Quergedanken

Quergedanken Nr. 74

Geplant waren an dieser Stelle eigentlich launige Sätze zur gespannten Erwartung, mit der die Mittelrheinischen dem Start der Bundesgartenschau Koblenz am 15. April entgegenfiebern. Doch nun entstehen diese Zeilen am Tag 8 der Japan-Katastrophe, und mir ist die Lust an Launigkeit vergangen. Die Leserschaft wird Verständnis haben. Mir ist auch die Geduld abhanden gekommen, in gepflegter Ruhe mit AKW-Fans zu diskutieren. Wer jetzt nicht sieht, was Sache ist, der will nicht sehen, will bloß glauben. Technikgläubigkeit ist wie religiöser Fanatismus. Allmachtsfantasterei. Deutsche AKWs seien sicher, weil es hier keine Tsunamis gäbe. Nichts begriffen!

Genug. Es gibt eine Zeit zum Reden und eine zum Handeln. Jetzt ist die Zeit des Handelns. „Bundesregierung und Atomwirtschaft handeln doch, lernen um“, tönt es allseits. Ach was: Die Krokodile weinen. Ich glaube ihnen kein Wort. Sie tricksen. Um zu retten, was zu retten ist – an Macht, Einfluss, Profit. „Deine Rede sei ja, ja und nein, nein“ heißt es biblisch. Ich höre nur „blub, blub, blub“. Dieser Blub meint: Zeit gewinnen, Nebelkerzen werfen, Beruhigungspillen ans blöde Volk verteilen. Dazu jaulen die Bedenkenträger: „Rascher Atomausstieg kostet Milliarden, der Strompreis explodiert, die Lichter gehen aus.“

230 Milliarden Euro würde Deutschland ein Totalausstieg bis 2020 kosten, hat einer ausgerechnet. Na und?! So viel kostete die japanische Atomkatastrophe (ohne die übrigen Beben- und Tsunami-Schäden) in der ersten Woche. Freilich werden die Strompreise explodieren – solange die Oligarchen von RWE und Co. nach Belieben Rahm abschöpfen. Dem könnte Einhalt geboten werden, politischen Willen vorausgesetzt. Die Lichter gehen keineswegs aus – sofern nicht ein AKW-GAU Teile des Netzes sprengt. Sieben deutsche Meiler sind jetzt abgeschaltet, und nichtmal die Glühbirnen flackern.

Selbst wenn der Strom gelegentlich für eine Stunde wegbliebe, selbst wenn der Strompreis um 20 Prozent stiege: Wollten wir wegen solcher Wohlstands-Petitessen alles aufs Spiel setzen,  Gesundheit, Leben, Umwelt, Zukunft der Kinder? Was wären ein paar Unannehmlichkeiten gegen das Grauen des entfesselten Restrisikos. Ja, ja, ich höre den Spott, das Gemaule, die Anfeindungen, dies sei modisches Endzeitgejammer, gar Agitation mittels japanischer Opfer. Pardon, den aktuellen Horrorbeweis für die reale Unbeherrschbarkeit des Restrisikos habe nicht ich angezettelt, den erbringen die AKWs selbst.

Es ist bitter genug, 25 Jahre nach Tschernobyl schon wieder Recht behalten zu haben. Aber soll ich mich dafür schämen? Schämen müssten sich die Offiziellen, die jetzt tun, als sei erst mit der japanischen Katastrophe das Gefahrenpotenzial der Atomkraft erkennbar geworden. Verlogene Bagage. Sie wissen es seit Jahrzehnten, doch bei der „Risikoabwägung“ ging Profit stets vor. Schluss damit!  Deshalb: Jetzt handeln, Druck aufbauen. Jeder auf seine Weise: zu Öko-Stromanbietern wechseln; demonstrieren, wieder und wieder, gerade während des Moratoriums; auf dem Wahlzettel protestieren. Dazu dies: Auch sehr viele CDU- und FDP-Mitglieder sind für den Ausstieg;  liebe Leute, macht euren Oberen Dampf.

Und keine Bange: Es geht, wir können die AKWs abschalten, alle, zeitnah. Deutschland baut angeblich die besten Autos und Maschinen der Welt. Bei solchen Potenzialen kriegen wir es ganz sicher hin, lächerliche 20 Prozent Atomstrom klug zu ersetzen. Das wäre mal eine globale Vorreiterrolle, für die zu schwitzen sich wirklich lohnt.

Quergedanken Nr. 73

Lasst euch nicht weismachen, Weltgeschichte würde von Königen, Kanzlern/innen oder sonstigen Großhelden geschrieben. Die schreiben bloß Geschichtchen. Am wirklichen Historienrad dreht die Vereinigung von Hinz und Kunz, dreht „die Straße“: 1789 Frankreich, 1832/1848 Baden und Pfalz, 1917 Russland, 1980 Polen (Solidarnosc), 1989 Deutschland, 2011 Maghreb/Arabien. Manchmal träumt einem jetzt nachts, vor den Börsen würde noch zu eigener Lebzeit millionenfach die ägyptische Weise gesungen: „Haut ab!“

Lasst euch nicht weismachen, wer regenerative Energien wolle, der müsse nun selbstverständlich Masten für Überlandleitungen in Vorgärten und auf Spielplätzen dulden, Stromtrassen quer durch Wohn- und Naturschutzgebiete hinnehmen. Unfug! Dass ein neues Kabelnetz her muss, enthebt die Erbauer doch nicht der Pflicht, natur- und sozialverträglich zu bauen. Das geht, wenn man will – und sich die Trassenführung nicht von den Energiemogulen diktieren lässt.

Lasst euch  nicht weismachen, die beste Alternative zum Benzin aus Erdöl sei der „Biosprit“ von zweckentfremdeten Kartoffel-, Weizen-, Reisfeldern. Oder sollte am Ende der Gipfel zivilisatorischer Entwicklung tatsächlich darin bestehen, dass die motorisierten Blechprotze den Menschen das Brot wegfressen?

Lasst euch nicht weismachen, dass für Stuttgart 21, für das Superschnell-Intercity-Netz, für den Börsengang der Bahn eintreten müsse, wer im Schienenverkehr die Zukunft sehe. Ich bin fest davon überzeugt, dass es zum Ausbau der Eisenbahn keine Alternative gibt. Die Deutsche Bahn AG ist das offenbar nicht. Sonst würde sie ihre Milliarden in eine Infrastruktur investieren, die möglichst viele Güter und Menschen von der Straße holt – statt sie in einem schwachsinnigen Luxuswettkampf mit Flugzeugen um ein paar eilige Geschäftsreisende zu verpulvern.

Lasst euch nicht weismachen, „Chancengleichheit“ sei das bestmögliche Ideal sozialen Strebens. Beim Lotto herrscht Chancengleichheit; jeder hat die Chance auf einen Haupttreffer. Was aber ist das Ende vom Lottolied? Eine 99-prozentige Mehrheit geht leer aus. Jeder Tellerwäscher könne bei Chancengleichheit Millionär werden, heißt es. Was‘n Quatsch. Würden alle Tellerwäscher ihre Chance ergreifen wollen, wäre keiner mehr da, aus dessen Arbeit man die Millionen quetschen könnte. Ne, ne: Chancengleichheit vergrößert bloß die Zahl der Wettbewerber, die sich wegen einer gleichbleibenden Siegprämie gegenseitig die Fresse polieren. Ein blödes Ideal.

Lasst euch nicht weismachen, mit einer Quote für die Chefetagen der Wirtschaft stehe oder falle die Frauenemanzipation. Ob Ackermann und Konsorten Herren oder Herrinnen sind, kann uns wurscht sein. So wie es keinen Unterschied macht, ob die Regierung unter Mutti Angela, Freiherr "Dr." Gutti oder Erzengel Gabriel nicht dafür sorgt, dass Frauen und Männern gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt wird.

Nun will auch Freund Walter noch seinen Senf dazu geben: „Und lasst euch nicht weismachen, es sei Sabotage am Aufschwung, wenn Mann und Frau zwischen Schwerdonnerstag und Aschermittwoch die Arbeitsnormen weniger interessieren als Jubilieren und Verlustieren. Helolaulaaf!“

Quergedanken Nr. 72

Der 13. Januar 2011 wird den deutschen Kolumnisten (bloß nicht verwechseln mit Kommunisten!) als historischer Tag erinnerlich bleiben: Dem verehrungswürdigen, allweil gelassenen Kollegen Harald Martenstein („Zeit-Magazin“) war der Kragen geplatzt. Nie hatte er sich bis dahin mit Politik abgeben wollen. Doch bei der Zeitungslektüre zum diesmaligen Jahreswechsel führte ihn die Betrachtung angekündigter Preis- und Abgabenerhöhungen zur ultimativen Frage: „Bin ich krank im Kopf, oder ist das System krank?“ Martenstein kapierte noch, warum die Krankenkassenbeiträge steigen. Dass aber zum steigenden Beitrag obendrein ein Zusatzbeitrag erhoben wird, an dieser Logik verzweifelte der sonst so kluge Kopf. Ebenso daran, dass die Benzinteuerung begründet wurde mit der Einführung einer neuen Benzinsorte, die „Gras oder Kuhdung enthält“.

Wie meinte mein Freund Walter nach der „Zeit“-Lektüre: „Er kann einem leid tun, der Harald. Denn es wird ihm nun gehen wie dir: Erstmal den kleinen Finger ins realpolitische Dornengestrüpp gesteckt, verfängt er sich gleich heillos darin. Den geplatzten Kragen kriegt er so bald nicht wieder zu.“ Tatsächlich legte Martenstein eine Woche später schon ein „politisches Manifest“ mit radikalen Forderungen an Parteien und Regierung nach. Darunter diese: Es soll nicht alles immer komplizierter, schneller, glatter werden. Oder diese: Wenn etwas funktioniert, muss es nicht geändert werden. Oder diese: „Die Regierung soll mir das Gefühl geben, dass sie mich für intelligent hält, nicht für dumm.“

Ja, die Verlockung ist groß, die für querulierlustige Spitzfedern vom hanebüchenen Politgeschäft  ausgeht. Da entdeckt die Verkehrspolitik urplötzlich, dass sie „Börsengang“ jahrelang   fälschlicherweise  für eine schienentaugliche Fortbewegungsart gehalten hatte. Nun soll bei der Deutschen Bahn, angeblich, für viel Geld wieder repariert werden, was über Jahrzehnte autohörig und börsengängig an Eisenbahn-Infrastruktur zerdeppert wurde. Ein nicht minder grandioser Stoff für Kolumnisten steckt in der Dioxin-Eierei. Was hat er sich aufgeregt, der Hering aus Hachenburg, der in Mainz den Wirtschaftsminister gibt: Es sei absurd, dass jetzt die Futtermittelindustrie nach staatlichen Vorschriften ruft, wo doch die Industrie in der Pflicht stünde, für Ordnung zu sorgen.

Werter Herr Minister: So naiv dürfen Weinköniginnen oder kleine Brüder sein, aber doch keine gestandenen Sozialdemokraten. Würden Letztere ihre Klassiker lesen, sie wüssten, dass der Glaube an Selbstregulation des Kapitals ein sehr ungesundes Opiat ist. Denn: Für ein paar Prozent Extraprofit begeht der Kapitalismus, wenn man ihn lässt, jede Sauerei. Dies Faktum beschrieb ein rauschebärtiger Sozi aus Trier schon vor 160 Jahren. Die Betonung liegt auf „wenn man ihn lässt“. Ihn nicht zu lassen, dabei steht nun mal primär die Politikerzunft in der Pflicht. Oder müssen Wutbürger das übernehmen?

Wenn Martenstein sich jetzt Politik vorknöpf, kann ich mich ja auf Angenehmes kaprizieren. Aushänge eines Koblenzer Ticket-Ladens wecken nostalgische Bedürfnisse: Mal wieder live mit Grönemeyer abrocken oder mit Elton John. Wo treten die auf? Veltins-Arena, Esprit-Arena, Lanxessarena, Rhein-Energie-Stadion, Allianz-Arena, Commerzbank-Stadion... Kenn ich nicht! Will ich nicht! Der öffentliche Raum an den Meistbietenden als Werbeträger verhökert. Demnächst sind Schlösser, Theater, Krankenhäuser, Naturschutzgebiete dran. Audi-A8-Gymnasium, Siemens-Basilika, Bertelsmann-Friedhof, das wär‘s noch. Mir kommt schon wieder die Galle hoch. Bin ich krank, oder ist das System krank?

Quergedanken Nr. 71

Ob es nicht an der Zeit wäre, hier mal wieder etwas über BUGA-Koblenz zu schreiben, fragt ein Leser (für Auswärtige: BUGA = Bundesgartenschau). Nö, eigentlich nicht. Ist doch alles klar: Am 15. April geht die Show los, am 16. Oktober endet sie. Das Ding läuft. Worüber sich vorab noch den Kopf zerbrechen? Dass die Kaninchen am Schloss üble Gesellen sind, weil sie sich an den BUGA-Zwiebeln gütlich tun? Dass im Dezember der Winter hereinbricht und die Bau-Zeitpläne für Europabrücke,  Zentralplatz etc. über den Haufen schmeißt? Ach Gott, Karnickel fressen nunmal Blumenzwiebeln und der Dezember ist hierzulande halt ein Wintermonat. Alle Schulkinder wissen das. Wozu es kommentieren?  

Jedes bepflanzte Beet, jeden verlegten Pflasterstein feiern wie Katar seinen WM-Zuschlag? Man kann es auch übertreiben. Immerhin beobachten wir fasziniert das Phänomen der Befriedung, ja Euphorisierung der Massen. Kein böses Wort mehr gegen die BUGA. Im schlechtesten Fall Gleichgültigkeit, im Regelfall gespannte Erwartung bis Vorfreude, in offiziellen Fällen von Amts wegen enthemmtes Jubilieren. Umleitungen, Sperrungen, Staus, Fußwege als Hindernisparcours und sonstige Unbilden derzeit? Augen zu und durch – man erträgt's als Notwendigkeit auf dem Weg zum großen Ziel. Und tröstet sich damit, dass hernach eine Generation lang Ruhe herrscht: „Weil kein Geld für nix mehr da sein wird“, wie es in den Kneipen rund ums Eck heißt.

Sogar der Kolumnist sieht der BUGA mit Interesse entgegen: Freilich mehr als kulturell-ästhetisches Ereignis denn als Wirtschaftsfördermaßnahme. „Trau dich, schreib's hin!“, stichelt jetzt Freund Walter. Er spielt an auf einen Disput, den wir mit zwei Koblenzer Geschäftsleuten hatten. Thema: Wird der Einzelhandel während der BUGA satte Umsatzzuwächse verbuchen können? Walter hatte zum Verdruss der beiden so beschieden: „Quatsch. Die Besucher haben genug damit zu tun, an einem Tag die BUGA zu verkraften. Die werden müde gelaufen nicht mal eben noch zum Shoppen die Stadt fluten. Höchstens 'ne Tasse Kaffee und 'ne Stulle auf dem Weg zum Bahnhof – das war's dann.“

Der Freund fing sich damit den Vorwurf ein, er wolle die Gartenschau madig machen. Ein ungerechter Vorwurf, herrührend von einer seltsamen Stimmung bei etlichen Koblenzern: Jedes nicht jubelselige Wort über die BUGA wird als Böswilligkeit abgestraft. Mag sein, dass deshalb selbst wohlmeinende Kritiker so schweigsam geworden sind. Hallo, geht’s noch?! Ein bisschen Realitätssinn kann dem Ereignis mehr nützen als manch rauschhaftes Halleluja-Gesinge. Zwei Millionen BUGA-Besucher kommen nun mal partout nicht zum Einkaufen nach Koblenz. Sie kommen wegen der Blumenschau im „weltweit einmaligen kulturhistorischen Ambiente der Rhein-Mosel-Stadt“, würde der neue Koblenzer Oberbürgermeisters in seinem bereits sprichwörtlich werdenden Understatement wohl sagen.

Vielleicht strömen in den Post-BUGA-Jahren mehr Langzeit-Touristen an den Mittelrhein, um  ringsum in Ruhe zu erleben, was sie an ihrem knüppeldichten Gartenschau-Tag 2011 nicht schafften. Und vielleicht gehen dann einige von ihnen auch hier shoppen. Vielleicht … Manches ist möglich, doch wenig sicher und nichts garantiert, was die BUGA-Folgewirkungen angeht. Erfolg oder Misserfolg der Gartenschau nach den 2011er Bilanzen des Handels zu bemessen, wäre indes schräg. So schräg, wie die Wertschätzung fürs UNESCO-Welterbe abhängig zu machen von den Belegzahlen der Hotels am Mittelrhein. Nichts gegen wirtschaftlichen Erfolg, aber noch gibt es auch ein paar Werte und Freuden jenseits der Umsatzziffern.

Quergedanken Nr. 70

Bei den älteren Bekannten meiner Alterskohorte  (= Nachkriegsgeborene bis 1955) häufen sich  Renteneintritte oder die Vorfreude darauf. Fast alle sind zu früh, gehen vor Erreichen des 65. Lebensjahres in Ruhestand. Einige nutzen Altersteilzeitmodelle. Andere werden von Ärzten vorfristig zur Ruhe gesetzt. Wieder andere mobilisieren Ersparnisse oder nehmen gehörige Rentenabschläge in Kauf, um ja bald der Tretmühle zu entfliehen. Allesamt machen sie drei Kreuze, dass ihnen die Rente mit 67 erspart bleibt.

Als 1955er gehöre ich selbst schon zu denen, die über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten müssten, um Vollrente zu beziehen. Sieben Monate länger, bis am 21. Juli 2021 meine reguläre Arbeitspflicht endet. Das wären noch beinahe elf Jahre Volllast. Wenn ich bisweilen so in mich horche, wächst das Verständnis für jene Bekannten, die in wesentlich unschöneren Berufen ihr Pensum nicht bis zur gesetzlichen Neige erfüllen wollen oder können. Darunter keiner, der sich in die Schubladen Faulenzer, Arbeitsscheuer, Sozialschmarotzer sortieren ließe. Malocht haben alle, ob an der Werkbank oder im Büro, ob mit Kindern oder bei der Altenpflege, ob als Lohnabhängiger oder Selbstständiger.

Reihum gestandene Arbeitsleut', die während 35 bis 40 Dienstjahren erlebt haben, wie die Arbeitswelt sich veränderte. Die erfahren mussten, wie das ewige Mehr-Schneller-Billiger an ihren Kräften und Nerven zerrte, sie zusehends auslutschte, ermüdete, verschliss. Erfahrene Arbeitsleut', die über den Unfug mancher Rationalisierungsmaßnahme nassforscher Manager nur den Kopf schütteln konnten. Stolze Arbeitsleut', die das Kotzen kriegten, als sie zuletzt die eigene Erfahrung in Planungen für Produktionssteigerung bei gleichzeitigem Stellenabbau einbringen sollten.

Freund Walter glotzt. Tut er immer, wenn er verunsichert ist. „Aber die Menschen werden älter, Kinder gibt’s weniger, da muss doch länger gearbeitet werden. Wer soll  die Renten sonst finanzieren?“ Ach Walter, dass selbst du auf diese Masche hereinfällst! Es ist nicht blinder Egoismus, der fast drei Viertel der Leute im Land gegen die Rente mit 67 einnimmt, sondern Gerechtigkeitsgefühl. Dass die Menschen länger leben, ist sowenig ein Himmelsgeschenk wie die Rente unverdienter Luxus. Beides ist Ergebnis der Anstrengung von Arbeitern, Angestellten, Bauern, Lehrern, Wissenschaftlern... Und was die Rentenfinanzierung angeht: Ein Arbeiter produziert heute zehn Mal mehr Güter als sein Vater, ein Bauer das Tausendfache an Lebensmitteln im Vergleich zum Großvater. Die Geburtenrate hat sich derweil nicht mal halbiert, die Lebenserwartung nicht mal um ein Fünftel zugenommen. Wohin, zur Hölle, verschwindet all der fleißig erarbeitete Mehrwert? Wer verpulvert ihn wofür?

Erinnere dich, Walter, was wir über den ureigentlichen Zweck von Arbeit und Wirtschaft sagten: Lebensgrundlage sichern, Lebensumstände verbessern UND mehr Lebenszeit gewinnen, die der Mensch in Glück investieren kann, statt sie für Arbeitsfron verausgaben zu MÜSSEN. Heute sind wir so produktiv wie nie; viele spüren das am eigenen Leib lange bevor der Ruhestand greifbar wird. Und was passiert nun? Man will die Leute auch noch um die Früchte der von ihnen gestämmten Produktivitätszuwächse prellen, indem ihnen zwei Jahre frei verfügbare Lebenszeit gestohlen werden. Der Fortschritt ist die Mühen nicht wert, der einem Qualitäten nimmt, die gestern noch selbstverständlich waren: etwa wohlverdienten Ruhestand zur rechten Zeit.

Quergedanken Nr. 69

Es gibt Dinge, die man ändern kann, und andere, die sind unabänderlich. Dass alle Menschen älter werden und schlussendlich ins Gras beißen, ist unabänderlich. Jeder weiß das, und trotzdem unternehmen tagtäglich Millionen die oft lachhaftesten Anstrengungen, gegen dies Schicksal anzustinken. Sie wollen ururalt werden – aber bitteschön bei bester Gesundheit, properem Aussehen und sprudelnder Libido. Die Völker und Kulturen werden sich weiter durchmischen, das ist ebenfalls unabänderlich. Man kann nicht Weltmärkte schaffen, erdumspannende Kommunikationsflüsse und Verkehrsverbindungen einrichten, zugleich aber erwarten, dass die Leute daheim bleiben – die Teutschen bitteschön in Teutschland, die andern anderwärts.

Der Geist ist längst aus der Flasche. Er war nie wirklich drin: Der evolutionäre Erfolg des Homo sapiens ist seiner Fähigkeit zur Veränderung geschuldet, und keine seiner Kulturen konnte je lange neuen Einflüssen widerstehen. Über das vergebliche Abschottungsbemühen der Sarrazine und Seehofers hätte man am Hofe von Stauferkaiser Friedrich II. nur den Kopf geschüttelt: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wäre weder von Speyer noch von Sizilien aus regierbar gewesen ohne das Miteinander nord- und süddeutscher, italienischer und römischer, orientalischer, griechischer, jüdischer Geister und Kulturen.

„Genug jetzt, Herr Oberlehrer“, grummelt Walter. „Stimmt alles, trotzdem geht mir die Totalinvasion durch amerikanische Hamburger-Brätereien und Kaffeepanscher auf den Sack. Erst recht kann ich es bald nicht mehr aushalten, an jeder Ecke, selbst im Supermarkt, beim Bäcker, an der Wirtshaustheke oder auf dem Autobahn-Klo per Flimmerkiste ungefragt mit Dumpfbackenwerbung und Hüpfdohlenvideos bestrahlt zu werden.“ Aber lieber Freund, das hat doch nichts mit der aktuellen Diskussion um muslimische Überfremdung des Landes zu tun!

Darauf er: „Religion geht mich nix an. Damit mag es jeder halten, wie er will. Von mir aus kann auch jeder anziehen, was er will: Kopftuch oder Texashut, Kaftan oder Nadelstreifen mit Schlips, Burka oder Halbarschmini. Dummköpfe können da wie dort drinstecken. Das ist wohl so unabänderlich wie die Tatsache, dass unsere Kultur ebenso in Athen und Sparta, Königsberg und Weimar wurzelt wie in Jerusalem und Rom. Ich aber rede von der wirklichen Überfremdung durch schlechtes Essen und die Dauerbelästigung mit lauthalsem Schwachsinn. Das wären nun Dinge, die nicht unabänderlich sind.“ Sagt's, und verabschiedet sich mit der bei den Gegnern eines neuen unterirdischen Bahnhofes in Stuttgart entlehnten Grußformel: „Oben bleiben!“.

Diesen Slogan versucht Walter jetzt hier daheim zu etablieren. Denn was die Bahn angeht, sind renitente Schwaben und Mittelrheiner quasi natürliche Verbündete: Für den S21-Wahn würden jene Milliarden unnütz verpulvert, die man dringlich bräuchte, um das Rheintal vom Lärmterror zu entlasten. Aber die Solidarität kommt noch nicht richtig in Gang. Allzu viele Zeitgenossen am Rhein mögen kaum glauben, dass die S21-Planungen Humbug sind und völlig chaotisch. Dabei sollten gerade Rheinland-Pfälzer wissen, wie es bei politisch gewollten Gigantprojekten zugeht. Schließlich haben sie den Nürburgring vor der Tür. Und Stuttgart 21 ist ein zwanzig mal größeres, komplizierteres und teureres Vorhaben. Was mag dort erst alles schiefgehen – wenn in der Eifel schon eine simple Achterbahn nicht in Gang kommt oder bei einer neuen Veranstaltungshalle für etliche Tausend Besucher einfach die Toiletten vergessen werden.

Quergedanken Nr. 68

Sage einer, in dieser Zeitschrift seien keine Vordenker am Werk. Noch während der Fußball-WM hatte Freund Walter prognostiziert, Vuvuzelas würden alsbald Einzug halten in die Demonstrationskultur. Genau so ist es gekommen. Es blasen nun die einst so braven Schwaben damit Stuttgart21 den Marsch; aus den aktuellen Anti-AKW-Protesten sind die Tröten ebenfalls nicht mehr wegzudenken. Und welche Ehre: Selbst das seit 1789 in würdiger Tradition renitente Franzosenvolk griff bei seinem jüngsten Generalstreik massig zur neuzeitlichen Jericho-Posaune aus Bad Kreuznach.

Aber ach, bei aller klammheimlichen Freude über die lautstarke Widerspenstigkeit: Was wäre das Leben schön und gemütlich, könnte man endlich seinen Frieden machen mit der Welt. Beruhigt sich zurücklehnen und freundlich Präsidenten, Kanzlerinnen, Ministern, Parteien, Mediengrößen, Wirtschaftsmächtigen, überhaupt allem Volk zurufen: Was ihr tut, ist wohlgetan! Indes, es geht nicht, kann nicht gehen – denn Walter, ich und andere Beckmesser, wir haben das Hottentotten-Gen.

Wie bei den Zeitgenossen mit dem jüngst entdeckten Dummheits-Gen ist unsere Stellung in der Gesellschaft somit als unausweichliches biologisches Schicksal festgeschrieben. Heißt für unsere spezielle genetische Disposition: Wir sind in alle Ewigkeit verdammt, wider den Stachel zu löcken. Weshalb es vergebens wäre, zu verlangen, wir sollten mal die ökologischen Aspekte im neuen Energiekonzept der Bundesregierung positiv würdigen. Das gibt unsere natürliche Anlage nicht her, weil besagtes Gen uns fixiert auf die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke über meine wahrscheinliche Lebenserwartung hinaus, gar bis ins Rentenalter meines Sohnes hinein.

Der Begriff Hottentotten-Gen geht indirekt übrigens auf meine Oma zurück. „Wie bei den Hottentotten!“, pflegte sie in Anlehnung an das koloniale Buren-Schimpfwort zu lamentieren, wenn der Enkelbub herrschende Benimm-Normen über den Haufen rannte, strenge Mahnung ignorierte, Widerworte gab oder sich ungebührend mit vorehelichen Befingerungsabsichten nach den Mädels umsah. Nun wusste die 1899 in einem Odenwald-Dorf geborene Oma nichts über Genetik. Das kann man auch von einer Frau kaum erwarten, die als Kind bei der Erstbegegnung mit einem Auto schreiend davonlief, die Jahrzehnte später die Schlafzimmertür abschloss aus Angst, ihrem ersten  Fernsehapparat könnte nachts illustres Volk entsteigen und sie im Bette belästigen.

Hätte Großmutter über Entwicklungsgeschichte mehr gewusst, ihr wäre vielleicht klar geworden: Unser aller Vorfahren stammen aus Afrika, wo auch die so geschimpften Hottentotten daheim sind. Von dort zogen sie hinaus und wanderten – wie ihre Kindeskinder bis zum heutigen Tag – in der Welt herum. Derart verbreitete sich neben dem Hottentotten- auch das Juden- und das Dummheits-Gen über den Erdkreis. Oma aber glaubte irrtümlich, unsereins habe von Hause mit den Hottentotten ebenso wenig zu tun wie Reiche mit Dummheit. Sie bemühte das Wort nur als erzieherisches Schreckgespenst, sobald der Enkel aus der braven Art schlug. Wenn das nicht half, griff die alte Frau zur ultimativen sprachlichen Steigerungsform: „Kerl, du hoscht de Daiwel im Leeb.“

Nein, liebe Oma selig: Vom Teufel sind Walter und ich so wenig besessen wie von Gott erleuchtet. Es kann nur das Hottentotten-Gen sein, das uns daran hindert, in Harmonie mit dem Gang der Dinge zu leben. Bleibt die Frage: Warum wird dieses Gen, obwohl es alle haben, nicht bei allen aktiv?
 

Quergedanken Nr. 67

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,

Dass ich so traurig bin:

Geschichten aus jüngeren Zeiten,

Die kommen mir nicht aus dem Sinn.

 

Es donnern die stählernen Rösser

Auf Schienen hinab und hinan,

Die Ufer des Rheines erzittern,

Jed' Ruhe ist hin und vertan.

 

Einst saß dort die schöne Sirene,

Kämmend ihr goldenes Haar,

Ließ träumen mit sinnlich Getöne

All Volk ganz wunderbar.

 

Von Lust am deutschen Strome,

Schönheit in Wingert und Wald,

Von Heimat in lieblichen Orten,

Lebensart weniger kalt.

 

Verloren ist nun das Märchen,

Ein neuer Gott formt die Welt,

Hinter dem Rücken von Lörchen

Lauern Versprechen auf Geld:

 

Über diese Brücke müsst ihr gehn!

Werdet so mit einmal überstehn

Alle Wunden, die geschlagen sind

Von jenen Rössern und dem kalten Wind.

 

Wir bauen auf solch hehre Worte,

Und bauen und bauen und bau'n:

Überm Eck dräuen ewig die Gondeln,

Am Eifel-Ring geistert das Grau'n.

 

Mosella wird schnöde gepfählet

Mit Lanzen von hoch oben her,

Darüber Neu-Babel gestählet

Darunter kein Lieblichkeit mehr.

 

Ich fürchte, die Zeiten verschlingen

Viel mehr als Fährleut' und Kahn,

Und das hat mit ihrem Singen

Die Loreley NICHT getan.

 

 

(Von Andreas Pecht frei nach Heinrich Heine, aber gewiss in dessen Sinn. Acht Strophen singbar zur bekannten Volksmelodie von Friedrich Silcher, eine im Stile des Sieben-Brücken-Songs von Karat/Maffay.)

 

Quergedanken Nr. 66

Alle reden vom Wetter, wir auch. Nimmt man die Sommer-Extreme der vergangenen Wochen ins Visier, läuft gleich wieder einer meiner Lieblinge vor die Flinte: die Deutsche Bahn. Nicht, dass der Autor auf ihr besonders gern herumritte. Es ist das Unternehmen selbst, das sich ein ums andere Mal vordrängelt: Sobald der Wetterbericht eine irgendwie außerdurchschnittliche Wetterlage vorhersagt, gehen anderntags Nachrichten von außerordentlichen Ereignissen bei der Bahn um; zu jeder Jahreszeit.

Wer noch einen Beweis braucht, dass der Klimawandel real ist: Die Deutsche Bahn erbringt ihn. Anders als mit gehäuft unnatürlichen Witterungsextremen ließe sich kaum erklären, dass ein topmodernes, hochtechnisiertes und wohlorganisiertes Transportunternehmen von Eis oder Schnee, Sturm, Regen oder Hitze derart gebeutelt wird. Zuletzt gab's in ICE-Waggons Saunen bis zum Umfallen gratis, weil die Klimaanlagen den Dauerbelastungen durch neuzeitliche Hitzerekorde nicht gewachsen sind. Nur in wenigen Fällen sei es zu Totalausfällen der Kühlung gekommen, beruhigt die Propagandaabteilung der Bahn. Soll heißen: Vereinzelte Problemchen, sonst aber alles im grünen Bereich.

Von dort, aus dem grünen Bereich, singen Reisende indes ein anderes Lied. In manchem ICE wird die Fahrt zum Volkswandertag: Auf der Flucht vor Waggon-weise stotternden Klimaanlagen wandern die Passagiere von einem Zugabschnitt zum nächsten. Grüner Bereich hieß bei einem Kollegen: Der ICE von Berlin Richtung Heimat war im hinteren Teil wegen Überhitzung leer, glich im vorderen einer Sardinenbüchse. Und das End vom Lied: Im Ruhrpott zwangsweise umsteigen auf einen Regionalzug, um statt in fünf, erst nach gut acht Stunden in Koblenz anzukommen. Haben Sie schon mal versucht, das Entschädigungsformular der Bahn im Internet auszufüllen? Ihm ist es trotz Hochschulbildung nicht gelungen.

Mein Freund Walter hat daraus schon vor einiger Zeit (seit Umwandlung der Bundesbahn von einer volkseigenen Infrastruktur-Einrichtung in ein börsengeiles Profitcenter) folgende Konsequenz gezogen: Auf ICE-Fahrt geht er nur noch mit EPA. Beim Militär meint EPA „Einsatzpaket“. Darin steckt Notverpflegung für zwei Tage und den Fall, dass unter schwierigen Gefechtsbedingungen mal der Nachschub ausbleibt. Zu Walters EPA gehören im Winter auch Schlafsack und Esbit-Kocher, im Sommer eine Zusatzration leicht gesalzenen Wassers. Auf diese Art hat er bereits in der Mehdorn-Epoche manches Gefecht auf dem Schlachtfeld Bahn relativ unbeschadet überstanden.

Zudem hat Walter stets einen Dachdecker-Hammer im Reisegepäck. Wozu der gut ist? Dem Freund mangelt es an Grundvertrauen in die Errungenschaften der Moderne. Nicht zu öffnende Fenster, automatisierte Türen und Belüftungen verursachen ihm Unwohlsein. Oder wie er selbst sagt: „Mir kommt bei derartiger Fremdbestimmung grundlegender Lebensfunktionen das Kotzen.“ Egal, ob in rollenden, schwimmenden oder auf Fundamenten stille stehenden Räumen.

Wenn Ihnen, liebe Leser/innen, im Zug, auf dem Schiff, im Hochhaus automatische Systeme mal die Luft abdrehen oder den Fluchtweg versperren, dann halten Sie sich an Typen wie Walter. Die nehmen zwar luxuriöse Unpässlichkeiten wie Verspätungen, falsche Platzreservierungen, miesen Kaffee oder tote Steckdosen mit stoischer Ruhe hin. Sollte jedoch durchgeknallte Technik den Leuten an Leib und Leben gehen, sind es Walters und Walterinen, die nicht auf Vorschrift, Automatik, Oberschaffner und den lieben Gott vertrauen. Diese Typen ziehen beizeiten die Notbremse, packen den Hammer aus und öffnen die Fenster. 

Quergedanken Nr. 65

In diesem Augenblick: Während ich versuche, schreibend querzudenken, sitzt Freund Walter zwei Meter hinter mir am Fernseher. Fieberglanz in den Augen, Schaum vorm Maul. Gegeben wird das WM-Spiel Deutschland/Serbien –  und Serbien führt. Wenigstens hockt er nicht mit Nationaltrikot im Lehnsessel, wedelt nicht mit der Deutsch-Trikolore vor der Mattscheibe herum und hat auch keine der Tröten aus seiner neuen Vuvuzela-Sammlung mitgebracht.

Apropos Vuvuzela. Bekanntlich bin ich gegen Lärm allergisch, die Aufregung über afrikanische Blaseorgien kommt mir trotzdem spanisch vor. Oder besser: deutsch. Oder noch besser: gartenzwergisch. Beim Fußball ist es traditionell überall laut; liegt wohl in der Natur der Sache. Hierzulande wird getrommelt, getrillert, gerasselt, gehupt, gegrölt, manchmal mit Knallfröschen gezündelt. Und, mit Verlaub: Ich weiß nicht, was grausiger klingt – die ausgelassene Trompeterei am Kap oder die Kelten-, Wikinger-, Germanenschreie, die besoffene Nordlichter beim Fußball ausstoßen, als zögen sie in eine Schlacht (was sie bisweilen ja auch handgreiflich tun).

Außerdem stehen Vuvuzelas für die globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft: Wurden doch Millionen dieser Dinger im Auftrag einer Düsseldorfer Firma in Bad Kreuznach gefertigt. Sollte am Ende gegen alle (eben noch) unverbrüchlichen Überzeugungen die deutsche Mannschaft nicht Meister werden, so würde die 2010er WM dennoch als ein von Deutschland geprägtes Turnier in die Geschichte eingehen – dank Vuvuzela. Was also soll die Nörgelei? In alle Welt Panzer verkaufen, aber jammern, wenn die dann schießen: So geht`s nicht! Wem das WM-Getröte zuviel wird, der kann ja den Fernsehton abdrehen. Man wäre obendrein das hysterische Getöne von Herrn Béla Réthy los.

Vor Spielbeginn hatte Walter noch gegrummelt: „Das mit Lena nervt.“ Häh? Was hat uns' Lenchen mit Jogis Truppe zu schaffen? „Ei, stell dir vor: Jetzt gewinnen wir nach dem Eurovisions-Gesinge auch noch die WM. Die Teutonen schnappen über. So viel Erfolg wird dann womöglich vor lauter Nationalstolz für deutsche Übergröße gehalten. Das könnte einem fast den Spaß am WM-Sieg verderben.“ Ich muss gestehen, mir ist das alles zu hoch mit diesem Nationalstolz. Wieso soll mir die Brust schwellen und ich auf Deutschland stolz sein, nur weil eine reizende Göre aus Hannover einen internationalen Wettbewerb für schlechte Musik gewinnt? Oder wenn eine hier zusammengestellte Mannschaft in Afrika ordentlich Fußball spielt?      

Was hat Lena mit mir zu tun? Leider gar nichts. Was trage ich zur Leistung der Fußballer bei? Nix. Was können, umgekehrt, die Kicker oder das arme Lenchen dafür, dass eine Gurkentruppe die Regierung Deutschlands zur Lachnummer macht? Da ich zufällig in diesem Land geboren und geblieben bin, muss ich mich über Letzteres schwarzärgern. Über Lenas Erfolg hingegen könnte ich mich freuen – wäre ihr Liedtext nicht derart bescheuert. Erfreuen kann mich auch ein gutes Spiel der deutschen Fußballer. Und sollte diese Mannschaft die WM sportlich verdient gewinnen, kriegt sie meinen Beifall. Freude, ja; Applaus, gerne. Aber Nationalstolz? Ich begreife es nicht.

Bleibt die Frage: Walters neue Vuvuzela-Sammlung? Der Freund hortet die Tröten, weil er sie für einen „innovativen Beitrag zur Demonstrations-Kultur“ hält. „Effektiver als Trillerpfeifen. Instrumente, die die Mauern von Jericho zum Einsturz brachten, können verschrumpelte Gurken allemal vom Stängel blasen.“  Trööööööööööttt!!! – Nachtrag: Walter ist knatschig. Weil Deutschland Serbien unterlag? Nein, „weil meine Mannschaft gegen diejenige aus Serbien verloren hat“.

Quergedanken Nr. 64

Sollte jemand ein paar alte D-Mark in der Matratze haben: Bloß nicht weggeben! Man könnte sie wieder brauchen. Falls vom letzten Urlaub noch schwedische Krönchen oder schweizer Fränkli in der Schublade rumliegen: Unbedingt behalten! Womöglich sind sie demnächst Millionen (Euro) wert. Schon ein seltsames Gefühl, beim Schreiben der Kolumne nicht zu wissen, ob zwei Wochen später nach Erscheinen des Magazins das Honorar statt mit Euro eventuell mit Kartoffeln, Jazzplatten aus der Sammlung des Herausgebers oder sonstigen Naturalien bezahlt  wird.

„Der Herr Autor übertreiben mal wieder maßlos“, wird von verschiedenen Seiten eingewandt. Ach ja?! Mein Freund Walter hält für diesen Fall zurzeit ein hübsches Bild parat: „Die DDR hätte rein wirtschaftlich locker 20, 30 Jahre länger durchhalten können, hätten die Finanzmärkte sie mit einer ähnlichen Menge Kredite versorgt, wie westliche Staaten seit 1989 Schuldenberge anhäufen.“ Politisch mag man sich das nicht wünschen, aber ökonomisch wäre es durchaus gegangen.

Sie erinnern sich vielleicht an die damaligen Zwischenrufe einiger Querköpfe, wonach der Untergang des so genannten Sozialismus keineswegs den Sieg des realexistierenden Kapitalismus bedeute. Angesichts der zugespitzten dritten Phase der jüngsten Finanzkrise (1. Phase = Immobilien/Banken; 2. = Griechenland; 3. = Euro-Krise) sind Walter und ich zu folgendem Schluss gekommen: Die große Frage lautet keineswegs, ob der Kapitalismus bankrott geht, sondern wann... –  wann sich nicht mehr vertuschen lässt, dass er längst bankrott ist.

Und wer hat Schuld an dem Schlamassel? Die Griechen mit ihrem Schlaraffendasein sind es, für das wir nun bluten. Und die Portugiesen, Spanier, Italiener. So zumindest geht hierzulande die Mär. Da staunen 66 Prozent griechischer Rentner, die weniger als die 600 Euro der dortigen Durchschnittsrente kriegen. Da glotzen die griechischen Lehrer, deren Bezüge 40 Prozent unter denen ihrer deutschen Kollegen liegen. Da kratzen sich die  Angestellten in Griechenland am Kopf, deren Gehalt laut deutscher Bundesanstalt für Arbeit im Durchschnitt bloß 41 Prozent des hiesigen beträgt. Da kommen jene drei Viertel griechischer Staatsbediensteten ins Grübeln, die weniger als 1500 Euro/Monat verdienen.

„Die Griechen“ gibt es so wenig wie „die Deutschen“. Es gibt hier wie dort und anderswo welche, die noch immer in Saus und Braus leben würden, selbst wenn man ihnen 90 Prozent ihrer Einkünfte wegnähme. Es gibt hier wie dort welche, die sich bei 20 Prozent Einkommensverlust gewaltig  strecken müssten, aber irgendwie gerade noch über die Runden kämen. Und es gibt hier wie dort jene, die nicht wüssten, wie sie auch nur 5 Prozent Einbußen verkraften sollten.

Daran, ihr Leute, denkt, wenn es heißt, dieses oder jenes Land respektive Volk habe „über seine Verhältnisse gelebt“. Daran denkt, wenn nun allüberall Sparorgien, Rationalisierungswellen,   „Marktbereinigungen“ losbrechen. Oder wenn gar (nicht nur) Euro-Land nebst Währung abgefackelt wird – weil die Politik ein paar Tausend durchgeknallten Nadelstreifen-Gangstern auf den Finanzmärkten erlaubt, die Welt nach Gusto zu terrorisieren.

Kommt es so dicke wie befürchtet, könnten im nächsten Jahr wegen um sich greifender Konsumflaute am Deutschen Eck selbst die Gondeln Trauer tragen. „Sei doch nicht so negativ“, ruft Walter und hält mir wohlgemut einen Zettel unter die Nase. Darauf steht gekritzelt, was der 79-jährige Grafiker und Illustrator Tomi Ungerer neulich im SWR zum besten gab: „Mir ist eine Barrikade noch immer lieber als ein Stau auf der Autobahn“.

Quergedanken Nr. 63

Asche auf mein Haupt! Bekennen muss ich, neulich politisch unkorrekt gefühlt zu haben. Als der Vulkan Eyjafjallajökull seinem sperrigen Namen mit ebensolcher Tat gerecht wurde, gedachte ich nicht mitfühlend gestrandeter Flugpassagiere und einbrechender Airline-Umsätze. Stattdessen glückseliges Jauchzen über das schönste Frühlingsfirmament seit Jahrzehnten: Jungfräuliches Blau von Horizont zu Horizont. Keine Spur jenes Netzes, mit dem fliegende Verbrennungskraftwerke sonst den Herrschaftsanspruch der Aero-Industrien über den Himmel dokumentieren. Zwischen Bonn und Köln, Frankfurt und Mainz, so hören wir, genossen Freunde das Ausbleiben des alltäglichen Terrors. Sie saßen vor Häusern, tranken dem Eyjafjallajökull zu und sangen: Es lässt die Natur einen kleinen Furz nur, fern im nördlichen Eis, gleich geht in den Sturz – wie Ikarus einst – die Moderne und kracht auf den Steiß.

Als neulich wieder Särge kamen vom Hindukusch her, darin die entstellten Leiber unsrer Söhne und Töchter. Als die Oberen vor den Kameras betroffen sprachen von den Gefahren bei der unvermeidbaren Verteidigung des hiesigen Vaterlandes am andern Ende der Welt. Da schämte ich mich für die Gewählten. Sie hätten besser abseits gestanden und still gebetet: Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. Für die Jungen sei das Bekenntnis aus dem alten katholischen Ritus übersetzt: Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld. Während die Oberen so aber nicht beteten, kam mir Shakespeare in den Sinn: „Was ist Ehre? Ein Wort. Luft. Ehre ist nichts als ein gemalter Wappenschild beim Leichenzuge.“ Und ich dachte an Bert Brecht, der seinen Freund Karl Valentin fragte: „Was machen Soldaten in der Schlacht?“ Valentins Antwort: „Angst ham's“. Von da an ließ Brecht in seinen Stücken Soldatengesichter weiß schminken. Man sollte beim deutschen Afghanistan-Korps mit der Munition Weißschminke ausgeben. Das wäre die erste Ehrlichkeit in diesem Krieg.   

Als neulich Bischof Mixa sich erinnerte, vor Jahren doch Watschen in kindliche Gesichter geklatscht zu haben, dachte ich: Der Kerl gehört bestraft, wie alle Prügel“pädagogen“ schon damals hätten bestraft gehört und aus dem Verkehr gezogen. Auch jener Stadtpfarrer selig, der mit Schaum vorm Maul meinen Banknachbarn beim Kommunionunterricht mit dem dicken Katechismus windelweich drosch, weil der Bub Winnetou-Sammelbilder interessanter fand als Hochwürdens Geschwätz über Keuschheit. Indes hat Mixa leider recht mit dem Hinweis, dass seinerzeit Kindesmisshandlung allgemein als probates Erziehungsmittel galt. Weshalb die pauschale Vermengung von prügelnder Misshandlung und sexuellem Missbrauch in der aktuellen Diskussion wenig hilfreich ist, Perspektiven für die Eindämmung von Unzucht mit Schutzbefohlenen zu entwickeln. Nach der Polizei ruft sich's leicht, doch gegen Triebsteuerung ist sie kein Mittel. Die Missbrauchs-Prävention steht ganz am Anfang – weil das Problem über Jahrhunderte nur vertuscht, verschwiegen, verdrängt wurde.

„So ernst heute?“, platzt Freund Walter herein und bietet ein Bibelwort als Rausschmeißer an für die Kolumne zum Wonnemonat. Das geht so: „Der Arme und der Ausbeuter begegnen einander, der Herr gibt beiden das Augenlicht.“ Wo, bitte, soll da der Witz sein? Walter stöhnt auf und erklärt: „Dieser Spruch aus dem Alten Testament beweist, dass keineswegs alles wohl getan ist, was Gott angeblich tat/tut. Denn Armer und Ausbeuter bekamen zwar Augenlicht, aber sehend wurden sie dadurch nicht. Wäre es so, es gäbe heute weder Ausbeuter noch Arme.“  

Seiten