{"id":134,"date":"2009-12-31T23:00:00","date_gmt":"2009-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2009\/12\/31\/neujahrsessay-2010-die-aera-des-feuers-neigt-sich-dem-ende-zu\/"},"modified":"2022-12-26T17:12:42","modified_gmt":"2022-12-26T16:12:42","slug":"neujahrsessay-2010-die-aera-des-feuers-neigt-sich-dem-ende-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2009\/12\/31\/neujahrsessay-2010-die-aera-des-feuers-neigt-sich-dem-ende-zu\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2010: Die \u00c4ra des Feuers neigt sich dem Ende zu"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Am Anfang der Zivilisation stand die Z\u00e4hmung des wildw\u00fctigen Feuers. Geb\u00e4ndigt, wurde es zum Spender von W\u00e4rme und Licht, zum Kraftlieferanten und Werkzeug. Doch was Segen war, wird nun Fluch: Die Zahl der \u201eFeuerstellen\u201c ist in die Milliarden gewachsen \u2013 sie fressen die globalen Brennstoffreserven weg und ihre Abgase verunstalten das planetare Klima.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Vor dem Kamin sitzen, in die Flammen schauen, dem Knacken der Scheite lauschen: Gem\u00fcter werden friedvoller, Worte bed\u00e4chtiger, Gedanken freier. Das beruhigende Erleben des offenen, aber geb\u00e4ndigten Feuers ist ein Nachklang archaischer Zeiten, da die Glut im Steinkreis oder nachher im Herd \u00dcberlebensgarant f\u00fcr Horde und Sippe war.<\/p>\n<p>Wann unsere Vorfahren aufh\u00f6rten, den Tieren gleich \u00e4ngstlich vor dem Feuer wegzulaufen, und begannen, es zu nutzen, liegt im Dunkel der Fr\u00fchzeit verborgen. Die Forschung schreibt erste gegarte Nahrung dem Homo ercetus vor 700 000 Jahren zu. Er selbst konnte noch kein Feuer entz\u00fcnden, hat sich bei nat\u00fcrlich entstandenen Br\u00e4nden bedient. Die Kunst, mittels Feuerstein und Zunder Funken zu schlagen, gibt es seit gerade 35 000 Jahren.<\/p>\n<h3>Das Zeitalter des Holzes<\/h3>\n<p>So oder so: Erst die gezielte Nutzung des Feuers machte die Entwicklung des Menschen zur weltumspannend dominierenden Spezies m\u00f6glich. Ohne Feuer keine optimierte Nahrungsverwertung durch Braten und Kochen. Ohne Feuer keine Besiedelung k\u00e4lterer Weltgegenden. Ohne Feuer keine entwickelten Ton-Gef\u00e4\u00dfe, erst recht keine Metallgewinnung. Kurzum: Ohne Feuer keine Zivilisation.<\/p>\n<p>Prim\u00e4rer Brennstoff war \u00fcber Jahrzehntausende Holz; sieht man von einigen Prozenten ab, die auf Stroh, getrockneten Dung oder seit 4000 Jahren auf Torf entfielen. Die zivilisatorische Entwicklung beruhte bis ins 18. Jahrhundert \u00fcberwiegend auf regenerativen Energien. Selbst die Schmelztiegel der Antike und des Mittelalters wurden mit Holz respektive Holzkohle befeuert. H\u00f6hlen, Zelte, H\u00e4user wurden mit brennenden Fackeln, Kiensp\u00e4nen, Pflanzen\u00f6len oder Tierfetten beleuchtet.<\/p>\n<p>Eine \u00f6kologische Idylle waren die alten Zeiten dennoch nicht.&nbsp; Das Wachstum der Populationen und ihr technischer Fortschritt gingen zu oft mit regionalem Raubbau einher. Manche Hochkultur endete als W\u00fcstenei: Sie machte sich selbst den Garaus durch Verschmutzung der nahen Gew\u00e4sser, \u00dcbernutzung der \u00c4cker und Kahlschlag der Umgebungsw\u00e4lder f\u00fcr Brenn- und Bauholz. Die Gewinnung des Holzes in der Ferne und sein Transport \u00fcber weite Strecken konnten ein Gemeinwesen existenziell schw\u00e4chen: Ab einem gewissen Punkt \u00fcbersteigt der Aufwand zur Herbeischaffung von Ressourcen eben die \u00f6konomischen M\u00f6glichkeiten einer Gemeinschaft.<\/p>\n<h3>Mit Zitronen gehandelt<\/h3>\n<p>Aufs Heute \u00fcbertragen: Wenn F\u00f6rderung, Aufbereitung und Transport von sibirischer Kohle oder Tiefsee-\u00d6l fast so viel Energie verbrauchen wie die Brennstoffe am Ende hergeben, handelt man sprichw\u00f6rtlich mit Zitronen. Vor diesem Problem stehen wir. Denn es wurden zwar j\u00fcngst betr\u00e4chtliche neue \u00d6l-Lagerst\u00e4tten vor Brasilien und Afrika geortet. Aber was n\u00fctzen sie, wenn das \u00d6l so tief liegt, dass es kaum wirtschaftlich zu f\u00f6rdern ist. Optimistische Prognosen \u00fcber&nbsp; noch in der Erdkruste steckende Vorr\u00e4te an Kohle, \u00d6l, Gas sind blo\u00df Spiegelfechterei, solange sie nicht nach ihrer technischen Erreichbarkeit, ihrer wirtschaftlichen F\u00f6rderbarkeit und ihrer Brennqualit\u00e4t beurteilt werden. Auch aus Rhein-Sand lie\u00dfe sich heute noch Gold waschen \u2013 Aufwand und Ertrag st\u00fcnden freilich in irrwitzigem Missverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Wir erleben derzeit bei Kohle, \u00d6l, Gas die fr\u00fche Phase einer Entwicklung, wie sie die Altvorderen im&nbsp; 18.\/19. Jahrhundert als Endstadium beim Holz erlebten: Mangel durch \u00dcbernutzung. Sprunghaftes Bev\u00f6lkerungswachstum und industrielle Revolution lie\u00dfen den Verbrauch von Holz&nbsp; in bis dahin nie gekannte H\u00f6hen schnellen. Die W\u00e4lder wurden f\u00fcr Bergwerke, Eisenh\u00fctten, Schiffswerften, Lokomotiven, St\u00e4dte flachgelegt. Der Siegeszug der Dampfmaschine ab 1769 steigerte den Brennstoffhunger ins Unermessliche \u2013 machte Holz zu einem raren Gut und fossile Kohle zwangsweise gesellschaftsf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Der Verbrauch von Kohle stieg weltweit von 10 Millionen Tonnen im Jahre 1800&nbsp; auf 760 Millionen Tonnen um 1900, deckte dann 90 Prozent des Energiebedarfs, konzentriert auf die Industriel\u00e4nder. Freilich war auch schon im Mittelalter vielerorts Kohle abgebaut worden. Allerdings nur in bescheidenem Ma\u00dfe, denn Kohle galt dazumal als Notbehelf. Man mochte sie nicht, weil dreckig, beim Verbrennen stinkend und ihre Asche f\u00fcr die Gartend\u00fcngung unbrauchbar.<\/p>\n<p>Aber es f\u00fchrte an Kohle so wenig ein Weg vorbei wie nachher am \u00d6l. Holz konnte den Energiehunger einer von 800 Millionen K\u00f6pfen um das Jahr 1750 auf 1,6 Milliarden gewachsenen Menschheit um 1900 nicht decken. Diese Entwicklung setzt sich seither in Potenz fort. Es hat sich nicht nur die Weltbev\u00f6lkerung seit 1900 auf sieben Milliarden Menschen heute vervierfacht. Zugleich stieg der Energieverbrauch um das Elffache. Im globalen Durchschnitt verbraucht ein Mensch heute drei mal mehr Energie als sein Vorfahr vor 100 Jahren.<\/p>\n<h3>Nachholbedarf der Dritten Welt<\/h3>\n<p>Gemessen am damaligen Pro-Kopf-Energieverbrauch ist es, als lebten derzeit nicht 7, sondern 21 Milliarden Menschen auf Erden. Tendenz? Die Weltbev\u00f6lkerung wird bis 2050 auf reale 9 bis 10 Milliarden anwachsen. Und ohne durchgreifende Energiewende wird der Energieverbrauch pro Kopf sich im Verh\u00e4ltnis zu 1900 dann mindestens vervierfacht haben. Ein Grund: Der Nachholbedarf in den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern. Niemand kann erwarten, dass es beim jetzigen Ungleichgewicht bleibt: In Deutschland werden je Nase und Tag 137 Kilowattstunden verbraucht, in den USA gar 250, w\u00e4hrend sich Chinesen mit 34,&nbsp; Inder mit nur 12 kWh bescheiden.<\/p>\n<p>Es ist schlechterdings undenkbar, dass ein bis 2030 noch einmal um 50 Prozent ansteigender Welt-Energiebedarf (so die Prognose) gedeckt werden kann durch die Feuer-Technik, auf der die Zivilisation bis heute beruht. Noch immer beziehen wir 90 Prozent unserer Energie aus dem Feuer, auch wenn die Flammen inzwischen dem Blick vielfach entzogen sind. Hinter fast jedem Heizk\u00f6rper verbirgt sich eine Feuerstelle, sei es im Keller oder im Fernw\u00e4rmewerk. Lampen, Computer, Haushaltsger\u00e4te, Maschinen, ICEs funktionieren \u00fcberwiegend nur, weil in Kraftwerken gro\u00dfe Feuer brennen. Schiffe, Flugzeuge und weltweit 800 Millionen Autos werden von mitgef\u00fchrten Verbrennungskraftwerken angetrieben . . .<\/p>\n<p>Die Menschheit verbrennt derzeit t\u00e4glich knapp 90 Millionen Barrel \u00d6l. Wenn keiner die Notbremse zieht, sind es in 20 Jahren schon mehr als 130 Millionen Barrel pro Tag, also rund 50 Milliarden Barrel im Jahr. Binnen nur einer Generation (30 Jahre) w\u00fcrden unsere Kinder oder Enkel dann 1500 Milliarden Barrel Erd\u00f6l verheizen, bis zum Ende des Jahrhunderts w\u00e4ren das fast&nbsp; 4000 Milliarden. Daneben nehmen sich die seit 1920 insgesamt verbrannten 900 Milliarden Barrel bescheiden aus. Daneben wirken Jubelmeldungen \u00fcber neu entdeckte Lagerst\u00e4tten mit vermuteten Reserven im zweistelligen Milliardenbereich blo\u00df noch l\u00e4cherlich. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die anderen Brennstoffe, f\u00fcr Kohle, Gas, Torf, ja selbst f\u00fcr das Holz. Denn regenerativ und klimaneutral ist Holz nur, wenn der Einschlag durch Wiederaufforstung in ad\u00e4quater Menge und Aufwuchszeit ausgeglichen wird.<\/p>\n<h3>Menschheit in der Sackgasse<\/h3>\n<p>Es sind diese Dimensionen des globalen Energiebedarfs, die unmissverst\u00e4ndlich vor Augen f\u00fchren: Eine industrielle Weltzivilisation von bald zehn Milliarden K\u00f6pfen kann nie und nimmer beim Feuer als zentraler Energiequelle bleiben. Wir stehen vor einer entwicklungsgeschichtlichen Sackgasse: Je kr\u00e4ftiger wir die Feuer stochen, umso mehr machen wir uns via Klimawandel die Umwelt zum Feind und umso eher werden schon unsere n\u00e4chsten Nachkommen ohne bezahlbaren Brennstoff dastehen.<\/p>\n<p>Aus dem Feuer wurde die Zivilisation geboren, vom Feuer wurde sie gen\u00e4hrt. Nach 700 000 Jahren muss sie sich jetzt aber vom Feuer emanzipieren, will sie nicht daran zugrunde gehen. Die Emanzipation ist zwingend, und sie ist m\u00f6glich. Die Techniken sind alle da, um vom Feuer auf Sonne, Wind, Wasser und Sparsamkeit als zwar nicht einzige, aber k\u00fcnftig dominierende Energiequelle umzusteigen. Wir m\u00fcssen wollen und uns dabei sputen. Geht nicht? Gibt\u2019s nicht! Weil uns auf dem \u00fcberv\u00f6lkerten Planeten sowieso keine Alternative bleibt.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck am 2. Januar 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Am Anfang der Zivilisation stand die Z\u00e4hmung des wildw\u00fctigen Feuers. Geb\u00e4ndigt, wurde es zum Spender von W\u00e4rme und Licht, zum Kraftlieferanten und Werkzeug. Doch was Segen war, wird nun Fluch: Die Zahl der \u201eFeuerstellen\u201c ist in die Milliarden gewachsen \u2013 sie fressen die globalen Brennstoffreserven weg und ihre Abgase verunstalten das planetare Klima. 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