{"id":146,"date":"1999-12-31T23:00:00","date_gmt":"1999-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/1999\/12\/31\/neujahrsessay-2000-zukunft-hinnehmen-oder-gestalten\/"},"modified":"2022-12-26T17:50:47","modified_gmt":"2022-12-26T16:50:47","slug":"neujahrsessay-2000-zukunft-hinnehmen-oder-gestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/1999\/12\/31\/neujahrsessay-2000-zukunft-hinnehmen-oder-gestalten\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2000: Zukunft hinnehmen oder gestalten?"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Uff, geschafft. Der Weltuntergang fiel aus, nicht das globale Datennetz. Seht, wir beherrschen, was wir erfunden; die Technikgemeinde tr\u00e4gt das Haupt erhoben. Das 00-Problem scheint erledigt, die \u00fcbrigen bleiben uns erhalten.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Gro\u00dfe Gegenwartsfragen sind \u00fcberwiegend solche von unmittelbar globaler Bedeutung geworden. Welt-Fragen, die heute schon und in den kommenden Jahren immer st\u00e4rker jedermanns Lebensart, die gesamte Kultur also, in bislang nicht gekannter Weise direkt beeinflussen werden. Die Diskussion um diese Fragen hat bereits im zur\u00fcckliegenden Jahr Politik, Wirtschaft, Geistes- wie Naturwissenschaft und Kultur gleicherma\u00dfen erfasst. Sie wird, sie mu\u00df weiter gehen.<\/p>\n<p>Globalisierung war der Zentralbegriff in 1999. Er bezeichnet die weltweite Computervernetzung ebenso wie den globalen Kapitalmarkt, den Warenmarkt und die in immer rascherem Tempo sich herausbildenden Planeten-umspannenden Konzerne. Globalisierung, ein urspr\u00fcnglich trockenes Wirtschaftsthema, macht Karriere, ist w\u00e4hrend der letzten Monate selbst in die philosophischen Elfenbeint\u00fcrme geflutet und hat die Feuilletons durchwuchert.<\/p>\n<p>&#8222;Der Kapitalismus ist von der Kette&#8220; hei\u00dft es, er fresse nun seine Kinder und Geschwister: die Nationalstaaten, die Nationalkulturen, die parlamentarischen Demokratien, die b\u00fcrgerliche Lebensform der Kleinfamilie. Denker aller Fakult\u00e4ten kommen inzwischen zu dem Schluss: Man kann die Globalisierung nicht frei laufen lassen, denn das hitzige Spekulationsspiel mit vagabundierenden Giga-Kapitalien ist f\u00fcr die Gesamtgesellschaft ebenso gef\u00e4hrlich wie f\u00fcr die Marktwirtschaft das von ihr selbst hervorgebrachte Fusionsfieber.<\/p>\n<p>Wirtschaftliche Machtballungen bilden sich international heraus, auf die national organisierte &#8222;kleine&#8220; Staatsgewalten kaum mehr Einfluss haben. Staatspolitik droht sich darin zu ersch\u00f6pfen, globale Kapitalien mit lukrativen Bedingungen in die jeweils eigene Gemarkung zu locken. Die Diskussion um Begrenzung, Strukturierung, Abfederung, Lenkung dieser Gegenwartstendenz oder um grunds\u00e4tzliche Alternativen dazu hat eben erst begonnen, und sie kennt kaum Tabus &#8211; was wenig erstaunt angesichts der Gefahr, die Menschheitsentwicklung vollends den bewusstlosen Automatismen der blo\u00dfen Geldvermehrung ausliefern zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Weltklima hat sich hier zu Lande mit &#8222;Lo~thar&#8220; als schon brennende Gegenwartsproblematik in Erinnerung gebracht. Die lange vorhergesagten Ver\u00e4nderungen, sie haben unseren Alltag erreicht. Und: Es wird alles noch dicker kommen. Zug um Zug verursachen die \u00f6kologischen Probleme neben Einschr\u00e4nkungen des Wohlbefindens und Gefahren f\u00fcr Leib und Leben auch sp\u00fcrbare volkswirtschaftliche Kosten. Lothar kostet viele Millionen, El Nino und Schwester kosten Milliarden, die Folgen des Treibhauseffektes werden in n\u00e4chster Zukunft unvorstellbar gro\u00dfe Teile des Welt-Bruttosozialproduktes verschlingen. Soll man die ausgeben f\u00fcr immer wiederkehrende Katastrophenma\u00dfnahmen und Aufr\u00e4umarbeiten? Oder soll man heute die schwierige und kostspiele Aufgabe in Angriff nehmen, \u00c4rgeres urs\u00e4chlich zu vermeiden?<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerungsexplosion droht jeden Schritt in Richtung vern\u00fcnftiger Zukunftsorganisation, so es ihn gibt, zunichte zu machen. Von Christi Geburt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Menschheit geradezu gem\u00e4chlich von 250 Millionen auf 1,6 Milliarden K\u00f6pfe. Von 1900 bis Ende 1999 explodierte sie auf 6 Milliarden und noch immer beschleunigt sich diese Entwicklung. Vielleicht lie\u00dfen sich heute bei gerechter Verteilung der Reicht\u00fcmer der Welt ertr\u00e4gliche Lebensbedingungen f\u00fcr alle Menschen eben noch erreichen. Doch schon in der n\u00e4chsten Generation k\u00f6nnten 10 Milliarden den Planeten bev\u00f6lkern: Damit zerplatzt dieser soziale Traum ebenso wie der gen-wissenschaftliche Wahn vom alle satt machenden Labor-Manna.<\/p>\n<p>Es mu\u00df der Menschheit gelingen, in einer gewaltigen Gemeinschaftsanstrengung durch vielf\u00e4ltigste politische, soziale, aufkl\u00e4rerische Mittel das Bev\u00f6lkerungswachstum noch in dieser Generation nachhaltig zu bremsen. Andernfalls wird des eben begonnene Jahrhundert zum S\u00e4kulum der Acker- und Wasserkriege, der Hungersn\u00f6te und faulenden Megast\u00e4dte, der gro\u00dfen V\u00f6lkerwanderungen Richtung Industriel\u00e4nder.<\/p>\n<p>Die Gentechnik kann Fluch und Segen zugleich sein. Sie verlangt vorderhand eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass in der bisherigen Menschheits-Geschichte stets auch gemacht wurde, was m\u00f6glich ist. L\u00e4sst sich dieser Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit Einhalt gebieten? Oder m\u00fcssen wir uns damit abfinden, dass an den Grundbausteinen des Lebens mit jeder nur denkbaren &#8211; erw\u00fcnschten oder unerw\u00fcnschten &#8211; Zielrichtung herummanipuliert wird. Lassen sich ethische Grenzlinien ziehen, vern\u00fcnftige Lenkungsmechanismen einrichten, oder m\u00fcssen wir ohnm\u00e4chtig zusehen, wie jedwede Gen-Erfindung mit Aussicht auf geldwerte Rentabilit\u00e4t realisiert wird?<\/p>\n<p>Die Atomisierung der Gesellschaft geht weiter. Nachdem in der Epoche der industriellen Revolution die Gro\u00dffamilie aufgel\u00f6st wurde, droht jetzt die Kleinfamilie Opfer des digital-globalen Zeitalters zu werden. Gesteigerte Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t verlangt dieses von jedem: St\u00e4ndig wechselnde Berufe, Arbeitsorte, Arbeitspl\u00e4tze, Arbeitgeber und Entlohnungen, Regelarbeitszeiten nachts und an Wochenenden stehen zu erwarten. Wurzeln schlagen, Leben planen, ein Heim bauen, Familie pflegen &#8211; hat solche Lebensart da noch eine Chance? Sind alternative Lebens- und Wirtschaftsformen entwickelbar oder geh\u00f6rt die Zukunft dem allweil bindungslos durchs globale Dorf hetzenden Single?<\/p>\n<p>F\u00fcnf aktuelle, die ganze Welt und jedes Individuum betreffende Gro\u00dfprobleme. Man kann, wie gehabt, die Dinge ihren Gang nehmen lassen und darauf hoffen, dass die Fragen von alleine auch ihre Antworten produzieren. Man kann aber auch versuchen, Zukunft mit Wille und Bewusstsein zu gestalten.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck 2. Januar 2000<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Uff, geschafft. Der Weltuntergang fiel aus, nicht das globale Datennetz. Seht, wir beherrschen, was wir erfunden; die Technikgemeinde tr\u00e4gt das Haupt erhoben. Das 00-Problem scheint erledigt, die \u00fcbrigen bleiben uns erhalten. Gro\u00dfe Gegenwartsfragen sind \u00fcberwiegend solche von unmittelbar globaler Bedeutung geworden. Welt-Fragen, die heute schon und in den kommenden Jahren immer st\u00e4rker jedermanns Lebensart, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[306,301,296,294,298,299,290,293,300],"tags":[9],"archiv":[77,78],"archiv_inhaltlich":[280,277,271,258,273,274,275,270,276],"class_list":["post-146","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essays","category-geschichte","category-gesellschaft_zeitgeist","category-kolumnen","category-kultur","category-oekonomie_oekologie","category-politik","category-themen","category-wissenschaft_bildung","tag-freier-lesetext","archiv-77","archiv-2000-01","archiv_inhaltlich-essays","archiv_inhaltlich-geschichte","archiv_inhaltlich-gesellschaft-zeitgeist","archiv_inhaltlich-kolumnen","archiv_inhaltlich-kultur","archiv_inhaltlich-oekonomie-oekologie","archiv_inhaltlich-politik","archiv_inhaltlich-themen","archiv_inhaltlich-wissenschaft-bildung"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"Globalisierung war der Zentralbegriff des vergangenen Jahres","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=146"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3802,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146\/revisions\/3802"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=146"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=146"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}