Quergedanken

Quergedanken Nr. 26

„Die Welt wird schöner mit jedem Tag, /  Man weiß nicht, was noch werden mag. / Das Blühen will nicht enden. / Es blüht das fernste, tiefste Thal/ Nun, armes Herz, vergiß der Qual! / Nun muß sich alles, alles wenden.“

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Nur zu gerne hören wir die Verse aus Ludwig Uhlands Gedicht „Frühlingsglaube“. Denn mag auch Winter hierorts heuer (bis Redaktionsschluss) Einkehr verweigert haben, erfüllt nach langer grauer Feuchte wärmend lichter Sonnenstrahl doch Herze und Leib mit neuer Lust. Seit am sonnensonntäglichen 11. März mittelrheinische Volksmassen mit Macht zur Sonne, zur Freiheit der Straßencafés und Schleckeisbuffetts zurückfanden, wandelt sie wieder ungebunden: die  Krone der Schöpfung – die Frau. Vom Pludermantel befreit sind Täler und Höhen, beim hellen Tage wie im milden Dämmer umfließt Mützen und Tüchern entfleuchtes  Haar liebliche Angesichte. Auf zartem Fuß schwingen die Schönen daher - man(n) möcht’ das Pflaster beneiden über welches sie schreiten.

Gleich hebt er, Walter, wieder im trockensten Zungenschlag an: „Bedenke …“. Weiß ich: Ich bin nur ein Mann. „Quatsch. Du bist ein grauhaariger, schmerbäuchiger  Zausel, der mit  Wortgeklingel kompensieren will, dass es ihm an Sexappeal mangelt, weil er nicht hat, was es dazu in seinem Alter braucht: Geld und Macht.“ Ach Freund, wie schnöde, wie tumb ist manchmal deine Weltsicht! Des Poeten Minnegesang … Walter prustet: „Hör mir auf mit der Minne. Da dichteten und sangen sich die armen Kerls die Seele aus dem Leib, holten sich nachts unter Burgfenstern Schnupfen nebst Prostatitis. Und wer kam schließlich zum Zug? Statt des Sängers der Herr von Stand mit güldenem Beutel.“ Bevor er sich von hinnen macht, empfiehlt mir der Beckmesser, lieber bei der Politik zu bleiben und gegen den Klimawandel zu streiten.

Aus! Aus! Aus! Halleluja, nix mehr is’ mit Klimawandel! So rufe ich dem vermaledeiten Kerl hinterdrein. Hat er denn gar nichts von den Einlassungen des Herrn Weimer begriffen? Der ist schließlich Chefredakteur des Intelligenzblattes „Cicero“, weiß also Bescheid über das, was die Welt zusammenhält, und über den Geisteszustand ihrer Bewohner. Klimawandel sei gottgegeben und ewig, meint der. Dass diesmal wir uns für die Verursacher halten, zeuge von Großmannssucht der Menschlein, die sich mit himmlischer Allgewalt auf eine Stufe stellen wollen. Klimawandelangst - hörst du, Walter! – ist bloß wollüstiger Feixtanz unserer sadomasochistischen Geheimbegierden. Das lehrt der oberste der Ciceronen, und auch, dass Deng Xiaping selig völlig recht hatte mit seiner revolutionären Parole fürs kapitalkommunistische China: „Bereichert euch!“. Weshalb der Klimawandel für mich passé ist! Mein Streben gilt nunmehr den schönen Seiten des Lebens -  deren schönste für unsereinen eben die Frauen sind.

Und die schönsten aller Frauen sind diejenigen, von denen die Mode für sämtliche andere schönen Frauen präsentiert wird: die Models auf den Haute-Couture-Laufstegen. Sollte man meinen. Warum aber schießen einem dann beim Anblick der Fotos aus Paris oder Mailand unweigerlich Gedanken wie Leberwurstbrot oder volle Deckung durch den Kopf? Von Ersterem würde ich den jungen Damen gerne ein paar Platten rüberschicken. Nicht aus Mitleid, aus purem Egoismus: Lasst jedes Model zehn Kilo zulegen, und aus dem knöchernen Totentanz wird ein ästhetischer Hochgenuss.

Mit Verlaub: Es ist eine Kulturschande, dass so viel naturgegebene Schönheit mit dieser Hungerleiderei so sehr verunstaltet wird. Und „volle Deckung“?  Schauen Sie doch hin: Wie diese Girls mit eiseskalter Mördermiene über den Steg marschieren, lässt eine Begegnung bei Tage, erst recht in nächtlichem Dunkel lebensgefährlich erscheinen. Warum lächeln die nicht ab und zu? Gerade beim Thema Kleidung sollte selbst Lachen nicht allzu schwer fallen. Ein Blick aufs männliche Publikum müsste als Auslöser schon hinreichen: Gibt es doch kaum etwas Amüsanteres als eine Klumpung vermeintlich wichtiger Herren in ihren uniformen Business- oder Abendanzügen; und es gibt gewiss nichts Komischeres als die dazugehörigen Halsschlaffis namens Krawatte. Also: Ein bisschen Lächeln wäre schön. Muss ja nicht gleich Dauerblecken sein wie bei uns Heidi-Mama.

Quergedanken Nr. 25

Eine der leichtesten Übungen dieser Tage ist das Auflisten klimatischer Abnormitäten; es gibt davon reichlich. Wir belassen es für diesmal bei „Neujahrsfrühling“, „Januarstürmen“ und „Schwarzenegger-Frost“ – darauf vertrauend, dass die Leser dieser Zeitschrift sich  kein X für ein U vormachen lassen. Dass im Januar Frühling ausbreche, komme von der „eingedrehten Westdrift“. Das sei eine zwar nicht alltägliche, aber normale Erscheinung und habe mit Klimawandel nichts zu tun. So sprachen eben die letzten  Aufrechten aus der Fakultät „Abwarten, Teetrinken, Weitermachen“. Viele sind das nicht mehr: Ein Teil ist gescheit geworden, macht nun auf Wind- und Solargedönse;  andere haben sich ins irrtümlich untergegangen geglaubte Heer der Streiter für „Glück, Wachstum und Umweltschutz durch Kernkraft“ eingereiht.

Jedes Wetterextrem ist für sich auch ohne Klimawandel erklärbar. Ob der Rhein Hoch- oder Niedrigwasser hat, dafür gibt es jeweils gute Gründe. Allerdings schwant den Zeitgenossen, dass erst in der Summe der Dinge die Wahrheit erkennbar wird. Weshalb zum hiesigen Frühfrühling diverse Kehrseiten gehören, beispielsweise Extremkälte in Arnolds Sonnen-Kalifornien. Und hinsichtlich der Wasserstände mittelrheinischer Flüsse lautet die eigentliche  Frag: Wann gibt´s mal wieder über längere Zeit einen richtig soliden Normalpegel? Für die Beantwortung wäre wichtig zu wissen, was es mit diversen „Tipping Points“ auf sich hat. Den Begriff missgedeutet, befindet sich einer dieser Punkte auf der Stirne meines Freundes Walter. Es ist jene Stelle, an die er mit der Spitze des Zeigefingers „tippt“, wenn ihm etwas wider die Vernunft zu gehen scheint.

Und er tippt viel in letzter Zeit. Etwa als er las, dass eine wachsende Zahl Jugendlicher hierzulande möglichst lange nicht oder überhaupt nie mit Sex zu tun haben wolle. „Das wird  ausgehen wie in Amerika“, prognostiziert er.  „Die Puristen säen die Pflicht zur vorehelichen Keuschheit und was wächst dann? Freaking!“ Gemeint ist ein neuer Modetanz auf US-Schülerpartys, bei dem zum HipHop ein heißes Bewegungsgebalze zwischen Po und Becken zweier, mehrerer, vieler Tanzpartner abgeht. „Natur bricht sich  Bahn – und Hüftschlingen im Rock´n´Roll, Schmuseblues, Lambada oder jetzt Freaking sind ja wirklich angenehmere Formen der Triebabfuhr als Amoklaufen, heilige Kriege führen oder Familie und Nachbarn tyrannisieren.“

Allerdings kann Walter sich durchaus vorstellen, dass so manche/r Entjungferungs-Anwärter/in von Muffensaußen geplagt wird, „weil auch die schönste Sache der Welt dem  Hochleistungs-Diktat unterworfen wurde“. Muss statt Muße – Durchschnittsleistung 100 Stöße pro Minute, ausgeführt im einarmigen Kopfstand von seitlich hinten obenrum bei  mehrfachem Stellungswechsel zwischen jedem multiplen Orgasmuspaket während der mindestens dreistündigen Erstrammelei. Die Ansprüche sind so arg geworden, dass bisweilen selbst alte Hasen und Häsinnen sich getrennt von der Wildbahn machen, wenn das Süßholz beim Raspeln Feuer zu fangen droht. Die Liebeslust hat ihren Tipping Point erreicht, seit Leidenschaft nach brachialkapitalistischen Leistungsnormen definiert wird. Was aber ist das Schönste am Sex? Schwach werden dürfen.

Von Walters Stirne mal abgesehen, meinen die „Punkte des Umkippens“ jene Momente, in denen Prozesse drastische Veränderungen erfahren. Wenn z.B. durch die Erderwärmung die Permafrostböden auftauen und das darin gespeicherte Methan freigesetzt wird, das nun seinerseits die Erderwärmung drastisch beschleunigt. Die Klimaforschung sorgt sich um eine ganze Menge Tipping Points. Der Umgang damit verlangt eine gewisse Sensibilität für das, was vor sich geht und ein bisschen von der Fähigkeit, über den Tellerrand der aktuellen  Mittagssuppe zu schauen. Mag sein, es lag an der Suppe, dass Herr Stoiber neulich in Kreuth seinen persönlichen Tipping Point noch für 2013 hat kommen sehen, obwohl er Mitte Januar 2007 schon hinter ihm lag. Macht macht böse, sagt der Volksmund. Vielleicht nicht immer böse, aber womöglich immer öfter blind: für die Tipping Points in den globalen Höhen, in den Niederungen des gewöhnlichen Lebens und - auf der politischen Rutschbahnleiter.

 

Quergedanken Nr. 24

Mich schwindelt. Das Hirn rotiert unaufhörlich, kommt aber trotzdem kaum noch mit – bei der momentanen Flut von Richtungsänderungen und Grundsatzbeschlüssen auf den kleinen und großen Politikbühnen. Die TuS wackelt sich gerade mal die zweite Saison durch die Liga, schon ist ein neues Stadion beschlossen, schon ein Grundstück gefunden, schon das Genehmigungsverfahren auf der Expressschiene. Erstmal in Schwung und mit Adrenalin vollgepumpt, kann der Koblenzer Rat sich gar nicht mehr bremsen. Baurecht für Buga-Areal am Schloss erteilt. Wumms! Und was über Jahrzehnte nicht ging, plötzlich geht auch das: Eilverfahren zur Genehmigung der Buga-Seilbahn vom Eck hinauf zum Ehrenbreitstein auf den Weg gebracht. Rumms! Und das alles im Februar.

Wo nur ist sie geblieben, die mittelrheinische Gemütlichkeit? Hinweggerafft von Morbus prestissimus, dem Geschwindigkeitsrausch. Und der scheint ansteckend. Anders lässt sich kaum erklären, wieso der Mainzer Wirtschaftsstaatsekretär Kühn neulich in St. Goar ohne Vorwarnung das Publikum mit der Ankündigung überfallen konnte: Die Rheinquerung – oben drüber oder unten durch – kommt, und zwar bald. „Gell, do guckscht“, sagte in solchen Fällen einst das Äffle zum Pferdle als auch Schwäbisch noch Ausdruck für Betulichkeit war. Ei, wenn schon, denn schon: Warum den Schwung nicht nutzen und in einem Aufwasch den Bahnlärm im Welterbe-Rheintal beseitigen? Zweckverbandschef Günter Kern hat doch jüngst die Lösung skizziert: Eine neue Bahntrasse außerhalb des Rheintals. Die schöne Idee hat indes eine unschöne Kehrseite: Die Höhenbewohner würden sich bedanken für den quietsch-lebendigen Neunachbarn.

Ein Vorschlag zur Güte: Die Bahn aufhängen. ??? Ja doch, Sie haben richtig verstanden: hängen, an ein Seil. ??? Nein, nicht den Herrn Mehdorn – seine Waggons. ???  Die Technik ist doch dann bereits da; steht in Koblenz. !!! Richtig: Die Buga-Seilbahn muss bloß um 90 Grad gedreht und um ein paar Kilometer verlängert werden, schon hat man eine schnurrig-leise Güterschwebebahn. Vom Eck zur Festung darf sie in Koblenz ja sowieso nicht hängen bleiben, weil sonst 2014 als letzte Nachhaltigkeitswirkung der Buga die Aberkennung des Welterbestatus bliebe. ??? Sie meinen, dann käme das übrige Welterbe in Gefahr? Muss nicht. Denn der Unesco kommt es auf ungestörte Blickachsen an – weshalb ja die Brücke in St. Goar eher ein Tunnel wird. Für die Schwebebahn hieße das: Hoch genug droben am Hang aufhängen, ordentlich mit Grün tarnen, dann geht´s.   

Utopie? Ach was. Man muss groß denken in diesen Zeiten. Richtig groß! Unsere Kanzlerin will Deutschland zur Speerspitze Europas machen. Frankreichs Präsident ruft gleich eine neue Grande Revolution aus. Die Amerikaner wollen sogar das Universum umbauen und dem Planet Erde einen Saturnring aus 10 Billionen Spiegeln verpassen. Das alles wegen des UN-Klimaberichtes. Da werden wir am Mittelrhein doch ein Schwebebähnchen auf die Reihe kriegen. „Jetzt ist es aber genug mit dem Unfug!“, platzte mir Freund Walter am Morgen nach Aschermittwoch in die querdenkerische Vorarbeit. Obwohl auch 24 Stunden Schlaf ihm die Folgen seiner alljährlichen Geheimtour de Carnevale nicht vollends aus Kopf, Gesicht und Leib getrieben hatten, konnte er beim Stichwort Klimaschutzpolitik doch kaum an sich halten.

 „Sprüche, Sprüche, keine Taten“ donnerte er – das Pariser Lamento des gelähmten Heinrich Heine angesicht der unerreichbaren Reize der geliebten Mouche variierend. Was die Idee der Amis vom Spiegelring angeht, der das Erdklima durch Reflektierung des Sonnenlichts retten soll: Die ist so dämlich, dass der Freund zwei doppelte Espresso und eine Wasserflasche lang um Fassung ringen musste. „Wenn unsere transatlantischen Freunde ein bisschen rechnen können“, brummte er schließlich, „werden sie merken, dass zur Herstellung von 10 Billionen weltraumtauglichen Spiegeln nebst der Produktion etlicher Tausend Raketen mitsamt Treibstoff, sie ins All zu schießen, mehr Energie aufgewendet werden müsste, als alle derzeitigen Kernkraftwerke auf Erden in 50 Jahren liefern könnten.“ Wieder auf dem Weg ins Bett murmelt er vor sich hin: „Rechnen können die das wahrscheinlich: Aber kapiert Bush, was unterm Strich rauskommt?“

Quergedanken Nr. 23

Kennen Sie den? Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine zum anderen: „Du siehst aber schlecht aus; was hast du denn?“ Antwortet der andere: „Menschen.“ Darauf der eine: „Ach so, mach dir nichts draus – das vergeht.“ Dies kleine Stückchen Realitätssatire wurde in der zweiten Hälfte des vergangenen 2006er-Jahres übers Internet verbreitet. Mit umwerfendem Erfolg: Der hausgemachte Klimawandel ist da, dröhnt´s  nun plötzlich im Brustton der Besorgnis aus sämtlichen Mündern. Am lautesten aus jenen Mäulern, die bis eben noch das Gegenteil behaupteten. Zwackt die Herrschaften womöglich das schlechte Gewissen? Dämmert ihnen, dass richtig am Geldsack kneifen könnte, was da kommt? Oder riechen sie am Ende nur blendende Geschäfte, die sich mit wandelndem Klima vielleicht machen lassen?

Wie auch immer:  Die Kanzlerin hat das Thema zur Chefinsache erklärt und will nun gleich das ganze Europa in Sachen Klimaschutz Mores lehren. Zwar kriegte ihr Umweltminister von Brüssel jüngst eine deftige Maulschelle wegen lachhaft unehrgeiziger CO2-Reduktionspläne und allzu großzügigem Verschenkens von Verdreckungsrechten an die Industrie. Aber auch der Kolumnist will nicht kleinlich auf Kleingedrucktem herumreiten, wenn die internationalen Schlagzeilen deutsche Sauberfrauen und -männer rühmen.

Ruhm steht in diesem Sinne auch dem neuen Bad Emser Umgehungstunnel zu, ist er doch mit einer fortschrittlichen Feinstaubwarnanlage ausgerüstet. Die schließt die Röhre, sobald zu viel Dreck drinnen herumfliegt. Zugleich setzt sie das Straßenreinigungskommando in Marsch, auf dass es mit Nasskehrmaschinen die Schadstoffe aufwische und für gute Luft sorge. Die Technik funktioniere prima – war von gewöhnlich gut informierten Spatzen zu hören, die wegen unzeitgemäßer Frühlingstriebe jetzo munter so allerhand von den mittelrheinischen Dächern pfeifen. Nur ein Spatzen-Gerücht? Jedenfalls besagt es für den Emser Tunnelfall: Anfangs löste jede Rushhour den Sperr- und Putzalarm aus. Dann hat eben zuviel Verkehr zuviel Dreck in der Röhre gepustet, sage ich. Woraufhin Freund Walter in gewohnter Manier  die Gesichtzüge entgleiten und er sogleich über Grundsätze pragmatischer Umweltpolitik in der aktuellen globalen Wachstumsphase doziert: „Natürlich war die Anlage falsch justiert.“

Ein anderer Spatzengesang klingt von Koblenz her, jener Regionalmetropole, die dank jüngst übersprudelnder Ideenfülle endlich Aussicht auf jede Menge Großbaustellen zur gleichen Zeit hat. Die Bundesgartenschau kommt, heißt es; mitsamt Schlossgarten und Rheinufer-Begrünung und Seilbahn und Festungserblühen. Die TuS-Arena kommt auch, heißt es; man werde irgendwo in der Nähe von IKEA ein Plätzchen finden, wo mittelrheinischen Kicker standesgemäß den Aufstieg in die erste Liga erstreiten können. Die Zentralplatzbebauung kommt natürlich auch - heißt es zurzeit zwar nicht ausdrücklich, folgern wir allerdings logisch aus den Umständen: Man kann schließlich nicht viele, viele  Millionen Besucher zur Buga empfangen und ihnen den Stadtbummel durch so ein hässliches Loch vergällen.

2011 soll die Buga über die Bühne gehen, 2011 müssten auch die anderen beiden Projekte abgeschlossen sein. 2007 fängt jetzt an, lange hin ist es nicht mehr. OB Schuwi muss also Dampf machen und kräftig Geld sammeln, auch wenn er das Ergebnis selbst im Amte nicht mehr erlebt. Denn 2010 wählt Koblenz einen neuen, zwangsweise einen anderen Oberbürgermeister. Und von dem, genauer gesagt: von der Besetzung des Titelkampfes singen die Spatzen nun eifrig. Und wen sehen die Vögelchen 2010 gegeneinander in den OB-Ring steigen? Einen Geburtskoblenzer von der CDU gegen einen Wahlkoblenzer von der SPD: Stadtrat Jörg Assenmacher gegen Staatssekretär Joachim Hofmann-Göttig. Mag sein, die beiden honorigen und beiderseits erfreulich kultursinnigen Betroffenen wissen davon noch gar  nichts. Dem Chronisten obliegt es dennoch, den öffentlichen Diskurs zu dokumentieren – werde er vorerst auch bloß von heimischen Spatzen und deren Anverwandten an den hiesigen Kneipentheken geführt.

Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an all jene Freunde dieser Kolumne, die dem Querdenker über eine arge Gedächtnislücke geholfen haben. Aber wer hätte im aufgeregten Streit um Kreuze in weltlichen Gerichtssälen auch gleich darauf kommen sollen, dass ausgerechnet der christliche Religionsgründer selbst das in der Dezember-Nummer zitierte Edikt über die Sinnhaftigkeit der Trennung von Kirche und Staat in die Welt setzte. Gebt dem Staat, was des Staates ist, und Gott, was Gottes ist: Der kluge Spruch, dessen Urheber mir nicht hatte einfallen wollte, heißt im Original „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“, er stammt laut Bibel von Jesus selbst. Diesem Hinweis aus der Leserschaft bin ich via Quellenstudium nachgegangen. Ergebnis: Die Aussage wird gleich durch drei Evangelisten übereinstimmend verbürgt; sie ist zu finden bei Markus, bei Matthäus und bei Lukas.

Quergedanken Nr. 22

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten? Lebkuchen und Marzipan stapeln sich seit Oktober in den Läden. Die Straßenbeleuchtung hat putzige Verstärkung bekommen. Die Dauerbeschallung in den Einkaufsmeilen wurde von kaufbelustigendem Fahrtstuhlpop auf kaufberauschende Herzerweichung durch „Kling-Still-Süß-Kindel-Tann-Glöck“ umgerüstet. Seit auf mittelrheinischen Straßen und Plätzen obendrein Brettlbüdlis wieder das Stück „Anno-dunnemals-Markt“ geben und Schwaden vom Glühwein frohes Hirnwinden versprechen, seither steht fest: Weihnachten ist nicht mehr aufzuhalten.
 
Es sei denn ...? Es sei denn, der Stifter des Festes selbst geböte dem Treiben Einhalt: Etwa wegen Verstoßes gegen den ursprünglich der Uneigennützigkeit verpflichteten Stiftungszweck. Doch ER wird –  wie es in nachbiblischer Zeit seine Gewohnheit geworden – auch in diesem Fall nicht eingreifen wollen. Was sollte ER sich auch mit Leuten herumstreiten, die jeden Gerichtspräsidenten am liebsten kreuzigen würden, der nicht jedes Gerichtszimmer mit Kreuzen behängt. Gebt Gott, was Gottes ist und dem Staat, was des Staates. Sagte wer? Vergessen. Gescheit ist´s trotzdem, denn es hält auseinander, was leichtfertig vermengt nach „Gottesstaat“ klänge und zum schlechten Ende womöglich „Gottesurteile“ fällte.

Hierzulande wird im Namen des Volkes, auf Grundlage irdischer Gesetze und (zumindest zumeist) mit klarem Verstand Recht gesprochen. Gott sei Dank! Würde bitte jemand bei Gelegenheit den kurtrierischen Eiferern folgende Schul-Selbstverständlichkeiten erläutern: Dass es, erstens, in dieser Republik keine Staatsreligion gibt. Dass, zweitens, unsere Kultur gleichermaßen auf griechisch-römischer Antike und Judentum und Christentum und europäischer Aufklärung gründet. Dass, drittens, unsere Justiz unabhängig und sowieso kein Rechtsfolgeorgan der vatikanischen Inquisition ist.      

Anderes Weihnachtsthema. Heiligabend fällt heuer auf einen Sonntag. Was die Chance bietet, nochmal  einen richtigen Sonntag zu erleben, einen, an dem das ganze Land für ein paar Stunden wirklich zur Ruhe kommt. Oft wird es das nicht mehr geben. Oder glaubt noch jemand an einen Weihnachtsmann, der die letztendliche Einführung der 7-Tage-rund-um-die-Uhr-Geschäftswoche verhindern würde? Der Feierabend ist schon abgeschafft: die Industrien werkeln ununterbrochen, die Einkaufszentren rumoren bis in die Nacht oder gleich die Nacht durch. Das freie Wochenende ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse: Der Samstag bereits Vollarbeitstag, und auch der Sonntag auf dem besten Wege zum 24-Stunden-Werktag. Das soll bald hundsgewöhnliche Normalität sein – ganz ohne Nacht-, Wochenend- und Feiertagszulagen. Sie nennen das Freiheit und Service und Lebensqualität. „Alles Quatsch“, schimpft Walter, „man will uns bloß das Gefühl für Arbeitsruhe und Muße ratzebuzz austreiben. Frag mich jetzt ja nicht nach dem Warum. Selber denken!“

Walter zürnt – über die Blödsinnigkeit im Gang der großen Dinge. Halt Freund, mach nicht so einen Verdruss, schau lieber auf die TuS! Und justament flackert ihm wieder jener seltsame Ausdruck durchs Gesicht, den wir seit der Erfolgsserie der Koblenzer Kicker gegen Köln, Essen und Karlsruhe auf vielen Gesichtern früher ganz bodenständig gewesener Mittelrheiner sehen. Das ist so eine Art aufgesetzter Realismus, hinter dem indes klammheimlich inbrünstiger Hoffnungswahn irrlichtert. Keiner wagt zu sagen, wovon alle träumen: „Es ist zwar völlig ausgeschlossen, aber wir könnten trotzdem – aufsteigen, in die erste Liga.“ Ei, warum nicht? Staatspolitisch zumindest wär´s vernünftig: Wenn jetzt nach den Pfälzer Teufelchen auch noch der 05er Karnevalsverein den Bundesgeist aufgibt, dann muss eben Koblenz die Landesehre retten. Wäre nicht das erste Mal.

Weil Weihnachten ansteht, sei an dieser Stelle noch von einem Wunder gekündet. Sieben europäische Städte (keine deutsche dabei) wollen ihre Verkehrprobleme  auf ausgefallenem Wege lösen: Ampeln abschaffen, Verkehrsschilder um 80 Prozent reduzieren. Vorbild ist das holländische Drachten, wo seit drei Jahren nur noch zwei Verkehrsregeln gelten: rechts vor links, und, wer andere behindert, wird abgeschleppt. Bei allen übrigen Verkehrsfragen müssen die 45 000 Drachtener nebst Besuchern selbst zusehen, wie sie am besten miteinander können. „Anarchie! Chaos!“ kreischt es da den ehemals preußischen Mittelrhein rauf und runter. Jawohl, es herrscht Verkehrs-Anarchie in Drachten: Man winkt, blinkt, wedelt, deutet, nickt mit dem Kopf, ruft, klingelt, hupt auch mal. Das Wunder: Der Verkehr fließt und nirgendwo sonst in Europa gingen die Unfälle so stark zurück wie in Drachten. Das könnte einen doch auf Ideen bringen –  in Koblenz, Neuwied, Mayen, Bad Ems ….   

 

Quergedanken Nr. 21

„Hi, Mister Querdenker, bist Du eigentlich immer oder nur beim Schreiben so mies drauf? Sicher, die Welt ist bekloppt, aber es gibt doch auch noch gute Nachrichten und  Entwicklungen.“ Diese Kritik von Leserin Katharina trifft den Kolumnisten, der sich für ausgesprochen lebensfroh hält, hart. Nichts desto trotz, liebe Katharina, sei die Kritik als Anregung aufgegriffen. Versuchen wir es heute also mit positiven Nachrichten:

Nachdem sie über Jahrzehnte immer wieder angedacht, stets aber aus technischen, finanziellen oder denkmalschützerischen Gründen verworfen wurde, scheint sie nun doch zu kommen –  die Seilbahn vom Deutschen Eck zur Festung Ehrenbreitstein. Wohin alle früheren Hinderungsgründe urplötzlich verschwunden sind, lässt sich so genau zwar nicht nachvollziehen. Aber offenbar gilt die alte Weisheit von Wille und Weg. Deren hiesige  Version geht so: Wo ein Traum ist, findet sich auch ein Steig. Mein Freund Walter brummt skeptisch was von „kriegen die nie hin, und wenn, sind sie den Welterbestatus los“. Walter ist halt ein Gestriger, den Bogen mit dem Positiv-Denken hat er noch nicht raus. Dabei könnte er am Beispiel Rhein-Steig sehen, dass es funktioniert.

Man muss nur wollen, schon geht´s in den Örtchen am rechten Unesco-Rheinufer rund wie in Berchtesgaden zwischen Juni und August: Zünftig berucksackte Leiber aus aller Herren Länder stapfen auf strammen Waden zuhauf umher – morgens munter, abends runder. Hierorts nie gesehene Scharen von Wandersleuten bevölkern die Hänge, lassen in Gasthäusern, Pensionen, Hotels die Kasse klingeln. Und wovon kommt das? Bloß von einem simplen, rohen, unbequemen, anstrengenden Wanderpfad. Der Witz ist: Wäre der Rhein-Steig nicht eine schweißtreibende Schinderei, sondern ein bequemer Spazierweg, der Publikumszuspruch bliebe schlichtweg aus. Den Witz haben noch nicht alle kapiert – weshalb mancher Einheimische auswärtige Wanderer, die nach dem Rhein-Steig Richtung Nachbarort fragen, wohlmeinend auf kürzere und einfachere Wege via Rhein-Promenade oder auf die Eisenbahn verweist. Braucht eben alles seine Zeit.

Das waren doch schon zwei sehr gute Nachrichten von vor der Haustür. Von weiter weg  gibt´s auch welche. Deren Bewertung hängt freilich etwas von der persönlichen Perspektive ab. Im hessischen Dietzenbach hat der Stadtrat einen richtungsweisenden Beschluss zur Förderung der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund gefällt: Künftig werden dort im Kindergarten die Deutschlandfahne und ein Porträt vom Bundespräsidenten aufgehängt. Ich möchte diese Initiative aufgreifen und schlage als Fortgeschrittenenprogramm vor: allmorgendliche Fahnenappelle nebst Nationalhymne  und Treueschwur auf die Führer von Partei(en), Staat und Nation.

In Deutschland waren solche Vermittlungspraktiken für patriotische Werte lange Tradition, und andere Länder machen es schließlich heute noch so – China und Nordkorea beispielsweise. Ersteres immerhin ein viel beneideter Globalisierungsgewinner. Letzteres der Grund, nun George W. Bush zu rehabilitieren: Denn der hatte den Irak angegriffen, weil die dort nicht auffindbaren Massenvernichtungswaffen in Nordkorea versteckt worden sind. Das wird jetzt allmählich als großräumige Bush-Strategie für den nah-fernöstlichen Raum deutlich. Uns kleinen Geistern täte halt ein bisschen mehr Vertrauen in die Weitsicht unserer Führer ganz gut. Auch wenn wir nicht immer alles verstehen, was deren überragenden Hirne ausbrüten.

Die jüngst ausgebrochenen „Unterschichtendebatte“ etwa. Liebe Katharina, mir will zwar nicht in den Kopf, warum die Politiker eben erst entdecken und lauthals beschreien, was seit Jahren ein offenes „Geheimnis“ ist: Dass a) die Kluft zwischen Arm und Reich im Land immer größer wird, b) die Zahl der Armen ständig wächst und dass c) ein Job längst keinen Schutz mehr gegen Armut bietet. Mir will auch nicht in Kopf, dass die Herrschaften nicht von Schichten und Unterschichten sprechen mögen, obwohl wir seit jeher und weiterhin in einer Klassengesellschaft leben. Aber sei´s drum, nennen wir halt eine gute Nachricht, dass die Politiker jetzt wenigstens als „neue Armut“ anerkennen, was landauf und –ab als hundsgewöhnliche und sich keineswegs erst neuerdings vermehrende Armut bekannt ist.

Noch ´ne gute Nachricht? Die Energiekonzerne haben soeben eingestanden, dass der Klimawandel tatsächlich stattfindet. Jetzt kann man sich vor ihrem Drängen, eine Energiewende einzuleiten, kaum mehr retten. Für uns am Mittelrhein heißt das: Aufpassen, dass nicht plötzlich der totale Stop verkündet wird – Abrissstop für das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich. Unfug? Hysterie? Nein, nur Lebensfreude angesichts „guter Nachrichten“.

Quergedanken Nr. 20

„Was da mitschwingt, weiß doch kein Mensch mehr“, brummt Freund Walter, als er die Überschrift sieht. Da übertreibt er wohl, denn ein paar gebildete Altlinke wird es ja selbst am Mittelrhein noch geben. Und zumindest die sollten begreifen, dass hier nicht bloß auf den öffentlichen Geheimwunsch der TV-Eva (Herman) angespielt wird, vom Manne wieder als Rippchen aus eigener Zucht angeknabbert, ausgekocht, schließlich abgenagt werden zu wollen. Besagte Altlinke sollten sich an ein Lied von 1865 über einen Typen namens Florian Geyer erinnern. Für alle andern muss, zugegeben, der Schlagzeile Hintersinn erst erhellt werden. Wofür auf das Ende dieser Kolumne verwiesen sei.

So ist das eben in der Kunst: Wer von kulturgeschichtlichen Kontexten nichts weiß, hält im Angesicht der  Meisterwerke aus Malerei, Musik, Literatur… bloß staunend Maulaffenfeil. Man stöhnt „ach“ und „schön“ oder „wie grässlich“, doch vom Sinn der Werke begreift man gerade so viel wie der sprichwörtliche Ochs vorm großen Scheuertor. Denken Sie sich ein Land, wo niemand je von Bibel oder zehn Geboten gehört hat. Den Leutchen dort möchte etwa Goethes „Faust I“ sehr seltsam vorkommen. So seltsam wie den Hiesigen heute „Faust II“ und hunderttausend andere Kunstwerke, die sich beziehen auf antike Mythen, von denen  nur noch ein paar Klugscheißer zu wissen scheinen.

„Es spricht Oberlehrer Doktor Pe…“ spöttelt Walter. Das tut er, wann immer ich das Bildungsbanner hisse, um mit Goethes letzten Worten „mehr Licht“ in die Düsternis der  Ignoranz zu beschwören. Was nötig bleibt, solange Zylinder Turbane und Turbane Zylinder als unerträglich anfeinden, solange Adam sich als Krone der Schöpfung geriert und Eva ihm  brav die Kelche serviert. Natürlich, auf den Blickwinkel kommt es an, sogar innerhalb desselben Kulturkreises: Ist Loveparade oder Oktoberfest lustvoller respektive unanständiger? Ist Buga 2011 in Koblenz ein Bluff mit nix oder ein Einsatz-Treiben mit Royal Flash? Ist das Kopftuch eine Kofferbombe oder die Krawatte ein Unterdrückungsinstrument, sind vielleicht beide bloß Verhüterli? Das alles muss neu bedacht werden, seit die Forschung die Möglichkeit einräumt, dass Goethe auf dem Totenbett nicht „mehr Licht“ meinte, sondern sich im Frankfurter Dialekt seiner Kindheit über die Matratze beschwerte: „mer liecht…“, man liegt hier so schlecht.

Die Welt ist unpraktisch. Mussten unbedingt drei Religionen sich jenen winzigen Flecken Palästina zur Wiege nehmen? Wäre wenigstens Jesus andernorts, idealer Weise in Bayern, geboren worden, man hätte sich Kreuzzüge und andere Raub- und Raufhändel sparen können. Womöglich hätte sogar die „Bild“-Zeitung mal zutreffend getitelt „Mir soan Poabst“, statt das mehrheitlich nichtkatholische Deutschland mit der Ente „Wir sind Papst“ zu erschrecken. Die Kollegen vom Boulevard machen sich´s mit der Religion zu leicht. Mit der Nation übrigens auch: „Die Deutschen sterben aus“ heißt es. Was ein grober Unfug ist. Aussterben setzt eine biologische Spezies voraus. Von einer Spezies der Deutschen wusste freilich nur das NS-Wissenschaftskorps 1933 ff zu fabulieren.

Dass Deutschsein in erster Linie eine Frage des Passes ist, in zweiter eine der Kochtöpfe war,  erst in dritter Linie und mittels Verbreitung des Idioms Hochdeutsch durch den Rundfunk auch eine Frage der Sprache wurde, sollte gerade Mittelrheinern klar sein. Wandern doch seit Jahrtausenden Menschen aller Herren Länder Rhein und Mosel rauf und runter.  Zogen doch seit Urzeiten internationale Heerhaufen übers eifelanische Maifeld. Selbst Blüchers Mannen, die in der Neujahrsnacht 1813/14 in Koblenz über den Rhein setzten, waren keine Deutschen, nicht mal Preußen, sondern russische Schwadrone. Und keineswegs bloß Römer blieben, vieler Völker Samen ist in die mittelrheinischen Stammbäume eingeflossen. Wie soll einer den hiesigen Menschenschlag begreifen, der bloß von Deutschen faselt? Wie soll einer die Menschen hier verstehen, wenn er nicht weiß, dass sie jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen, der Himmel könnte ihnen auf den Kopf fallen. Wäre nicht das erste Mal. Muss bloß der Laacher See „Puff“ machen, gleich stecken wir wieder bis sieben Meter über die Halskrause in der Schei…, im Bims.

So viel zum Kontext, zu den Umfeldbedingungen, die kennen muss, wer durchblicken will bei Welt, Kunst, Mensch. Womit wir wieder bei der Überschrift wären und einem alten Lied, das einen noch älteren Bauernaufstand unter der Buntschuh-Fahne lobpreist. Darin heißt es: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da Edelmann?“ Die Sache ging übel aus für die Bauern, weshalb das Lied mit dem Vers endet: „Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten´s besser aus.“ Ein Irrtum, wie wir feststellen müssen, da nun Adam baggert und Eva spinnt.

Quergedanken Nr. 19

Das war ein Schock, als der Sommer vom heißesten Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnung in die kälteste erste Augusthälfte seit Menschengedenken umschlug. Vor wie nach griff das Wetter gehörig ins Leben hinein, und wieder war des einen Lust des andern Plag: Sonnenglück hie, Hitzequal da; angenehme Kühle für diesen, Herbsttristesse für jenen. Man muss von Glück sagen, dass der Homo sapiens das Tageswetter nicht beeinflussen kann. Könnte er´s, zu allen bekannten Kriegsanlässen gesellten sich Mord und Totschlag des Wetters wegen. Kommt noch. Zu negativ? Der Mensch sei klüger? Wäre schön. Doch lässt  die Sache mit dem Klimawandel eher vermuten, dass unsere Spezies dümmer ist, als die galaktische Polizei erlaubt. Anders lässt sich kaum erklären, dass dieses Jahr erneut sämtliche Rekorde globaler CO2-Emission gebrochen werden.

Das Sommerwetter 06 gab jedenfalls Schlagzeilen und Gesprächsstoff in solcher Fülle her,  man hätte damit das postfußballerische Sommerloch auch ohne Krieg in Nahost und daraus folgender Verhedderung der politischen Lager in Deutschland stopfen können. Verhedderung? SPD-Chef und CDU-Verteidigungsminister für deutsche Truppen im Libanon. CSU-Stoiber, SPD-Linke und Linkspartei dagegen. Die Kanzlerin sowohl als auch, die Grünen vielleicht. Und der Papst betet für Frieden. Ähnlich, wenn auch nicht in gleichem Ausmaße verworren, verhielt es sich neulich in Koblenz mit dem Versuch, künftig mehr Beigeordnete an die Stadtspitze zu bestallen. Ausgeheckt hatte den Plan einige (wenige) Polit-Granden der großen Parteien, vom Tisch geputzt wurde er durch eine supergroße Koalition aus anderen Größen derselben Parteien plus Fußvolk, kleineren Gruppierungen und öffentlicher Meinung.

„Rinks und lechts“ waren schon für den großen Dichter Ernst Jandl leicht zu verwechselnde Zwillinge. Und seit die meisten Parteien sich dem Pragmatismus verschrieben haben – will sagen: dem nachlaufenden Reagieren auf alle Lebensbereiche durchwuchernden Kapitalismus –, seither sind politische Grundsätze geschwätzige Leerstellen geworden, gibt es humanistische Werte bloß noch als religiöse und „sozialromantische“ Nostalgie. Da trifft es hart, wenn einer, den man immer für einen aufrechten, aufklärerischen, republikanischen Fels erst im Restaurationssumpf-, dann in der Beliebigkeitsflut gehalten hat, wenn so ein Günter Grass sich plötzlich als Vertuscher für ihn unangenehmer Wahrheit erweist.

Ach Günter, wenn du doch beizeiten geredet hättest wie du jetzt in deiner Autobiografie so schön, so wägend, so zweifelnd, so nachfühlbar und so lebenssaftig schreibst. Nicht, dass der 17-jährige Bub in den letzten Kriegstagen blindbegeistert sich in Hitlers schwarze Bataillone einreihte, schmerzt. Es ist dein dummes  Schweigen über diese Kriegsumstände durch ein ganzes aufmerksames Leben und ein ganzes kluges Lebenswerk hindurch, das einen die Hände ringen lässt. Denn: Jetzt beißen die Hunde wieder, wollen für nichtig erklären jeden kritischen Satz, den der Grass über dies Land und dessen Leute von sich gab. Oskar, die Unke, die Schnecke, die Rättin, Fonti: Ihre Einwürfe verlieren an Gewicht, weil ihr Erfinder vom eitel verfälschten Selbstbild nicht lassen mochte.  

Arm das Land, das Helden braucht – heißt es beim alten Bert Brecht, der jetzt zum 50. Todestag doch noch recht ordentlich zu berechtigten (!) Ehren kam. Diese Einsicht  entschuldigt nicht  das Versteckspiel des Günter Grass. Allerdings stellt sie unsere eigene  Enttäuschung über den Literaturnobelpreisträger unter Vorbehalt. Der Lichtgestalt Schwachheit macht den Fans weiche Knie; mancher wendet sich nun ab vom vorherigen Gegenstand seiner Verehrung. Es fehlt eben noch immer allerhand bis zum Kantschen „Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

„Geht es auch weniger pathetisch?“ Freund Walter zieht die linke Augenbraue weit hinauf in die unwillig gerunzelte Stirn. Ei freilich. Sowieso hätte ich  lieber über die größte Passion älterer Männer gesprochen. Wie Martin Walser in „Angstblüte“ einen 70-Jährigen mit einer 30-Jährigen ins Liebesnest fantasiert. Wie Philip Roth seinen namenlosen Senior im Roman „Jedermann“ an den Unvermeidlichkeiten des alternden Leibes verzweifeln lässt, und im sehnsüchtigen Rückblick den Walser in Sachen Sexappeal deklassiert. Wie Grass „Beim Häuten der Zwiebel“ seinen jugendlichen Günter nahrungshungrig, kunsthungrig, vor allem aber frauenhungrig durch Deutschland treibt. Drei reife Meister der Sprache erinnern sich in neuen Büchern an Leben und Träume – darin das Weib, das ewig lockende, allfällig die erste Geige spielt. So viel Begehren, noch immer. Nehmt´s als Kompliment, Ihr Damen. 

Quergedanken Nr. 18

Aus, aus, aus! Die Party ist aus! Deutschland ist nicht Fußballweltmeister. Weshalb  Heerscharen schwarz-rot-goldener Landsleute eigentlich  an der Weltlogik oder am eigenen Verstand (ver)zweifeln müssten: Hatten sie den WM-Gewinn durch die deutsche Mannschaft vorab doch zur naturgesetzlichen Selbstverständlichkeit erklärt. Wenn schon zu Selbstzweifeln nicht fähig, so wäre jetzt wenigstens das Eingeständnis vom kollektiven Größenrausch fällig. „Lass gut sein. Ist doch bereits alles Schnee von gestern. Die alte Erde hat uns wieder“, fällt Walter mir brummend in die Parade. Oh nein, mein Freund, mit Schwamm-Drüber und Blick-Nach-Vorn kommen sie mir nicht davon, diese angeblichen Superpatrioten und vermeintlichen Fußballfans! Wenn nirgendwo sonst, hier wird endlich Tacheles geredet!

Im sportlichen Wettstreit gewann die italienische Mannschaft gegen die deutsche. Dem Reglement entsprechend kam „unsere“ Auswahl folglich nicht ins WM-Endspiel. Das hat seine Ordnung. So ist es halt im Sport: Wenn kein Betrug vorliegt, gewinnt der Bessere, der Raffiniertere und/oder der Glücklichere. Was indes trug sich zu in Deutschland am Morgen nach dem verlorenen Halbfinale? Ein gewisses Quantum Volkstrauer hätte man   nachvollziehen können. Dass aber die Hälfte der nationalen Jubelmasse über Nacht einen Großteil ihrer Autofähnchen einfach einzog, war arg. Das Idiom meiner badischen Geburtsheimat benutzt für derartiges Verhalten das jiddische Lehnwort „schofel“ – im Sinne von gemein, ehrlos, anstandslos, ohne Haltung. Ja was sind denn das für Patrioten, die zum Vaterland nur halten, solange es triumphierend auf der Siegerspur marschiert? Was sind denn das für Fans, die sich schnöde abwenden, sobald die eigene Mannschaft nicht mehr erster Sieger werden kann?

Immerhin, es gewann die andere Hälfte des deutschen Publikums seine Fassung wieder und feierte auch noch die Dritte-Platz-Party ausgiebig. Doch wahrer Sportsgeist und echter Patriotismus sollten sich erst beim WM-Endspiel zeigen: Jene Deutschen, die mit italienischen und französischen Freunden und Gästen gemeinsam vor den Leinwänden den Höhepunkt der WM,  das letzte Spiel um den Weltpokal verfolgten, sie sind der eigentliche Stolz der Nation. Sie gratulierten den Gewinnern, blieben herzliche Gastgeber bis zum Schluss, blieben dem Fußball um seiner selbst willen sowie dem Spaß an der Freud treu. Das nenne ich Reife, das ist Größe, so geht Lebensart. Leider aber zählten diese Deutschen am WM-Ende nicht mehr nach Dutzenden Millionen, sondern nur noch nach ein paar Hunderttausend. Weshalb begreiflich ist, dass Herr Klinsmann beizeiten das Weite sucht: Die  Nur-Siege-Zählen-Patriötchen würden ihn umstandslos schlachten, brächte er von der kommenden Europameisterschaft irgendetwas anderes als den Titel mit.

Dies, lieber Walter und verehrte Leser, musste noch klar gestellt werden. Es könnte sonst das Märchen, Deutschland und die Deutschen hätten sich mit der Fußballweltmeisterschaft 2006 völlig neu erfunden, als Legende eingehen ins Kulturerbe, oder sich gar als vorgebliches Faktum in den Geschichtsbüchern festsetzen. Und damit soll´s an dieser Stelle bis auf Weiteres genug sein mit der Fußballeritis. Der Sommer hat noch ein paar Wochen. Wie meist im August könnten es die etwas ruhigeren werden, denn auch viele   Sommerfestivals haben dann, zumindest am Mittelrhein, ausgespielt. Horizonte und Lahneck Live rum, RheinVokal und MMM passé, Rommersdorf-Festspiele vorbei, Brückenfestival und Rosenball in Bad Ems ebenfalls …

So richtig still wird es allerdings auch in der Kulturwelt nie - mögen die Musen sich noch so sehr nach Muße sehnen. Das Koblenzer Gauklerfest steht an und das Pellenzer Open-air; auf der Mayener Burg wird noch zwei Wochen Theater gespielt, auf der Lahnsteiner Burg nachher auch; Rhein in Flammen wird wie üblich gegeben, und auf der Festung Ehrenbreitstein mit „Nabucco“ eine Wiederbelebung der Festungsspiele versucht. Am 3. August tritt in Koblenz ein paranoider Michael Mittermeier in der Rhein-Mosel-Halle gegen René Kollo, Ilja Richter und Co. im „Jedermann“ am Deutschen Eck an. Der ganz normale Wahnsinn eben. Welch ein Glück, dass nicht jeder überall hin muss.

Was nun das wieder für ein Spruch sei, will Walter wissen. Ausgerechnet in einem Journal, das Publikum für Kultur werben soll. Kultur, mein Lieber, ist per se Wahnsinn. Denn sie versucht stets, für Momente eine andere, bessere Welt denkbar werden zu lassen. Das Kulturpublikum weiß, dass solche Augenblicke bloß vorübergehende Illusionen sind. Schlechte Werbung will ihnen dies sichere Empfinden für die Wahrheit austreiben. Gute Werbung verstärkt es.  Woraus allerdings auch folgt, dass gute Werbung nur guten Produkten zuträglich sein kann.

Quergedanken Nr. 17

Haben Sie´s gesehen? Sogar die Bundeskanzlerin außer Rand und Band: den Oberkörper weit nach vorne geworfen; den rechten Arm nach seitlich-hinten verdreht, dabei dem polnischen Premier mit der reflexartig grapschenden Hand beinahe ins Gesicht patschend; ihre Augen quellen schier aus Höhlen; dem zuckend aufgerissenen Mund entringen sich erkennbar Schreie, Quiecker, Stöhner. So ward es vom Fernsehen am 14. Juni dokumentiert – Frau Merkel bereitete derart das 1 : 0 der deutschen Mannschaft gegen die polnische in Dortmund vor. Wir sahen das erstaunliche Bild, hörten dazu leider nur allgemeine Stadionwallung, denn Pressemikrofone sind auf den Ehrentribünen nicht zugelassen (und die Tonaufnahmen der Geheimdienste nicht zu haben).  Was wohl hat Angie geschrieen, gequietscht, gestöhnt? „Mach ihn rein, mach ihn doch rein!“, „komm schon, komm, komm, komm!“, „schieß endlich, schieß jeeetzt!“. Etwas in der Art wird es gewesen sein. Fußball ist halt doch ein sehr  körperbetontes Spiel. Auch für zusehende Pastorentöchter, selbst wenn sie Kanzlerin sind.

Wo schon die sonst so zurückhaltende Regierungschefin sich von König Fußball ganz ungeniert zu öffentlichen Ekstasen mitsamt Lustgeschrei reizen lässt, muss man sich auch über sonstige Erscheinungen der Massenorgie namens WM nicht wundern. Die auffälligste davon ist, dass mit fortschreitender Weltmeisterschaft sich immer mehr gewöhnliche Kraftfahrzeuge in Dienstfahrzeuge verwandeln. Sie zählen mittlerweile nach Hunderttausenden, die mit Stander durch Deutschland kutschierenden Automobile. Stander heißt das Wort, nicht Ständer – wobei das im vorliegenden Fall beim einen oder anderen Zeitgenossen allerdings kaum einen Unterschied machen dürfte. Stander also. Das meint beim Militär und in der hohen Politik kleine Flaggen an offiziellen Autos, Schiffen, manchmal auch gelandeten Flugzeugen oder startenden Zweirädern. Diese Flaggen zeigen dem gemeinen Fußvolk sowie  Protokollbeamten, Wach- und Bedienungspersonal an, dass da eine  Persönlichkeit von Rang mitfährt.

So gesehen erweist sich die Fußball-WM als großer Gleichmacher: Auch Hinz und Kunz fahren jetzt mit Stander. Schwarz-rot-gülden knattert die Fahne im Fahrtwind. Mit Freund Walter würde ich jetzt gerne diskutieren, ob die dieser Tage epidemische Ausbreitung schwarz-rot-goldener Staffagen ein Zeichen für neuen Patriotismus ist oder doch eher modischer Hype eines neuen Party-Accessoires. Aber Walter hat die Mitwirkung an einer weiteren Fußball-Kolumne kategorisch abgelehnt. Begründung: „Über Fußball schwätze ist Blech, gucke ist Gold.“ Also sitzt er Tag um Tag vor der Glotze – und ärgert sich allweil über ufer- und hemmungsloses Vor-, Zwischen- und Nachgesimpel.

Wie ist das nun mit dem neuen Patriotismus? Ich sag mal so: Nationalfarben als Haarschmuck, Gesichtsbemalung und Bodypainting, die Flagge in T-Shirt-Form drüber oder als reizende Wäsche drunter, Narrenkappen, Pappbecher und Kondome in Landesfarben … Heinrich Heines Begriff „teutomanisch“ will dazu nicht recht passen, zumal die Gäste aus aller Welt mit ihren jeweiligen Farben genau den gleichen unpathetisch-verspielten Zinnober veranstalten. So war die WM, zumindest bis zum Achtelfinale, ein im Wortsinne kunterbuntes Völkerfest;  ´ne Party halt. Ob meine Landsleute es auch so meinten, wird sich erweisen: Die Nagelprobe käme mit dem Aussteigen der deutschen Mannschaft aus dem Wettbewerb. Feiern wir als gute Verlierer dann weiter ein Völkerfest, oder wenden wir uns schmollend von der WM ab? Diese Frage die letzten Tage in einige Runden geworfen, ergibt eine verwirrende Stimmungslage. „Wir feiern auf jeden Fall bis zum Abpfiff am 9. Juli durch“, antworten die Einen.  Andere erklären schon die bloße Frage zu grobem Unfug – denn „Deutschland kann nicht ausscheiden, Deutschland wird Weltmeister“. Hhmm, da beschleicht einen dann doch wieder eine gewisse Unruhe: Denn, hallo!, die Rede ist von einem Sportwettbewerb, an dem 32 Teams teilnehmen und 31 NICHT Weltmeister werden.

Wie auch immer: Am 9. Juli ist alles vorbei. Dann kann sich der Deutsche Fußballbund seinem nächsten Etappenziel zuwenden: der Umwandlung der Bundesliga zur T-Com-Liga. Erst gingen die Spielfeldränder an den Markt, dann die Stadionnamen auf den Strich, jetzt folgen die Ligen – und dabei wird´s nicht bleiben. Eines baldigen Tages könnte das Koblenzer Theater nach einer Sektmarke benannt sein, Kölns Wahrzeichen Ford-Dom heißen, das mittelrheinische Weltkulturerbe – wie schon der Nürburgring - abschnittsweise die Namen multinationaler Industriesponsoren annehmen. Dann hieße ein Görres-Gymnasium vielleicht Microsoft-Schule, diese Burg Milka-Ressort und jenes Museum Sony-Center. Schwarz-rot-goldener Putz mag auch dazu hübsch aussehen, für den Gang der wirklichen Geschäfte ist das bunte Volksvergnügen freilich völlig belanglos.  

Quergedanken Nr. 16

Seltsam, dass in einem so sehr dem Sport zugetanen Land wie dem unsrigen Übergewichtigkeit eine Volkskrankheit ist. „Stop!“ schreit Walter: „Keine akademischen Spitzfindigkeiten, die mir doch bloß den Spaß am TuS-Aufstieg und an der WM vermiesen wollen.“ Der sonst so zurückhaltende Freund droht die Contenance zu verlieren. Das kommt von was? Vom Fußball. Diese Sportart verursacht auch bei an sich vernünftigen Zeitgenossen eine Art fiebriger Erregung, unabhängig davon, ob sie im Schweiße ihres Angesichts mitkicken oder das Spiel nur als Zuschauer verfolgen – was bisweilen nicht minder schweißtreibend abgeht.

„Du weißt doch gar nicht, wovon du redest, warst seit 20 Jahren in keinem Stadion mehr“, schimpft Walter. Fußballmuffel sind ihm ein totales Rätsel. Mir geht´s mit eingefleischten, flammenden Fußballfans ähnlich. Womit wir beide ein ziemlich genaues Abbild der Meinungsverteilung im Land sein dürften: die eine Hälfte der Bevölkerung fußballerisch enthusiasmiert, die andere distanziert bis desinteressiert. Das mit den 20 Jahren Stadionabstinenz stimmt: Je älter ich werde, umso mehr befremden mich Massenaufläufe von begeisterungstaumeligen Mitmenschen, sei´s im Sport, beim Pop oder Papst. Was keinesfalls – Nietzsche bewahre – abwertend gemeint ist, nur eben meine Sache nicht (mehr).

In einem Punkt allerdings muss Walter widersprochen werden: Ich weiß schon, wovon ich rede. Mit den Reglement des Fußballs, auch mit dem Finanzgebaren in dieser Großindustrie, ja selbst mit der Geschichte der Sportart bin ich recht ordentlich vertraut (erstes vergleichbares Spiel 3000 vor Chr. in China nachgewiesen; Anfänge des modernen Fußballs im 19. Jahrhundert an englischen Eliteschulen, später Ansteckung deutscher Oberschulen; 1848 Festschreibung der bis heute in Grundzügen noch geltenden „Cambridgeregeln“; 1878 Gründung des ersten deutschen Fußballvereins in Hannover; 1903 die ersten deutschen Meisterschaften).  Ich kann auch ein gutes von einem schlechten Spiel unterscheiden. Und,  Sie werden staunen, ich kann ein gutes Match am Fernseher durchaus mit einigem Genuss gucken.

„Wenn das stimmt“, jetzt wieder Walter, „welches ist dann deine Mannschaft?“ Das war mal, freilich in einem anderen Leben, der SV Waldhof Mannheim. Kennt heute kaum noch jemand. Würde jenes andere Leben noch andauern, könnte das jetzt TuS Koblenz sein. Die beiden Vereine haben manches gemeinsam. Regionale Traditionsclubs beide, endlose Zeiten in der Bedeutungslosigkeit, dann plötzlich der wundergleiche Schuss nach oben. In Mannheim war seinerzeit der legendäre Schlappi, was in Koblenz dieser Tage Sasic ist. Indes währte der Mannheimer Glanz damals ähnlich kurz wie jüngst der Trierer - was um Himmels Willen kein Kassandra-Ruf ´gen Koblenz sein soll.

Der TuS sei der Aufstieg ebenso gegönnt wie den 05ern und der Frankfurter Eintracht der Klassenerhalt. Leid können einem Köln und Kaiserslautern tun.  Walter insistiert: „Schwätz nicht, nenn deine Mannschaft!“ Tja, lieber Freund, die gibt es nicht. Wenn schon Fußball, dann halte ich jeweils zu denen, die besser spielen. Walter tobt: „Oh du elender Opportunist, Speichellecker der Sieger, Bayern-Lakai…“ Moment mal! Seit wann, bitte, wäre im Fußball  besser, schöner und interessanter spielen gleichzusetzen mit gewinnen?

Die andern spielen besser, „aber am Ende gewinnt immer Deutschland“, heißt es in einer der vielen überheblichen WM-Werbungen. Als ginge es bei diesem Weltturnier (neben dem Millionengeschäft) bloß um den Sieg Deutschlands. „Ja worum denn sonst?!“, sagt Walter. Worauf hin mir fassungslos die Kinnlade runter fällt. Tief durchatmen, dann die Gegenposition: Mich interessieren schöne Fußballspiele, spielerisches Können, spielerisch-taktische Raffinesse, sportliche Fairness bei sportiver Einsatzfreude. Mich interessieren weniger Gewinner, und gleich gar nicht interessiert mich, für welche Nation die überbezahlten Wanderarbeiter diverser Vereinsligen dieser Welt während vier WM-Wochen ausnahmsweise antreten. Das treibt nun wiederum Walter, der im „normalen Leben“ gegen National-Gedöhns völlig immun ist, die Maulsperre ins Gesicht.

Schluss mit dem Streit! Jene Hälfte der Leserschaft, die mit Fußball keinen Vertrag hat, haben wir bis hierher schon verloren. Da in dieser Frage eine echte Verständigung ohnehin unmöglich scheint, schlage ich folgenden Kompromiss vor: Fußball kann eine der schönsten Nebensachen der Welt sein und darf von diesem Verrückten so genossen werden, von jenem Verrückten ganz anders. Das mit den zwei Sorten Verrückter gefällt Walter. Gegen die Einstufung „Nebensache“ würde er vielleicht noch opponieren wollen, spräche der warnende Blick seiner derzeitigen Lebensabschnittsgefährtin nicht von wirklichen Hauptsachen - in den kommenden Sommernächten.         

 

Quergedanken Nr. 15

„Bedenke, du bist nur ein Mensch!“ Ausgerechnet beim triumphalen Einzug in die Hauptstadt des Römischen Reiches bekamen die siegreich heimkehrenden Feldherrn in antiker Zeit diese Worte von einem Diener alle paar Minuten eingeflüstert, gewissermaßen hinter die Ohren geschrieben. Die Wirkung der erzieherischen Maßnahme auf die Helden war bekanntlich  begrenzt: In vielen Fällen erwiesen sich erfolgreich geschlagene Schlachten als überaus förderlich für den Karrieresprung zum Imperator oder Gottkaiser.  Dennoch mochte nachher selbst Shakespeare auf den Einflüsterer nicht verzichten:  Der Weise in seinen Spielen ist zumeist ein ärmlicher Narr – bei aller spöttischen Skepsis eine Art Mensch gewordenes Prinzip Hoffnung, das wider besseres Wissen und trotz Samuel Beckett bis heute daran glaubt, dass Godot irgendwann doch noch kommt.

Ruhelos die großmütterliche Nähmaschine traktierend, knurrt Freund Walter: „Worauf willst du eigentlich hinaus?“ Auf den Triumphzug von Kurt Beck selbstredend. Erst absolute Mehrheit hier, dann zzusätzlich Kommando-Übernahme auf dem alten Tanker SPD, und alsbald dürfte er obendrein wohl gegen Frau Bundeskanzler in den Ring steigen respektive sein Gewicht in die Waagschale werfen. „Aha“, so Walter, „und wir sollen nun für Kurt den Mahner spielen; etwa mit dem Spruch: Bedenke, du bist nur ein pfälzischer Elektriker!“ Womit er nichts gegen Pfälzer, geschweige denn gegen Elektriker gesagt haben wolle. Auch nichts gegen Beck, schließlich „kriegt jede Partei den verdienten Vorsitzenden, jedes Land den verdienten Staatslenker.“ Weshalb Walter übrigens jetzt erstmals seit Jahren wieder einen Italienurlaub plant. Nicht wegen der Wahl Becks, sondern wegen der Abwahl Berlusconis; damit es da keine Missverständnisse gibt.

Und die Nähmaschine ruckelt dazu. (??) Freund Walter näht, nein bastelt, sich erstmals im Leben eine rote Fahne. Mit der will er, ebenfalls erstmals im Leben, zur Mai-Demonstration. Allseitiges Kopfschütteln ist ihm darob sicher - denn nie, aber auch niemals war er mit von der Partie gewesen, wenn die Freunde in früheren Jahren wofür oder wogegen auch immer auf die Straßen zogen. Dieser Mensch hatte sich allweil in der Rolle des distanzierten Stoikers oder Zynikers gefallen. Woher jetzt der Sinneswandel? „Ackermann und die Franzosen“ lautete die erste knappe Antwort, als er Stecken, Stab und Stangerl nebst einigen Metern roten Tuches anschleppte. Genaueres folgte im Zuge fortschreitender Bastelarbeit:

„Wenn die Ackermänner im Monat mehr verdienen, als ein fleißiger Facharbeiter im ganzen Leben verdienen könnte, wenn man ihn arbeiten ließe, dann ist was faul im Staate Dänemark. Wenn nun der Ackermänner Fürstensalär auch noch explosionsartig wächst, während zugleich die Entlohnung normaler Arbeit kontinuierlich sinkt, dann ist es Zeit für die Straße.“ Sagt Walter, auf die Geschichte verweisend, die Aufruhr als notwendige Folge herrschaftlicher Völlerei bei gleichzeitiger Hungerleiderei im Volke ausweise. Und dass die Straße einen durchaus wirkungsvollen und wertvollen Beitrag zur Demokratie leisten kann, hätten ja eben die Franzosen bewiesen: „Inakzeptables Gesetz; Schulstreik, Unistreik, Generalstreik; Gesetz perdu. Basta“. Es sei doch schön, wenn ein Volk Traditionen bürgerschaftlicher Renitenz habe und diese gelegentlich auch pflege.
 
So spricht Walter, begutachtet zufrieden seine rote Fahne und macht sich auf die Suche nach der nächstgelegenen 1.-Mai-Demonstration.  Die geht in Koblenz um 10.30 Uhr am Stadttheater ab, läuft um 11 Uhr am Münzplatz ein: zur Ansprache von Andrea Nahles und anderen Frühlings-Lustbarkeiten. Mal schauen, ob dem Freund zusagt, was er dort unter dem Motto „Deine Würde ist unser Maß“ vorfindet.

Apropos Maß. Wann hört Koblenz auf, das Maß der mittelrheinischen Dinge zu sein? Wenn es Kleinstadt geworden ist, meinen ein paar aufgeregte Schängel dieser Tage. Der Fall soll jüngsten Berechnungen zufolge binnen zehn bis zwölf Jahren eintreten. Dann unterschreite die Kommune am Rhein-Mosel-Eck die Marke von 100 000 Einwohnern, wodurch sie den Titel „Großstadt“ verlöre.

Aber bitte, liebe Mitbürger, was gelten uns schon hohle Titel. Wird nicht Ehre viel mehr durch ehrenhaftes Verhalten eingelegt, Autorität durch Fleiß und Kompetenz erworben? Ansehen kommt schließlich auch nicht von Aussehen, sonst säße Heidi Klump im Kanzleramt und nicht Frau Merkel. Und weil das so ist, bleibt uns der Trost, dass Beck und die Amtsinhaberin am Ende ihren Strauß doch irgendwie politisch werden ausfechten müssen. Denn unser Kurt hat zwar Gewicht, aber Schönheit ist dann doch wieder etwas anderes. Mit Koblenz verhält es sich ähnlich: Großstadt oder Kleinstadt – nehmt´s gelassen. Wenn nur ein ordentlicher Charakter drinsteckt, kann uns das offizielle Titularreglement allemal den Buckel runter rutschen.

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