{"id":132,"date":"2012-01-01T23:00:00","date_gmt":"2012-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2012\/01\/01\/wachset-und-mehret-euch-bloss-nicht-noch-weiter\/"},"modified":"2022-12-26T17:08:58","modified_gmt":"2022-12-26T16:08:58","slug":"wachset-und-mehret-euch-bloss-nicht-noch-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2012\/01\/01\/wachset-und-mehret-euch-bloss-nicht-noch-weiter\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2012 \/ Wachset und mehret euch blo\u00df nicht noch weiter"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Es ging in den vergangenen Wochen allenthalben die Rede, ein historischer Epochenumbruch st\u00fcnde zeitnah bevor oder finde bereits statt. Gem\u00fcnzt war diese Ansicht zumeist auf das krisengesch\u00fcttelte Europa. Ihre Schlussfolgerung lautete: Die international agierenden Finanzm\u00e4rkte machen im Verbund mit der EU-Staatsschuldenkrise eine St\u00e4rkung der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft als politische und fiskalische Union unabdingbar. Kurzum: Mehr Europa, weniger Nationalstaat! Dieser Weg sei zwingend, wolle die alte Welt nicht zwischen globalem Finanzkapital und Asiens Aufstieg zur neuen Supermacht in Bedeutungslosigkeit versinken.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>In der Tat vollzieht sich derzeit eine \u00f6konomische und geopolitische Neuordnung der Welt. Gemessen an historischen Ma\u00dfst\u00e4ben verl\u00e4uft sie rasend schnell, auch wenn von der Alltagswarte aus davon wenig zu sp\u00fcren ist oder die \u00f6ffentliche Meinung hierzulande hinsichtlich der Europa-Frage im Augenblick eher antieurop\u00e4isch tendiert. Es ist meistens so in der Geschichte, dass welthistorische Epochenumbr\u00fcche erst nachtr\u00e4glich festgestellt werden. Menschen, die mittendrin stecken im Jahrhundert oder Jahrtausendwandel, sind sich dessen kaum je bewusst.<\/p>\n<p>\u00dcber den Tellerrand der aktuellen Finanzkrisenaufregung und damit verbreitet verbundener Ressentiments einmal hinausgeblickt, wird rasch deutlich: Es ist h\u00f6chste Eisenbahn, dass die europ\u00e4ische Staatspolitik nachvollzieht, was gesellschaftlich l\u00e4ngst im Gange ist.<\/p>\n<p>Finanz- und Realwirtschaft behandeln Europa als einheitlichen Wirtschaftsraum, der seinerseits Teil des globalen Wirtschaftsraumes ist. Nationalgrenzen spielen da allenfalls eine untergeordnete Rolle als St\u00f6rfaktor oder aber als taktisches Spielfeld, Politik auszunutzen respektive auszuhebeln.<br \/>\nZugleich begreifen heute gerade junge Leute immer mehr Europa als ihren Lebensraum. In Madrid studieren, in Paris Praktikum machen, in Prag die gro\u00dfe Liebe finden, dann in Schweden wohnen und arbeiten, gelegentlich die Eltern in Mainz besuchen: Solche Biografien sind zwar noch nicht die Mehrzahl, aber durchaus schon so normal wie Englisch als Zweitsprache oder europ\u00e4ischer Grenzverkehr ohne Passkontrolle.<\/p>\n<h3>Nationalgef\u00fchl wird im Europa der Regionen immer unwichtiger<\/h3>\n<p>Ob es einem gef\u00e4llt oder nicht: Die Bedeutung der Nationalstaaten schwindet objektiv. Und gerade bei der j\u00fcngeren Generation nimmt auch die Identifikationskraft des Nationalen stetig ab. Junge Deutsche werden zu deutschen Europ\u00e4ern, vielleicht mehr noch zu rheinischen, pf\u00e4lzischen, fr\u00e4nkischen &#8230; Europ\u00e4ern. Heimat eher als regionale denn nationale Bindung zu verstehen und zu f\u00fchlen, ist eine sich verst\u00e4rkende Str\u00f6mung im Zeitgeist. Abgehobenheit des EU-Apparates, B\u00fcrgerferne der EU-Politik stehen zu dieser Entwicklung in eklatantem Widerspruch. Und es ist traurig, dass erst die Macht der Finanzm\u00e4rkte die Politik in Europa auf den Umstand sto\u00dfen muss: Das mit der Franz\u00f6sischen Revolution begonnene Zeitalter der Nationalstaaten geht mit der Globalisierung ihrem Ende entgegen.<\/p>\n<p>Doch ist es nicht der europ\u00e4ische Umbruch allein, der unsere Gegenwart als Epochenwende kennzeichnet. Zugleich betreten neue M\u00e4chte das globale Spielfeld. Der Aufstieg Chinas, Indiens oder auch Brasiliens zu wirtschaftlichen und in der Folge bald auch politischen Gro\u00dfm\u00e4chten ver\u00e4ndert die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse auf Erden grundlegend. Rund 500 Jahre nach ihrem Beginn schwindet nun die euro-amerikanische Vorherrschaft \u00fcber die Menschheitszivilisation. Wir werden uns an den Gedanken gew\u00f6hnen m\u00fcssen, dass Europa und Nordamerika nicht l\u00e4nger der Nabel der Welt und der Schrittmacher ihrer Entwicklung sind.<\/p>\n<p>Gegen die jetzige Dynamik der einstigen Kolonialopfer kommen die alten M\u00e4chte diesseits und jenseits des Atlantiks nicht an. Was uns bleibt, ist das Bem\u00fchen um Partnerschaft statt Wirtschaftskrieg mit den aufstrebenden Weltregionen. Was Europa auch bleiben k\u00f6nnte, ist eine Vorbildfunktion in Sachen staatsb\u00fcrgerlicher Freiheit und Sozialstaatlichkeit \u2013 so wir diese Errungenschaften nicht leichtfertig aufgeben. Denn fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden auch China, Indien und andere solcher Modelle dringend bed\u00fcrfen, wollen sie nicht an den unweigerlich eintretenden inneren Widerspr\u00fcchen ihrer st\u00fcrmischen Entwicklung verzweifeln.<\/p>\n<h3>Wegen \u00dcberf\u00fcllung droht den neuzeitlichen Megametropolen der Erstickungstod<\/h3>\n<p>Doch die derzeitige Epochenwende umfasst noch eine weitere, wesentlich tiefer greifende Dimension. Eine, die es in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hat, und die wohl zur gr\u00f6\u00dften Herausforderung sowohl f\u00fcr die alten Industriestaaten wie auch die neuen Gro\u00dfm\u00e4chte wird: die \u00dcberforderung des Planeten durch das anhaltend ma\u00dflose Wachstum der Verbrauchszivilisation. Seit der Mensch aus seiner animalischen Phase heraustrat und Zivilisationswesen wurde, verlief seine Entwicklung stets nach der Devise: Wachset und mehret euch. Anfangs sehr, sehr langsam, seit etwa 12 000 Jahren immer schneller und seit dem 19. Jahrhundert explosionsartig nimmt die Weltbev\u00f6lkerung zu, steigt ihr Verbrauch an Rohstoffen, Ackerfl\u00e4che, Natur. 2011 \u00fcberf\u00fcllten erstmals sieben Milliarden Menschen den Planeten und lebten erstmals mehr als die H\u00e4lfte davon in St\u00e4dten und wuchernden Megametropolen.<\/p>\n<p>Es hat seit Christi Geburt nicht nur die Zahl der Menschen um das 23-fache zugenommen. Es liegt zudem der Ressourcenverbrauch eines durchschnittlichen Mitteleurop\u00e4ers heute mindestens 100 Mal h\u00f6her als bei einem durchschnittlichen Zeitgenossen Jesu. Moderne Wohnung, Zentralheizung, TV, Waschmaschine, Elektroherd, Auto, Stra\u00dfen, Flugzeuge&#8230;. Der gesamte Zivilisationsapparat hat eine Gr\u00f6\u00dfenordnung angenommen, die mehr Ressourcen verbraucht, als der Planet dauerhaft zu bieten hat. Und wird nicht wuchtig gegengesteuert, w\u00e4chst alles weiter \u2013 auf Klimakrisen, Hungersn\u00f6te, Verteilungskriege, globales Chaos zu. Die Weltbev\u00f6lkerung w\u00e4chst wom\u00f6glich binnen einer Generation auf zehn Milliarden; der Bedarf an Rohstoffen, Energie, Luft, Wasser, Ackerfl\u00e4che, Wohn-, Wirtschafts- und Mobilit\u00e4tsraum ins Unermessliche.<\/p>\n<p>Den Altvorderen schienen die Reicht\u00fcmer des Planeten unersch\u00f6pflich. Uns selbst aber schwant allm\u00e4hlich, dass in einem endlichen System wie der Erde unaufh\u00f6rliches Wachstum schlechterdings unm\u00f6glich ist. Tim Jackson, englischer Professor und Autor des Buches \u201eWohlstand ohne Wachstum\u201c rechnet vor: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war die Weltwirtschaft bereits f\u00fcnfmal so gro\u00df wie in den 1950ern. Wollte man die bisherige globale Wachstumsrate beibehalten, w\u00fcrde die Weltwirtschaft bis zum Ende unseres Jahrhunderts den 80-fachen Umfang annehmen m\u00fcssen. Wer seine f\u00fcnf Sinne auch nur halbwegs beisammen hat, wei\u00df: Daf\u00fcr reicht das Potenzial der Erde hinten und vorne nicht. Ganz zu schweigen von der \u00dcberlastung der Biosph\u00e4re bis hin zum Klima durch die Abfallprodukte solchen Wachstums. Das gro\u00dfe Gerangel um die planetaren Ressourcen ist bereits im Gange. Und Grenzen des Wachstums sind un\u00fcbersehbar, wenn etwa dem Gro\u00dfraum Peking die Atemluft ausgeht oder Deutschland in einer halben Million Staukilometer stillsteht.<\/p>\n<h3>Sechs Milliarden Menschen streben nach mitteleurop\u00e4ischem Lebensstandard<\/h3>\n<p>Ein Innehalten ist vorerst dennoch nicht in Sicht. Dank weltweiter TV-Programme, Netzverbindungen oder touristischer Beispiele wei\u00df man heute auch in den Armenvierteln des globalen Dorfes, dass ein materiell viel h\u00f6herer Lebensstandard anderw\u00e4rts als v\u00f6llig normal gilt. Weshalb es keinem Schwellen- oder Entwicklungsland zu verdenken ist, wenn es rasch den Sprung von der Agrar- zur Industriegesellschaft schaffen will. Sechs Milliarden Menschen sind deutlich \u00e4rmer als etwa deutsche Durchschnittsb\u00fcrger \u2013 und streben alle tendenziell nach mitteleurop\u00e4ischem Lebensstandard. Die Wachstumsdynamik in China, Indien oder Brasilien resultiert nicht zuletzt aus solchem Nachholbedarf. Nur zu gerne w\u00fcrde die westliche Industrie ihn befriedigen und daran wachsen \u2013 wenn schon auf dem heimischen Markt die Wachstumspotenziale schrumpfen. Doch so einfach ist das nicht, weil jene L\u00e4nder auch eigene leistungsf\u00e4hige Wirtschaften aufbauen.<\/p>\n<p>In Wahrheit wei\u00df niemand, wie das auf Dauer gehen soll mit dem unendlichen Wachstum in einem endlichen System. Dennoch beten \u00d6konomen und Politiker reihum f\u00fcr jedwede Lebens- und Krisenlage stets das gleiche Mantra daher: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Und zwar \u201enicht nur f\u00fcr die \u00e4rmsten L\u00e4nder, die dringend auf eine Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t angewiesen sind, sondern selbst f\u00fcr die reichsten Nationen, in denen der Wohlstand inzwischen die Grundlagen unseres Wohlergehens bedroht\u201c, schreibt Jackson. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma, dass weiteres Wachstum die Lebensgrundlage der Zivilisation selbst angreift, zugleich aber unaufh\u00f6rliches Wachstum die Grundbedingung f\u00fcr das Funktionieren unserer Wirtschaftsweise zu sein scheint?<\/p>\n<p>Es ist gut, dass sich immer mehr kluge K\u00f6pfe \u00fcber diese existenzielle Frage der Menschheitsentwicklung Gedanken machen. Es ist bedenklich, ja irrwitzig, dass noch immer viel zu viele K\u00f6pfe (nicht nur) in den F\u00fchrungsetagen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik schon die Fragestellung als albern, weltfremd, irrelevant abtun. Indes gibt es erste Antwortans\u00e4tze: Umstellung von verbrauchendem auf nachhaltiges Wirtschaften; von Wegwerfen auf Reparieren und Wiederverwerten; von Gr\u00f6\u00dfer auf Kleiner; von Schneller auf Langsamer; von Vermehrung auf Umverteilung; von G\u00fcterbesitz auf kooperative G\u00fcternutzung; vom Primat des materiellen Wohlstands auf soziales, emotionales, kulturelles Wohlergehen; von einem blo\u00df angef\u00fcllten auf ein erf\u00fclltes Leben.<\/p>\n<h3>Dem Wohlhabenden verschafft Wohlstandswachstum kein zus\u00e4tzliches Lebensgl\u00fcck<\/h3>\n<p>Vor allem den reichsten L\u00e4ndern ist es aufgegeben, hier die ersten Schritte zu wagen. Denn erstens war ihr Binnenwachstum zuletzt ohnehin \u00fcberwiegend ein k\u00fcnstlicher Prozess blo\u00df noch auf Pump. Und zweitens br\u00e4chte f\u00fcr einen betr\u00e4chtlichen Teil ihrer Bev\u00f6lkerung noch mehr Wohlstand kaum echten Gl\u00fcckszuwachs mit sich. Nach aktuellen Studien sind die Deutschen sowieso kein besonders gl\u00fcckliches Volk. Der Befund ist nicht neu, das Gef\u00fchl von Lebensgl\u00fcck wird hierzulande schon seit Jahrzehnten schw\u00e4cher. Solche Studien zeigen regelm\u00e4\u00dfig auch, dass die H\u00f6he des Einkommens oder das Ma\u00df des pers\u00f6nlichen Wohlstandes eine eher untergeordnete Rolle f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung des eigenen Lebensgl\u00fccks spielen.<\/p>\n<p>Der Befund deckt sich mit \u00e4lteren Erkenntnissen der sozialpsychologischen Gl\u00fccksforschung, wonach Zuwachs von materiellem Wohlstand ein echtes Gl\u00fcckspotenzial eigentlich nur f\u00fcr die Armen hat. Sie sind gl\u00fccklich, wenn sie einem Leben entkommen, das prim\u00e4r aus \u00dcberlebenskampf bestand, und wenn sie nun wenigstens in bescheidenem Ma\u00df an den Standards der umgebenden Gesellschaft Anteil haben. Das Gl\u00fcckspotenzial von Wohlstandszuwachs wird aber umso kleiner, je wohlhabender jemand schon ist. Daraus l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, was der Volksmund seit eh und je wei\u00df: Geld (allein) macht nicht gl\u00fccklich. Zumal dann nicht, wenn es erkauft werden muss mit sinkenden Lebensqualit\u00e4ten in anderen Bereichen: stressigen, zerm\u00fcrbenden Jobs, Gef\u00e4hrdung famili\u00e4rer und anderer sozialer Bindungen, Verschwinden von Mu\u00dfe und Beisichsein, Umweltzerst\u00f6rung etc.<\/p>\n<p>J\u00fcngst wurde vermeldet: Jeder Zweite aus der \u00e4lteren Arbeitsbev\u00f6lkerung in Deutschland will vorzeitig in Rente gehen \u2013 wissend, dass daf\u00fcr teils betr\u00e4chtliche Rentenabschl\u00e4ge in Kauf zu nehmen sind. Egal, ob die Betreffenden im Einzelfall einfach nicht l\u00e4nger arbeiten k\u00f6nnen oder nicht wollen, zeichnet sich hier eine Z\u00e4sur im Zeitgeist ab: Eine signifikante Bev\u00f6lkerungsgruppe stellt Lebensqualit\u00e4t \u00fcber die Aussch\u00f6pfung aller M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein maximales Einkommen. Damit werden die Begriffe Lebensqualit\u00e4t oder Lebensgl\u00fcck zumindest partiell neu definiert, wird Wohlergehen vom rein materiellen Wohlstand abgekoppelt, ja sogar h\u00f6her bewertet.<\/p>\n<p>Es soll hier nicht der verlogenen Parole vom \u201eGl\u00fcck der Armut\u201c das Wort geredet werden. Vielmehr geht es um ein Umdenken, um eine sozial gerechte und neue Lebensqualit\u00e4ten erschlie\u00dfende Abkehr von der \u00fcberlebten Maxime \u201ewachset und mehret euch\u201c. Denn darin besteht die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr Gegenwart und nahe Zukunft, die tats\u00e4chlich alternativlos ist: einen Epochenwandel zu gestalten, wie es noch nie einen gab.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Erstabdruck 02. Januar 2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 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