{"id":141,"date":"2005-01-02T23:00:00","date_gmt":"2005-01-02T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/01\/02\/neujahrsessay-2005-das-erbe-der-aufklaerung-ist-in-gefahr\/"},"modified":"2022-12-26T17:35:50","modified_gmt":"2022-12-26T16:35:50","slug":"neujahrsessay-2005-das-erbe-der-aufklaerung-ist-in-gefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/01\/02\/neujahrsessay-2005-das-erbe-der-aufklaerung-ist-in-gefahr\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2005: Das Erbe der Aufkl\u00e4rung ist in Gefahr"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Fragen der Religion und Religiosit\u00e4t haben sich w\u00e4hrend des zur\u00fcckliegenden Jahres in der \u00f6ffentlichen Diskussion breit gemacht wie lange nicht. Die westlichen Demokratien suchen nach Antworten auf die Bedrohung durch fundamentalistischen Terror und die He-rausforderung durch die Renaissance des Islam. Unser Autor warnt in seinem traditionellen Neujahrs-Essay davor, Gleiches mit Gleichem zu beantworten und so das gro\u00dfe Erbe der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung zu gef\u00e4hrden.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>&#8222;Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!&#8220; Noch vor ein paar Jahren war die Ansicht in der westlichen Hemisph\u00e4re verbreitet, Immanuel Kants &#8222;Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung&#8220; k\u00f6nne alsbald vollends verwirklicht sein. Gedanken- und Glaubensfreiheit waren in den Demokratien selbstverst\u00e4ndlich; von Hautfarbe, Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft unabh\u00e4ngige gleiche B\u00fcrgerrechte f\u00fcr alle hatten Verfassungsrang erlangt. Das abergl\u00e4ubische Mittelalter schien ebenso \u00fcberwunden wie die Epoche der Religionskriege und die der Klassenk\u00e4mpfe. Man hielt die Vorherrschaft von Vernunft und Toleranz im Umgang der Menschen und Staaten miteinander f\u00fcr eine realistische M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Doch binnen gerade mal 15 Jahren werden die Ergebnisse des im 16. und 17. Jahrhundert begonnen &#8222;aufkl\u00e4rerischen&#8220; Prozesses von mehreren Seiten in die Zange genommen. Die mit der Revolution des Ayatollah Khomeini im Iran begonnene Renaissance des Islam entwickelt sich nach dem Zusammenbruch des so genannten &#8222;sozialistischen Lagers&#8220; weltweit zur zentralen Gegenbewegung wider die globale Expansion der &#8222;westlichen Kultur&#8220; und die Vorherrschaft ihrer Industrien. Zeitgleich beginnt im Westen selbst die Umwandlung bisheriger Sozialer Marktwirtschaften in &#8222;freie&#8220; Instrumente der Globalisierung. Wiederum fast zeitgleich machen sich auch in den westlichen Gesellschaften l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubte Verhaltensmuster breit.<\/p>\n<h3>Wieder die Gretchenfrage<\/h3>\n<p>Galt eben noch die friedliche, gleichberechtigte Koexistenz von Nationen und Kulturen als weltpolitisch erstrebenswerte Maxime, so greift nun wieder Sendungsbewusstsein um sich. F\u00fchlte man sich eben noch gut aufgehoben als Gleicher in der Gemeinschaft der V\u00f6lker, so macht sich nun wieder das Dr\u00e4ngen nach gr\u00f6\u00dfer, besser, \u00fcberlegen breit. Betrachtete man eben noch Religion als Privatsache und die religi\u00f6se Neutralit\u00e4t des Staates als Selbstverst\u00e4ndlichkeit, so wird auf einmal die Gretchenfrage aus Goethes &#8222;Faust&#8220; &#8211; &#8222;wie h\u00e4ltst du&#8220;s mit der Religion&#8220;- zum Dauerbrenner nicht nur in der privaten, sondern auch in der \u00f6ffentlichen, selbst in der staatspolitischen Diskussion.<\/p>\n<p>Als g\u00e4be es den Wertekanon des Grundgesetzes nicht, hallten im zur\u00fcckliegenden Jahr mannigfach Rufe durch unser Land, dem Dr\u00e4ngen diverser Moslems nach Gottesstaaten m\u00fcsse der Westen die R\u00fcckbesinnung auf seine christlichen Wurzeln entgegensetzen. Religi\u00f6sem Eiferertum mit religi\u00f6sem Eifer begegnen? Ein solcher Ansatz w\u00e4re eindeutig voraufkl\u00e4rerisch. Schon vergessen, was etwa Lessing in seinem Theaterst\u00fcck &#8222;Nathan der Weise&#8220; versucht, seinen Zeitgenossen und den Nachgeborenen ins Stammbuch zu schreiben? Dass der Zwist rechthaberischer und allein seligmachender Religionen nur Ungl\u00fcck \u00fcber die Menschen bringt; dass noch \u00fcber dem Recht der Gl\u00e4ubigen die Unantastbarkeit der W\u00fcrde jedes Menschen steht.<\/p>\n<p>Das Erbe der Aufkl\u00e4rung besagt: Religion kann kein Bestimmungsfaktor f\u00fcr die allgemeine Ordnung eines aufgekl\u00e4rten Gemeinwesens sein, weil es dadurch f\u00fcr Andersgl\u00e4ubige und Ungl\u00e4ubige zur Zwangsjacke w\u00fcrde. Von 82 Millionen Bundesb\u00fcrgern geh\u00f6ren 54 Millionen einem halben Hundert verschiedener christlicher Gemeinschaften an. Daneben leben rund drei Millionen Moslems im Land. Von den \u00fcbrigen 25 Millionen B\u00fcrgern ist die \u00fcberwiegende Mehrheit schlicht religionslos. Mindestens ein Drittel der Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde von einem wie auch immer religi\u00f6s definierten Gemeinwesen an den Rand gedr\u00e4ngt, am Ende gar unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>In fr\u00fcheren Zeitaltern haben K\u00f6nige, F\u00fcrsten, Grafen ihre Unteranen zu ihrer jeweiligen Religion gezwungen. Dies Prinzip hat schon einmal Europa in Schutt und Asche gelegt. Die Denker und Reformer der Aufkl\u00e4rung machten ihm den Garaus, indem sie vom Grundsatz her Religion zur Privatsache erkl\u00e4rten, und den Staat in den Rang des neutralen Garanten der W\u00fcrde und Freiheit a l l e r B\u00fcrger setzten. Katholik oder Protestant, Moslem oder Buddhist, Esoteriker oder Atheist &#8211; gemeinsam sind allen die universellen Menschenrechte sowie die Rechte und Pflichten des Staatsb\u00fcrgers. Der Privatmann mag seinen Gott \u00fcber den Gott seines Nachbarn zur Rechten stellen, beide m\u00f6gen sich privatim f\u00fcr etwas Besseres halten als ihr v\u00f6llig gottloser Nachbar zur Linken &#8211; dem aufgekl\u00e4rten Staat sind sie alle drei gleich lieb und schutzbefohlen. Einen h\u00f6heren gemeinsamen Wert als diesen &#8222;urhumanen&#8220; kann es auf Erden kaum geben &#8211; und anders als bei den Regeln des Himmels bedarf es dazu nicht des Glaubens, sondern &#8222;nur&#8220; der Vernunft.<\/p>\n<p>Doch mit dieser geht es neuerdings rapide bergab. Dass die nie von einer der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung vergleichbaren Bewegung durchdrungene moslemische Kultur sich schwer tut mit der weltlichen Vernunft, ist eine Sache. Und die wird nicht einfacher durch die Arroganz westlicher Macht und die tr\u00fcbsinnigen Unarten ihrer merkantilen &#8222;Kultur&#8220;. Die totale Unterwerfung aller Lebenssph\u00e4ren unter die Gesetze von Verkaufbarkeit und K\u00e4uflichkeit kann Moslem, Christ und Atheist gleicherma\u00dfen in Rage bringen. Im Grabe w\u00fcrden sich die gro\u00dfen Aufkl\u00e4rer von Kant und Lessing \u00fcber Diderot, John Locke, David Hume bis Rousseau und Voltaire umdrehen, m\u00fcssten sie nur einen Tag die &#8222;Geistigkeit&#8220; von Big-Brother-Containern, Dschungelcamps, einschl\u00e4gigen Gewalt- oder angeblichen Erotik-Blockbustern erleben.<\/p>\n<h3>Vernunft auf dem R\u00fcckzug<\/h3>\n<p>&#8222;Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit&#8220; sagte Kant &#8211; nicht ahnend, dass Zeit zum Nachdenken einmal als Langeweile begriffen und mit abgeschmackten Zeitvertreiben bek\u00e4mpft werden w\u00fcrde. Die Aufkl\u00e4rer bauten auf den selbstwussten, informierten, nachdenklichen, aufgeschlossenen, sich in die \u00f6ffentlichen Belange couragiert einmischenden B\u00fcrger. Doch der macht sich rar im fr\u00fchen 21. Jahrhundert: versinkt im Fernsehsessel; nutzt seine Freiheit zur Wahl unter 22 Telefonanbietern; beweist seine M\u00fcndigkeit, indem er sinkende Arbeitseinkommen akzeptiert, zugleich ebenso &#8222;vern\u00fcnftig&#8220; mehr konsumiert, mehr f\u00fcr Krankenversicherung und Altersvorsorge ausgibt (geben soll).<\/p>\n<h3>Im Kleinen wie im Gro\u00dfen<\/h3>\n<p>Es ist fatal, aber dem Erbe der Aufkl\u00e4rung wird von den Erben der Aufkl\u00e4rung selbst das Wasser abgegraben. Das geschieht im westlichen Alltag, das geschieht auch in der gro\u00dfen Politik. Amerika leistet sich einen Pr\u00e4sidenten, der sein Tun im Inneren wie im \u00c4u\u00dferen als g\u00f6ttliche Sendung, damit als sakrosankt und f\u00fcr alle Welt Gl\u00fcck bringend ausgibt. Ein US-Pr\u00e4sident, der meint, im Namen des christlichen Gottes zu handeln &#8211; wie der Terrorist Osama bin Laden meint, im Namen Allahs zu handeln. Osama bek\u00e4mpft Amerika als potenziellen Totengr\u00e4ber der islamischen Kultur, George W. bek\u00e4mpft den Islamismus als potenziellen Gef\u00e4hrder des American Way of Life. Womit wir wieder bei Lessing w\u00e4ren, denn aus der religi\u00f6sen Rechthaberei beider Fraktionen erw\u00e4chst Unheil f\u00fcr beide und f\u00fcr Unbeteiligte. Wobei, wie stets in der Geschichte, zu den religi\u00f6sen Gr\u00fcnden jede Menge ganz handfester hinzukommen.<\/p>\n<p>Mehr noch: Die Verfestigung der Frontstellung versch\u00e4rft nicht nur die Formen des &#8222;Krieges&#8220;, sondern legitimiert die Ausbreitung einer Kultur der Unfreiheit im Innern der verfeindeten Lager. Nie wurden in Amerika B\u00fcrgerrechte so massiv abgebaut wie seit den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001. Wobei es den Anschein hat, als nutze die jetzige Regierung die Situation auch, um der eigentlich multikulturellen US-Gesellschaft eine nationalistische und christreligi\u00f6se Leitkultur \u00fcberzust\u00fclpen. Daf\u00fcr gibt es im Moment in den Vereinigten Staaten augenscheinlich eine knappe (Wahlstimmen-) Mehrheit. Doch die Durchsetzung hat einen hohen Preis: Die Spaltung des Landes in einen &#8222;wertkonservativen&#8220; und in einen liberalen Bev\u00f6lkerungsteil. Frage: Ab wann empfindet sich Letzterer an den Rand gedr\u00e4ngt oder in die Zwangsjacke gesteckt? Wenn die Evolutionslehre zu Gunsten der Sch\u00f6pfungslehre aus den Schulb\u00fcchern verdr\u00e4ngt wird? Wenn homosexuelle Liebe wieder unter Strafe gestellt wird? Wenn Parlamentarier nur noch werden kann, wer bereit ist, auf die Bibel zu schw\u00f6ren?<\/p>\n<h3>Schaden f\u00fcr alle<\/h3>\n<p>Ansichten, wonach die Renaissance des Islam die haupts\u00e4chliche oder einzige Gefahr f\u00fcr das Erbe der Aufkl\u00e4rung darstellt, greifen zu kurz. Nicht minder schwerwiegend w\u00fcrde sich auswirken, wenn die westlichen Demokratien sich im Gegenzug von ihren bisherigen aufkl\u00e4rerischen Grunds\u00e4tzen abwenden. Nichts gegen Religiosit\u00e4t! Solange sie dem Andersdenkenden seine Freiheit und die Finger von der Neutralit\u00e4t des Staates l\u00e4sst. Wer auch immer aus welchem Glaubensgrund auch immer in eine andere Richtung dr\u00e4ngt, er schadet letztlich sich und uns allen.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Fragen der Religion und Religiosit\u00e4t haben sich w\u00e4hrend des zur\u00fcckliegenden Jahres in der \u00f6ffentlichen Diskussion breit gemacht wie lange nicht. 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