{"id":130,"date":"2014-01-01T23:00:00","date_gmt":"2014-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2014\/01\/01\/die-neuvermessung-des-menschlichen\/"},"modified":"2022-12-26T16:54:57","modified_gmt":"2022-12-26T15:54:57","slug":"die-neuvermessung-des-menschlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2014\/01\/01\/die-neuvermessung-des-menschlichen\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2014 \/ Die Neuvermessung des Menschlichen"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>2010 schwappte aus den USA eine neue Lifestyle-Bewegung nach Europa: \u201eQuantified Self\u201c. Ihre&nbsp; Anh\u00e4nger streben nach Selbstkontrolle mittels genauer Erfassung eigener Vitalfunktionen und tagt\u00e4glichen Tuns. Daf\u00fcr nutzen sie jede Menge vernetzte Digitaltechnik: Waagen, Schrittz\u00e4hler, Pulsmesser, Schlafsensoren und mehr. Dazu kommen Apps f\u00fcr Smartphone und Laptop zum akribischen Organisieren, Protokollieren, Analysieren von Arbeit und Freizeit. Diese \u201eSelbstvermessung\u201c dient nur einem Ziel: Selbstoptimierung \u2013 individuelle Perfektionierung f\u00fcr die Herausforderungen der Gegenwart. Gilt der Bewegung totale Selbstkontrolle als idealer Weg zu gutem Leben, so sprechen Kritiker von&nbsp; freiwilliger Totalunterwerfung unter die marktorientierte Leistungsideologie.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Ganz neu ist das Prinzip der Selbstvermessung nicht. Ob Goethe, Thomas Jefferson oder Thomas Mann: Penible Tagebuchprotokoller schlugen sich zu allen Zeiten mit der menschlichen Neigung zu Unordnung und Bequemlichkeit herum. Neu ist, dass gegen die eigene vermeintliche Unzul\u00e4nglichkeit mit Methoden des industriellen Produktionsmanagments zu Felde gezogen wird. Damit steigt der Glaube an digitale Technologie und ihre Effizienzprinzipien zur Richtschnur auch f\u00fcr vordem urmenschliche Lebenssph\u00e4ren auf.<\/p>\n<p>\u201eQuantified Self\u201c ist vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt einer Entwicklung, die in den 90ern das \u201epers\u00f6nliche Ziel- und Zeitmanagement\u201c als erlernbare laufend verbesserbare Fertigkeit erst in die Arbeitswelt einf\u00fchrte, seither zusehends vergesellschaftet. Auch Schulkinder, Studierende, Eltern, ja selbst Urlauber, Pension\u00e4re und Liebende beflei\u00dfigen sich inzwischen des Zeitmanagements, also der durchgeplanten, streng getakteten Organisation des Lebens.<\/p>\n<p>Benjamin Franklin gab 1748 jungen Kaufleuten den zum gefl\u00fcgelten Wort gewordenen Rat: \u201eDenkt daran, Zeit ist Geld\u201c. Karl Marx sprach 100 Jahre sp\u00e4ter davon, dass im Kapitalismus alle \u00d6konomie&nbsp; Zeit\u00f6konomie werde. Die G\u00fcterproduktion wuchs ins Unermessliche, Zeit aber wurde ein rares Gut. So rar, dass f\u00fcr wenige Minuten oder Sekunden Zeitgewinn auf Schiene, Stra\u00dfe, in der Luft oder in den Info- und Kommunikationsnetzen Abermilliarden Euro investiert, St\u00e4dte und Landschaften umgemodelt werden; dass eben erst eingef\u00fchrte neue Techniken in k\u00fcrzester Spanne durch noch flottere ersetzt werden.<\/p>\n<h3>Schnellere Technik, weniger Zeit<\/h3>\n<p>Damit einher geht eines der seltsamsten Ph\u00e4nomen der Neuzeit: Bei jeder technischen Neuerung stellt der Nutzer bald fest, dass die ihm zur Verf\u00fcgung stehende Zeit dadurch weniger wird. Wie kann das sein? Neue Techniken erm\u00f6glichen zwar eine beschleunigte Abwicklung bisheriger T\u00e4tigkeiten, sie bringen aber stets zus\u00e4tzliche Funktionen mit sich. Funktionen, die wieder neue Normen setzen, deren Nutzung wieder mehr Zeit erfordert. War das Handy anfangs nur mobiles Telefon, so ist seine Fortentwicklung als Smartphone Kommunikationszentrale, Minib\u00fcro, Internetverbindung, Fernseher, Walkman, Personaltrainer, Wegweiser etc. \u2013 am K\u00f6rper mitgef\u00fchrt als zivilisatorischer Standard wie Unterw\u00e4sche und Schuhe.<\/p>\n<p>Alles geht nun schneller. Alles geht nun rund um die Uhr. Alles wird nun stetig mehr. Ob auf Arbeit oder privat: Weil jeder Angst hat, etwas zu verpassen, machen alle immer mehr Dinge (mit), die sie zuvor nie gebraucht hatten. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht vom \u201eschrankenlosen Steigerungsspiel\u201c, bei dem sich jeder Schnelligkeitsvorteil gegen diejenigen wendet, denen er n\u00fctzen soll. Aber ist die Zivilisationsgeschichte nicht per se eine Geschichte fortw\u00e4hrender Beschleunigung? Von der Erfindung des Rades und der Domestizierung des Pferdes, \u00fcber Telegraph, Dampfmaschine und Gl\u00fchbirne, bis zu Flie\u00dfbandproduktion und schlie\u00dflich Digitaltechnik: \u201emehr in k\u00fcrzerer Zeit\u201c wohin das Auge blickt.<\/p>\n<h3>Menschliche Kapazit\u00e4tsgrenze ist erreicht<\/h3>\n<p>Der Fortschritt hat stets auch Kehrseiten. Dass Nachtarbeit ungesund ist, weil sie gegen die biologische Uhr des Menschen wirkt, l\u00e4sst sich ernsthaft nicht bestreiten. Ebenso unstrittig ist, dass stupide Flie\u00dfbandarbeit k\u00f6rperlich und geistig zerm\u00fcrbt oder dass Mangel an Frei-\/Ruhezeit die Gesundheit \u00e4hnlich zerr\u00fcttet wie Mangelern\u00e4hrung. Das j\u00fcngste gewaltige Problemfeld erw\u00e4chst aus der digitalen Revolution. Dauer\u00fcberforderung durch Multitasking, permanente Erreichbarkeit, stete Beschleunigung s\u00e4mtlicher Arbeitsprozesse, Durchwucherung der Freizeit mit Job-Angelegenheiten hat zu einer explosionsartigen Zunahme von psychischen St\u00f6rungen gef\u00fchrt. Es ist offenkundig, dass viele Menschen das heutige Temponiveau und die Dichte multipler Anforderungen nicht mehr verkraften.<\/p>\n<p>Stressbedingte Beschwerden bis zu Zusammenbr\u00fcchen sind Volkskrankheiten von enormer Schadensrelevanz f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Wer nie selbst ein Burn-out erlebt oder als Angeh\u00f6riger miterlebt hat, sollte sich abf\u00e4llige Bemerkungen von wegen \u201eModekrankheit\u201c oder &#8222;Weicheierei&#8220; tunlichst verkneifen. Denn der unwillentliche Absturz in Kraft- und Hoffnungslosigkeit kann heute fast jeden, auch den scheinbar Robustesten, urpl\u00f6tzlich erwischen. Es h\u00e4ufen sich die Anzeichen, dass mit dem digitalen Hamsterrad des Immer-schneller und Immer-mehr die Kapazit\u00e4tsgrenze der menschlichen Natur erreicht ist.<\/p>\n<h3>Unseliger Kreuzzug gegen &#8222;Langeweile&#8220;<\/h3>\n<p>Zwar k\u00f6nnte unser Gehirn wahrscheinlich noch mehr leisten. Das aber nur, wenn man ihm Zeit und Ruhe zur Verarbeitung des Inputs l\u00e4sst. Dazu braucht jeder Mensch Phasen, in denen er Herr \u00fcber seine Zeit und sein Tun ist. Mehr noch: Jeder braucht regelm\u00e4\u00dfig lange Weilen der Ruhe und Entspannung, der Mu\u00dfe,&nbsp; des Nichtstuns und Beisichseins. &#8222;Selig sind die Stunden der Langeweile, denn in diesen Stunden arbeitet unsere Seele&#8220;, bemerkte der Kulturphilosoph Egon Friedell schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Er nahm damit die Erkenntnis j\u00fcngerer&nbsp; neurologischer Forschung vorweg, dass Langeweile oder ziellose Mu\u00dfe der beste N\u00e4hrboden f\u00fcr das Gehirn ist, seine kreativen Potenziale zu entfalten. Doch was machen wir Digitalmenschen stattdessen, sogar in den Resten des ganz privaten Lebens? Der Psychologe Stephan Gr\u00fcnewald dr\u00fcckt es in seinem Buch \u201eDie ersch\u00f6pfte Gesellschaft\u201c so aus: \u201eWir f\u00fchren einen Kreuzzug gegen die Langeweile.\u201c<\/p>\n<p>Tippen, mailen, schauen, h\u00f6ren, sprechen, wischen, chatten, bloggen, daten, surfen, shoppen; das m\u00f6glichst gleichzeitig, im Job, nach Feierabend, selbst am Wochenende und im Urlaub immer weiter. Wer nicht permanent im Info- und Kommunikationsstrom mitschwimmt, f\u00fcrchtet, aus der Welt zu fallen. Mu\u00dfe und M\u00fc\u00dfiggang sind perdu, Privatsph\u00e4re ebenfalls. Die alten Anstandsregeln, wonach man dem Gespr\u00e4chspartner ungeteilte Aufmerksamkeit widmet, oder am Abend und am Sonntag niemanden daheim st\u00f6rt, erscheinen wie absurde Vorzeitgebr\u00e4uche.<\/p>\n<p>Neue Technologien, die Segen sein k\u00f6nnten, werden Fluch, so sie die Herrschaft \u00fcber Zeit und Lebensart des Individuums wie der Allgemeinheit gewinnen. Dann tritt ein, was Hartmut Rosa \u201eorganisatorisches Kammerflimmern\u201c und Paul Virilio \u201erasenden Stillstand\u201c nennen: die allf\u00e4llige Hatz nach mehr und schneller stolpert \u00fcber sich selbst. B\u00fcroarbeit ers\u00e4uft in Mailstr\u00f6men, atemlose Informationsflut erschl\u00e4gt informierte Nachdenklichkeit, Netzleben (z)ersetzt echtes Leben.<\/p>\n<h3>&#8222;Multitasking vermanscht das Gehirn&#8220;<\/h3>\n<p>\u201eIst ungeteilte Aufmerksamkeit ein gef\u00e4hrdetes Gut?\u201c, sorgt sich der Philosoph Christoph T\u00fcrcke. Und Neurologe Manfred Spitzer erkl\u00e4rt: \u201eMenschen, die h\u00e4ufig mehrere Medien gleichzeitig benutzen, haben Probleme mit der Kontrolle ihres Denkens.\u201c Frank Schirrmacher formuliert diese Erkenntnis der Hirnforschung drastischer: \u201eMultitasking vermanscht das Gehirn. Der Mensch ist daf\u00fcr nicht gebaut.\u201c&nbsp; Zuviel ist einfach zu viel \u2013 f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen einer Spezies, deren Biologie noch immer vom Rhythmus der Jahreszeiten wie vom Tag-und-Nacht-Wechsel getaktet ist. Einer Spezies, deren Natur gelegentliche Hochleistungsspitzen &#8211; urspr\u00fcnglich f\u00fcr Jagd und Flucht &#8211; erm\u00f6glicht, diesen Alarmmodus aber nicht als Dauerzustand vorsieht.<\/p>\n<p>Zwischen der nat\u00fcrlichen Evolutionsstufe des Homo sapiens und seiner Beschleunigungszivilisation tut sich eine immer schneller wachsende Kluft auf. Viele Negativwirkungen konnten in den letzten 300 Jahren durch Fortschritte bei Nahrung, Wohnung, Hygiene, Medizin&nbsp; kompensiert werden. Womit jedoch soll die ma\u00dflose Ausweitung multipler Hochgeschwindigkeitsanforderungen im Digitalzeitalter ausgeglichen werden? Auf diese epochale Frage gibt es derzeit zwei Antwortlinien. Die eine setzt \u2013 siehe \u201eQuantified Self\u201c \u2013 auf Selbstoptimierung, glaubt also, dass Anpassung an die steigenden Anforderungen durch Steigerung des individuellen Leistungsverm\u00f6gens m\u00f6glich sei. Die andere strebt nach Entschleunigung, verlangt also Anpassung der Anforderungen an die Natur des Menschen.<\/p>\n<h3>(Alb)Traum vom Cyborg wird Wirklichkeit<\/h3>\n<p>Auf Selbstoptimierung haben sich ganze Industrien eingerichtet, die uns mit Apparaten und Trainingsger\u00e4ten, mit Lern-, Verhaltens-, Fitnessprogrammen, mit Nahrungserg\u00e4nzungsmitteln, Hallo-Wach- und Psychopillen \u00fcbersch\u00fctten. Doch dabei bleibt es nicht. Das Ideal bisheriger Humanwissenschaft war Erhalt und Wiederherstellung der Gesundheit. Neuerdings aber gilt in den&nbsp; Biotech-Laboren manches Bestreben der \u201eVerbesserung\u201c des eigentlich gesunden Menschen. Die Sch\u00f6nheitschirurgie ist da blo\u00df modischer Prolog. Pharmazeutisch, prothetisch und genetisch optimierte Gliedma\u00dfen, Sinnesorgane, Gehirnfunktionen werden folgen. Was vielleicht als Segen f\u00fcr Kranke und Behinderte beginnt, kann alsbald Gesunde zu Menschmaschinen aufr\u00fcsten.<\/p>\n<p>Science Fiction? Nein, die Entwicklung l\u00e4uft bereits (s. zB Titelthema im &#8222;Spiegel&#8220; Nr.49\/2013). Gerade wird die menschliche Natur unter biotechnologischen Gesichtspunkten neu vermessen. Woraus gewollt oder ungewollt die Versuchung erw\u00e4chst, sie k\u00fcnstlich ad hoc auf eine vermeintlich h\u00f6here Entwicklungsstufe katapultieren zu wollen. Auf eine Stufe, die besser zu den Anforderungen der digitalen Wachstumsmoderne passt. Mag sein, dass unser Verstand das noch packen w\u00fcrde. Die Seele aber, das Menschliche schlechthin nimmt unvermeidlich Schaden.<\/p>\n<p>Weshalb jetzt gestresste Zeitgenossen in wachsender Zahl um pers\u00f6nliche Entschleunigung ringen. Seltsamerweise kommen dabei teils die gleichen Instrumente zum Einsatz wie bei den Selbstoptimierern. Das r\u00fchrt vom Trugschluss, ein paar \u201eRuhezeitinseln\u201c, ein bisschen Yoga, Sport, Wellness, Achtsamkeit oder einige Tage im Kloster k\u00f6nnten das Leben wieder ins Gleichgewicht bringen \u2013 um es dann erneut ins nach wie vor beschleunigende Hamsterrad zu st\u00fcrzen. So aber wird das kaum klappen mit dem lebenswerten Leben. Dazu muss man wohl entweder als Individuum einen weit gr\u00f6\u00dferen Abstand zum Rad suchen oder als Gesellschaft auf die Bremse treten und es in eine andere Richtung lenken.<\/p>\n<p class=\"rteright\"><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p><em>Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website am 2. Januar 2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 2010 schwappte aus den USA eine neue Lifestyle-Bewegung nach Europa: \u201eQuantified Self\u201c. Ihre&nbsp; Anh\u00e4nger streben nach Selbstkontrolle mittels genauer Erfassung eigener Vitalfunktionen und tagt\u00e4glichen Tuns. Daf\u00fcr nutzen sie jede Menge vernetzte Digitaltechnik: Waagen, Schrittz\u00e4hler, Pulsmesser, Schlafsensoren und mehr. Dazu kommen Apps f\u00fcr Smartphone und Laptop zum akribischen Organisieren, Protokollieren, Analysieren von Arbeit und Freizeit. 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