{"id":143,"date":"2002-12-31T23:00:00","date_gmt":"2002-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2002\/12\/31\/neujahrsessay-2003-gesucht-eine-vision-fuer-morgen\/"},"modified":"2022-12-26T17:41:24","modified_gmt":"2022-12-26T16:41:24","slug":"neujahrsessay-2003-gesucht-eine-vision-fuer-morgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2002\/12\/31\/neujahrsessay-2003-gesucht-eine-vision-fuer-morgen\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2003 \/ Gesucht: Eine Vision f\u00fcr morgen"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Alles muss anders werden! Dies war die Maxime im zur\u00fcckliegenden Jahr, wird es auch im kommenden sein. Die Welt ist mal wieder in Turbulenzen geraten, die bisherige Lebensweisen s\u00e4mtlich in Frage stellen. Unser traditionelles Neujahrs-Essay bemerkt indes eine fatale Leerstelle in dieser Umbruchsphase: Nirgends sind Ideen, Visionen, Utopien sichtbar, zu welcher Art von Gemeinwesen all die Ver\u00e4nderungen letztlich f\u00fchren sollen.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Der Sozialismus sowjeti scher Auspr\u00e4gung wurde 1989 zu Grabe getragen. Er hatte den Kampf der Systeme politisch und \u00f6konomisch verloren: Die Menschen mochten weder die Unfreiheit unter der Parteidiktatur noch die staatsmonopolistische Mangelwirtschaft l\u00e4nger ertragen. Doch im 13. Jahr nach der Wende f\u00e4llt es zunehmend schwerer, den Kapitalismus als &#8222;Sieger&#8220; zu besingen. Es mehren sich Fragen an die Zukunftstauglichkeit der j\u00fcngsten Auspr\u00e4gungen dieser Wirtschaftsweise, die nunmehr unangefochten global vorherrscht &#8211; und sich dabei ganz ungeniert mit unterschiedlichsten Staatsformen von der westlichen Demokratie bis zur orientalischen Despotie verbindet.<\/p>\n<p>Die Demokratie ist dem Wesen nach eine voluntaristische Herrschaftsform. Die frei gew\u00e4hlte Staatsf\u00fchrung soll dem in freier Diskussion gebildeten Volkswillen Geltung verschaffen und zugleich die individuellen Rechte der B\u00fcrger sch\u00fctzen. Somit hat in der Demokratie vom ideellen Grundsatz her das Primat von Politik und Recht zu gelten.<\/p>\n<h4>Nationale Machtlosigkeit<\/h4>\n<p>Betrachtet man jedoch die gegenw\u00e4rtige Entwicklung, so findet man die Politik immer h\u00e4ufiger in der Rolle einer blo\u00dfen Reparaturkolonne. Atemlos rennen ihre nationalen Fraktionen hinter der weit gehend eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten gehorchenden Maschine Globalwirtschaft her, um nur einige der unangenehmsten Folgen von derem Wirken zu mildern. Umweltzerst\u00f6rung, Arbeitslosigkeit, Verfall sozialer Strukturen und humaner Werte, Unterwerfung von Wissenschaft und Kultur unter Verwertungsmaximen seien als Stichworte genannt.<\/p>\n<p>Unterstellen wir einmal, dass unsere Politiker und Wirtschaftsf\u00fchrer guten Willens sind, ihr Bestes auch im Interesse des Gemeinwesens zu tun. Wenn sich trotzdem scheinbar unl\u00f6sbare Widerspr\u00fcche h\u00e4ufen, k\u00f6nnen Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Systems selbst nicht ausbleiben. Einige Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li>Einerseits ist die Notwendigkeit zum \u00f6ffentlichen wie privaten Sparen augenf\u00e4llig. Andererseits st\u00fcrzt Konsumreduzierung die Wirtschaft nur noch tiefer in die Krise.<\/li>\n<li>Einerseits sollen \u00e4ltere Arbeitnehmer zwecks Bek\u00e4mpfung der Arbeitslosigkeit fr\u00fcher in Rente gehen. Andererseits liegt zwecks Sicherung des Rentensystems eine Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeitszeit nahe.<\/li>\n<li>Einerseits war die Produktivit\u00e4t pro Kopf der Besch\u00e4ftigten nie so hoch wie heute. Andererseits sinkt der Wert ihrer Arbeit in wachsendem Tempo.<\/li>\n<li>Einerseits schafft unsere Volkswirtschaft mehr &#8222;Reicht\u00fcmer&#8220; denn je. Andererseits ist die Gesellschaft scheinbar so &#8222;verarmt&#8220;, dass sie das Niveau der Sozialsysteme nicht halten kann.<\/li>\n<li>Einerseits w\u00e4re es vern\u00fcnftig, die Zahl der Autos auf den Stra\u00dfen ebenso zu verringern, wie den Ressourcenverbrauch generell. Andererseits w\u00e4ren durchgreifende Fortschritte in dieser Richtung f\u00fcr die Wirtschaft katastrophal.<\/li>\n<li>Einerseits nimmt im unteren Drittel der Gesellschaft Armut immer mehr zu, w\u00e4chst im mittleren die Gefahr schnellen sozialen Abstiegs. Andererseits konzentrieren sich im oberen Drittel st\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfere Teile des Reichtums.<\/li>\n<li>Einerseits beklagen wir den zunehmenden Verfall der Familien. Andererseits erfordert die strukturelle Wirtschaftsentwicklung den allseits mobilen und flexiblen (Wander-)Menschen.<\/li>\n<li>Einerseits m\u00fcsste das Wachstum der Weltbev\u00f6lkerung unbedingt gestoppt werden, andererseits wollen die Industrienationen unbedingt ihre sinkende Geburtenrate wieder in die H\u00f6he treiben &#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Wachstum als Staatsziel<\/h3>\n<p>Die Liste der Widerspr\u00fcche lie\u00dfe sich beliebig verl\u00e4ngern und auf s\u00e4mtliche gesellschaftlichen Bereiche ausdehnen. Doch es sind heute die wirtschaftlichen Gr\u00f6\u00dfen, von denen alles \u00dcbrige abh\u00e4ngt. Menschenw\u00fcrde, Freiz\u00fcgigkeit, soziale Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Wohlfahrt und Gl\u00fcck f\u00fcr jeden in einer intakten Umwelt &#8211; diese gro\u00dfe Utopie, die ureigentliche Sinn- und Zweckbegr\u00fcndung der Demokratie wurde, verliert zusehends ihre Erstrangigkeit in der Staats- und Gesellschaftspolitik sowie in den K\u00f6pfen vieler B\u00fcrger. Vordergr\u00fcndig noch als ideeller Ma\u00dfstab hochgehalten, werden diese Grundwerte in Wirklichkeit von den &#8222;wirtschaftlichen Zw\u00e4ngen&#8220; des Globalismus mehr und mehr ins Museum f\u00fcr pietistische Nostalgie abgedr\u00e4ngt. F\u00f6rderung der &#8222;Wettbewerbsf\u00e4higkeit&#8220; und Steigerung des &#8222;wirtschaftlichen Wachstums&#8220; werden de facto zum obersten Staatsziel. Darum ringen nun alle mit aller Macht, mal mehr, mal weniger Erfolg versprechend.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens an dieser Stelle aber beginnt die Katze sich von hinten her selbst aufzufressen. Denn die Geschichte des &#8222;wirtschaftlichen Wachstums&#8220; besteht tendenziell in einer fortlaufenden Anhebung genannter Widerspr\u00fcche auf h\u00f6here Niveaus. Die Wirtschaftszyklen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges brachten einen kontinuierlichen Anstieg des Arbeitslosensockels auf vier Millionen mit sich. Nach dem n\u00e4chsten Zyklus k\u00f6nnten es f\u00fcnf oder mehr sein &#8230;.<\/p>\n<p>Neues Wachstum, das Besserung f\u00fcr morgen verspricht, ist nur die Vorbereitung einer noch gr\u00f6\u00dferen Krise \u00fcbermorgen. Von der die menschliche Spezies insgesamt gef\u00e4hrdenden \u00dcberschreitung der &#8222;Grenzen des Wachstums&#8220; mag schon keiner mehr reden. Wer beim Wachstumsspiel nicht mitmacht, schlecht spielt oder als freier Kleinunternehmer im selbstst\u00e4ndigen Handel und Gewerbe sowie im Mittelstand schlechte Karten gegen die immer gr\u00f6\u00dferen Kapitalballungen hat, der ger\u00e4t unter die R\u00e4der. Weshalb, notgedrungen, alle mitmachen und sich national wie international im Hamsterrad der &#8222;Wettbewerbsf\u00e4higkeit&#8220; abstrampeln: Der Verlierer von heute konzentriert und rationalisiert, bis er Sieger \u00fcber seinen Mitbewerber ist; dieser dreht nun seinerseits an der Rationalisierungsschraube &#8230;<\/p>\n<p>Die Krux dieses Mechanismus ist, dass einer immer zu Lasten anderer gewinnt &#8211; und in jedem Fall zahlreiche Menschen auf der Strecke bleiben sowie riesige Sachwerte vernichtet werden. Recht besehen, funktioniert der Kapitalismus in seiner heutigen globalen Form noch immer nach dem unzivilisierten Gesetz des St\u00e4rkeren, nach der Naturregel von fressen und gefressen werden.<\/p>\n<p>Die Kultur- und Geistesgeschichte l\u00e4sst sich auch als permanenter Diskurs \u00fcber die Frage betrachten, wie der Mensch diesen archaischen Automatismus \u00fcberwinden und zu wahrhaft selbstbestimmter Zivilisiertheit fortschreiten kann. Dieser Diskurs hat mannigfache, sinnige wie unsinnige Alternativ- und Zukunftsentw\u00fcrfe hervorgebracht, von den antiken Staatsphilosophien und diversen Gottesstaat-Ideen \u00fcber die Vorstellungen der Aufkl\u00e4rer, der humanistischen und der fr\u00fchsozialistischen Denker oder republikanischen Revolution\u00e4re bis hin zum Versuch einer sozialen Marktwirtschaft als gleichberechtigter Partnerschaft von Arbeit und Kapital.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich erweist sich auch diese bislang letzte unserer Utopien, die soziale Marktwirtschaft, eben gerade als idealistischer Irrtum. Denn wie die meisten Utopien verlangt auch sie die Herrschaft des menschlichen Willens, in diesem Fall des demokratischen Gemeinwesens, \u00fcber den Gang der gesellschaftlichen Dinge. Haben wir diese Herrschaft tats\u00e4chlich inne? Oder treibt uns nicht eher die Macht des Faktischen in Form der Allgewalt globalisierter \u00d6konomie vor sich her?<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen darf die Gesellschaft das Streben nach einer besseren Welt nicht aufgeben. Denn wer keine Vorstellung davon hat, was er \u00fcber den Tag hinaus anstrebt, kann nicht Herr des Verfahrens bleiben oder wieder werden. Doch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben jedwede Utopie diskreditiert und alle heutigen Denker in &#8222;Tages- Realisten&#8220; verwandelt oder in den Fatalismus getrieben. Das ist nachvollziehbar &#8211; doch ohne Visionen bleibt der Mensch ewig nur ohnm\u00e4chtiger Spielball der Geschichte.<\/p>\n<h3>Der Weisheit letzter Schluss?<\/h3>\n<p>Dass die Demokratie eine der besten unter den vorstellbaren Staatsformen ist, steht au\u00dfer Zweifel. Dass aber der turbokapitalistische Globalismus des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts der menschlichen Weisheit letzter Schluss an Wirtschaftskultur sein soll, das zu glauben f\u00e4llt schwer. Es w\u00e4re gar zu erb\u00e4rmlich, w\u00fcrde der Homo sapiens seine Zukunft einem Automatismus \u00fcberantworten, der letztlich einem einzigen Grundgesetz folgen m u s s: Wachsen, wachsen, wachsen &#8211; wohin auch immer, das aber zu jedem Preis. Gesucht wird: Eine Perspektive, f\u00fcr die zu streiten sich lohnt.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Alles muss anders werden! Dies war die Maxime im zur\u00fcckliegenden Jahr, wird es auch im kommenden sein. Die Welt ist mal wieder in Turbulenzen geraten, die bisherige Lebensweisen s\u00e4mtlich in Frage stellen. 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