{"id":154,"date":"2017-11-12T23:00:00","date_gmt":"2017-11-12T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/11\/12\/laudatio-auf-olaf-theisen\/"},"modified":"2024-10-11T10:24:02","modified_gmt":"2024-10-11T09:24:02","slug":"laudatio-auf-olaf-theisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/11\/12\/laudatio-auf-olaf-theisen\/","title":{"rendered":"Laudatio auf Olaf Theisen (Kulturpreis Koblenz 2017)"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n<h6>Aus ANlass Der Verleihung des Koblenzer Kulturpreises an den Intendanten des Musik-Instituts im Theater Koblenz Anno 2017<\/h6>\n<p>***<\/p>\n<p><em>(Spontanprolog als ich die B\u00fchne betrat. Aus dem Ged\u00e4chtnis notiert):<\/em><\/p>\n<p>Obwohl seit fast 30 Jahren Stammgast in diesem Haus \u2013 mal mehr, mal weniger herzlich willkommen \u2013 f\u00fchle ich mich hier oben auf der B\u00fchne doch ziemlich deplatziert. Was soll auch ein Kritiker auf der Theaterb\u00fchne? Da ist er ja zu nix nutze. Aber besondere Anl\u00e4sse bed\u00fcrfen halt besonderer Ma\u00dfnahmen.<br \/>\nNun denn: Ans Werk!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Hoch gesch\u00e4tzter Doktor Olaf Theisen,<br \/>\nwerte Honoratioren von Amts wegen, Alters wegen<br \/>\nund\/oder Verdienste halber,<br \/>\nsehr geehrte Damen und Herrn,<br \/>\nliebe Kulturfreundinnen und -freunde<\/strong><\/p>\n<p>Es ist in deutschen Landen eher ungew\u00f6hnlich, dass ein Konzertkritiker die Laudatio auf einen Konzertveranstalter h\u00e4lt. Aber das passt zu Koblenz, wo bekannterma\u00dfen manches ungew\u00f6hnlich ist. So im heutigen Fall etwa der Umstand, dass der zu ehrende Konzertveranstalter zugleich eine fast 210-j\u00e4hrige \u00f6rtliche Kulturtradition auf seinen Schultern tr\u00e4gt und Garant sein soll f\u00fcr deren Fortschreibung in die Zukunft.<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich ist ebenso, dass mir niemand gesagt hat, wie lange ich hier heute reden kann, soll, darf. Ich habe auch keinen gefragt. Deshalb: Lehnen Sie sich zur\u00fcck, machen Sie sich\u2018s behaglich auf den \u00fcber viele Jahre wunderbar eingesessenen Sitzen dieses Theaters. Es k\u00f6nnt\u2018 n\u00e4mlich etwas l\u00e4nger dauern.<br \/>\n<em>(Info f\u00fcr Ortsunkundige: Die Sitze sind v\u00f6llig durch und wahre Kreuzbrecher. ape)<\/em><\/p>\n<p>Und noch eines: An dem, was nun \u00fcber Sie hereinbricht, bin ICH v\u00f6llig unschuldig. Beschweren Sie sich nachher beim Preistr\u00e4ger: ER hat sich diesen Laudator gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p><strong>Meine Damen und Herrn,<\/strong><\/p>\n<p>selbst f\u00fcr hiesige Verh\u00e4ltnisse ist es allerdings ungew\u00f6hnlich, dass der Kulturpreis der Stadt einem blutjungen Mittf\u00fcnfziger zugesprochen wird, der sein verdienstvolles Kulturamt als Intendant des Musik-Instituts seit gerade mal sieben Jahren bekleidet. Geht man die Liste der bisherigen Preistr\u00e4ger durch, ist rasch erkennbar: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurde dieser Preis \u00fcberwiegend f\u00fcr Jahrzehnte w\u00e4hrendes k\u00fcnstlerisches Schaffen und\/oder kulturelles Engagement vergeben. In der Regel handelt es sich also um eine Art W\u00fcrdigung kultureller Lebenswerke.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Olaf Theisen \u2013 wie er mir neulich erz\u00e4hlt hat \u2013 nicht schlecht staunte, als er bei der R\u00fcckfahrt von Mainz nach Koblenz pl\u00f6tzlich den hiesigen Oberb\u00fcrgermeister am Autotelefon hatte UND der ihn fragte: Ob er (Theisen) geneigt w\u00e4re, den Koblenzer Kulturpreis anzunehmen. Denn dieser sei ihm in partei\u00fcbergreifender Einhelligkeit zugesprochen worden.<\/p>\n<p>Der von da an designierte Preistr\u00e4ger kam gl\u00fccklicherweise trotz einiger Irritation wohlbehalten daheim an. Wieso Irritation?, lie\u00dfe sich fragen. Nun ja, Olaf Theisen hatte nicht im Entferntesten an diese Ehrung gedacht. UND:\u00a0 Ein Teil seines Gehirns unkte da auch: \u201eBin ich denn schon so alt, dass mir bereits ein Lebenswerkpreis zufallen kann?\u201c Nein, lieber Herr Theisen, das gewiss nicht. Als 1963 in Koblenz geborener, mithin echter, Sch\u00e4ngel, z\u00e4hlen Sie zwar \u2013\u00a0 Gott sei Dank \u2013 nicht zur j\u00fcngsten Generation innerhalb der Musik-Instituts-Klientel, aber doch noch zur j\u00fcngeren.<\/p>\n<p>Und was die bisher \u201eNUR\u201c siebenj\u00e4hrige Verantwortung f\u00fcr die Geschicke dieser Institution angeht: Manch einer Ihrer fr\u00fcheren, ja sogar fr\u00fchesten Vorg\u00e4nger im Intendanten-Amt hatte in vielen Amtsjahren mehr keine solch zeitgleich geballten Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen wie Sie in Ihren ersten drei Spielzeiten.<\/p>\n<p>Einige hier im Saal wissen, dass ich seit Monaten an einem B\u00fcchlein \u00fcber die Geschichte des Koblenzer Musik-Instituts schreibe. Deshalb kann ich sagen: Es ist heute fast kein Umstand vorstellbar, den das Musik-Institut in seinen jetzt 210 Jahren nicht schon einmal oder wiederholt erlebt h\u00e4tte.<br \/>\n&gt; Krisen im eigenen Chor bis hin zu dessen schierer Aufl\u00f6sung. Spannungen bis manchmal hin zum Zerw\u00fcrfnis zwischen Musik-Institut und staatlicher Herrschaft, sei sie von franz\u00f6sischer, preu\u00dfischer, nationalsozialistischer, amerikanischer oder bundesrepublikanischer Art. Existenzgef\u00e4hrdende Finanznot. Mangel an Konzertst\u00e4tten infolge Kriegszerst\u00f6rung, Besetzung oder Baut\u00e4tigkeit. Notprogramme unter schwierigsten Bedingungen oder gar erzwungenerma\u00dfen die vor\u00fcbergehende Einstellung der Konzerte.<\/p>\n<p>Dies alles und noch viel mehr hat das Musik-Institut seit seiner Gr\u00fcndung am 7. April 1808 als b\u00fcrgerschaftliche Initiative durch Joseph Andreas Anschuez nicht nur einmal durchmachen m\u00fcssen. SELTEN jedoch kamen derart viele schwierige Aspekte auf einen Schlag zusammen wie zu Beginn der Intendanz von Olaf Theisen anno 2010. Am 9. Juni wurde er als Nachfolger von Rolf Wegeler ins Amt gew\u00e4hlt. Einen Monat zuvor war Joachim Hofmann-G\u00f6ttig neuer Oberb\u00fcrgermeister von Koblenz geworden. Damit sa\u00df nicht nur auf dem Intendantenstuhl ein Neuling, sondern \u00fcbernahm ein weiterer Neuling auch den Vorstandsvorsitz des Musik-Instituts.<br \/>\n(Info: Seit Anschuez\u2018 Zeit und der ersten MI-Satzung ist der Oberb\u00fcrgermeister der Stadt automatisch von Amts wegen Vorsitzender des Musik-Instituts.)<\/p>\n<p>Zeitgleich entwickelte sich im MI-Chor eine veritable Krise um dessen erst wenige Monate zuvor engagierten neuen Chorleiter. Wiederum zeitgleich stand das Musik-Institut vor der seit einem halben Jahrhundert nicht mehr erlebten Problemlage, dass es sich f\u00fcr seine Anrechtskonzerte eine Ausweichspielst\u00e4tte suchen musste. Denn das angestammte Domizil dieser Konzerte, die Rhein-Mosel-Halle, stand wegen Generalumbaus f\u00fcr die Saison 2010\/11 nicht zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Die Verlegung des Konzertbetriebs von der Rhein-Mosel-Halle in die Sporthalle ist f\u00fcr eine Institution wie das Musik-Institut keineswegs blo\u00df ein profaner Raumwechsel. Denn die Gewohnheiten jahrzehntelang treuer und vielfach betagter Abonnenten wurzeln tief und wiegen schwer. W\u00fcrden die Abonnenten \u00fcberhaupt mitkommen an den anderen, den ungewohnten Ort? Das war eine der bangsten Fragen f\u00fcr den MI-Vorstand. Denn die enge Bindung eines gro\u00dfen, langfristig, teils von einer Generation zur n\u00e4chsten treuen Kernpublikums war und ist noch immer tragende S\u00e4ule des Musik-Instituts.<\/p>\n<p>Zudem ist die Sporthalle eben eine Sporthalle \u2013 und ein Albtraum f\u00fcr jeden Klassikakustiker. Es musste sehr viel Geld in die Hand genommen werden, um mit modernster Klangtechnologie ein den hohen Anspr\u00fcchen des Musik-Instituts angemessene H\u00f6rqualit\u00e4t zu garantieren. Und es war ein weiterer opulenter Sonderbatzen Geld aufzubringen, um die schlie\u00dflich sechs, statt der \u00fcblichen zehn, Anrechtskonzerte derart attraktiv zu besetzen, dass Abonnenten und andere Klassikfreunde sich auf den Weg in die Sporthalle machen.<\/p>\n<p>Die Sache ging bekanntlich gut aus. Dank zahlreicher Helfer, Unterst\u00fctzer, F\u00fcrsprecher und des spielfreudigen Engagements der Rheinischen Philharmonie mit ihrem damaligen Chefdirigenten Daniel Raiskin. Dank vor allem aber zweier M\u00e4nner, die damals ebenso ruhig und zielstrebig wie entschlossen zupackend und durchsetzungstark ins Werk setzten, was sie f\u00fcr notwendig und richtig hielten.<\/p>\n<p>Der eine Mann war der frischgebackene MI-Intendant Olaf Theisen \u2013 der hier eine FEUERTAUFE bestehen musste, die sich gewaschen hatte. Da war der Part des Geldauftreibens f\u00fcr die teure Sondersaison noch eine der leichteren Aufgaben: Theisen gewann seinen Gesellschafterkollegen bei der Rhein-Zeitung, Walterpeter Twer, daf\u00fcr, dass der Mittelrhein-Verlag mit einem kr\u00e4ftigen Sponsoring in die Sache einstieg.<\/p>\n<p>Der andere Mann, der sich an der Seite des Intendanten unerm\u00fcdlich f\u00fcr das Gelingen der Notspielzeit einsetzte, war der \u00fcber mehr als vier Jahrzehnte ununterbrochen r\u00fchrige \u201eGute Geist\u201c des Musik-Instituts: Bernhard Riebling.<\/p>\n<p>Als diesen beiden und etlichen anderen angesichts einer gegl\u00fcckten Konzertsaison in der Sporthalle Oberwerth gerade Steine vom Herzen fielen, k\u00fcndigte Anfang August 2011 die Stadt Koblenz v\u00f6llig unerwartet s\u00e4mtliche Mietvertr\u00e4ge mit dem Musik-Institut f\u00fcr die Rhein-Mosel-Halle in der Folgespielzeit 2011\/2012. Hintergrund war: der Generalumbau der Halle konnte nicht im geplanten Zeitrahmen vollendet werden.<\/p>\n<p>Eine Katastrophe f\u00fcr das Musik-Institut! Denn mit einem Schlag wurden alle lange im Vorfeld geschlossenen K\u00fcnstlervertr\u00e4ge und s\u00e4mtliche Saisonplanungen hinf\u00e4llig. Eine zweite Sporthallensaison zu stemmen, war die Vorlaufzeit zu kurz, w\u00e4ren wohl auch die Kr\u00e4fte zu ersch\u00f6pft gewesen.<\/p>\n<p>In jenen Tagen konnte man das sonst fast stoische Ruhe ausstrahlende Duo Theisen\/Riebling mit tief zerfurchten Stirnen oder auch sch\u00e4umend von Emp\u00f6rung und Entt\u00e4uschung antreffen. Notgedrungen und nach schwerem Ringen entschied sich das Musik-Institut schlie\u00dflich, diese Konzertsaison ganz abzublasen.<\/p>\n<p><strong>Meine Damen und Herrn,<\/strong><\/p>\n<p>wenn man sich jene Situation vor dem Hintergrund der langen Geschichte des Musik-Instituts vorstellt, gewinnt man vielleicht noch einen ganz anderen Begriff von dem Druck, der im Sommer 2011 auf den beiden lastete: Seit Gr\u00fcndung 1808 hatte es \u00fcberhaupt nur drei Spielzeiten gegeben, in denen das Musik-Institut gar keine eigenen Konzerte veranstaltet hatte. Nun musste Olaf Theisen just in seinem zweiten Jahr als Intendant in diesen sauren Apfel bei\u00dfen.<\/p>\n<p>Es war nicht sch\u00f6n! Und noch weniger sch\u00f6n war, dass auch \u00fcber der dann folgenden Spielzeit 2012\/2013 bis kurz vor Beginn das Damoklesschwert des Nichtstattfindenk\u00f6nnens hing. Die Fertigstellung der Rhein-Mosel-Halle verz\u00f6gerte sich ein ums andere Mal. Bei Olaf Theisen lagen die Nerven blank. Denn wieder waren alle Vertr\u00e4ge geschlossen, standen Orchester und Solisten parat \u2013 DOCH das Musik-Institut konnte weder Saisonprogramme und Einladungen zum Abonnement verschicken, noch mit dem Vorverkauf beginnen.<\/p>\n<p>Erst Mitte August 2012 gibt der Oberb\u00fcrgermeister die befreiende Nachricht durch, dass die Saison in der Rhein-Mosel-Halle stattfinden k\u00f6nne und also der Kartenvorverkauf f\u00fcr das erste Anrechtskonzert im September nun starten d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>In derselben Nacht beginnt im Privathaus Theisen ein gesch\u00e4ftiges Rumoren \u2013 wie in einer Wohngemeinschaft studentischer Aktivisten in den wilden 68ern. Zumindest stelle ich mir jene Stunden im Sp\u00e4tsommer\u00a0 2012 immer so vor. Hemds\u00e4rmelig eilen Intendant, MI-Vorst\u00e4ndler und Helfer um Tische herum, t\u00fcten Hunderte von Programmen und Abnonnementseinladungen ein, adressieren Umschl\u00e4ge, tragen sie kistenweise zum Auto und fahren in denkbarster Fr\u00fchstunde zur Post.<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich war es wohl auch. Denn es galt, viel verlorene Zeit einzuholen \u2013 um den Betrieb der \u00e4ltesten und einer der publikumsst\u00e4rksten Konzertreihen im deutschen S\u00fcdwesten wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Das ist dann auch, mit zupackender Initiative und unter engagierter Anleitung von Theisen im Gespann mit Riebling gelungen.<br \/>\n!!!Allein schon der bemerkenswerte Einsatz, das Musik-Institut unbeschadet durch diese drei so schwierigen Jahre zu bringen, rechtfertigt die Auszeichnung mit dem Kulturpreis.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich, meine Damen und Herrn, noch einmal zur\u00fcckkommen auf jenen Moment, da Herr Theisen am Autotelefon erf\u00e4hrt, dass ihm der Preis zugesprochen wurde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat er sich gefreut \u00fcber den Juryentscheid. Doch sogleich bezog er ihn weniger auf seine Person, mehr auf das Musik-Institut als Ganzes und dessen anhaltend gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr das Kulturleben in Koblenz.<\/p>\n<p>Diese Art der pers\u00f6nlichen Zur\u00fcckhaltung ist typisch f\u00fcr Olaf Theisen \u2013\u00a0 glaube ich. Denn wir kennen uns im direkten Umgang noch gar nicht so lange. Eben erst jene sieben Jahre, da er als Intendant des Instituts mit mir als Kulturjournalist zu tun hat. Zuvor hatte ich allenfalls von ihm geh\u00f6rt: als Mitgesellschafter der Rhein-Zeitung und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrendem Gesellschafter eines Mainzer Medienunternehmens.<\/p>\n<p>Als wir uns dann regelm\u00e4\u00dfig am Rande der Anrechtskonzerte, sp\u00e4ter auch zu einigen anderen Anl\u00e4ssen trafen und miteinander plauderten, fielen mir an diesem Manne bald zwei Dinge auf. Erstens: Olaf Theisen w\u00fcrde wohl nie einem ordentlichen Konzertkritiker qua Stellungsmacht in die Parade fahren; selbst dann nicht, wenn er dessen Urteil \u00fcber eines der Anrechtskonzerte partout nicht teilen k\u00f6nnte. Er w\u00fcrde niemals auf Gef\u00e4lligkeitskritiken insistieren.<\/p>\n<p>So hat es bereits sein hoch gesch\u00e4tzter Vorg\u00e4nger gehalten. Rolf Wegeler, ebenfalls Koblenzer Kulturpreistr\u00e4ger, hatte mich im Nachinein schonmal ein bisschen angeknurrt, etwa mit der mir gut erinnerlichen Bemerkung: \u201eAber Herr Pecht, wo hatten sie denn beim letzten Konzert ihre Ohren?\u201c Doch auch Wegeler hat nie die Autonomie und Integrit\u00e4t des Kritikers in Zweifel gezogen.<\/p>\n<p>Sein Nachfolger knurrt in solchen F\u00e4llen nicht \u2013 zumindest nicht vernehmlich. Er will vielmehr verstehen, will diskutieren wie und warum man zu einem wom\u00f6glich ganz anderen Urteil \u00fcber ein Konzert gelangt ist als er selbst. Theisen ist neugierig, etwa darauf wie ein Musikereignis auf welchen Zuh\u00f6rer wirkt. F\u00fcr ihn ist, so mein Eindruck, ein Konzert nicht nur \u00e4sthetischer Genuss, sondern ebenso Teil eines lustvollen Lernprozesses; ist nicht zuletzt Bestandteil eines permanenten Diskurses \u00fcber das Wesen der Musik und ihre so wichtige Funktion f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Womit wir bei der zweiten Eigenschaft w\u00e4ren, die mir beim Kennenlernen des Olaf Theisen ins Auge fiel: Er hat nicht nur ein gro\u00dfes Herz f\u00fcr die Musik, sondern auch ziemlich viel Ahnung davon. Dies nicht zuletzt auf dem Feld der neueren und zeitgen\u00f6ssischen Musik \u2013 jener Avantgarde von Rang, deren Vermittlung ans breite Publikum allweil so schwierig sein kann. Darin finden wir \u00fcbrigens eine Komponente, die den heutigen Intendanten des Musik-Instituts mit dessen Gr\u00fcnder verbindet.<\/p>\n<p>Joseph Andreas Anschuez war in erster Linie ein Mozart-Anbeter, H\u00e4ndel- und Haydn-Verehrer.\u00a0 Gleichwohl war er in hohem Ma\u00dfe interessiert am, wie er es nannte: \u201eGediegenen der neuen Zeit\u201c. Weshalb er dem Musik-Institut schon fr\u00fch die Pflicht auferlegte, in Koblenz stets auch Werke noch lebender Komponisten aufzuf\u00fchren, und zwar m\u00f6glichst zeitnah zu deren Erstauff\u00fchrungen irgendwo in den Metropolen der gro\u00dfen Musikwelt.<\/p>\n<p>Diesem Grundsatz blieben nachfolgend viele Intendanten und Musikdirektoren des Instituts treu \u2013 mag auch der eine oder andere Zuh\u00f6rer bisweilen gemurrt haben \u00fcber die allzu neumodischen Kl\u00e4nge eines Beethoven, Brahms, Mendelssohn Bartholdy, Wagner, Mahler, Bruckner, Debussy, Schostakowitsch, Sch\u00f6nberg etc. etc.; je nach Zeit.<\/p>\n<p>Die von Anschuez begr\u00fcndete Tradition, regelm\u00e4\u00dfig auch Werke noch lebender Komponisten aufzuf\u00fchren, wurde das 19. Jahrhundert hindurch beim Musik-Institut meist eifrig gepflegt, geriet im Laufe des 20. dann allm\u00e4hlich ins Hintertreffen. Jetzt, im fr\u00fchen 21. Jahrhundert denkt Olaf Theisen \u2013\u00a0 wie auch das Leitungsduo der Rheinischen Philharmonie, Garry Walker und G\u00fcnter M\u00fcller-Rogalla \u2013 zurecht dar\u00fcber nach: Wie lie\u00dfe sich jene Tradition nicht zuletzt im Hinblick auf die Gewinnung j\u00fcngerer Publikumsschichten reaktivieren, ohne den konservativeren Teil des \u00e4lteren Publikums zu verschrecken.<\/p>\n<p>Das wird eine schwierige Gratwanderung, ist aber eine unausweichliche Herausforderung. Und m.E. ist Olaf Theisen der richtige Mann, sie mit dem n\u00f6tigen Fingerspitzengef\u00fchl anzugehen.<\/p>\n<p><strong>Meine Damen und Herrn,<\/strong><\/p>\n<p>als ich vor einiger Zeit bei einem Arbeitsgespr\u00e4ch \u00fcber das MI-Buch im Theisen\u2018schen Wohnzimmer einen wunderbaren Steinway-Fl\u00fcgel stehen sah, setzte sich in meinem Hinterkopf die Vorstellung fest: Dieser in Sachen Musik so kenntnisreiche Mensch ist gewiss auch ein praktizierender Freizeitmusiker. Das war allerdings ein Fehlschluss. Wie mir der Preistr\u00e4ger j\u00fcngst selbst sagte, sind die eigentlichen Musici in der Familie seine Geschwister. Die Schwester hochtalentiert auf dem Klavier, der Bruder nicht minder begabt auf der Querfl\u00f6te. Und der Obermusicus war nat\u00fcrlich der Vater \u2013 der, wie Sie wissen, dem Musik-Institut von 1969 bis zu seinem Tode 1993\u00a0 24 Jahre lang ebenfalls als Intendant gedient hatte. Dieser Werner Theisen war ein ambitionierter und, wie die Alten berichten, durchaus versierter Geiger. Er machte das Familiendomizil auf der Karthause mit Freunden im Trio oder Quartett \u00f6fter zum Musiksalon \u2013 sehr zum Verdruss des Hundes im Haus.<\/p>\n<p>Nur der Olaf, der mochte als Bub nicht so recht dran ans praktische Musizieren \u2013 wor\u00fcber er sich heute immer wieder m\u00e4chtig \u00e4rgert. Ein paar Fl\u00f6tenstunden hier, ein bisschen Klavier\u00fcben dort, mehr war da nicht. Ihn zog es als Junge in ein ganz anderes Metier: den Sport. JUDO war seine Passion. Also, Obacht Herrschaften!: Der Herr Intendant kann auch handgreiflich. Wenn ich richtig orientiert bin, ist von jener sportiven Neigung ein Laster geblieben, das er mit Garry Walker, dem neuen Chefdirigenten der Rheinischen Philharmonie, teilt: Geschwindes Fahrradfahren \u00fcber Strecken, die unsereinem unendlich weit erscheinen.<\/p>\n<p>Da stellt sich nat\u00fcrlich die Frage: Was oder wer brachte den Sportsmann, studierten Juristen und nachher Verlagsaktivisten so nahe ans Musik-Institut heran, dass aus ihm 2010 dessen ehrenamtlicher Intendant werden konnte. Hier spielt nicht nur eine Rolle, dass im Hause Theisen viel vom Musik-Institut die Rede war und der Intendanten-Vater auch den Knaben Olaf zu manchem Konzert mitnahm.<\/p>\n<p>Hier kommt als schlie\u00dflich ausschlaggebender Faktor einmal mehr Bernhard Riebling ins Spiel \u2013\u00a0 der Basso continuo des Musik-Instituts 44 Jahre hindurch. Olaf Theisen kennt ihn seit Jugendtagen als schon vom Vater stets hochgesch\u00e4tzten Mitstreiter. Und als MI-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Riebling ihn 2008 \u2013 gewiss (*schmunzel*) ganz unschuldig und ohne jeden Hintergedanken\u00a0 \u2013 fragte, ob er nicht mal an einer Vorstandssitzung\u00a0 teilnehmen wolle, sagte der von Natur neugierige Theisen nicht Nein.<\/p>\n<p>Bevor er sich versah, war er im Jahr darauf schon Mitglied des Vorstandes. Und es dauerte nur eine kleine Weile bis Riebling mit der Frage in der T\u00fcr stand: \u201eK\u00f6nnten Sie sich vorstellen, die Intendanz des Musik-Instituts zu \u00fcbernehmen?\u201c Ein Schelm, wer da das Wirken eines strategisch lange vorausdenkenden Kopfes erkennt.<\/p>\n<p><strong>Meine sehr verehrten Damen und Herrn,<\/strong><\/p>\n<p>das Musik-Institut und das Koblenzer Musikleben haben dem stets leise, selbstlos, verl\u00e4sslich und sehr effektiv im Hintergrund arbeitenden Bernhard Riebling unendlich viel zu verdanken.<br \/>\n<em>(&gt;&gt; Vom Pult wegtreten, in Richtung Riebling verbeugen, Zeit f\u00fcr Beifall lassen &lt;&lt;)<\/em><\/p>\n<p>Und Riebling haben wir eben auch den jetzigen MI-Intendanten zu verdanken \u2013 als den passenden Mann zur rechten Zeit am richtigen Platz. Und wiederum ein Schelm, wer deshalb in der Vergabe des Kulturpreises an Olaf Theisen vor allem den Appell sieht: Mach es weiter, und mach es noch lange!<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn, mit Blick auf die Uhr will ich nun zu Ende kommen. Eine Sache allerdings liegt mir noch am Herzen. Als ich Anfangs der 1990er erstmals ein Anrechtskonzert des Musik-Instituts besuchte, schoss mir der Gedanke durch den Kopf: \u201eHier wird dir die Kritikerpflicht nicht allzu lange bleiben \u2013 denn dieses Publikum wird in ein paar Jahren einfach weggestorben sein.\u201c Ja, der Altersdurchschnitt lag erkennbar ziemlich hoch.<\/p>\n<p>Nachher erinnerte ich mich dann an eine Begegnung mit Hannes Houska selig, dem fr\u00fcheren Hausherrn dieses Theaters. Der hatte mir folgenderma\u00dfen zugesprochen: \u201eAch w(o)as. A Schm\u00e4h. San\u2018s nur ruhig. Seit I am Theater bin, ha\u00dft\u2018s alle Joar: \u201aDe Zuseher sterbn weg\u2018. Un w(o)as iis? Ham ma etwa zug\u2018sperrt? Es kommen ollweil jingere Leit n(o)ach.\u201c Die Wahrheit sei, so Houska weiter: \u201eDie Menschheit kann ohne Theater gar net sein.\u201c<\/p>\n<p>Ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter darf ich konstatieren: Der alte Houska hat recht behalten. Und was er f\u00fcrs Theater sagte, gilt in gleicher Weise f\u00fcrs Konzertleben: Die Menschheit kann ohne gute Livemusik nicht sein. Weshalb f\u00fcr ein INTERESSANTES Konzertangebot von HOHEN GRADEN immer wieder neues Publikum nachwachsen wird.<\/p>\n<p>In diesem Sinne darf ich der Stadt Koblenz und ihren B\u00fcrgern zu diesem Kulturpreistr\u00e4ger gratulieren; darf Olaf Theisen und mit ihm das Musik-Institut zum verdienten Kulturpreis begl\u00fcckw\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.\u00a0 Jetzt k\u00f6nnt Ihr klatschen.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus ANlass Der Verleihung des Koblenzer Kulturpreises an den Intendanten des Musik-Instituts im Theater Koblenz Anno 2017 *** (Spontanprolog als ich die B\u00fchne betrat. 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