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>.<em> F\u00fcr die literarische Welt und das entsprechend interessierte Publikum ist es allj\u00e4hrlich wohl der spannendste Moment. Verk\u00fcndungstag, 13 Uhr MEZ. Man lauscht in den \u00c4ther, starrt ins Netz, h\u00e4lt die Luft an. In Frankfurt erlahmt selbst das Getriebe der Buchmesse f\u00fcr jenen Augenblick, da in Stockholm das Nobelpreiskomitee den neuen Preistr\u00e4ger f\u00fcr Literatur bekannt gibt. Dann folgt meist sogleich das internationale \u201eAch\u201c und \u201eOh\u201c, das fragende \u201eWer ist das denn?\u201c oder ein kopfsch\u00fcttelndes \u201eWie kann man nur?!\u201c. Heuer also Kazuo Ishiguro. Die \u00fcblichen Irritationen und die Einspr\u00fcche gegen den Entscheid halten sich diesmal in Grenzen, denn der japanische Brite ist kein Unbekannter. Er steht seit drei Jahrzehnten hierzulande und in vielen anderen L\u00e4ndern immer wieder auf den Bestenlisten, gelegentlich sogar Bestsellerlisten. Selbst wem der Name nicht gel\u00e4ufig ist, hat wom\u00f6glich die ziemlich bekannten Romanverfilmungen \u201eWas vom Tage \u00fcbrig bleibt\u201c und \u201eAlles, was wir geben mussten\u201c gesehen.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Zwar hatte keiner der Auguren und Buchmacher Ishiguro auf dem Radar. Das Komitee hat gleichwohl eine sehr gute Wahl getroffen. Der Literaturfreund denkt gerne an das sachte Anstupsen, mit dem dieser Autor des Lesers Aufmerksamkeit zu gewinnen sucht und gewinnt. Er denkt gerne an die unaufdringliche, gepflegte Schlichtheit und Klarheit von Ishiguros S\u00e4tzen, die ihn in tastenden Kreisen immer n\u00e4her heranf\u00fchren an scheinbar eigent\u00fcmliche Lebenswege scheinbar seltsamer Charaktere. Der britische Butler Stevens etwa in \u201eWas vom Tage \u00fcbrig bleibt\u201c, der Jahrzehnt um Jahrzehnt nur getreulich dezent seinen Dienst tut. Dem unger\u00fchrt ein Leben am Rande weltpolitischer Verstrickungen vergeht sowie die Chance aufs Liebesgl\u00fcck.<\/p>\n<p>Sich daran erinnernd, muss der Mann im Alter klarkommen mit einer Bilanz aus Nichtigkeit, Pflichterf\u00fcllung, Vers\u00e4umnis, vielleicht Schuld. Wie zu sich finden, bei sich bleiben, in W\u00fcrde leben inmitten eines Gangs der Dinge, den man kaum beeinflussen kann? Der Roman ist ein gro\u00dfer. Und in dessen Verfilmung kann Anthony Hopkins als Butler die wom\u00f6glich gr\u00f6\u00dfte Darstellerleistung seines Lebens abliefern \u2013 versinkend in der tiefen Melancholie eines Menschen, der mit seinem Leben im reinen scheint und sich doch eingestehen muss, dass da eigentlich gar kein Leben war.<\/p>\n<p>Erinnerungen sind letzter Halt der 31-j\u00e4hrigen Kathy in Ishiguros Science-Fiction-Roman \u201eAlles, was wir geben mussten\u201c. Sie erinnert sich an die Zeit, die sie als M\u00e4dchen v\u00f6llig normal in Internat verbracht hatte \u2013 in Vorbereitung darauf, als eigens geklontes Organ-Ersatzteillager ausgeschlachtet zu werden. Das k\u00f6nnte ein Horrorthriller sein. Doch ist es bei Ishiguro vorsichtige Ann\u00e4herung an einen Zustand, da das letzte Tabu gebrochen ist \u2013 und ans Innenleben von jungen Menschen, die unbedingt herausfinden wollen, was ihnen die Zukunft bringt, die sich zugleich am meisten f\u00fcrchten vor dem Liebesentzug ihrer Schl\u00e4chter. Ishiguro bietet allemal eine leise, aber heftig ber\u00fchrende wie in tiefes Sinnen st\u00fcrzende Lekt\u00fcre von hohem Rang.<\/p>\n<p>Aus einer Ecke indes gibt es auch diesmal wieder Gemecker, sinngem\u00e4\u00df zusammengefasst in folgendem Satz: \u201eSolange das Stockholmer Komitee die millionenfach gelesenen Schm\u00f6ker und Thriller der Unterhaltungsgiganten nicht einbezieht, kann man den Literaturnobelpreis auch nicht ernst nehmen.\u201c Das ist ein arges Missverst\u00e4ndnis vom Zweck dieses Preises. Der w\u00fcrdigt nicht den Erfolg eines Autors und seines Oeuvres beim Publikum, sondern herausragende literarische Qualit\u00e4ten. Und die haben nunmal mit&nbsp; Verkaufszahlen oft eher wenig zu tun. Es wird ja auch der Chemie-Nobelpreis nicht vergeben f\u00fcr das Zusammenmixen eines Geschirrsp\u00fclmittels, so praktisch und bei den Nutzern beliebt es sein mag.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<div class=\"s3gt_translate_tooltip_mini_box\" id=\"s3gt_translate_tooltip_mini\" is_mini=\"true\" style=\"background:initial !important; border-collapse:initial !important; border-radius:initial !important; border-spacing:initial !important; border:initial !important; box-sizing:initial !important; color:inherit !important; direction:ltr !important; display:initial !important; flex-direction:initial !important; font-family:X-LocaleSpecific,sans-serif,Tahoma,Helvetica !important; font-size:13px !important; font-weight:initial !important; height:initial !important; left:54px; letter-spacing:initial !important; line-height:13px !important; margin-bottom:0px; margin-left:0px; margin-right:0px; margin-top:0px; max-height:initial !important; max-width:initial !important; min-height:initial !important; min-width:initial !important; opacity:0.8; outline:initial !important; overflow-wrap:initial !important; padding:initial !important; position:absolute; table-layout:initial !important; text-align:initial !important; text-shadow:initial !important; top:35px; vertical-align:top !important; white-space:inherit !important; width:initial !important; word-break:initial !important; word-spacing:initial !important\">\n<div class=\"s3gt_translate_tooltip_mini\" id=\"s3gt_translate_tooltip_mini_logo\" title=\"Markierten Text \u00fcbersetzen\">&nbsp;<\/div>\n<div class=\"s3gt_translate_tooltip_mini\" id=\"s3gt_translate_tooltip_mini_sound\" title=\"Abspielen\" title_play=\"Abspielen\" title_stop=\"Stop\">&nbsp;<\/div>\n<div class=\"s3gt_translate_tooltip_mini\" id=\"s3gt_translate_tooltip_mini_copy\" title=\"In Zwischenablage kopieren\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n<link href=\"moz-extension:\/\/ba6ee166-60c0-4204-a416-513fa7c21899\/skin\/s3gt_tooltip_mini.css\" rel=\"stylesheet\" type=\"text\/css\" \/>\n<style media=\"print\" type=\"text\/css\">#s3gt_translate_tooltip_mini { display: none !important; }\n<\/style>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. F\u00fcr die literarische Welt und das entsprechend interessierte Publikum ist es allj\u00e4hrlich wohl der spannendste Moment. Verk\u00fcndungstag, 13 Uhr MEZ. Man lauscht in den \u00c4ther, starrt ins Netz, h\u00e4lt die Luft an. In Frankfurt erlahmt selbst das Getriebe der Buchmesse f\u00fcr jenen Augenblick, da in Stockholm das Nobelpreiskomitee den neuen Preistr\u00e4ger f\u00fcr Literatur bekannt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"archiv":[18,41],"archiv_inhaltlich":[262,264],"class_list":["post-160","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","archiv-18","archiv-2017-10","archiv_inhaltlich-kunstsparten","archiv_inhaltlich-literatur-buecher"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=160"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/160\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=160"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=160"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}