{"id":133,"date":"2011-01-01T23:00:00","date_gmt":"2011-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2011\/01\/01\/neujahrsessay-2011-die-ewige-sehnsucht-nach-sozialer-gerechtigkeit\/"},"modified":"2022-12-26T17:11:05","modified_gmt":"2022-12-26T16:11:05","slug":"neujahrsessay-2011-die-ewige-sehnsucht-nach-sozialer-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2011\/01\/01\/neujahrsessay-2011-die-ewige-sehnsucht-nach-sozialer-gerechtigkeit\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2011: Die ewige Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Die Parole \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c fasste 1789 den zuvor schon Jahrtausende w\u00e4hrenden Kampf um eine bessere Gesellschaft als ideelle Maxime zusammen. Gleichheit mag sich heute niemand mehr auf die Fahnen schreiben: Klingt zu sehr nach Gleichmacherei. Br\u00fcderlichkeit ist als politikf\u00e4higer Begriff perdu: Erinnert an Sonntagspredigt. Freiheit scheint hierzulande ein alter Hut, seit die Deutschen frei reden und geheim w\u00e4hlen d\u00fcrfen. Benutzt man aber Freiheit im Sinne von Mitwirkung und Selbstbestimmung, ersetzt man Gleichheit durch Gerechtigkeit, Br\u00fcderlichkeit durch Solidarit\u00e4t, dann l\u00e4sst sich die alte Parole als Ideal und Pr\u00fcfstein f\u00fcr die Gegenwart verstehen.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Bei einer Umfrage gaben neulich fast 60 Prozent der Befragten in Deutschland als wichtigsten&nbsp; Wunsch f\u00fcr 2011 an: weniger Stress. Im Volksmund meint Stress vor allem: Dauerbeanspruchung, \u00dcberlastung, Fremdbestimmung, Ersch\u00f6pfung durch erdr\u00fcckende H\u00e4ufung schnell zu erledigender Aufgaben. Eine satte Bev\u00f6lkerungsmehrheit f\u00fchlt sich also mittlerweile in einem Ausma\u00df gestresst, das sp\u00fcrbar an ihrer Lebensqualit\u00e4t nagt. Dieser Befund widerspricht der Annahme, Stress sei vorrangig bei Selbstst\u00e4ndigen, Managern,&nbsp; F\u00fchrungskr\u00e4ften verbreitet. Dauerhafte \u00dcberforderung ist zum Massenph\u00e4nomen geworden. Medizinstatistiker verzeichnen gravierende Anstiege bei Krankheitsbildern, die teils oder g\u00e4nzlich vom Stress r\u00fchren.<\/p>\n<p>Ob Verk\u00e4uferin, Brieftr\u00e4ger oder Krankenschwester, ob Handwerker, Industriearbeiter, Lkw-Fahrer oder Verwaltungsangestellter: Auch in den \u201eeinfachen Berufe\u201c steigen die Anforderungen rasant. Die Aufgaben je Besch\u00e4ftigtem wachsen; die Arbeitsmenge w\u00e4chst; die&nbsp; Arbeitsnormen wachsen, die Arbeitsgeschwindigkeit w\u00e4chst. Wachstum all\u00fcberall, wenn auch auf einer Ebene, die wir mit dem Begriff eher selten verbinden. Zunehmende Arbeitsdichte ist aber die zwingende \u2013&nbsp; viel zu wenig gew\u00fcrdigte \u2013 Kehrseite jenes Wirtschaftswachstums, dem sich heutige Gesellschaften&nbsp;&nbsp; bedingungslos verschrieben haben.<\/p>\n<h3>Nicht nur Manager brennen aus<\/h3>\n<p>Es ist eine der gro\u00dfen Ungerechtigkeiten unserer Tage, den in \u201eeinfachen Berufen\u201c sich m\u00fchenden Menschen die Anerkennung als \u201eLeistungstr\u00e4ger\u201c und entsprechende Entlohnung zu verweigern. Nicht nur Manager und Selbstst\u00e4ndige arbeiten manchmal bis zum Umfallen. Der Friseuse kann es heute \u00e4hnlich ergehen, oder dem Maurer, M\u00fcllwerker, Paketzusteller. Nur dass Letztere, wenn sie ersch\u00f6pft in den Feierabend gehen, auch noch jeden Euro umdrehen m\u00fcssen, um \u00fcber die Runden zu kommen. Und dass sie keine Millionenabfindung zu erwarten haben, wenn sie Mist bauen.<\/p>\n<p>Leider gibt es keine Methode, die Verausgabung von Lebenskraft pro Arbeitsstunde zu messen. G\u00e4be es die, und w\u00fcrden sich die Einkommen danach richten: Die immer extremere \u00d6ffnung der Einkommensschere h\u00e4tte sich bald erledigt. Denn was berechtigt etwa Bankmanager 20, 50 oder 100 mal mehr zu verdienen als Dachdecker? Dass sie etwas k\u00f6nnen, was der Dachdecker nicht kann? Das gilt umgekehrt genauso. Dass sie eine bessere Ausbildung haben und l\u00e4ngere Arbeitstage? Das trifft nur teilweise zu und w\u00fcrde bestenfalls die doppelte Einkommensh\u00f6he rechtfertigen. Dass sie gro\u00dfe Verantwortung tragen, weil ihr Handeln systemrelevant ist? Kabarettisten w\u00fcrden nach den aktuellen Erfahrungen hier einf\u00fcgen: Ohne Dachdecker st\u00fcnden wir dumm da, ohne systemrelevante Bankmanager besser.<\/p>\n<h3>Dies ist keine &#8222;Neiddebatte&#8220;<\/h3>\n<p>Im Disput um soziale Gerechtigkeit erhebt sich gew\u00f6hnlich rasch der Vorwurf \u201eNeiddebatte\u201c. Nein, um Neid geht es gar nicht \u2013 ging es noch nie: nicht bei den Sklavenrebellionen der Antike, nicht bei den Bauernaufst\u00e4nden des Mittelalters, nicht in der Arbeiterbewegung seit dem 19. Jahrhundert,&nbsp; nicht bei den sozialen Spannungen der Gegenwart. Es geht stets um die Sehnsucht und das nat\u00fcrliche Recht aller Menschen nach einem in Freiheit selbstbestimmten, anst\u00e4ndigen und ein bisschen gl\u00fccklichen Leben. Diese Sehnsucht schlie\u00dft den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ein, also nach angemessener Teilhabe am von allen erarbeiteten Zuwachs an Wohlstand. &nbsp;<\/p>\n<p>Was&nbsp; bedeutet: Es kann nicht angehen, dass die Kluft zwischen Reich und Arm immer gr\u00f6\u00dfer wird, die Reichen schneller reicher, die Armen \u00e4rmer werden. Es kann nicht angehen, dass die Entwicklung der 50er-, 60er-, 70er-Jahre hin zur deutschen Mittelstandgesellschaft umgekehrt wird, die Mittelschicht wieder schrumpft, weil viele auf die Rutsche nach unten gezwungen werden. Es kann nicht sein, dass die Produktivit\u00e4t Tag um Tag w\u00e4chst, die Reall\u00f6hne in Deutschland aber seit zehn Jahren feststecken und Renten, Sozialsysteme, Gesundheitswesen erodieren, ja wir unter den Industrienationen gar Weltmeister beim Lohn-Minus sind.<\/p>\n<p>Der jetzige Aufschwung wird\u2018s richten? Mit Verlaub: Die eine H\u00e4lfte dieses Aufschwungs besteht aus sch\u00f6ngerechneten Zahlen. Die andere H\u00e4lfte ist teuer erkauft, kaum von Dauer, und was unten ankommt, h\u00e4lt sich erfahrungsgem\u00e4\u00df sehr in Grenzen. Das Leben wirft heute ein paar grundlegende Fragen auf, f\u00fcr die sich das kurzatmige Gewusel der Wirtschaftszyklen ohnehin nicht interessiert:<\/p>\n<h3>Das Familienleben zerbr\u00f6selt<\/h3>\n<p>Was soll werden, wenn schwindelerregend zunehmende Leistungsanforderungen die Grenze des menschlichen Leistungsverm\u00f6gens \u00fcberschreiten? Was, wenn das Ringen um die Erf\u00fcllung beruflicher Vorgaben zu allen nur erdenklichen Tages-, Nacht- und Wochenzeiten ein normales Leben unm\u00f6glich macht? Wenn Familien- und Liebesleben zerbr\u00f6seln,&nbsp; Hobbys, Vereinskultur und Freundeskreise absterben? Wenn Freizeit sich reduziert auf Wiederherstellung der Arbeitskraft nebst lebenslanger Fortbildung derselben?<\/p>\n<p>Dann w\u00e4re die Zivilisation wieder dort, wo die Menschen nie hatten hinwollen: beim leben, um zu arbeiten. Weniger Stress! Diesem Wunsch liegt indes das gegenteilige Verst\u00e4ndnis zugrunde: arbeiten, um zu leben. Im Geiste von \u201eFreiheit, Gerechtigkeit, Solidarit\u00e4t\u201c ist Zweck und Ziel allen produktiven Fortschritts: Sicherung der materiellen \u00dcberlebensbasis, Hebung des Lebensstandards&nbsp; und zugleich stetige Erweiterung von dar\u00fcber hinausgehenden Spielr\u00e4umen \u2013 um die Arbeitsfron zu reduzieren, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten sowie die Gesellschaft mitzugestalten. Und dies f\u00fcr alle, auch f\u00fcr Kranke, Schwache, Alte.<\/p>\n<h3>B\u00fcrger gegen &#8222;falschen Fortschritt&#8220;<\/h3>\n<p>Demokratische Freiheiten sind eine grandiose Errungenschaft. Sie bleiben jedoch totes Papier, wenn die Menschen sie nicht nutzen. Sei es, weil ihnen nach der Arbeit Zeit, Kraft und Lust daf\u00fcr fehlen. Sei es, weil sie das Ringen um privaten Wohlstand und geordnetes Familiendasein ausf\u00fcllt. Sei es, weil sie die Gestaltung des Gemeinwesens bei den Berufspolitikern am besten aufgehoben glauben. Nun aber stellt sich heraus: Die bisherige Art von verbrauchendem, gro\u00dftechnischem, beschleunigendem Wachstumskurs st\u00f6\u00dft an ihre Grenzen. Mehr noch: Festhalten daran wirkt im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, Lebensstabilit\u00e4t und -qualit\u00e4t nachgerade kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Zugleich stellt sich heraus, dass das Gros der Politiker vom \u00fcberkommenen Kurs des \u201eMehr-gr\u00f6\u00dfer- schneller\u201c, von Gigantismus, von Wachstum um jeden Preis, von \u00d6konomisierung auch noch der letzten Gesellschaftspore nicht lassen kann oder will. Stuttgart 21 wurde zum Symbol f\u00fcr diesen Kurs des \u201efalschen Fortschritts\u201c. Und der Protest dagegen wurde zum Ausdruck daf\u00fcr, dass die bisherige Arbeitsteilung zwischen \u201egestaltender\u201c Politik-\/Wirtschaftssph\u00e4re und alle paar Jahre w\u00e4hlendem, sich ansonsten aber mit seinen Privatangelegenheiten abstrampelnden Volk nunmehr aufgek\u00fcndigt ist. &nbsp;<\/p>\n<p>Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit nimmt eine neue Qualit\u00e4t an. Sehr viele B\u00fcrger bescheiden sich nicht l\u00e4nger mit der Qual der freien Wahl zwischen tausenderlei Telefonanbietern, Versicherern, Krankenkassen, Stromlieferanten, Fernsehprogrammen, Automarken. Freiheit ist etwas anderes, wird nun auf breiter Front auch so verstanden: Mitreden, mitbestimmen, mitentscheiden \u00fcber die Gestaltung der eigenen Stadt, des Landes, des Gemeinwesens.<\/p>\n<p>Vieles deutet darauf hin, dass die Politik die Gestaltungshoheit \u00fcber den \u00f6ffentlichen Raum k\u00fcnftig&nbsp; mit dem Souver\u00e4n, dem Volk, wird teilen m\u00fcssen. Das ist gut so, wenn auch f\u00fcr alle Seiten ungewohnt. Das birgt einige Risiken, aber viel mehr Chancen. Mancher Politiker denkt noch nach, wie er das zur Einmischung entschlossene B\u00fcrgertum elegant ins Leere laufen lassen und wieder ruhigstellen kann. Eine dumme Haltung. Sie verschlie\u00dft sich der gro\u00dfartigen M\u00f6glichkeit einer Reifung der Demokratie durch direkte Beteiligung eines in weiten Teilen gereiften Volkes.<\/p>\n<h3>Dilemma der Weltzivilisation &nbsp;<\/h3>\n<p>Wie das kleine Deutschland, so steht auch die Weltzivilisation vor grundlegenden Fragen.&nbsp; Fragen, die ohne gemeinsames Wirken, ohne weltweite Solidarit\u00e4t der Staaten und V\u00f6lker nicht befriedigend zu beantworten sind. Dazu geh\u00f6rt die Verknappung der nat\u00fcrlichen Ressourcen bei anhaltend gewaltigem Wachstum von Weltbev\u00f6lkerung, Energieverbrauch, Produktion und Konsumtion. Ob Erd\u00f6l, Erze, Ackerfl\u00e4chen, Holz, Meeresfisch, S\u00fc\u00dfwasser, Luft: Die Menschheit steckt noch immer im Stadium des Raubbaus. Die Ressourcen-Bewirtschaftung bleibt den M\u00e4rkten \u00fcberlassen. M\u00e4rkte aber wissen nichts von Solidarit\u00e4t, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit. Sie sind allein&nbsp; guten Gewinnen verpflichtet. Daf\u00fcr aber braucht es Wachstum, Wachstum, Wachstum. Grenzenloses Wachstum jedoch ist ein der irdischen Natur unbekanntes Prinzip.<\/p>\n<p>Ein Dilemma, zu dem auch der Klimawandel geh\u00f6rt. Der trifft zuerst die \u00c4rmsten am h\u00e4rtesten, obwohl die am wenigsten dazu beigetragen haben. Nun Gerechtigkeit walten zu lassen, ist nicht Sache der Natur, sondern diejenige der Menschen. Und Gerechtigkeit hei\u00dft hier: Den L\u00e4ndern der Dritten Welt muss die M\u00f6glichkeit zugestanden werden, sich zu entwickeln, den Lebensstandard ihrer Bewohner zu verbessern. Gerechtigkeit hei\u00dft hier auch: Die alten Industriel\u00e4nder k\u00f6nnen nicht l\u00e4nger ihr Wachstum zu Lasten der Entwicklungsl\u00e4nder forcieren.<\/p>\n<p>Im globalen Dorf tendieren die Ungleichgewichte zwischen den Nationen Richtung Ausgleich, zumindest Neuordnung. Mag sein, dass Booml\u00e4nder wie China oder Brasilien den \u00f6konomische Kolonialismus des Westens beerben. Aber alten wie neuen Wirtschaftsm\u00e4chten bleiben letztlich gleicherma\u00dfen zwei Grundprobleme: Einerseits m\u00fcssen sie miteinander einen vern\u00fcnftigen Weg f\u00fcr die Zukunft des globalen Dorfes finden, oder die Menschheit geht einer Epoche von Handels- und Ressourcenkriegen in einer klimatisch ersch\u00fctterten Biosph\u00e4re entgegen.<\/p>\n<h3>Wenn Asiaten und Afrikanern der Kragen platzt<\/h3>\n<p>Andererseits m\u00fcssen alle die Kluft zwischen Reich und Arm bei sich verkleinern. Das w\u00e4re \u00f6konomisch sinnvoll. Vor allem aber: Irgendwann k\u00f6nnte auch Milliarden von einfachen Afrikanern, Indios, Asiaten der Kragen platzen \u2013 wenn sie feststellen, dass die Reichen immer reicher werden, w\u00e4hrend sie selbst arm bleiben oder im immer schneller rotierenden Hamsterrad&nbsp; alter und neuer Arbeitsgesellschaften ihre ganze Lebensenergie f\u00fcr ein bestenfalls bescheidenes Einkommen verausgaben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Hunger ist die Pest der Zivilisation, Armut ihre Cholera, Anh\u00e4ufung unerh\u00f6rter Reicht\u00fcmer in wenigen H\u00e4nden ihr Schandmal und einfallsloses Festhalten an grenzenlosem Wachstum ihre Bankrotterkl\u00e4rung. Deshalb mag ein Ideal wie \u201eFreiheit, Gerechtigkeit, Solidarit\u00e4t\u201c zwar weltfremd wirken, dennoch ist das Streben danach alternativlos.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck 3. Januar 2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Die Parole \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c fasste 1789 den zuvor schon Jahrtausende w\u00e4hrenden Kampf um eine bessere Gesellschaft als ideelle Maxime zusammen. Gleichheit mag sich heute niemand mehr auf die Fahnen schreiben: Klingt zu sehr nach Gleichmacherei. Br\u00fcderlichkeit ist als politikf\u00e4higer Begriff perdu: Erinnert an Sonntagspredigt. 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