{"id":119,"date":"2018-09-23T22:00:00","date_gmt":"2018-09-23T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/09\/23\/leute-gebt-acht-auf-euch\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:12","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:12","slug":"leute-gebt-acht-auf-euch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/09\/23\/leute-gebt-acht-auf-euch\/","title":{"rendered":"Leute, gebt acht auf euch"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p><strong>ape<\/strong>. Ich k\u00f6nnt\u2018 mich kringeln. Freund Walter ist nerv\u00f6s. Wieder hat ein Theater ein St\u00fcck angek\u00fcndigt, in dem es vermeintlich um ihn geht. Letzte Saison brachte das Theater Koblenz \u201eMein ziemlich seltsamer Freund Walter\u201c heraus, jetzt avisiert das Theater Bonn f\u00fcr Oktober die Urauff\u00fchrung des Schauspiels \u201eWer ist Walter?\u201c. Nur Zufall, versuche ich ihn zu beruhigen. Du hast halt so einen wunderbar gew\u00f6hnlichen Name, und die Kunst liebt es, das Ungew\u00f6hnliche im Allerweltsgewand aufzust\u00f6bern. Zugleich jedoch frotzeln Bekannte: \u201eWalter, du wirst noch ber\u00fchmt\u201c. Was dessen Nervosit\u00e4t wieder befeuert. Denn der Freund will eines partout nicht: ber\u00fchmt werden. Oft hat er mich gewarnt: \u201eWenn du je mein Inkognito l\u00fcftest, sind wir geschiedene Leute auf immerdar.\u201c<\/p>\n<p>Die ernste Seite an der Sache ist eben: Walter mag kein Promi, VIP oder Star sein \u2013 so sehr es heutzutage im Trend liegt, sich abzustrampeln, gar \u00f6ffentlich Kakerlaken zu fressen, sich in aller Bl\u00f6dheit vorf\u00fchren oder verkuppeln zu lassen, nur um ber\u00fchmt zu werden. Walter m\u00f6chte auch nicht reich werden. Er, nein: wir beide, haben so manchen erlebt, der beim Streben nach Karriere und Wohlstand vergessen hatte, zu leben. Mit 60, 50, 40 oder noch weniger Jahren fallen sie dann auf den R\u00fccken, strecken alle Viere von sich, weil Herzkasper, Auszehrung, Nervenzerr\u00fcttung, Versagenspanik sie niederwerfen. Wir wissen, wovon wir reden. Denn auch jeder von uns beiden hatte seine irre Phase, ein paar Jahre, in denen alles dem Erklimmen jener Leiter galt, deren Stufen aus Einkommen und Ansehen deinen Wert als Mensch zu bemessen scheinen.<\/p>\n<p>Wir hatten Gl\u00fcck, denn irgendwann konnten wir uns vom Hamsterrad des&nbsp; Immermehrimmerschneller halbwegs l\u00f6sen, ohne gleich am Hungertuch zu nagen. Walter war da radikaler als ich. Job-Wechsel, Stundenreduzierung, Einschr\u00e4nkungen, freiwilliger Abstieg von der mittleren in die untere Mittelschicht: Was er da durchzieht, ist das Abwenden von den Normidealen der kapitalistischen Moderne \u2013 zugunsten einer Lebensart, die ich freier, selbstbestimmter, freudvoller, widerst\u00e4ndiger nennen m\u00f6chte. Dabei folgt der Freund der Devise: \u201eAuch wenn ich nur noch 20 Stunden die Woche einer Lohnarbeit nachgehe, so ist doch jede Stunde ihr Geld wert.\u201c Die Bescheidenheit seiner Lebensf\u00fchrung, sagt er, berechtige niemanden, ihn mit einem Hungerlohn abzuspeisen. Und Walter ist gut in dem, was er tut. H\u00e4tte er nicht den Ausstieg gesucht, er w\u00e4re heute vielleicht Chef von irgendwas und\/oder ein Wrack \u2013 aber gewiss nicht der liebenswerte Querulant, der er geworden ist.<\/p>\n<p>Die Lehre aus der Geschicht\u2018? Der Freund w\u00fcrde sagen: \u201eDie einen werden so schlecht bezahlt, dass sie aus ihrem Kladeradatsch nicht raus k\u00f6nnen; was eine Sauerei ist. Die andern wollen den Kladeradatsch, weil sie sich damit eine Weile wohlf\u00fchlen oder ihnen nix besseres einf\u00e4llt als ein Dasein im Streben nach Wohlstand und Aufstieg. Kaputt gehen heute in beiden Gruppen viele an der ma\u00dflosen Beschleunigung des Lebens und seiner \u00dcberf\u00fcllung mit wohlfeiler Leere.\u201c Das w\u00fcrde er sagen, wenn er zu diesem Thema spr\u00e4che. Tut er aber nicht. \u201eDas Belehren ist dein Gesch\u00e4ft\u201c bedeutet er mir. Doch auch ich habe erstmal nur den Rat: Leute, gebt acht auf euch. Und nat\u00fcrlich bleibt das Versprechen, Walters Inkognito, damit sein Menschenrecht auf Privatsph\u00e4re nebst Einfachheit und Langsamkeit zu wahren.<\/p>\n<p>Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 39. Woche im September 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Ich k\u00f6nnt\u2018 mich kringeln. Freund Walter ist nerv\u00f6s. Wieder hat ein Theater ein St\u00fcck angek\u00fcndigt, in dem es vermeintlich um ihn geht. 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