{"id":136,"date":"2016-01-01T23:00:00","date_gmt":"2016-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/01\/01\/veraenderung-ist-der-historische-normalzustand\/"},"modified":"2022-12-26T16:43:30","modified_gmt":"2022-12-26T15:43:30","slug":"veraenderung-ist-der-historische-normalzustand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/01\/01\/veraenderung-ist-der-historische-normalzustand\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2016 \/ Ver\u00e4nderung ist der historische Normalzustand"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape<\/strong>.<\/em> Der Homo sapiens ist ein eigent\u00fcmliches Wesen. Einerseits erweist er sich gegen\u00fcber ver\u00e4nderten Bedingungen als so anpassungsf\u00e4hig wie kaum ein S\u00e4ugetier sonst. Obendrein treiben ihn Wissbegierde und Erfindergeist, ruhelos die Grenzen seiner realen wie gedanklichen Welt immer weiter hinauszuschieben. Andererseits scheint er rasche Ver\u00e4nderungen seiner Lebensumst\u00e4nde nicht zu m\u00f6gen. Zumindest nicht, wenn er ein Auskommen hat, wenn niemand ihn zu arg drangsaliert, wenn ihm nicht Mord und Totschlag drohen. Dann h\u00e4ngt er am Gewohnten, \u00e4ngstigt sich vor Fremdem und Neuem.<\/p>\n<p>Wo er aber Mangel am Wichtigsten leidet, kann der Mensch von jetzt auf gleich s\u00e4mtliche gewohnten, aber beengenden Verh\u00e4ltnisse w\u00fctend umst\u00fcrzen. Oder er bricht auf nach anderswo, um dort zu suchen, was ihm hier verwehrt ist. Der Widerspruch zwischen Drang\/Zwang zur Ver\u00e4nderung da, zum Verharren dort, sind tief in uns und unserer Geschichte angelegt. Allerdings attestieren biblische Betrachtung wie realhistorisch Erforschtes \u00fcbereinstimmend: Gleich zum Beginn der Menschheitsgeschichte neigte sich die Waage zur Seite immerw\u00e4hrender Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<h3>Die ersten Menschen sind als Migranten unterwegs<\/h3>\n<p>Adam und Eva h\u00e4tten gl\u00fcckselig im Paradiese leben k\u00f6nnen. Doch wegen ihrer Neugier wurden sie aus der angestammte Heimat vertrieben und mussten sich eine neue suchen. Die Bibel zeigt das erste Menschenpaar als Migranten. Das bleibt dann Regelfall: Noah muss sich und die Seinen auf ein Fl\u00fcchtlingsboot retten; Moses muss seinem Volk eine Fluchtroute aus \u00c4gypten in ein fernes gelobtes Land spuren; Maria und Josef m\u00fcssen zwecks Erfassung durch die Beh\u00f6rden menschenunw\u00fcrdige Wege gehen &#8230;<\/p>\n<p>Die Wissenschaft zeigt \u00e4hnliches. Die ersten h\u00f6heren Hominiden entwickelten sich in Afrika, besiedelten von dort aus den Erdkreis. Zuerst vor mehr als einer Million Jahren der Homo erectus, aus dem der Neandertaler hervorging. Vor 90 000 Jahren \u00fcberschritt der Homo spaniens die Grenzen der Menschheitswiege. Er breitete sich zuerst im Nahen Osten, in S\u00fcdasien und bis nach Australien aus, gelangte dann auch nach Europa. Wie in der Bibel, so ging auch in der realen Geschichte die Zivilisationsentwicklung von Menschen aus, die aus Neugier und\/oder auf der Suche nach einer neuen Heimat in die Welt zogen \u2013 dabei ihre Lebensart mehrfach vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndern mussten.<\/p>\n<p>Kurzum: An unser aller Anfang standen Migranten und hat demnach jeder Mensch einen Migrationshintergrund. Und: Seit die Wissenschaft unsere Gene entschl\u00fcsselt hat, ist klar, dass Homo sapiens und Neandertaler Kinder miteinander zeugten. Mithin ist das Gros der auf Erden lebenden Menschen quasi Ergebnis einer Vermischung von zwei Stammb\u00e4umen.<\/p>\n<p>Migration und V\u00f6lkervermischung blieben \u00fcber Jahrzehntausende Wesenselemente des Ver\u00e4nderungsprozesses, den man Menschheitsgeschichte nennt. Sie sind es noch. Es ist einer der popul\u00e4ren Irrt\u00fcmer, auf dem Gebiet des heutigen Deutschland h\u00e4tten seit Jahrtausenden Deutsche (vermeintlich: Germanen) gelebt. Arch\u00e4ologische Funde belegen, dass etwa ums Neuwieder Becken in der sp\u00e4ten Steinzeit sich regelm\u00e4\u00dfig Menschensippen aus mehreren Hundert Kilometern Umkreis zu gemeinsamen Jagdperioden, Wissensaustausch und Wahl von Sexualpartnern trafen. Im Staffettenverfahren reichte dieser Kultur- und Gen-Austausch vom Niederrhein bis nach Spanien. Weshalb unsere sp\u00e4tsteinzeitlichen Vorfahren keine Deutschen, sondern Europ\u00e4er waren.<\/p>\n<h3>Aus Kelten, Germanen und R\u00f6mern werden Rheinl\u00e4nder<\/h3>\n<p>Noch deutlicher wird das, springt man \u00fcber gut zehntausend Jahre hinweg in die Vor- und Fr\u00fchantike. Wir schreiben das Jahr 800 vor Christus \u2013 und finden etwa am Mittelrhein noch immer keine Germanen. Wie zahllose andere Populationen in Eurasien, durchlebten deren Sippen gerade die Schlussphase der Wandlung vom J\u00e4ger und Sammler zum Ackerbauern und Viehz\u00fcchter. Allerdings waren die Germanen da noch an der Weichsel und in Skandinavien daheim. Derweil entwickelte sich an Rhein und Mosel, ja von Portugal bis Irland und von Oberitalien bis Ungarn aus \u00f6rtlichen Bronzezeitkulturen und mannigfachen Wanderbewegungen die keltische Gro\u00dfraumkultur. Deren Ausl\u00e4ufer reichten bis nach Kleinasien. Sprachforscher haben entdeckt, dass zu ihrer Bl\u00fctezeit am \u00dcbergang zur Hochkultur in Anatolien und im Trierer Raum ein \u00e4hnlicher Keltendialekt gesprochen wurde.<\/p>\n<p>Die keltische Pr\u00e4gung S\u00fcd- und Mitteleuropas dauerte gut 600 Jahre. Dann wurde sie in die Zange genommen: Vom Nordosten wanderten Germanen ein, vom S\u00fcden bald darauf die Legionen\u00a0 des Imperium Romanum. Wieder gab es eine Durchmischung der V\u00f6lker, Kulturen, Sprachen. Kelten und Germanen lebten einige Zeit gegen- und nebeneinander, verschmolzen bald miteinander. Noch anno 70 nach Christus erhoben sich St\u00e4mme beider Gruppen am Niederrhein, Mittelrhein und an der Mosel Seite an Seite gegen Rom. Die \u201eBataver-Aufstand\u201d genannte Revolte wurde niedergeschlagen. Die Niederlage der keltischen Treverer in der Schlacht bei Riol nahe Trier gegen die 21. Legion aus Mainz markiert das Ende der Keltenkultur an Rhein und Mosel. Die Treverer wurden romanisiert, Trier eine r\u00f6mische Metropole.<\/p>\n<p>R\u00f6mische Gesetze, Sitten, Baustile, Nahrungsmittel hielten Einzug. Soldaten und B\u00fcrger aus allen Ecken des Imperiums zeugten mit hiesigen Kelten und Germanen Kinder, lie\u00dfen sich an Rhein und Mosel nieder. Sie brachten ein Gew\u00e4chs mit, das Landwirtschaft, Landschaft und Lebenskultur entlang von Ahr, Mosel, Nahe sowie den Rhein hinauf durch die Pfalz umw\u00e4lzte und bis zum heutigen Tag pr\u00e4gt: die Weinrebe. Die alten G\u00f6tter begannen hinter den r\u00f6mischen Olympiern ein Schattendasein zu f\u00fchren. Bis eine ganz neue Religion aus dem fernen Pal\u00e4stina auftauchte, die nurmehr einen Gott duldete. Sie st\u00fcrzte Weltbilder und Sitten vom Mittelmeer bis zum Eismeer vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer um, mal mit frommen Worten, mal per Herrscherbefehl, oft durch Feuer und Schwert: das Christentum.<\/p>\n<h3>Ver\u00e4nderung und Entwicklung durch immerw\u00e4hrende Vermischung<\/h3>\n<p>Doch l\u00e4sst sich selten v\u00f6llig ausrotten, was \u00fcber Generationen Usus war. \u201eVer\u00e4nderung und Entwicklung durch Vermischung\u201d lautet das dominante Prinzip der Geschichte: Jede Kultur und Technik, jede Sprache und Religion, jede genetische Gruppe hinterl\u00e4sst in allen anderen, mit denen sie in Ber\u00fchrung kommt, ihre Spuren. Als Beispiel m\u00f6gen die christlichen Feiertage dienen. Nicht zuf\u00e4llig sind viele terminlich angedockt an keltisch-germanische Feste. Ein geh\u00f6riger Teil heutiger Traditionen findet seinen Ursprung in vorchristlichen Ritualen: Vom Sonnwendfeuer \u00fcber den Nikolaustag und Weihnachten bis Fastnacht oder Ostern.<\/p>\n<p>Die Christianisierung war noch nicht abgeschlossen, da begann der chaotische Zerfallsprozess des r\u00f6mischen Reiches. Zeitgleich dr\u00e4ngten die Germanen weiter nach S\u00fcdwesten. Ebenfalls zeitgleich dr\u00fcckten von Osten her hunnische Reiterv\u00f6lker aus den Steppen Zentralasien. Zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert war fast der gesamte Kontinent siedlungsr\u00e4umlich, politisch und kulturell in Bewegung. Zwei Beispiele: Das germanische Volk der Vandalen zog von seinem Siedlungsraum \u00f6stlich der Oder erst an den Rhein, dann durch Gallien nach Spanien und landete schlie\u00dflich in Nordafrika. Die Burgunden verlie\u00dfen Polen, siedelten sich f\u00fcr eine Weile in Rheinhessen und der Pfalz an, um schlie\u00dflich, von Hunnen vertrieben, an der Rhone ein Reich zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Erorberung, Vertreibung, Auswanderung, Neuansiedlung und allemal \u2013 ob im Krieg erzwungen oder im Frieden gewachsen \u2013 Vermischung auf s\u00e4mtlichen Ebenen. Wie die Geschichte als gewaltiges R\u00fchrwerk der V\u00f6lker und Kulturen stete Ver\u00e4nderung produziert, so auch der menschliche Erfindergeist. Vom Faustkeil zum Rad zum Bronzebeil zum Eisenpflug zur Dampfmaschine zum Benzinmotor zum Computer zum Internet: Jeder Entwicklungschritt ver\u00e4nderte die Lebenswelten aufs Neue. Was dem einen als Aufbruch in eine bessere Zukunft galt, war dem anderen Absturz in d\u00fcsteres Dasein.<\/p>\n<p>Manche Ver\u00e4nderung brauchte Jahrhunderte, manche vollzog sich quasi \u00fcber Nacht. Selten zuvor hat etwas so schnell unsere Landschaften, St\u00e4dte, Arbeits- und Lebensstrukturen derart radikal ver\u00e4ndert, wie die Entwicklung des Automobils zum vorherrschenden Verkehrsmittel. Nie zuvor hat etwas in nicht mal einer Generation die h\u00e4usliche und Freizeitkultur so brachial ver\u00e4ndert wie das Fernsehen. Nie zuvor gab es ein Medium wie das Internet, das Menschen und Kulturen aller Weltgegenden miteinander, mit dem Wissen der ganzen Menschheit und zugleich mit jeder ihrer Dummheiten verbindet.<\/p>\n<h3>Nationalstaaten sind alles andere als naturgegeben<\/h3>\n<p>Kein Reich konnte je auf Dauer dem Ver\u00e4nderungsdruck standhalten. Keine Dynastie hat je l\u00e4nger als ein paar Generationen geherrscht. Keine mit der Welt verbundene Kultur blieb jemals wie sie war. Im 19. Jahrhundert wurden die feudalen Erblande durch etwas bis dahin v\u00f6llig unbekanntes ersetzt: Nationalstaaten. Ob es sich dabei um Fortschritt, Fehlentwicklung oder blo\u00df kurzes Zwischenstadium auf dem Weg zur Kontinental- oder Weltgesellschaft handelt, da scheiden sich die Geister. Nur weil wir heute zuf\u00e4llig darin leben, erscheint uns die Einteilung der Menschheit nach Nationalstaaten und vermeintlichen Nationalkulturen als schier naturgegebene Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Der historische R\u00fcckblick zeigt: Das ist ein Trugschluss. Der Blick in die Welt des jungen 21. Jahrhunderts offenbart: Das R\u00fchrwerk der Geschichte dreht sich, jetzt den ganzen Planeten umfassend, schneller denn je; und wir stecken mittendrin in einer neuen Intensivphase der Vermischung. Das war niemals und ist auch jetzt kein einseitiger Vorgang. Es kamen nie nur viele Migranten hierher. In den Elendsjahren des 19. Jahrhunderts wanderten Millionen Iren, Polen, Italiener, Deutsche und andere Europ\u00e4er aus; darunter hunderttausende Pf\u00e4lzer und Rheinl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Wer heute \u00fcber die Internationalisierung Deutschlands und seiner Kultur klagt, sollte nicht vergessen: Beethoven wird l\u00e4ngst auch in Peking gespielt, Goethes \u201eFaust\u201d in Kapstadt, Moskau oder Sidney aufgef\u00fchrt. Made in Germany \u00fcberflutet die Welt mit Waren und Waffen, Heerscharen\u00a0\u00a0 deutscher Touristen dr\u00fccken Kulturen rund um den Erdball ihren Bed\u00fcrfnisstempel auf. Wie Pizzerien, Hamburger-Ketten, D\u00f6ner-L\u00e4den sich hier ausbreiten, so Bratwurstst\u00e4nde, Oktoberfeste und Christkindlm\u00e4rkte anderw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Alles ist im Fluss, alles ver\u00e4ndert sich. Doch das war seit Adam und Eva nie anders. Im globalen Zeitalter entwickelt sich naturgem\u00e4\u00df und zwangsl\u00e4ufig: eine globale Kultur. Das geschieht eben jetzt, auch wenn viele es noch nicht wahrhaben wollen. Die \u00fcberkommenen Regionalkulturen lassen sich demgegen\u00fcber nicht durch feindseliges Abschotten behaupten. Das hat noch nie funktioniert. Doch kann man das wirklich Wertvolle aus Freude an der menschlichen Kulturvielfalt innerhalb des\u00a0 Weltchores als eine eigenst\u00e4ndige Stimme unter anderen sorgsam pflegen.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung in einem Pressemedium au\u00dferhalb dieser website am 02. Januar 2016<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Der Homo sapiens ist ein eigent\u00fcmliches Wesen. Einerseits erweist er sich gegen\u00fcber ver\u00e4nderten Bedingungen als so anpassungsf\u00e4hig wie kaum ein S\u00e4ugetier sonst. Obendrein treiben ihn Wissbegierde und Erfindergeist, ruhelos die Grenzen seiner realen wie gedanklichen Welt immer weiter hinauszuschieben. 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