{"id":142,"date":"2003-12-31T23:00:00","date_gmt":"2003-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2003\/12\/31\/neujahrsessay-2004-lernen-das-groesste-aller-abenteuer\/"},"modified":"2022-12-26T17:39:18","modified_gmt":"2022-12-26T16:39:18","slug":"neujahrsessay-2004-lernen-das-groesste-aller-abenteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2003\/12\/31\/neujahrsessay-2004-lernen-das-groesste-aller-abenteuer\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2004: Lernen &#8211; das gr\u00f6\u00dfte aller Abenteuer"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Seit Pisa ist die deutsche Schul- und Bildungswelt nicht mehr, was sie war. Das zur\u00fcckliegende Jahr stand im Zeichen gro\u00dfer bildungspolitischer Diskussionen und kleiner Reformans\u00e4tze. Die Ressource &#8222;Geist&#8220; wurde als zentraler Faktor f\u00fcr die k\u00fcnftige St\u00e4rke des Standorts Deutschland entdeckt. Doch der Missverst\u00e4ndnisse sind viele. Damit setzt sich heuer unser traditionelles Neujahrs-Essay auseinander &#8211; vor allem mit dem \u00e4rgsten Missverst\u00e4ndnis: der neuerlichen Reduzierung von Lernen auf Wissensaneignung.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Kleine Kinder sind eine geballte Ladung aus Neugierde, Entdeckerdrang, Pioniergeist, Lernfreude. Schon der S\u00e4ugling r\u00fcckt mit Haut, Mund, H\u00e4nden seiner unmittelbaren Umgebung zu Leibe. Mit Lust will er sie erschmecken, erf\u00fchlen, ertasten, mit Entz\u00fccken die Welt ergreifen, sie be-greifen. Und die Erwachsenen ringsumher werden eingespannt in diesen Prozess der Weltgewinnung: Gib mir dies, bring mich dorthin, lehr mich jenes! Liebe und W\u00e4rme, N\u00e4hrung und Reinigung, Spiel, Entdecken und Lernen: der S\u00e4ugling unterscheidet nicht, f\u00fcr ihn f\u00e4llt alles ineinander, ist K\u00f6rperliches, Geistiges, Sinnliches unteilbares Grundbed\u00fcrfnis; des Lebens Elixier.<\/p>\n<p>Doch irgendwann schon in der fr\u00fcheren Kindheit beginnt dann etwas aus dem Ruder zu laufen. Das eine Grundbed\u00fcrfnis wird zusehends zergliedert in Pflichten und Normen hier, Liebe, Spiel und Genuss da. Je nach Umgebungsbedingung kommt die Zergliederung fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, f\u00e4llt sch\u00e4rfer oder weniger scharf aus. Das Bauernkind voriger Jahrhunderte war in Zeiten harten \u00dcberlebenskampfes, kaum dass es laufen konnte, schon Arbeitskraft. Das Adelskind hingegen wurde zur gleichen Zeit dem Gesellschafts-Reglement unterworfen. Beiden wurde derart das Kindsein genommen. Kinder galten bis ins 18. Jahrhundert &#8211; hier der Not, dort der Norm gehorchend &#8211; als noch etwas schw\u00e4chliche kleine Erwachsene. Es war der franz\u00f6sische Zivilisationskritiker und P\u00e4dagoge Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der erstmals der Kindheit die Bedeutung einer eigenst\u00e4ndigen Lebensphase zusprach.<\/p>\n<h3>GEISTIGE PFLEGE<\/h3>\n<p>Das ist nun gut 250 Jahre her, pr\u00e4gt das Bild vom Kinde als eines zu liebenden, zu hegenden, zu f\u00f6rdernden Schutzbed\u00fcrftigen mit freilich ganz eigenen berechtigten Interessen und Ausdrucksformen bis auf den heutigen Tag. Die Geschichte der P\u00e4dagogik hat folgend zahlreiche Denker und Praktiker hervorgebracht, deren Einsichten und Methoden dieses Verst\u00e4ndnis von Kindheit verfeinerten, es schul- und lebenspraktisch zur Anwendung bringen wollten, teilweise gebracht haben.<\/p>\n<p>Philanthropen, sp\u00e4tere Humanisten, Reformp\u00e4dagogen, bei allen Unterschieden ist vielen von ihnen eine \u00dcberzeugung gemein, die sie teilen mit antiken Geistern wie Plato, Aristoteles, Cicero oder dem ersten systematischen P\u00e4dagogen der Neuzeit, dem Italiener Piero Paolo Vergerio (1370-1444): Erziehung sei &#8222;cultura&#8220; (Cicero), also &#8222;geistige Pflege&#8220; im Sinne einer Sorge f\u00fcr das nat\u00fcrliche Wachstum des Individuums.<\/p>\n<h3>AUSGANGSPUNKT INDIVIDUUM<\/h3>\n<p>F\u00fcr Vergerio ist Erziehung nicht die Ein\u00fcbung nach einem vorgegebenen Modell, sondern dient der Entfaltung und Vervollkommung der nat\u00fcrlichen F\u00e4higkeiten des Kindes, einer Formung des ganzen Charakters zur reifen moralischen Pers\u00f6nlichkeit. Ausgangspunkt dieser Art von P\u00e4dagogik ist immer das einzelne Kind, Ziel dieser Art von P\u00e4dagogik ist stets dessen optimale Entfaltung.<\/p>\n<p>Zwischen solchem Anspruch und der schulischen wie auch famili\u00e4ren Wirklichkeit liegen noch heute Welten. Die Diskrepanz r\u00fchrt nicht allein von der Kluft zwischen p\u00e4dagogischen Idealen und den Zw\u00e4ngen der Wirklichkeit. So manche P\u00e4dagogik begr\u00fcndete einst auch sich ungut entwickelnde, aber bis heute z\u00e4h nachwirkende Traditionen. Ihre Wurzeln reichen in die Reformationszeit zur\u00fcck. Johannes Sturm (1507-1589) entwarf eine protestantische P\u00e4dagogik, in der erstmals die noch von Melanchthon geforderte allumfassende, enzyklop\u00e4dische Erziehung dem Ziel einer &#8222;weisen und beredten Fr\u00f6mmigkeit&#8220; untergeordnet wurde.<\/p>\n<p>Sturm war auch einer der ersten, bei dem die rationelle Planung der Lehr- und Lernprozesse herausragende Bedeutung gewann. Auf katholischer Seite waren es fast zeitgleich die Jesuiten, die ihre Z\u00f6glinge in Klassen einteilten, die nach einem strengen Stundenplan mit vorgeschriebenen Lehrb\u00fcchern und Methoden unterrichteten. Straffe Lehr- und Lernordnung, Bew\u00e4hrungsproben, strenge Pr\u00fcfungen, standardisierte und religi\u00f6s ausgerichtete Lehrerausbildung &#8211; die Prinzipien der jesuitischen &#8222;Kollegs&#8220; (Gymnasium) des 16. Jahrhunderts haben im Schulwesen und dem popul\u00e4ren Verst\u00e4ndnis davon bis heute wahrscheinlich deutlichere Spuren hinterlassen als alle individualp\u00e4dagogischen Ans\u00e4tze zusammen. Die &#8222;Lehranstalt&#8220;, die Sch\u00fclern von au\u00dfen vordefinierte Inhalte, Fertigkeiten, Kenntnisse und Verhaltensmuster beibringt, beibiegt, einbleut hat sich in Deutschland im Grundsatz als \u00fcberzeitliche Regeleinrichtung behauptet. Von den gro\u00dfen P\u00e4dagogik-Reformen vorher und seither sind vor allem Verfeinerungen der Beibieg-Didaktik, formale Humanisierungen im Umgang und psychologische Methoden-Hilfen f\u00fcr den Unterricht geblieben.<\/p>\n<p>Wie tief dieses (Selbst-)Verst\u00e4ndnis von Schule als &#8222;Lehranstalt&#8220; f\u00fcr abrufbare Wissenskanons und Fertigkeiten sitzt, zeigte im zur\u00fcckliegenden Jahr etwa der Beschluss der Kultusministerkonferenz, sich auf bundesweit einheitliche Schulleistungstests zu einigen. Pisa hatte bei deutschen Sch\u00fclern vor allem ein Defizit in selbst\u00e4ndiger Denkf\u00e4higkeit offenbart. Wie reagiert man hier zu Lande darauf? Was wird als aktuell wichtigster Reformschritt der Nach-Pisa-Zeit gefeiert? St\u00e4rkere Zentralisierung, mehr Pr\u00fcfungen, Erh\u00f6hung des Drucks zur Aneignung standardisierten Wissens. Zugespitzt formuliert, verh\u00e4lt sich die Kultuspolitik wie der Volksmund gerne schwatzt: Weil die Anderen besser sind, m\u00fcssen die Unsrigen eben auf den Hosenboden gezwungen werden und mehr pauken.<\/p>\n<p>Gott sei Dank gibt es auch ein paar kl\u00fcgere Ans\u00e4tze, etwa das rheinland-pf\u00e4lzische Ganztagsschulen-Programm, sei es auch noch so mangelhaft. An dem nun freilich wieder gem\u00e4kelt wird, dass es w\u00e4hrend der Nachmittage noch zu wenig &#8222;Lehranstalt&#8220; sei, weil ja nicht Stund um Stund durchunterrichtet werde. In der M\u00e4kelei spiegelt sich das alte Missverst\u00e4ndnis wider, (klassischer) Unterricht sei das Herz allen Lernens. Falsch, v\u00f6llig falsch! Eigenes Tun ist das A und O des Lernens: forschen, entdecken, versuchen, nachdenken, besprechen, \u00fcben, rekapitulieren, arbeiten, spielen \u017e einzeln, zu zweien, in der Gruppe, mit oder ohne Lehrer. Die Bedeutung des Klassen-Unterrichts f\u00fcrs Lernen wird landl\u00e4ufig ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzt &#8211; wie der Wert von Faktenwissen ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzt wird.<\/p>\n<p>Nachgerade haneb\u00fcchen ist deshalb auch ein Vorschlag aus der Bayerischen Wirtschaft, k\u00fcnftighin schon vierj\u00e4hrige Kinder &#8222;arbeitsorientiert&#8220; zu verschulen. Nicht, weil deutsche Vierj\u00e4hrige nicht lernen wollten. Das Gegenteil ist doch der Fall: Je j\u00fcnger die Kinder, desto gr\u00f6\u00dfer ihre Lernlust. Leider hat Pisa f\u00fcr Deutschland zugleich offenbart: Je mehr Schuljahre unsere Kinder auf dem Buckel haben, umso gr\u00f6\u00dfer wird ihre Lernunlust. K\u00f6nnte es sein, dass ausgerechnet unsere Art der Schule, unsere &#8222;Lehranstalt&#8220; den Spr\u00f6sslingen die Freude am Lernen austreibt?<\/p>\n<h3>VORBILD KINDERGARTEN<\/h3>\n<p>Viel besser als das Schulwesen insgesamt stehen unsere Kinderg\u00e4rten und Grundschulen im internationalen Vergleich da. Was ist dort anders als an den Gymnasien? Spielen und Lernen, Entdecken und Erproben, Zuwendung und F\u00f6rderung, soziales Miteinander und F\u00fcreinander, Praxis und Theorie, Zielorientierung und humanbildende Zweckfreiheit sind wesentlich st\u00e4rker ineinander verwoben als bei den sp\u00e4teren Schulformen. Was bei unseren Kleinen (oder in Finnland bei allen) geschieht, wird oft als &#8222;p\u00e4dagogischer Ringelpietz&#8220; diskriminiert. Die so urteilen, sollten nach Pisa begreifen, dass ein Mangel an &#8222;Ringelpietz&#8220; einen Mangel an Geistes-, Herzens-, Kultur- und Sozialkompetenz zur Folge hat. Einen Mangel an Lernerfolg also, der unversehens ins internationale Abseits f\u00fchrt. &#8222;Vom Lernen unsrer J\u00fcngsten lernen&#8220;, sollte die Devise hei\u00dfen, denn Kindergarten und teils noch die Grundschule sehen eher den ganzen kindlichen Menschen. Nachher wird aus ihm das Belehr-Subjekt, herzurichten weniger f\u00fcrs Leben als f\u00fcrs Berufsleben &#8211; und deshalb letztlich f\u00fcr beides nicht recht ger\u00fcstet.<\/p>\n<p>Was so leichtfertig als &#8222;p\u00e4dagogischer Ringelpietz&#8220; abgetan wird, ist dem urspr\u00fcnglich nat\u00fcrlich-lustvollen Lernen angemessener als jede noch so raffinierte Art des Paukens. Und sage keiner, der Nachwuchs scheue blo\u00df die Anstrengung. Man schaue ihnen zu, wie sich anstrengen und placken beim Bau von Sandburgen, Baumh\u00e4uschen, Staud\u00e4mmen. Man erlebe die Wissbegierde und das schwei\u00dftreibende Zupackenwollen von Kindern auf dem Bauernhof. Man betrachte den Forschereifer im Schullabor, den Flei\u00df beim Streetball, das Engagement in der Theater-AG, die Wachheit beim Fremdsprachen-Austausch.<\/p>\n<h3>SPANNENDE ALTERNATIVEN<\/h3>\n<p>Laschheit, Unlust, TV-H\u00f6rigkeit greifen immer dann Platz, wenn keine Alternativen vorhanden sind. Da hilft kein Klagen und kein Verweis aufs N\u00f6tige f\u00fcr den ferneren Lebensweg, erst recht n\u00fctzt die Peitsche nichts: Die Alternativen m\u00fcssen einfach interessanter sein &#8211; jetzt und hier. Das ist die zentrale Herausforderung f\u00fcr die P\u00e4dagogik wie f\u00fcr die h\u00e4uslichen Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Wir haben es nicht mit den Kindern von gestern zu tun, sondern mit denen von heute. Die werden durch Bedingungen gepr\u00e4gt, die ihre Eltern geschaffen haben. Also h\u00f6ren wir bitte auf, \u00fcber eine &#8222;missratene Jugend&#8220; zu lamentieren. Und k\u00fcmmern uns statt dessen darum, dass diese Kinder Lernen als das erfahren, was es vom ersten bis zum letzten Tag des Lebens sein kann: das gr\u00f6\u00dfte aller Abenteuer.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Seit Pisa ist die deutsche Schul- und Bildungswelt nicht mehr, was sie war. Das zur\u00fcckliegende Jahr stand im Zeichen gro\u00dfer bildungspolitischer Diskussionen und kleiner Reformans\u00e4tze. Die Ressource &#8222;Geist&#8220; wurde als zentraler Faktor f\u00fcr die k\u00fcnftige St\u00e4rke des Standorts Deutschland entdeckt. Doch der Missverst\u00e4ndnisse sind viele. 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