{"id":145,"date":"2000-12-31T23:00:00","date_gmt":"2000-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2000\/12\/31\/neujahrsessay-2001-das-globale-dorf-spricht-englisch\/"},"modified":"2022-12-26T17:45:46","modified_gmt":"2022-12-26T16:45:46","slug":"neujahrsessay-2001-das-globale-dorf-spricht-englisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2000\/12\/31\/neujahrsessay-2001-das-globale-dorf-spricht-englisch\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2001: Das globale Dorf spricht Englisch"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Wie zu jedem Jahreswechsel an dieser Stelle: Nachdenken. Hier sind wir, wohin gehen wir? Ein vorerst wertfreier Befund: Im Zentrum der aktuellen Ver\u00e4nderung der Welt steht ein Epochen-Umbruch weg vom Nationalismus hin zu einer umfassenden Internationalisierung aller Lebensbereiche. Hinsichtlich der Sprache erzwingt die beobachtbare Z\u00fcgigkeit dieses Prozesses die These: In l\u00e4ngstens drei Generationen wird Englisch allgemeine Verkehrssprache sein.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Der TV-Reisende Gerd Ruge kauderwelscht im tiefsten Balkan m\u00fchselig mit zwei alten Leutchen. Die haben gerade ihre Kuh heimgetrieben. Hinzu tritt die Tochter der beiden. Zwischen der Bulgarin und dem deutschen Journalisten entspinnt sich eine flie\u00dfende Unterhaltung &#8211; man spricht Englisch. Sie verkauft Holz nach Griechenland (also in die EU). Vermutlich sitzt die junge Frau tags\u00fcber am Computer, pr\u00fcft via Internet die globalen Holzm\u00e4rkte, wickelt dann per Handy und E-Mail auf Englisch das Gesch\u00e4ft mit ihren EU-Kunden ab.<\/p>\n<p>Die Situation ist symptomatisch f\u00fcr den Balkan, die \u00d6konomien der ehemaligen UdSSR, die dritte Welt: Vorindustrielle Subsistenz- neben Elementen globalisierter Gegenwarts-Wirtschaft. Erstere spricht in tausend Zungen, letztere Englisch &#8211; ob in Russland, China, Ghana oder Bolivien. Englisch ist bereits allgemeine Verkehrssprache der internationalen Wirtschaft und der Wissenschaft, ebenso der See-, Luft- und Weltraumfahrt, der Musik-, der Kino-, der Medienbranche. Und: Englisch ist die &#8222;Muttersprache&#8220; des Internets.<\/p>\n<h3>Richtung Weltsprache<\/h3>\n<p>EU-Beamte kommunizie ren in Br\u00fcssel englisch miteinander, wenn sie auf den Fluren oder beim Kaffee zu mehreren den kleinen Dienstweg beschreiten. Je gr\u00f6\u00dfer die EU, umso st\u00e4rker wird der Druck in Richtung einer gemeinsamen Verkehrssprache.<\/p>\n<p>Die Tendenz zur Weltsprache wird von mehreren Seiten her verst\u00e4rkt. Einmal quasi von oben: Die zunehmende Multinationalit\u00e4t der Konzerne erzwingt Englisch als Konzernsprache, die sich Zug um Zug von den Managementebenen nach unten ausbreitet. \u00c4hnlich in der Wissenschaft: Wer mithalten will, muss dem englisch gef\u00fchrten internationalen Diskurs folgen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die subkutane, die &#8222;schleichende&#8220; Ausbreitung des Englischen \u00fcber die multimediale Alltagskultur. Auch wer nie Englisch- Unterricht hatte, verf\u00fcgt heute \u00fcber einen betr\u00e4chtlichen (zumindest passiven) Englisch- Wortschatz. Die Vertreter der neuen Weltsprache verdr\u00e4ngen diejenigen der vorherigen europ\u00e4ischen Adels-, Bildungs- und Revolutionssprache Franz\u00f6sisch: Portemonnaie, Kanapee oder Trottoir verschwinden aus dem Volksmund; der macht daf\u00fcr eifrig von Airport, Business, Power, Show oder Shop Gebrauch.<\/p>\n<p>Etwas v\u00f6llig Neues ist der spachliche Paradigmenwechsel nicht. Englisch wird die dritte Generalsprache sein, die das Abendland nach Latein und Franz\u00f6sisch annimmt. Von seinen beiden Vorfahren unterscheidet das Englische allerdings, dass es sich dabei erstmals um eine multinationale Volkssprache handelt. Neben die genannten wirtschaftlichen und kulturellen Trendverst\u00e4rker tritt, dass inzwischen in den meisten entwickelten L\u00e4ndern jeder Schulabg\u00e4nger (Europa!) englische Sprachkenntnisse vorweisen kann.<\/p>\n<p>Das Imperium Romanum brachte Latein als Herrschersprache \u00fcber Europa, Kleinasien und Nordafrika. Nach dem Niedergang Roms sicherte das Christentum die Vormacht der Lingua Latina als europ\u00e4ische Elitesprache. Im Zeichen des Kreuzes redeten Kirchenm\u00e4nner, F\u00fcrsten und Gelehrte f\u00fcr Jahrhunderte lateinisch miteinander.<\/p>\n<p>Nach Reformation und Religionskriegen beendete das 18. Jahrhundert das lateinische Sprachmonopol vollends. An den F\u00fcrstenh\u00f6fen von Lissabon bis Moskau wurde der Glanz des franz\u00f6sischen Hofes zum Trendsetter. Wer auf sich hielt, parlierte Franz\u00f6sisch &#8211; und wer die Welt ver\u00e4ndern wollte, tat&#8217;s auch: Autokraten, Aufkl\u00e4rungsphilosophen und Revolution\u00e4re redeten in gleicher Zunge \u00fcber alle Grenzen hinweg (gegeneinander). Franz\u00f6sisch war nahe dran, erste allgemeine Verkehrssprache Europas zu werden. Doch dieser Entwicklung kam die Herausbildung der Nationalstaaten und mit ihr die Zersetzung freiheitlichen Aufkl\u00e4rungsgeistes durch Nationalideologien in die Quere.<\/p>\n<h3>Moderne oder Steinzeit<\/h3>\n<p>Die Folgen sind bekannt: Der Nationalismus f\u00fchrte im 19. und 20. Jahrhundert zu den gr\u00f6\u00dften V\u00f6lkergemetzeln der Geschichte; bis heute befeuern nationalistische und nationalreligi\u00f6se Stimmungen die meisten Kriege. Dem k\u00f6nnte die Globalisierung alsbald ein Ende machen (was nicht ihre schlechteste Seite w\u00e4re!), denn es steht inzwischen jedes Volk und jedes Land vor der Alternative: Einsteigen in die Internationalisierung &#8211; oder zur\u00fcck in die Steinzeit!<\/p>\n<h3>Auslaufmodell Nationalstaat<\/h3>\n<p>Dieser Automatismus macht iranischen Mullahs, chinesischen Kommunisten oder balkanischen Despoten ebenso zu schaffen wie amerikanischen Werte-Fundamentalisten oder Deutscht\u00fcmlern. Globaler Fluss von Kapital und Waren, multinationale Unternehmens-Zusammenschl\u00fcsse und Staatsverb\u00fcnde werden flankiert durch den englischsprachig grundierten und damit nahezu allgemein verst\u00e4ndlichen Fluss von Kultur, Informationen und Ideen. Damit entzieht die Globalisierung dem Nationalismus tendenziell seine Basis: &#8222;Unser&#8220; Geld, &#8222;unsere&#8220; Wirtschaft, &#8222;unsere&#8220; Wissenschaft, &#8222;unsere&#8220; Kultur, ja sogar &#8222;unsere&#8220; Politik &#8211; all das gibt es im globalen Dorf als national definierbare Gr\u00f6\u00dfe immer weniger. Damit stellt die Globalisierung den Nationalstaat selbst als vorherrschende Organisationsform staatlicher Gemeinschaft in Frage.<\/p>\n<p>Es gibt gute Gr\u00fcnde sich \u00fcber diese Entwicklung sowohl zu freuen als auch zu entsetzten. Der Entwicklung selbst sind unsere Aufregungen freilich v\u00f6llig gleichg\u00fcltig. Sie gehorcht stur ureigenen Gesetzen &#8211; solange die Menschheit nicht als \u00fcbereinstimmend vern\u00fcnftig handelndes Subjekt den geschichtlichen Gang bestimmt. Dass derlei nirgends in Sicht ist, zeigt etwa der Blick auf die erb\u00e4rmliche Unvernunft des j\u00fcngsten Klimagipfels oder die Wahnsinns-Ergebnisse &#8222;moderner&#8220; Landwirtschaft oder die Vermarktungs-orientierte Kurzsichtigkeit der Gen-Wissenschaft &#8230;<\/p>\n<p>So wird in Sachen Sprache die Entwicklung also h\u00f6chstwahrscheinlich automatisch dahin treiben, dass in 40 bis 60 Jahren auch auf dem Gebiet des heutigen Deutschland die meisten Menschen englisch sprechen, denken, tr\u00e4umen. Dazu werden meine Enkel ebenso geh\u00f6ren wie die von Abdullah oder Ludmilla.<\/p>\n<p>Was soll man nun davon halten? F\u00fcr meinen Teil hoffe ich, die Enkel sprechen dann ein gutes, nuancenreiches, ausdrucksm\u00e4chtiges Englisch, keine Werbe-Comic-St\u00fcmmelei. Sollten sie in der Lage sein, Goethes &#8222;Faust&#8220; au\u00dfer in der englischen \u00dcbertragung auch im deutschen Original zu verstehen, w\u00fcrde mich das gewiss recht freuen.<\/p>\n<p>Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck 2. Januar 2001<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Wie zu jedem Jahreswechsel an dieser Stelle: Nachdenken. Hier sind wir, wohin gehen wir? Ein vorerst wertfreier Befund: Im Zentrum der aktuellen Ver\u00e4nderung der Welt steht ein Epochen-Umbruch weg vom Nationalismus hin zu einer umfassenden Internationalisierung aller Lebensbereiche. 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