Irrweg in der Walpurgisnacht 1971

Ein Verzählche über alte Zeiten

ape. Kleines Verzählche am und zum 1. Mai. Eine Erinnerung, beim Frühstück plötzlich aus den Hirntiefen aufgestiegen und wohl provoziert durch das heute seltsame Gefühl: Erstmals zu meinen Lebzeiten gibt es an dem für mich seit früher Jugend wichtigsten Feiertag im Jahreszyklus keine Demonstrationen und Kundgebungen.

***

Wir schreiben die Nacht vom 30. April zum 1. Mai wahrscheinlich anno 1971. Gegen 2 Uhr neigt sich die Fete im autonomen Jugendzentrum des Kleinstädtchens Neckargemünd dem Ende zu. Um 150 junge Leute haben sich zu Klängen und Rhythmen von Black Sabbath, Deep Purple, Uriah Heep, Rolling Stones, MC5 und Co. "in den Mai" getanzt, geknutscht, gefummelt oder diskutiert. Die Kästen mit dem billigen Koppfschmerzbier sind bloß noch Leergut, die vielen 2-Liter-Flaschen mit noch billigeren Chianti und Lambrusco ebenfalls ihres Inhalts beraubt. Am Boden zweier großer Waschbütten warten klägliche Reste von Nudel- und Kartoffelsalat auf ihre Entsorgung. In Omas Einkochtopf schwimmt eine letzte Brühwurst herum, längst unansehnlich aufgequollen. (Das allfällige Grillen würde erst Jahre später in Mode kommen).

Während die Menge sich Richtung mehr oder minder solider Schlafplätze hier, daheim oder sonstwo zerstreut, wird die Verabredung für den folgenden Vormittag nochmal bekräftigt: 11 Uhr, Rote 1. Mai-Demo im 10 Kilometer entfernten Heidelberg. Die weniger politisch Angehauchten ergänzen: "Ab 14 Uhr dann auf der Neckarwiese". Vier 15-/16-jährige Burschen tanzen indes vergnügt und wildentschlossen aus der müden Reihe. Sie schnüren Rucksäcke und festes Schuhwerk, prüfen Taschenlampen. Ihr Plan: "Durchmachen" - in Form einer Nachtwanderung durch den Wald entlag des Neckartals nach Heidelberg. Und sie sind zuversichtlich, locker bis zum Demostart dort anzukommen.

Ausgestattet sind die vier famos, denn gegen das zuhause angegebene Vorhaben - "Tanz in den Mai mit anschließender Nachtwanderung" - hatten selbst einst HJ-gestählte Eltern nichts einzuwenden. Also warten in den Rucksäcken kaltes Brathuhn und Schweinekoteletts, Kekse, Schokolade nebst die von einem Vater klammheimlich spendierte Flasche Kirschwasser auf Verkostung im Laufe der Wanderschaft. Doch die Götter meinen es nicht gut mit unserem jugendlichen Quartett. Der tagsüber ausbaldowerte Waldweg entlang des Neckartals vollführt in der Nacht eigentümliche Wendungen. Statt dem Fluss parallel zehn Kilometer zu folgen, schlängelt er sich mal um mal in Seitentäler hinein, die allesamt hinauf auf Odenwald-Höhen führen.

Lichter, die unsere Mannen gegen 5 Uhr erst erfreut für den Heidelberger Vorort Ziegelhausen halten, erweisen sich beim Näherkommen als halbes Dutzend einsamer Straßenlaternen in einem noch einsameren und weit vom gedachten Weg abgelegenen Dörfchen. Die anfängliche Munterkeit ist längst verflogen, denn zum Verdruss des Verirrens kommt, dass es scheißkalt geworden ist. Als es zu allem Überfluss auch noch anfängt zu schneien, quetscht die Viererbande sich zweistöckig verschlungen in eine Telefonzelle und macht dort Wanderpause - die Dank eifriger Nutzung des wärmenden Kirschwassers rasch zum kicher-zotigen Gelage nebst Absingen der Internationale und anderer Revolutionslieder wird.

Ende gut, alles gut? Irgendwann und irgendwie finden die Burschen dann doch einen Weg ins Neckartal zurürck. Dort erwischen sie einen Linienbus nach Heidelberg, kommen eine gute halbe Stunde verspätet zur Mai-Demonstration - und haben diesmal herzlich wenig zu deren kämpferischem Charakter beizutragen. Beim behaglichen Abschlussschwof der Mai-Feiern am Nachmittag auf der Neckarwiese glänzen sie durch Abwesenheit - und über die Erlebnisse während der Wanderschaft legt sich nachher ein ganz unüblicher Schleier des Schweigens.

Geblieben ist von jener Nacht noch lange ein Gerücht, das seinen Ausgang bei den Bewohnern eines kleinen Dorfes im Neckar-nahen OWir schreiben die Nacht vom 30. April zum 1. Mai wahrscheinlich anno 1971denwald nahm: In der Walpurgisnacht anno 71 hätte wohl ein entfesselter Hexentrupp in der örtlichen Telefonzelle den Hexensabbat gefeiert.

Andreas Pecht

Archiv-chronologisch: