{"id":131,"date":"2013-01-01T23:00:00","date_gmt":"2013-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2013\/01\/01\/ohne-den-kuss-der-musen-kann-es-keinen-echten-fortschritt-geben\/"},"modified":"2022-12-26T16:58:38","modified_gmt":"2022-12-26T15:58:38","slug":"ohne-den-kuss-der-musen-kann-es-keinen-echten-fortschritt-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2013\/01\/01\/ohne-den-kuss-der-musen-kann-es-keinen-echten-fortschritt-geben\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2013 \/ Ohne den Kuss der Musen kann es keinen echten Fortschritt geben"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>Mozart wird der Satz zugeschrieben: \u201eOhne Musik w\u00e4r&#8216; alles nichts.\u201c Nietzsche sagte: \u201eOhne Musik w\u00e4re das Leben ein Irrtum.\u201c Dem Komponisten mag man die radikale Absolutheit seiner Aussage noch nachsehen, Musik war f\u00fcr ihn schlie\u00dflich Berufung und Beruf gleicherma\u00dfen. Beim Philosophen hingegen ist die rationale Moderne geneigt, eher idealistische Schw\u00e4rmerei anzunehmen. Denn wie k\u00f6nnten der Musik Lebenssinn stiftende Dimensionen innewohnen? Was, fragt der Konsument des 21. Jahrhunderts, sollten der Ernst des Lebens und das Freizeitvergn\u00fcgen Musik gemein haben?<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Interessanterweise schwindet die ernsthafte Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Musik in gleichem Ma\u00dfe wie ihre Allgegenwart zunimmt. Man stelle sich vor, es w\u00fcrde s\u00e4mtliche medial verbreitete Musik mal verstummen. Pl\u00f6tzlich kommt nichts mehr aus den Radios, herrscht Ruhe in allen Ohrst\u00f6pseln, verschwindet das Gedudel aus Kaufh\u00e4usern, Restaurants, Fahrst\u00fchlen, Toiletten. Das g\u00e4be ein arges Erschrecken: Stille, eine befremdende Zumutung. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, dass musikalisches Hintergrundrauschen permanent die Welt erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrtausende zuvor war Musik als H\u00f6rangebot der Ausnahmefall. Oder sie war eigenes Tun: Wer in historischer Zeit Musik haben wollte, musste selbst musizieren, wenn er die Mittel nicht hatte, sich Musikanten zu engagieren. Nietzsches \u201eOhne Musik w\u00e4re das Leben ein Irrtum\u201c stammt aus einer Zeit, da die mediale Verf\u00fcgbarkeit von Musik noch in den Kinderschuhen erster Phonographen steckte. Im Zentrum des Musikerlebens stand, wie seit Jahrhunderten, das Live-Konzert in Kirchen, S\u00e4len, Stuben oder auf Marktpl\u00e4tzen. Die meisten Menschen kamen in alten Zeiten nur h\u00f6chst selten in den Genuss professioneller, gar kunstvoller Musik. Das waren dann besondere Momente, die Aufmerksamkeit erheischten.<\/p>\n<h3>&#8222;Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele&#8220; (Gorki)<\/h3>\n<p>Mit dieser Aufmerksamkeit kamen die Altvorderen der Bedeutung von Musik f\u00fcr das Menschliche n\u00e4her als wir heute unter elektronischer Dauerberieselung. Victor Hugo beschreibt diese Bedeutung so: \u201eMusik bringt zum Ausdruck, was sich nicht in Worte fassen l\u00e4sst und doch nicht still bleiben kann.\u201c Komponist Betrich Smetana formuliert: \u201eMusik sagt das Unsagbare.\u201c&nbsp; Und was f\u00fcr die Musik als wortloser, unmittelbar ins Gem\u00fct der (aufmerksamen) H\u00f6rer eindringenden Kunst gilt, gilt in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung auch f\u00fcr die \u00fcbrigen K\u00fcnste. Der Schriftsteller Maxim Gorki packte es in die treffliche Formel: \u201eDie Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele.\u201c<\/p>\n<p>Weshalb bis heute, ja erst recht heute, v\u00f6llig falsch liegt, wer den K\u00fcnsten blo\u00df die Funktion angenehmer Zerstreuung zuweist. Die Wissenschaft wei\u00df l\u00e4ngst, dass Verstand und Seele eine Einheit sind, einander bedingen. Beides zusammen macht den Homo sapiens und seine Gesellschaft aus. Verk\u00fcmmert die Seele, verk\u00fcmmert unweigerlich ebenso der Verstand. W\u00e4re unsere Spezies nicht immerfort von den Musen gek\u00fcsst worden, sie h\u00e4tte keine einzige nennenswerte Zivilisation hervorbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ohne Musik, Tanz, Ornamentik h\u00e4tte es weder Gemeinschaftsbindung noch die M\u00f6glichkeit beschw\u00f6renden Einflusses auf Geister und Ahnen gegeben. Ohne Lieder, Erz\u00e4hlungen, Malerei keine historische Kontinuit\u00e4t. Ohne K\u00fcnste kein Bild von sich selbst und also auch keine Entwicklung vom ohnm\u00e4chtigen Schicksalswesen zum selbstverantwortlichen Individuum. Ohne K\u00fcnste kein Abbild von der Welt und also auch keine Fragen nach der Gestaltbarkeit einer anderen, denkbaren, m\u00f6glichen. G\u00e4be es heute Literatur und Poesie, Malerei, Bildhauerei und&nbsp; Architektur, Schauspiel, Oper und Tanz nicht, man m\u00fcsste sie schleunigst erfinden. Denn ohne sie kann der Mensch nicht sein, was er ist: seiner selbst bewusstes, \u00fcber sich und seine Welt in Gef\u00fchl, Gedanke und Tat reflektierendes soziales Wesen.<\/p>\n<h3>Kunst ist kein Luxus, der erst entst\u00fcnde, wenn die M\u00e4gen voll sind<\/h3>\n<p>Man sollte meinen, urzeitliche Menschen h\u00e4tten mit dem \u00dcberleben genug zu schaffen gehabt und keinen Freiraum f\u00fcr den Luxus von Fl\u00f6tenspiel, Tanzfest oder Malerei. Doch Dank der Arch\u00e4ologie wissen wir, dass schon in fr\u00fchesten Gesellschaften das Bed\u00fcrfnis nach k\u00fcnstlerischem Tun verbreitet war; sei es als Teil archaischer Rituale oder zur eigenen respektive der Sippe Freude. Knochenfl\u00f6ten, Trommelreste, Grabschmuck, H\u00f6hlenmalereien aus Jungsteinzeit und Vorantike belegen: Das Bed\u00fcrfnis nach Kunst entsteht keineswegs erst wenn die \u00dcberlebensverh\u00e4ltnisse gesichert und die M\u00e4gen voll sind. Kunst ist kein Luxus, sondern durchdringt die Geschichte als menschliche Grundeigenschaft \u2013 in guten und vielleicht noch mehr in schlechten Zeiten.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00c4ltesten unter uns erinnern sich noch an die ersten Wochen und Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Da hatte mancher \u2013 trotz gr\u00f6\u00dfter Sorge um Nahrung, Kleidung, Wohnung \u2013 allerhand&nbsp; Umst\u00e4nde auf sich genommen, um in notd\u00fcrftig hergerichteten S\u00e4len wieder ein Konzert oder eine Theaterauff\u00fchrung zu erleben. Das damalige Ma\u00df des Gl\u00fccks bei ausgemergelten K\u00fcnstlern und Publikum ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Aber die Erz\u00e4hlungen von jenen Momenten lassen Nachgeborene doch erahnen: F\u00fcr viele Menschen war das kriegsbedingte Verschwinden der K\u00fcnste aus dem \u00f6ffentlichen Leben eine schier existenzielle Entbehrung.<\/p>\n<p>Einige der \u00c4ltesten erinnern sich an Momente, da sie zuvor mitten im \u00dcberlebenskampf Trost bei den K\u00fcnsten gesucht hatten. In Sch\u00fctzengr\u00e4ben und Bunkern, oder in Gefangenenlagern und KZs konnte ein Gedicht, eine Melodie, die Erinnerung an ein Gem\u00e4lde zur letzten Bastion des Menschlichen gegen die Entmenschlichung werden. Mag uns Heutige die Radikalit\u00e4t der obigen&nbsp; S\u00e4tze Mozarts und Nietzsches auch befremden, angesichts jener Erfahrungen unserer \u00c4ltesten wird deren grundlegende Wahrheit&nbsp; f\u00fcr das Leben doch begreiflich: Die K\u00fcnste sind elementarer Bestandteil menschlicher Existenz \u2013 und damit ein Wert an sich.<\/p>\n<h3>Dominanz der \u00f6konomischen Logik \u00fcber die Kunst hat fatale Folgen<\/h3>\n<p>\u201eDie Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele\u201c \u2013 und die \u00d6konomie quasi ihr Leib, sei erg\u00e4nzt. Alle drei Bereiche sind im Sinne einer gedeihlichen Weltentwicklung aufeinander angewiesen. Dennoch aber folgt jeder einer eigenen Systematik. In j\u00fcngerer Zeit ger\u00e4t das Gleichgewicht allerdings aus den Fugen. Julian Nida-R\u00fcmelin beschrieb es einmal so: \u201eEs treten besondere Probleme auf, wenn die Logik des einen Systems auf die des anderen \u00fcbertragen wird oder ein System alle \u00fcbrigen dominiert.\u201c Der ehemalige Kulturstaatsminister hob damit auf die fortschreitende Dominanz der \u00d6konomie mitsamt ihrer N\u00fctzlichkeits- und Rentabilit\u00e4tslogik \u00fcber alle anderen Gesellschaftsbereiche ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr K\u00fcnste und Wissenschaften hei\u00dft das, sie stehen immer st\u00e4rker unter dem Druck, ihren wirtschaftlichen Nutzen beweisen zu m\u00fcssen. Universit\u00e4ten wetteifern seither um vermarktungsf\u00e4hige Forschungsergebnisse und die optimale Markttauglichkeit ihrer Absolventen. Theater, Museen, Orchester und andere Kultureinrichtungen werden vorrangig als \u201eStandortfaktoren\u201c f\u00fcr die Attraktiv\u00e4t einer Stadt\/Region betrachtet, auf dass Touristen str\u00f6men und kaufkr\u00e4ftige Neub\u00fcrger sich ansiedeln. Tendenziell f\u00fchrt die \u00dcbertragung der \u00f6konomischen Logik auf die K\u00fcnste zu deren Banalisierung: Nicht mehr k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t entscheidet \u00fcber die Wertigkeit kultureller Angebote und Leistungen, sondern \u201eam Markt\u201c erzielte Verkaufszahlen\/Einschaltquoten.<\/p>\n<p>Das Fatale dieser Logik besteht beispielsweise darin, dass die Unterscheidung zwischen tiefem Gef\u00fchl und R\u00fchrseligkeit ebenso verlorengeht wie die zwischen Literatur und Schm\u00f6ker, zwischen Schauspielkunst und Show, zwischen Musikkunst und Schlager\/Pop, zwischen Filmkunst und Popcorn-Kino. Nichts, aber auch gar nichts gegen R\u00fchrseligkeit, Schm\u00f6kerei, Show-Entertainment, Pop-Musik, Schunkelschlager oder Leinwandkracher. Jeder braucht das; mal mehr, mal weniger. Problematisch wird es indes, wenn selbst bei vormals kunstsinnigen, gebildeten Zeitgenossen das Bewusstsein schwindet, dass wohlfeile Unterhaltung und tats\u00e4chliche Kunst nicht dasselbe sind.<\/p>\n<h3>Kunst meint das Gegenteil von Zerstreuung, meint Konzentration und Beisichsein<\/h3>\n<p>Erstere dient der Zerstreuung, letztere dem genauen Gegenteil: der Konzentration, der Aufmerksamkeit, dem Beisichsein, der denkenden und noch mehr f\u00fchlenden Auseinandersetzung mit der Seele von Welt und Mensch. Geht die Unterscheidung verloren, so auch der historische Anspruch und das Streben der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, m\u00f6glichst all ihren Gliedern den Zugang zum Reich der K\u00fcnste zu erm\u00f6glichen \u2013 sei es durch f\u00fcr jedermann erschwingliche Kunstangebote, sei es durch heranf\u00fchrende Bildungsangebote.<\/p>\n<p>Mit der Losung von Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit ging das Verlangen nach Aufhebung des herrschaftlichen Monopols auf Bildung und Kunstgenuss einher. Erst holten im 18.\/19. Jahrhundert die neuen Gro\u00dfb\u00fcrger Orchestermusik, Darstellende und Bildende K\u00fcnste aus den Schl\u00f6ssern in ihre Salons, in st\u00e4dtische S\u00e4le und Theater. Dann verschafften sich kleinb\u00fcrgerliche Vereinigungen dort Zutritt. Schlie\u00dflich begann im 20. Jahrhundert die Arbeiter- und Volksbildungsbewegung auch die Hochkultur zum Allgemeingut zu machen. Der letzte Aufbruch in diese Richtung erfolgte in der jungen Bundesrepublik unter der demokratischen Parole \u201eKultur f\u00fcr alle\u201c.<\/p>\n<p>Gemeint war damit die \u00d6ffnung und das Bem\u00fchen der Kulturinstitutionen f\u00fcr und um s\u00e4mtliche Bev\u00f6lkerungsschichten. Gemeint war nicht, dass die K\u00fcnste sich dem kleinsten Nenner des popul\u00e4ren Zeitgeschmacks anpassen. Aber dahin l\u00e4uft die Entwicklung seither vielfach. So haben sich binnen 20 Jahren selbst in manch klassischem Kernbereich des Kulturbetriebes die Verh\u00e4ltnisse nachgerade umgekehrt: Waren zuvor Veranstaltungen ernsthafter Kunstrezeption die Regel und kulinarisch aufgemotzte Events gelegentliches Sonderangebot, kommt es einem heute oft vor, als k\u00e4me Kunst ohne allerhand kunstfernes Anregungsbeiwerk gar nicht mehr aus \u2013 als sei sie ohne lockende Zugabe \u201eunverk\u00e4uflich\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWahre Kunst\u201c wird zur \u201eWare Kunst\u201c, zum beliebigen Konsumartikel unter unz\u00e4hligen anderen. Weil zusehends der Markt ihren Wert bestimmt, droht ihr Wert an sich als existenzieller Bedingungsfaktor f\u00fcr die menschliche Zivilisation versch\u00fctt zu gehen. Immerhin ahnen nicht wenige Zeitgenossen, welchen Verlust das bedeuten w\u00fcrde. Nie den Kuss der Musen sp\u00fcren, niemals sich mit dem gro\u00dfen menschlichen Fragen, Sehnen, Suchen, Verzweifeln oder Begl\u00fccktsein auseinandersetzen, das den K\u00fcnsten innewohnt: Dies Leben w\u00e4re in der Tat ein Irrtum \u2013 und die kunstlose Gesellschaft eine zu echtem, zu humanem Fortschritt nicht mehr f\u00e4hige \u00d6dnis.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website am 2. Januar 2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mozart wird der Satz zugeschrieben: \u201eOhne Musik w\u00e4r&#8216; alles nichts.\u201c Nietzsche sagte: \u201eOhne Musik w\u00e4re das Leben ein Irrtum.\u201c Dem Komponisten mag man die radikale Absolutheit seiner Aussage noch nachsehen, Musik war f\u00fcr ihn schlie\u00dflich Berufung und Beruf gleicherma\u00dfen. Beim Philosophen hingegen ist die rationale Moderne geneigt, eher idealistische Schw\u00e4rmerei anzunehmen. 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