{"id":140,"date":"2005-12-31T23:00:00","date_gmt":"2005-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/12\/31\/neujahrsessay-2006-die-moderne-in-der-eigenen-falle\/"},"modified":"2022-12-26T17:26:25","modified_gmt":"2022-12-26T16:26:25","slug":"neujahrsessay-2006-die-moderne-in-der-eigenen-falle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/12\/31\/neujahrsessay-2006-die-moderne-in-der-eigenen-falle\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2006: Die Moderne in der eigenen Falle"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. Alle reden von Globalisierung. Und davon, dass man sich ihren Herausforderungen endlich stellen m\u00fcsse. Dieses Essay geht der Frage nach, ob es den Zeitgenossen mit dem globalen Denken und Handeln ernst ist. Zweifel kommen auf, sobald Themen wie Bev\u00f6lkerungsentwicklung und Wirtschaftswachstum ihre tats\u00e4chliche Global-Dimension offenbaren.<\/p>\n<p>Globalisierung. Ein Wort, das gewaltig dr\u00f6hnt in den K\u00f6pfen. Ist es Sammelbegriff f\u00fcr jene regellos entfesselten Kr\u00e4fte kapitalistischen Wirtschaftens, die alle bisherigen Gewissheiten umst\u00fcrzen, die s\u00e4mtliche gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse auf die Unerbittlichkeit und Zwanghaftigkeit reiner Geldverh\u00e4ltnisse reduzieren? Oder ist Globalisierung doch eher Ausdruck f\u00fcr einen, bisweilen schmerzhaften, Weg in eine lichte Zukunft, die auch den Elenden dieser Welt Teilhabe am so nie da gewesenen Reichtum gew\u00e4hrt?<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Ph\u00e4nomenen der Globalisierung &#8211; des Wortes wie der realen Prozesse -, dass sie sich derartigen Fragestellungen ziemlich erfolgreich entzieht. Der Trick geht so: Globalisierung wird als quasi naturgesetzliche Entwicklung ausgegeben; sie finde halt statt, sei unaufhaltsam, folge nicht menschlichem Willen, sondern Automatismen. Die Leute m\u00f6gen davon halten, was sie wollen, es spiele keine Rolle, erkl\u00e4ren die in Wirtschaft, Politik und Medien stark vertretenen &#8222;Realisten&#8220;. Sie bel\u00e4cheln Zeitgenossen als naiv und weltfremd, die Fragen obiger Art auch nur andeuten. Diskussion um Sinn, Unsinn oder Richtung der Globalisierung gilt ihnen als reine Zeitverschwendung: Den Selbstlauf der globalen \u00d6konomie ficht weder Kritik noch Politik noch Moral an.<\/p>\n<h3>&#8222;Realisten&#8220; zu kurzsichtig<\/h3>\n<p>Doch diese &#8222;Realisten&#8220; haben eine Schw\u00e4che: Ihr Blick greift zu kurz, und damit an den tats\u00e4chlichen Erfordernissen der globalen Realit\u00e4t vorbei. Warum? Weil sie unter Globalisierung nur den Prozess \u00f6konomischer Internationalisierung verstehen. Diese beschr\u00e4nkte Sicht f\u00fchrt interessanterweise gerade zu einem nicht-globalen Umgang mit den gesellschaftlichen Folgewirkungen der Globalisierung. W\u00e4hrend die Global-Player das ganze Erdenrund als Spielfeld benutzen, tobt in den Niederungen nationaler und regionaler Politik ein Hauen und Stechen jeder gegen jeden um das gef\u00e4llige Herausputzen von Standorten. Als gut und richtig gilt fortan einzig, was den eigenen Standort \u00f6konomisch reizvoll macht &#8211; f\u00fcr die wohlfeile Vernutzung durch die Global Player.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass man sich mit dieser provinziellen Art dem &#8222;Teile und Herrsche&#8220; des Globalismus schutzlos ausliefert. Damit einher geht zugleich Blindheit f\u00fcr andere, wirklich existenzielle Global-Probleme. Fatale Folge: Politik und allgemeines Denken tapsen perspektivisch in allerlei Fallen. Man schaue beispielsweise auf eines der zentralen Probleme f\u00fcr die k\u00fcnftige Entwicklung des Planeten, die Bev\u00f6lkerungsfrage. &#8222;Deutschland braucht wieder mehr Kinder&#8220;, t\u00f6nt es unisono auf allen Kan\u00e4len und aus s\u00e4mtlichen deutschen Parteim\u00fcndern. Die Politik plant in Serie Programme zur Erh\u00f6hung der Geburtenrate. Die Argumente daf\u00fcr sind hinl\u00e4nglich bekannt.<\/p>\n<p>\u00dcber die Effizienz von Zeugungs-F\u00f6rderma\u00dfnahmen wird im Land heftig gestritten. Globale Gesichtspunkte kommen dabei allerdings nicht vor! Man nehme die penetrante Aufforderung, sich den Herausforderungen der Globalisierung endlich zu stellen, einmal ernst und wende sie auf dieses Thema an. Von globaler Warte aus mutiert das deutsche Allparteien-Ziel &#8222;mehr Kinder&#8220; zur Absurdit\u00e4t. 6,5 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Welt. Viel zu viele! Weshalb die UNO seit Jahrzehnten die Eind\u00e4mmung des Wachstums der Weltbev\u00f6lkerung als wichtigste Menschheitsaufgabe betrachtet. In den 1980ern stand die hochgerechnete Zahl von zehn Milliarden Menschen noch vor 2050 als Menetekel am Horizont. Ende der 1990er wurde die Berechnung auf neun Milliarden nach unten korrigiert. Drei Hauptgr\u00fcnde sprachen f\u00fcr eine solche Verlangsamung des Bev\u00f6lkerungswachstums: erstens die rigide Ein-Kind-Politik Chinas, zweitens eine bescheidene Verkleinerung der Zuwachsrate bei den Geburten auch in anderen Schwellenl\u00e4ndern, drittens die sinkende Geburtenrate in den Industriel\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es war ein Hoffnungsschimmer, der jetzt zu verglimmen droht. Denn mittlerweile treibt China mit seiner 1300-Millionen-Bev\u00f6lkerung auf ein Altersproblem zu, gegen das sich unsriges vergleichsweise niedlich ausmacht. Sollte das Riesenreich nun nach deutschem Muster verfahren und die L\u00f6sung des Altersproblems im Versuch einer systematischen Erh\u00f6hung der Geburten suchen, w\u00e4ren die Folgen katastrophal. Die Menschenzahl in China w\u00fcrde explodieren. Wenn obendrein ausgerechnet die reichsten und die gr\u00f6\u00dften L\u00e4nder vorexerzieren, dass sie glauben, nur mit kr\u00e4ftigem Bev\u00f6lkerungswachstum ihre Zukunft meistern zu k\u00f6nnen, wieso sollten andere Gesellschaften Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ihre Bem\u00fchungen um Geburtenkontrolle fortsetzen? Global betrachtet sind die Anstrengungen Deutschlands zur Steigerung der Binnen-Geburtenrate ein Unding. Denn die Welt ist \u00fcberf\u00fcllt mit Menschen.<\/p>\n<p>Statt sich den Kopf zu zerbrechen, wie k\u00fcnftige Gesellschaften die Chancen sinkender Geburtenraten nutzen und zugleich mit hohem Altenanteil zurecht kommen k\u00f6nnen, reitet sich die Moderne immer tiefer in eine Zwickm\u00fchle hinein. Einerseits: Werden wenige Kinder geboren, scheint die Versorgung der gr\u00f6\u00dfer werdenden Seniorenpopulation gef\u00e4hrdet. Andererseits: Werden viele Kinder geboren, entzieht sich die Spezies Mensch auf lange Sicht die eigene Lebensgrundlage durch \u00dcbernutzung der begrenzten Ressourcen Luft, Wasser, Land und Bodensch\u00e4tze. Noch im sp\u00e4ten 20. Jahrhundert haben die Sozialkundeb\u00fccher unserer Schulen \u00fcber den &#8222;Circulus vitiosus der Armut&#8220; aufgekl\u00e4rt: In fr\u00fcheren Agrar-Gesellschaften und in der Dritten Welt wurden viele Kinder als Garant f\u00fcr ein versorgtes Alter, f\u00fcr die Zukunft der Sippe, des Volkes angesehen. Doch der Kindersegen hatte Verarmung zur Folge, diese wiederum noch mehr Kinder&#8230; Ein solcher Kreislauf galt f\u00fcr die aufkl\u00e4rerisch und industriell entwickelten L\u00e4nder als \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Just zu Beginn des 21. Jahrhunderts aber sind Zweite und Erste Welt offenbar wild entschlossen, zum ungl\u00fcckseligen Prinzip ihrer Vorfahren zur\u00fcckzukehren. Viele Kinder seien zur Sicherung der Renten unabdingbar, hei\u00dft es wieder. Vergessen scheint, dass viele Kinder auch viele M\u00fcnder sind. Und dass &#8222;viele Kinder&#8220; ebenso hei\u00dft: noch mehr Enkel und noch mehr M\u00fcnder und noch mehr Arbeitsuchende und noch mehr Rentner und noch mehr Ressourcen-Verbraucher. S\u00e4mtliche Probleme der Gegenwart w\u00fcrden durch Erh\u00f6hung der Geburtenrate in versch\u00e4rfter Form an die Folgegenerationen weitergereicht. Wobei es f\u00fcr das globale Dorf im Grundsatz keine Rolle spielt, in welcher H\u00fctte mehr und in welcher weniger Kinder geboren werden. Ausschlaggebend f\u00fcr das Leben aller ist die Gesamtzahl der Dorfbewohner, weil alle H\u00fctten auf derselben globalen Scholle und unter demselben globalen Himmel stehen.<\/p>\n<p>Was uns zur n\u00e4chsten Zwickm\u00fchle f\u00fchrt: der Maxime vom \u00f6konomischen Wachstum. Aus aller M\u00fcnder schallt es: &#8222;Wir brauchen mehr Wirtschaftswachstum.&#8220; Nehmen wir als Exempel den Traum der Automobilindustrie von der Motorisierung der bislang unterentwickelten L\u00e4nder. Allein die Vorstellung, es k\u00f6nnte etwa in China ein Motorisierungsgrad wie in Deutschland erreicht werden, muss jedem, der nur ein bisschen \u00f6kologischen Verstand besitzt, den Angstschwei\u00df auf die Stirn treiben. Die wahnwitzige deutsche Automobilrate (ein Auto pro zwei B\u00fcrger, Tendenz weiter steigend) auf China \u00fcbertragen, hie\u00dfe: Die globalen Ressourcen m\u00fcssten 650 Millionen zus\u00e4tzliche Verbrennungskraftwerke auf R\u00e4dern aushalten. Das w\u00e4re grob eine Verdoppelung des derzeitigen Weltbestandes von rund 750 Millionen Fahrzeugen.<\/p>\n<h3>Bald 2,5 Milliarden Autos?<\/h3>\n<p>Schon heute verursachen Automotoren ein F\u00fcnftel des weltweiten CO2-Aussto\u00dfes. Nimmt man die Produktion der Autos sowie Herstellung und Erhalt der Infrastruktur f\u00fcr ihren Betrieb hinzu, ist es ein Drittel. S\u00e4mtliche Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder weisen eine eindeutige Tendenz in Richtung Automobilgesellschaft nach westlichem Vorbild auf. Deshalb soll es in 25 bis 30 Jahren nach Experten-Hochrechnung etwa 2,5 Milliarden (!) Autos auf Erden geben; so viele, wie es 100 Jahre davor Menschen gab. Das ist jede Menge vom hei\u00df ersehnten Wachstum. Das ist aber zugleich auch blanker Irrsinn. Die totale Automobilisierung der Welt w\u00e4re eine entwicklungsgeschichtliche Sackgasse mit un\u00fcbersehbar selbstm\u00f6rderischer Tendenz &#8211; man betrachte allein die heutigen Auswirkungen des Wachstums aus dem 20. Jahrhundert: von der Unterwerfung unserer Landschaften und Lebensarten unter das industriell-automobile Diktat \u00fcber den Raubbau an den Ressourcen bis hin zum globalen Klimawandel mit seinen Verheerungen.<\/p>\n<p>Am Beispiel Auto wird deutlich, wie sehr wir uns haben in die Wachstums-Zwickm\u00fchle man\u00f6vrieren lassen. Einerseits wei\u00df man, dass noch mehr Autos weder f\u00fcrs eigene Land noch f\u00fcr die globale \u00d6kologie vertretbar sind. Andererseits haben wir uns wirtschaftlich von der Autoproduktion so sehr abh\u00e4ngig gemacht, dass bereits nur gleich bleibende Verkaufzahlen zur Krise f\u00fchren. Dennoch hei\u00dft der blind verfolgte Zukunftskurs: weiter so &#8211; aber mehr, besser, schneller, billiger. Doch keines der gro\u00dfen Probleme der Gegenwart ist durch quantitative Ausweitung der globalen Produktion l\u00f6sbar. Anarchisches Wachstum schafft im Zeitalter der Globalisierung nur immer neue Probleme, l\u00e4sst obendrein alte schon im n\u00e4chsten Wirtschaftszyklus wieder und sch\u00e4rfer wirksam werden.<\/p>\n<p>&#8222;Je gr\u00f6\u00dfer man denkt, desto beschissener sieht es aus&#8220;, legt Ian McEwan in seinem j\u00fcngsten Roman einem 17-J\u00e4hrigen von heute in den Mund. Der Bub hat leider Recht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb so viele Leute (vorneweg besagte Realisten) zwar gerne von den Herausforderungen der Globalisierung schwatzen, aber gerade bei den wichtigsten Zukunftsfragen von wirklich globalem Denken und Handeln lieber nichts wissen wollen.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck Anfang Januar 2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Alle reden von Globalisierung. Und davon, dass man sich ihren Herausforderungen endlich stellen m\u00fcsse. 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