{"id":144,"date":"2001-12-31T23:00:00","date_gmt":"2001-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2001\/12\/31\/neujahrsessay-2002-lust-und-freude-am-lernen\/"},"modified":"2022-12-26T17:43:53","modified_gmt":"2022-12-26T16:43:53","slug":"neujahrsessay-2002-lust-und-freude-am-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2001\/12\/31\/neujahrsessay-2002-lust-und-freude-am-lernen\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2002: Lust und Freude am Lernen"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Die internationale Schulstudie &#8222;Pisa&#8220; hat Deutschland geschockt. Unsere Sch\u00fcler begreifen Texte nicht, k\u00f6nnen ihr Wissen nicht praktisch anwenden. Und: Kinder reicher Familien haben bessere Chancen. Alle sprechen nun von der Notwendigkeit des Umdenkens in Schule, Bildungspolitik, Gesellschaft. Aber in welche Richtung soll umgedacht werden? Antworten lassen sich nicht aus dem \u00c4rmel sch\u00fctteln, denn sie ber\u00fchren auch grunds\u00e4tzlich verschiedene Denkungsarten \u00fcber Schule und Lernen, Bildung und Erziehung, Wissen und Begreifen, Pauken und Durchdringen.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Da sitzt pl\u00f6tztlich dieser alte Mann zwischen den Erstsemestern im germanistischen Seminar. Rentner, 68 Lebensjahre auf dem Buckel, Gasth\u00f6rer; will &#8222;noch einmal die Schulbank dr\u00fccken&#8220;, will &#8222;noch einmal etwas ganz anderes lernen&#8220;. Warum er sich ohne Not die M\u00fchsal eines Studiums aufl\u00e4dt, fragen die Jungen. &#8222;Mir macht das Lernen Freude&#8220; erkl\u00e4rt der Alte, packt Block und Schreibstift aus, macht sich mit Eifer ans Werk. Keine Rede von &#8222;Wer rastet, der rostet&#8220;. Dieser Senior studiert nicht, um sich fit zu halten, sondern er bereitet sich eine Freude: Lernen ist ihm ein besonderer (sp\u00e4ter) Lebensgenuss &#8211; geistige Fitness gibt es als Nebenprodukt gratis. Schwer zu begreifen f\u00fcr seine 40 oder 50 Jahre j\u00fcngeren Mitstudenten, die &#8222;f\u00fcrs Leben lernen&#8220;, sprich: zwecks Berufschancen sich aufs Examen vorbereiten m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>K\u00fcr und Pflicht<\/h3>\n<p>Ein (erlebtes) Beispiel, das zwei grundlegend verschiedene Verst\u00e4ndnisse von Lernen offenbart. Hier Lernen als Freude stiftendes, weitergedacht: als Sinn stiftendes Tun; dort Lernen als zweckgerichtete Ausbildung. Hier freiwillige K\u00fcr, dort (\u00fcberlebens-)notwendige Pflicht. &#8222;Halt!&#8220;, rufen P\u00e4dagogen diverser Zeitalter dazwischen. &#8222;Sind wir nicht seit Jahr und Tag bem\u00fcht, diesen Graben zuzusch\u00fctten?! Besteht nicht von jeher unser Streben darin, Lernen zu einer spannenden Entdeckungsreise, Kenntnis- und Fertigkeitserwerb zu einem lustvollen Prozess zu machen?! Gilt uns nicht stets Erziehung als Weg hin zur human-sozialen Selbstbestimmung?!&#8220;<\/p>\n<p>So ist es. Eine Vielzahl p\u00e4 dagogischer Theoretiker und Praktiker dachten, schrieben und wirkten auf oft ganz verschiedene Weise in diesem Sinn &#8211; Humboldt, Pestalozzi, Kerschensteiner, Spranger, um nur einige der bekanntesten Namen aus dem deutschen Raum zu nennen. Jeder Lehrer wei\u00df von ihnen und all den anderen Lern-\/Erziehungs-Ans\u00e4tzen, kommen sie von Rousseau, Don Bosco, Makarenkow, Montessori, Steiner oder aus Summerhill. Und doch: Mochte die P\u00e4dagogik auch in Theorie und diversen Versuchsprojekten die herrlichsten H\u00f6hen erklimmen, so behielt drunten im Alltags-Tal \u00fcber Generationen jener ber\u00fcchtigte Trichter die Vorherrschaft, mittels dessen des Lehrers Zeigefinger (oder Rohrstock oder Notenbuch) Fakten, Fakten, Fakten ins oft sperrig bleibende Hirn der Z\u00f6glinge presste.<\/p>\n<p>Nix Trichter, nix Rohrstock &#8211; verwahren sich heutige Lehrer zu Recht. &#8222;Motivation&#8220; hei\u00dft der zentrale schulpraktische Grundsatz seit den 60er\/70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Gemeint ist das Wecken der Sch\u00fcler- Neugierde, das Entfachen der Lust auf Durchblick, Verstehen, Begreifen.<\/p>\n<h3>Alte Gewohnheiten<\/h3>\n<p>Somit w\u00e4re die human-be stimmte P\u00e4dagogik &#8211; wohl erstmals seit der Antike &#8211; endlich auf breiter Front im Alltag angelangt? Wenn, ja wenn die Motivation nicht stets auch erstes Opfer eben dieses Alltags w\u00fcrde. Die Lehrkraft sei in erster Linie Motivator, lautet die Forderung. Was aber, wenn dem Motivator selbst die Motivation abhanden kommt? Oder: Wenn er zwar die Neugierde der Sch\u00fcler mit einer geschickten ersten Motivationsphase weckt, sie hernach aber doch wieder mit Fakten, Fakten, Fakten totschl\u00e4gt?<\/p>\n<p>Da landet manche als spannende Entdeckungsreise begonnene Unterrichtseinheit nur allzu bald in der Tristesse mehr oder minder h\u00fcbsch verpackter Pauk- Stunden. Beispiele: Statt ausgiebig \u00fcber Inhalt und Lebensbezug eines Gedichtes oder Romanes zu disputieren, statt den Seelenqualit\u00e4ten einer Sinfonie nachzusp\u00fcren, gibt&#8217;s akademische Formenanalyse bis zum Erbrechen. Statt die Wunder von Hebelgesetzen, schiefer Ebene, Wassers\u00e4ule, Elektrizit\u00e4t &#8230; am sinnlich erfahrbaren, &#8222;anschaulichen&#8220; Lebensbeispiel zu erforschen, zu erhellen, in Anwendung zu bringen, wird theoretisiert. Statt die Menschengeschichten hinter den Geschichtszahlen &#8222;auszugraben&#8220;, wird Geschichte unter Faktenbergen begraben. Statt diesen Stoff mit jenem zu verbinden und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcrs Netzwerk Welt zu sch\u00e4rfen, bleibt&#8217;s beim in sich geschlossenen Fachunterricht.<\/p>\n<p>Nicht an jeder Schule, nicht bei jedem Lehrer, nicht in jeder Unterrichtsstunde und selten in der zugespitzt dargestellten Form. Aber in der Tendenz offenbar doch auf breiter Front &#8211; wom\u00f6glich aufgepeppt durch massiven Einsatz moderner Multimedia-Unterrichtsmittel. Aber wie sagte der Leiter eines Lehrerseminars: &#8222;Der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Unterricht macht sich nicht an Schiefertafel oder Computer fest, sondern daran, ob es ihnen (den Lehrern) gelingt, die Sch\u00fcler zu bewegen, dass sie das Thema selbst in die Hand nehmen und aus eigenem Antrieb durchwalken.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was gibt es?&#8220; &#8222;Wie geht das?&#8220; &#8222;Warum ist das so?&#8220; &#8222;Welche Konsequenz hat das f\u00fcr uns?&#8220; &#8211; vier Fragen, vier Erkenntnisschritte, auf die jeder gute TV-Produzent seine Natur-, Wissenschafts- oder Kultur-Sendungen aufbauen muss. Dann lassen sich Zuseher in betr\u00e4chtlicher Zahl gewinnen und &#8222;binden&#8220;. Der Erfolg solcher Sendungen beim Publikum r\u00fchrt daher, dass sie die Lust an Welt-&#8222;Erfahrung&#8220;, -Entdeckung, -Durchdringung ebenso ansprechen wie das Bed\u00fcrfnis nach erinnernder und\/oder historisch fortlaufender Zeitzeugenschaft, Nostalgie inklusive. Kaum ein Fernsehzuschauer kann aus den so gewonnen Erkenntnissen direkt &#8222;Nutzen ziehen&#8220;. Und doch lernt er, f\u00fcr sich, sein Leben; und dieses Lernen bereitet ihm Freude: &#8222;Abenteuer Wissenschaft&#8220;, ein Titel, der Programm sein kann, sein muss &#8211; f\u00fcrs Lernen. Schule kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Viele Entdeckungen, die dem passiv lernenden TV-Seher nur vorgef\u00fchrt werden, k\u00f6nnen, sollen Sch\u00fcler selbst machen. Und sie d\u00fcrfen Spa\u00df daran haben!<\/p>\n<p>An den Ergebnissen der internationalen Schulstudie &#8222;Pisa&#8220; ist weniger erschreckend, dass Deutschland so weit hinten steht. Wer jetzt blo\u00df \u00fcber mangelnde Wettbewerbsf\u00e4higkeit klagt, verkennt ebenso, worum es geht, wie derjenige, der vorrangig druckvollere Wissensvermittlung und effektivere Wissens\u00fcberpr\u00fcfung fordert. &#8222;Pisa&#8220; offenbart viel eher ein grundlegend falsches Verst\u00e4ndnis von Lernen in Deutschland: (Abfragbares) Wissen wird hier zu Lande h\u00f6her bewertet als Durchdringen, Begreifen und Anwenden. Vielleicht ist Verst\u00e4ndnis in diesem Zusammenhang das falsche Wort, denn zumindest jeder Lehrer hat gelernt (sollte gelernt haben), dass das eigentliche Schulziel das allgemeine Begreifen-K\u00f6nnen selbstverantwortlicher Pers\u00f6nlichkeiten ist. Vern\u00fcnftig strukturiertes Faktenwissen ist dabei unverzichtbares Hilfsmittel, mehr aber kaum.<\/p>\n<h3>Lehrer im Zentrum<\/h3>\n<p>Insofern steht (nicht nur) Deutschland, will es aus dem &#8222;Pisa&#8220;-Schock ernsthaft Konsequenzen ziehen, tats\u00e4chlich eine Art Kulturrevolution im Schulwesen bevor. Diese Neuordnung\/Neuorientierung muss vorrangig von Lehrern und Erziehern getragen werden: Die revitalisieren, was sie einmal gelernt haben; die sich von beamteten Wissensvermittlern in P\u00e4dagogen r\u00fcckverwandeln; die Klassenzimmert\u00fcren aufrei\u00dfen, Hilfe, Rat, Kooperation, Teamgeist hereinlassen und hinausschicken. Und: Die als engagierte P\u00e4dagogen sich selbst ebenso wie der Politik und der Gesellschaft wieder und wieder vor Augen f\u00fchren, dass es in der Schule eines demokratischen Gemeinwesens letztlich nur ein einziges wirkliches Erfolgsrezept geben kann: Lust und Freude am Lernen.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck am 2. Januar 2002<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Die internationale Schulstudie &#8222;Pisa&#8220; hat Deutschland geschockt. Unsere Sch\u00fcler begreifen Texte nicht, k\u00f6nnen ihr Wissen nicht praktisch anwenden. Und: Kinder reicher Familien haben bessere Chancen. 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