{"id":147,"date":"1998-12-31T23:00:00","date_gmt":"1998-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/1998\/12\/31\/neujahrsessay-1999-der-98er-vorhang-zu-und-alle-fragen-offen\/"},"modified":"2022-12-26T17:52:20","modified_gmt":"2022-12-26T16:52:20","slug":"neujahrsessay-1999-der-98er-vorhang-zu-und-alle-fragen-offen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/1998\/12\/31\/neujahrsessay-1999-der-98er-vorhang-zu-und-alle-fragen-offen\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 1999: Der &#8217;98er Vorhang zu &#8211; und alle Fragen offen"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Der Silvesterkater ist vor\u00fcber &#8211; das Sinnen kann sich nach vorne wenden. Dort landet es \u00fcbergangslos in den Vorbereitungen auf den n\u00e4chsten, auf den allgewaltigen Jahreswechsel: das Millennium ruft. Neujahrsreden und -aufs\u00e4tze deuten bereits darauf hin, da\u00df 1999 das Jahr des gro\u00dfen Nachdenkens \u00fcber das Woher und Wohin sein k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Lessing erhob die gro\u00dfen Weltreligionen in den gleichen Rang, Schiller die Freiheit zum h\u00f6chsten Gut. Und Beethoven erkl\u00e4rte in seiner 9. Sinfonie alle Menschen zur Gott-gewollten Bruderschaft. Einst hatten die Dichter Visionen und die Denker hatten sie auch. Heutzutage, wo die Welt fortw\u00e4hrend in nie gekanntem Tempo umgekrempelt wird, scheinen der Kunst wie der Geisteswelt die Visionen abhanden gekommen.<\/p>\n<p>Pragmatismus nennt sich, was das Denken und Handeln im Vorfeld der Jahrtausendwende pr\u00e4gt. Pragmatisch ist der, dessen Tun sich auf praktischen Nutzen ausrichtet. Das schlie\u00dft in unseren Tagen allenthalben die Konzentration aufs Machbare ein. Der moderne Mensch hat pragmatischer Realist zu sein, der moderne Politiker sowieso.<\/p>\n<h3>Ungewisse neue Zeit<\/h3>\n<p>Jede andere Art der Weltbetrachtung landet auf jener Wiese, wo Esoterik, Feierabend-Utopismus und Gef\u00fchlsentertainment spielen. Die Frage &#8222;wo w o l l e n wir hin?&#8220; gilt zwar als interessant, gut gemeint &#8211; aber irrelevant. Ernstgenommen wird allein noch die Frage &#8222;wo m \u00fc s s en wir hin?&#8220;. Und wie stellen wir&#8217;s an, beim Wettlauf in die neue Zeit stets unter den Erstplazierten zu sein?<\/p>\n<p>Doch keiner wei\u00df, wohin das Gerenne eigentlich f\u00fchrt, f\u00fchren soll. Ins &#8222;globale Dorf&#8220; &#8211; was immer das sein mag. In die Kommunikations-Gesellschaft &#8211; wor\u00fcber auch immer die geschwind auf allen Kan\u00e4len kommunizieren mag. In die Wissens-Gesellschaft &#8211; welche Inhalte und Fertigkeiten deren Mitglieder auch immer zu welchem Zweck lebenslang bimsen sollen. Man rennt mit, weil man &#8211; bei Strafe des Untergangs &#8211; mitrennen mu\u00df. Die Welt dreht sich hastig im Selbstlauf und ein jeder sieht, wo er eben bleibt.<\/p>\n<p>Die Kunst immerhin knurrt das ohnm\u00e4chtige Gerenne an: die Klassiker mahnen wie eh und je, doch will sie kaum einer als Fingerzeig aufs Gegenw\u00e4rtige verstehen. Die Modernen machen gelegentlich, wie derzeit etwa das junge britische Theater wieder, Agonien im menschlichen Zusammenleben \u00e4tzend-giftig bewu\u00dft. Daneben bieten Kunst und Kultur Ruhe-Inseln f\u00fcr die Abgehetzten: Von hoher \u00c4sthetik \u00fcber sch\u00f6nen Schein bis zum rauschhaftem Am\u00fcsier-Event. Das kann besinnlich sein, f\u00fchrt indes selten zu Besinnung, nie zu Besonnenheit oder Sinn. Vor wirklichen Visionen &#8211; des Herzens oder des Geistes &#8211; scheinen sich auch die K\u00fcnstler unserer Tage geradeweg zu f\u00fcrchten. Wie gebrannte Kinder benehmen sich manche, vielleicht, weil sie vor Jahr und Tag noch einem mi\u00dfratenen Sozialismus auf den Leim krochen.<\/p>\n<h3>Gef\u00e4ngnis des Pragmatismus<\/h3>\n<p>Wenn die Kunst schon keine Visionen mehr hat, wie soll man sie dann von der im Denk-Gef\u00e4ngnis des Pragmatismus einsitzenden Politik verlangen? Das Jahrtausend neigt sich dem Ende zu, und f\u00fcr alle gro\u00dfen Fragen ist nach wie vor keine L\u00f6sung zu erkennen. Die soziale Frage ist offen wie lange nicht; die \u00dcberbev\u00f6lkerungsfrage ungel\u00f6st; das &#8222;globale Dorf&#8220; hat keinen Gemeinderat, es gilt das Recht des St\u00e4rkeren; der Wald stirbt weiter und das Ozonloch w\u00e4chst, auch wenn niemand mehr dar\u00fcber spricht; die alten Gesellschaften und ihre Werte zerfallen, ohne da\u00df Ersatz in Sicht w\u00e4re; der Weltfriede ist genauso fern wie die Gleichberechtigung von n\u00f6rdlicher und s\u00fcdlicher Hemisph\u00e4re . . .<\/p>\n<p>Der Jahrhundert-Probleme sind viele, doch es scheint nur diesen einen alles \u00fcberwuchernden Ansatz zu geben: Fit machen f\u00fcr den globalen Wettbewerb. Eine armselige &#8222;Vision&#8220;, der nur das Streben nach bester Armierung f\u00fcr einen Streit jeder gegen jeden einf\u00e4llt. F\u00fcr einen Streit, der heute diesen, morgen jenen Verlierer in Not st\u00fcrzt. Doch wenn 1999 ein Jahr der gro\u00dfen Diskussionen wird, besteht vielleicht auch die Chance auf ein Kopfzerbrechen \u00fcber Wege heraus aus solcher Tristesse. Dann erst w\u00e4re auch die dickste Fete gerechtfertigt.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Der Silvesterkater ist vor\u00fcber &#8211; das Sinnen kann sich nach vorne wenden. Dort landet es \u00fcbergangslos in den Vorbereitungen auf den n\u00e4chsten, auf den allgewaltigen Jahreswechsel: das Millennium ruft. Neujahrsreden und -aufs\u00e4tze deuten bereits darauf hin, da\u00df 1999 das Jahr des gro\u00dfen Nachdenkens \u00fcber das Woher und Wohin sein k\u00f6nnte. 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