{"id":129,"date":"2015-01-01T23:00:00","date_gmt":"2015-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/01\/01\/vorwaerts-in-die-vergangenheit\/"},"modified":"2022-12-26T16:49:20","modified_gmt":"2022-12-26T15:49:20","slug":"vorwaerts-in-die-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/01\/01\/vorwaerts-in-die-vergangenheit\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2015 \/ Vorw\u00e4rts in die Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape<\/strong>. <em>\u201eDer kulturelle Fortschritt ist nicht linear.\u201d Dies sagte unl\u00e4ngst Ali Ahmed Said Esher, bekannter unter dem Pseuodonym Adonis, in einem Interview. Der 85-j\u00e4hrige gilt als wohl bedeutendster Gegenwartsdichter der arabischen Welt. Seine Aussage meint: Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation verl\u00e4uft nicht geradlinig und stetig vom Niederen zum H\u00f6heren oder vom Schlechteren zum Besseren. Sie nimmt vielmehr zahlreiche Umwege; Stillst\u00e4nde und R\u00fcckschritte inklusive.<\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Sein Satz ist nicht auf technologischen Neuerungsfluss oder die Ausweitung der materiellen Produktion und Konsumtion gem\u00fcnzt, die landl\u00e4ufig fatalerweise als prim\u00e4rer Gradmesser f\u00fcr&nbsp; Fortschritt angesehen werden. Bei Adonis ist geistig-kulturelle, gesellschaftliche und politische Reife der eigentliche Ma\u00dfstab f\u00fcr menschlichen Fortschritt. Von dieser Warte aus gelangt er zu zwei Schl\u00fcssen. Erstens: Die islamischen Kultur kommt so lange nicht vom Fleck wie die Muslime Religion und Staat nicht trennen und die Frauen nicht befreien. Zweitens: \u201eDie westliche Kultur, auch die deutsche, steckt in einer schweren Krise.\u201d<\/p>\n<h3>Ein Jahr weltpolitischer Z\u00e4suren &nbsp;<\/h3>\n<p>Was ist Fortschritt? Es gibt Jahre, da scheint sich Geschichte geradezu sprunghaft vorw\u00e4rts zu entwickeln. 1989 war ein solches Jahr und wir wussten, was Fortschritt sein k\u00f6nnte. Viele Menschen verbanden mit der Aufl\u00f6sung der Sowjetgesellschaften und dem Mauerfall gro\u00dfe Hoffnungen auf eine neue, fortschrittliche Globalordnung, gepr\u00e4gt von einer allgemeinen Tendenz zu Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftlicher Wohlfahrt und sozialer Gerechtigkeit. Dann wieder gibt es Jahre, in denen einen das Gef\u00fchl beschleicht, das Rad der Geschichte drehe sich wuchtig r\u00fcckw\u00e4rts. Ein solches Jahr war 2014 \u2013 ein \u201eJahr weltpolitischer Z\u00e4suren\u201d wie der Historiker Heinrich August Winkler aktuell schreibt. In diesem Sinne war 2014 gewisserma\u00dfen das Pendant zu 1989, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.<\/p>\n<p>Denn pl\u00f6tzlich sind l\u00e4ngst begraben geglaubte Feindschaften zwischen Russland und dem Westen wieder lebendig geworden, haben sich im Zuge der Ukraine-Krise zu einem veritablen internationalen Konflikt verdichtet. Der erinnert an den l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubten Kalten Krieg und weckt auch hierzulande bei Alt wie Jung die Besorgnis: Liegt der in Europa eigentlich undenkbar gewordene hei\u00dfe Krieg nun doch wieder im Bereich des Denkbaren? Zumal hier deutlich wurde, dass alle alten Konfliktreflexe von jetzt auf gleich wieder funktionieren \u2013 dass politisch, medial und im \u00f6ffentlichen Bewusstsein auf beiden Seiten nichts leichter zu reanimieren ist, als die unselig Selbstgewissheit \u201ewir sind die Guten und im Recht, die andern sind die B\u00f6sen und im Unrecht\u201d.<\/p>\n<h3>Neigung zu nationalkonservativer Autoritarismus<\/h3>\n<p>Pl\u00f6tzlich kommt auch zu Bewusstsein, dass wohl Demokratisierung nicht die aktuelle Haupttendenz in der Welt ist. Stattdessen macht sich allenthalben eine Neigung breit, gestrigen Autoritarismus neu zu beleben. Und das nicht nur irgendwo in der Ferne Afrikas oder Asiens, sondern an den R\u00e4ndern Europas, ja selbst mittendrin in der Europ\u00e4ischen Union. In Russland steht Wladimir Putin f\u00fcr diese Neigung, im Nato-Land T\u00fcrkei Recep Tayyip Erdo\u011fan, beim EU-Mitglied Ungarn Viktor Orb\u00e1n. Sie alle f\u00fchren nationalkonservativ-autorit\u00e4re Regime an, deren Entstehen und l\u00e4ngerfristige Haltbarkeit man im 1989er Freiheits- und Liberalisierungsfuror nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte \u2013 und die leider in ihren L\u00e4ndern von stillen Bev\u00f6lkerungsmehrheiten geduldet bis getragen werden.<\/p>\n<p>Parallel finden \u00fcberall in Europa Parteien und Str\u00f6mungen wachsenden Zuspruch, die zu autorit\u00e4rem Nationalkonservatismus tendieren. Sie verzeichneten die h\u00f6chsten Stimmenzuw\u00e4chse bei der j\u00fcngsten Wahl zum Europaparlament \u2013 obwohl sie dieses mitsamt EU am liebsten morgen schon auseinander jagen w\u00fcrden. Das Ph\u00e4nomen wird so bald nicht verschwinden, sondern sich ausweiten. Zumal nun Radikale von rechts in nicht unerheblicher Zahl tief verunsicherte, um ihre kulturelle Heimat und Verwurzelung f\u00fcrchtende B\u00fcrger aus der Gesellschaftsmitte zum Protest gegen eine vermeintliche \u201eIslamisierung des Abendlandes\u201d mobilisieren.<\/p>\n<p>Wie kann so etwas gelingen? Die Grundlage erwuchs zu nicht unerheblichen Teilen aus dem allgemeinem Befremden \u00fcber das Fortschreiten der neuen Post-1989er-Weltordnung. Deren Unterwerfung immer weiterer Teile des politischen Wollens und gesellschaftlichen Werdens unter das Diktat der deregulierten M\u00e4rkte hat die Hoffnungen von damals zerschreddert. An die Stelle souver\u00e4ner Politik sind scheinbar anonyme M\u00e4chte getreten. Es greift das Gef\u00fchl um sich, supranationale Institutionen, globale Konzerngeflechte und Finanzkonglomerate verwandeln Staaten, Gesellschaften und vormals freie B\u00fcrgerindividuen in willf\u00e4hrige bis ohnm\u00e4chtige Man\u00f6vriermassen des Big Business. Unter dessen \u00c4gide wird das Prinzip der Sozialstaatlichkeit&nbsp; ausgeh\u00f6lt, die Kluft zwischen Arm und Reich stetig gr\u00f6\u00dfer, gilt permanentes Wirtschaftswachstum als einzige Zukunftsoption und trickreiche Steuerflucht als legitimes Mittel des Wirtschaftens.<\/p>\n<h3>Neoliberalismus f\u00fchrt weg vom Humanismus<\/h3>\n<p>Diese angeblich \u201ealternativlose Modernisierung\u201d ist in Wahrheit historisch ein Schritt r\u00fcckw\u00e4rts, insofern sie Zug um Zug die sozialhumane Ausrichtung von Gesellschaft und Wirtschaft demontiert, die nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen westlichen L\u00e4ndern erstritten wurde. Tendenziell ersetzt der Neoliberalismus Solidarit\u00e4t durch Wettbewerb, reduziert das menschliche Individuum auf die Funktion von Konsument und&nbsp; Humankapital, f\u00fchrt schlie\u00dflich in die Pervertierung der demokratischen Volkssouver\u00e4nit\u00e4t zur \u201emarktkonformen Demokratie\u201d.<\/p>\n<p>Zugespitzt formuliert: Der Neoliberalismus zerschreddert nicht nur die mit der 1989er Wende verbundenen Hoffnungen, sondern zugleich auch jene auf die W\u00fcrde und das Selbstbestimmungsrecht des Individuums abhebenden Maximen, die seit der amerikanischen Revolution von 1776 und der franz\u00f6sischen von 1789&nbsp; ideeller Kernbestand historischer Zielsetzung aufgekl\u00e4rter B\u00fcrgerlichkeit waren. Der Neoliberalismus verwandelt die \u201ewestliche Kultur in eine Maschine, in die vorne Leben hinein- und hinten Geld wieder herauskommt\u201d, wie Thomas Assheuer in der \u201eZeit\u201d das Unbehagen am j\u00fcngeren Gang der globalisierten Dinge beschreibt. Es ist ein Gang, der wegf\u00fchrt von den Werten des Humanismus wie wir sie in der Schule gelernt, in die Menschenrechtscharta und unser Grundgesetz geschrieben hatten.<\/p>\n<p>Das Unbehagen an dieser geistig-moralische Orientierungslosigkeit hervorrufenden Sinnentleerung und Werteentwertung ist diffus, und seine diversen Ausdrucksformen sprengen die gewohnten Muster der politischen Beurteilung. Da vermengen sich Desinteresse, Misstrauen oder Verachtung f\u00fcr den als technokratisch und abgehoben empfundenen Politikbetrieb mit dem Gef\u00fchl des ohm\u00e4chtigen Herum-Geschoben-Werdens und allerlei \u00c4ngsten vor Verlust der angestammten Lebensart. Da f\u00fchrt tiefe Verunsicherung auch zur Suche nach Orientierung an \u00fcberkommenen Strukturen und Mechanismen: Die Sehnsucht nach Beheimatung und Beh\u00fctung in einem starken Nationalstaat, wom\u00f6glich gef\u00fchrt von einer starken Autorit\u00e4t, die eine nationalkonservative Leitkultur gegen die kulturellen Ver\u00e4nderungsprozesse der Globalisierung durchsetzt und bewahrt.<\/p>\n<h3>Wiederkehr des Monstrums Religionskrieg<\/h3>\n<p>2014 verst\u00e4rkte sich dieser Zug ungemein. Ursache ist eine weitere Verunsicherung, hervorgerufen durch das Wiedererwachen eines Monstrum aus grauer Vorzeit: Pl\u00f6tzlich kehrt der Religionskrieg in die Weltgeschichte zur\u00fcck. Er f\u00fcgt dem ohnehin \u00fcberkomplexen Weltgeschehen der Gegenwart einen weiteren unkalkulierbaren, aber wirkm\u00e4chtigen Faktor hinzu. Diesmal ziehen nicht wie im Mittelalter Kreuzritter-Heere im Namen Gottes gegen die Muselmanen. Diesmal schlagen auch nicht wie bei den Konfessionskriegen des 16.\/17. Jahrhunderts Christen einander tot. Diesmal massakrieren von Afrika bis in den Mittleren Osten vor allem Muslime Muslime. Was mit dem Arabischen Fr\u00fchling als gro\u00dfe Hoffnung auf freiheitliche Modernisierung dieser Weltgegend begann, ist zu blutigen B\u00fcrgerkriegen, einem Kampf von Schiiten gegen Sunniten und zum Auftrumpfen der barbarischen, mittelalterliche Ziele verfolgenden Kalifatsbewegung des sogenannten Islamischen Staates (IS) geworden.<\/p>\n<p>In einem solchen Durcheinander wie 2014 hat man die Welt lange nicht mehr erlebt. Und leider l\u00e4sst sich kaum eine der vielen Tendenzen als eine im human-zivilisatorischen Sinne fortschrittliche Entwicklung deuten. Denn in der Mehrzahl sind sie ganz oder teilweise r\u00fcckw\u00e4rts gewandt \u2013 selbst dort, wo sie als Gegenbewegung zueinander auftreten. Der IS begegnet der \u201egottlosen Moderne\u201d mit mordl\u00fcsterner Fr\u00f6mmigkeit und dem Versprechen auf einen jede Individualit\u00e4t erdr\u00fcckenden, mittelalterlichen Gottestaat. Putin, Erdogan, Orban und Co. tun so, als setzten sie zum Wohle ihrer V\u00f6lker dem Hegemoniestreben westkapitalistischer \u201eDekadenzkultur und Asozialit\u00e4t\u201d die Verl\u00e4sslichkeit nationaler Gr\u00f6\u00dfe und konservativer Werte entgegen. Ergebnis ist eine weitgehende Entdemokratisierung und Entliberalisierung dieser Gesellschaften. Genauso verh\u00e4lt es sich mit den (rechts)populistischen Parteien und Str\u00f6mungen bis hin zur PEGIDA-Bewegung. Sie propagieren als Mittel gegen die Probleme und Ver\u00e4nderungen infolge der Globalisierung Verhaltensweisen von vorgestern: Nationalismus, kulturelle Abschottung, Fremdenfeindlichkeit.<\/p>\n<h3>Die W\u00fcrde des Individuums schwebt in Gefahr &nbsp;<\/h3>\n<p>Ob Autoritarismus, Rechtspopulismus, Islamismus oder ungez\u00fcgelter kapitalistischer Neoliberalismus: Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die modernsten Technologien benutzen, um historisch r\u00fcckw\u00e4rts gewandte Zwecke und Ziele zu verfolgen. Ihnen allen ist zugleich die Geringsch\u00e4tzung humanistischer Werte, b\u00fcrgerlicher Freiheiten und der W\u00fcrde des menschlichen Individuums eigen. Das Elend ist, dass viele Zeitgenossen dem sogar etwas abgewinnen k\u00f6nnen oder sich allm\u00e4hlich daran gew\u00f6hnen. In einem auf den ersten Blick ganz unscheinbaren Bereich unseres Alltags beispielsweise wird stillschweigend und unter allgemeiner Duldung Zug um Zug&nbsp; die Privatsph\u00e4re abgeschafft. Unter dem Deckmantel technischen Fortschritts kehren wir so dem Wesen nach zu einer Lebensform der feudalen Vormoderne, ja des Mittelalters zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Jene Zeiten kannten kaum Privatsph\u00e4re, weil die Armen eng gedr\u00e4ngt lebten, die h\u00f6heren St\u00e4nde fortw\u00e4hrend in Lebensbereiche der niedrigeren hineingriffen und selbst in den Burgen und Pal\u00e4sten jeder jederzeit unter jedermanns Beobachtung stand. Privatsph\u00e4re als legitimes Bed\u00fcrfnis nach und Recht auf R\u00fcckzugs- und Entfaltungsraum des Individuums ist eine kulturelle Errungenschaft der b\u00fcrgerlichen Epoche. Wir aber sind gerade dabei sie gezwungenerma\u00dfen wie auch leichtfertig und gedankenlos aufzugeben. Denn das ist die sozialkulturell und politisch r\u00fcckschrittliche Kehrseite der fortschrittlichen M\u00f6glichkeiten von Internet und Digitalkommunikation: explosionsartige Ausweitung beobachtender und beeinflussender Eingriffe in die Privatsph\u00e4re durch Staat, Wirtschaft, soziale Netzwerke und den normativen Zwang zur Dauerkommunikation.<\/p>\n<p>Das Chaos in der Welt ist betr\u00e4chtlich zu Beginn des Jahres 2015. Einfache Antworten und schnelle L\u00f6sungen sind kaum zu finden. Aber vielleicht hilft bei der Orientierung die simple Erinnerung an die Hoffnungen von 1789 und 1989 \u2013 auf Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche Wohlfahrt, Solidarit\u00e4t und soziale Gerechtigkeit. Diese Werte sind der wahre Ma\u00dfstab f\u00fcr Fortschritt. Und sie sind noch immer nicht erf\u00fcllt, weil im Orient wie im Okzident&nbsp; ein Schritt vorw\u00e4rts oft nur zwei Schritte r\u00fcckw\u00e4rts maskiert.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p><em>Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website am 2. Januar 2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. \u201eDer kulturelle Fortschritt ist nicht linear.\u201d Dies sagte unl\u00e4ngst Ali Ahmed Said Esher, bekannter unter dem Pseuodonym Adonis, in einem Interview. Der 85-j\u00e4hrige gilt als wohl bedeutendster Gegenwartsdichter der arabischen Welt. Seine Aussage meint: Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation verl\u00e4uft nicht geradlinig und stetig vom Niederen zum H\u00f6heren oder vom Schlechteren zum Besseren. 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