Quergedanken

Quergedanken Nr. 54

Die schnoddrige Art von Jörg Kachelmann gefällt mir. Aber sollte der Oberwetterfrosch den Wetterbericht im SWR nochmal mit „willkommen in ihrem Lieblings-Dritten“ eröffnen, kriegt er die Freundschaft gekündigt und gilt meine Zuneigung fortan Claudia Kleinert ganz allein. Nix gegen den SWR, da arbeiten etliche gescheite Kollegen, und es gibt schlechtere Sender zuhauf. Allerdings auch ein paar bessere. Es geht einem aber auf den Kittel, selbst von den Öffentlich-Rechtlichen derart angebaggert zu werden. Heh, Kachelmann: Nur weil ich abends notgedrungen Landesnachrichten und -wetter beim SWR einschalte, ist der noch lange nicht mein Lieblings-Drittes.

Nur weil ich vor 33 Jahren Mittelrheiner geworden bin, ist der Mittelrhein ja auch nicht automatisch der schönste, potenteste, aufstrebendste und überhaupt einmaligste Fleck im Universum. Dennoch tut (schlechte) Propaganda ständig, als sei es genau so. Weshalb niemand mehr die Sprüche für bare Münze nimmt, mit denen alle (schlechten) Werbebroschüren rund um den Erball in gleicher Weise ihre jeweilige Region anpreisen. Warum werden trotzdem immer wieder allüberall dieselben Sprüche hingeschrieben, versendet, herumposaunt? Darauf gibt es nur zwei  Antworten. Erstens: Einige Sprücheklopfer wissen nicht, dass sie ihrer geliebten Heimat auf zurückhaltendere Weise viel besser gerecht werden könnten. Zweitens: Etliche Sprücheklopfer halten die Leute, für die ihre Sprüche gedacht sind, wohl schlichtweg für doof.

Die zuletzt beschriebene Haltung scheint vor allem in Kreisen verbreitet, die sich gemeinhin als   „Eliten“ verstehen. Ich habe Walter versprechen müssen, mir Wortspiele auf Deubel, Belzebub, Ring und faule Eier zu verkneifen. Man könnte sich's nämlich mit den Fastnachtern verderben, würden in dieser Zeitschrift die wichtigsten Regionalpointen der kommenden Session vorweg durchgenudelt. Zugestanden hat der Freund wenigstens diese Frage: Wie kann es sein, dass all die gewöhnlichen Doofen schon vor Monaten wussten, die Kiste dort oben in der Eifel stinkt zum Himmel, während die damit befassten Eliten noch fest überzeugt waren, das finanztechnische Ei des Kolumbus auszubrüten?

Vielleicht geht die Antwort folgendermaßen. Wenn selbst ein studierter Doofer wie ich nach dreimaliger Erklärung und langem Nachdenken partout nicht begreift, wie jene Finanzierung funktionieren sollte, dann bekennt er: „Kapier ich nicht“ und meldet fortdauernde Skepsis an. Am Ringprojekt beteiligte Politiker, Geschäftsleute, Lobbyisten – denen wir durchaus gute Absichten unterstellen – ticken offenbar ganz anders. Sie sehen am nackten Kaiser neue Kleider, weil sie sie sehen wollen. „Kapier ich nicht“ gibt’s nicht, Skepsis also auch nicht. „Tolle Sache!“ heißt die autosuggestive Generallinie, nach der neben den Finanzproblemen für alle Zukunft Nebel, Schnee und Eis gleich mit aus der Eifel verbannt werden. So viel Vertrauen  in den Klimawandel wie bei den Ganzjahres-Betriebsprognosen fürs Nürburgring-Disneyland gab es bislang nirgends.

Doch was versteht unsereiner schon von den Kalkulationen derartiger Jahrhundertprojekte. Wenig, selbstredend. Ich mag die Nürburg-Umgebung, ihrer bisweilen auch spröden Beschaulichkeit wegen; bin dort gelegentlich auf Schusters Rappen unterwegs. Walter hat den Nürburgring gemocht, hat dort manches Rennen erlebt (als Zuschauer). Uns beide allerdings müssen die Herren der Rings aus der Kalkulation streichen. Der neue Gigant-Zirkus ist unser Ding nicht mehr. Und sowieso haben wir überhaupt keine Lust auf ungewisse Winterfahrten durch die Wallachei, bloß um uns dort oben auf der schnellsten Achterbahn der Welt einen kalten Hintern zu holen oder im künstlichen Gastro-Party-Dorf die Kanne zu geben. Ob die Rechnung der Ring-Geister dennoch aufgeht? 

Quergedanken Nr. 53

Mitte Juni. Blick aus dem Fenster. Der Himmel überm Mittelrhein grau in grau. Es regnet Bindfäden. Ach, wie trist. Was kann daraus nur werden? Ich weiß nicht, was soll es bedeuten... Da muss was geschehen! Da muss einer kommen! Ein Hoffnungsträger, eine Lichtgestalt! Ein Oberbürgermeister, der Koblenz aus dem von unverständigem Wahlvolk verursachten Chaos errettet! Welcher Kandidat hat das Zeug zu solcher Sisyphos-Arbeit?  Der vor ein paar Jahren aus Mainz zugezogene oder der jüngst in Lahnstein ausgeliehene?

„Vorsicht“, mahnt mein Freund Walter, „keine Einmischung in politische Wahlkämpfe auf den Seiten dieser Zeitschrift.“ Derartige Beschränkung, erinnert er, hätte ich mir selbst auferlegt nach der letzten Bundestagswahl, als plötzlich die beiden großen Verlierer zusammen die Regierung übernahmen. Und nochmal, als bei der letzten Landtagswahl die Hälfte der angestammten Grün-Wähler aus lauter Schiss vor Schwarz-Gelb ihr Kreuzchen bei Rosa machten. Mit dem Ergebnis, dass in Mainz das historisch überholte Drei-Parteien-Parlament reanimiert wurde und die Epoche der Alleinherrschaft im Kurtfürstentum anhob.

Walters Erinnerung ist zutreffend. Aber, wie soll man sich in etwas einmischen, das es gar nicht gibt. Wo, bitteschön, fände in Koblenz Oberbürgermeister-Wahlkampf statt? Bis zur Niederschrift dieser Zeilen ward der eine Kandidat allüberall, der andere nirgends gesehen. Den einen kann man bei einer Daily Soap im Internet vom Frühsport bis zum Gutenachtkuss verfolgen, vom andern hört man kaum einen Mucks. Weshalb bislang kein Mensch behaupten darf, er wüsste irgendetwas über irgendwelche politischen oder sonstwie inhaltlichen Absichten, mit denen sich die Kandidaten um Stimmen und Amt bewerben.

Mag sein, das hat sich vom Schreiben bis zum Erscheinen dieses Aufsatzes geändert. Vielleicht haben die beiden mittlerweile substanzielle Wahlaussagen, gar Sachprogramme vorgelegt. Womöglich stellen die Kandidaten schon überall in öffentlicher Rede ihre künftigen Projekte vor und tragen darüber vor allem Volk Disputationen miteinander aus. Das wäre schön. Ich würde sofort mit dem Gemaule aufhören und stattdessen Walter zurechtweisen, der beim Blick ins Manuskript gerade was von „glauben an den Weihnachtsmann“ brummelt. Er geht sogar noch weiter und vermutet: Jetzt, da nach der Kommunalwahl im Rat der Mittelrhein-Metropole sieben Parteiungen um das Wohl der Stadt fechten, würden die OB-Kandidaten eher klammheimlich bedauern, jemals den Hut in den Ring geworfen zu haben.

Mein lieber Walter, das siehst du falsch. Zwei gestandene Politiker wie diese wissen sehr gut: Demokratie verspricht kein leichtes Regieren, sondern ist bei richtigem Funktionieren die edelste, aber auch schwierigste der bisher erprobten Staatsformen. Und richtig funktionieren tut die Demokratie, wenn Bürger sich in Politik einmischen, statt in der Wahlkabine ein Leben lang automatisch dasselbe anzukreuzen. Dass in Koblenz dabei sieben Stadtratsfraktionen herauskommen und auch andernorts am Mittelrhein mancher ewige Sieger plötzlich wie ein gerupftes Huhn ausschaut, das lässt sich ja schwerlich den Wählern zum Vorwurf machen.

So gesehen, muss ich eingestehen, dass mein anfänglicher Wunsch nach der Lichtgestalt eine doofe Idee ist. Erinnern Sie sich ans Märchen vom tapferen Schneiderlein? Der Hämpfling hatte „7 mit einem Streich“ erschlagen, war hernach als vermeintlicher Held zum Retter des Reiches aufgestiegen. Auf Koblenz übertragbare Moral von der Geschicht'? Keine. Weil sieben Ratsgruppen sich nie aufs selbe Honigbrot hocken würden. Weil Riesen sich heutzutage von Schneiderleins nicht aufeinander hetzen lassen. Und weil emanzipierte Prinzessinnen für aufgeblasene Männermythen bloß gestreckte Mittelfinger übrig haben.

Quergedanken Nr. 52

Menschen in den Straßen der Stadt. Sagen wir, an einem Frühsommertag in Koblenz. Ein buntes Völkchen. Dicke, Schlanke; Junge, Alte; Schöne, weniger Schöne; Wichtige, Normale; Eilige,  Gemächliche. Dazu solche, die das eine sind, doch das andere gern wären. Und stets einige, die in der festen, aber irrigen Überzeugung herumlaufen, das andere zu sein. Die sind dann peinlich. Sobald allerdings Sonnenlicht sich über die Stadt ergießt, bringt ein kollektiver Lustanfall  das Gewusel aus dem Tritt: Lust auf Eis. Am Stiel, im Becher, vor allem in der Waffeltüte. Ein Begehren so mächtig, dass selbst Freund Walter geduldig mitmacht, was er sonst kategorisch verweigert: Schlangestehen – vor einer der jüngst zahlreich gewordenen Theken, in denen sich kühl vertraute bis nie für möglich gehaltene Kreationen türmen.

Nein, es soll hier nicht die verkaufsfördernde Wirkung von Eis-Bergen in Schlaraffenland-Dimension erörtert werden. Lust und Verführung gehören nun mal zusammen wie Nacktheit und Wäsche. Wer wollte schon gegen gelegentliche Verführung polemisieren, wenn man sie nur merkt und auch was davon hat. Wie beim Eis offenkundig der Fall. Denn Tüte oder Becher erstmal in der Hand, passiert dies: War einer eben noch geschäftig dahergeeilt, lässt er nun den Fuß vom Gas. Laufen wird Gehen, Gehen wird Schlendern. Er/sie will das Tete-a-Tete mit süßen Kugeln oder sahniger Creme auskosten, nicht sich beim beiläufigen Quickie verschlucken.

Selten isst jemand Eis gegen den Hunger. Eis-Essen ist ein Akt ungebundener Lust, ein Luxus, den man sich gönnt. Niemand braucht die kalte Süßspeis' zum Überleben. Aber was wäre das Leben ohne sie? Weshalb auch der fixeste Bratwurst-Verschlinger oder Döner-Verdrücker sich fürs Eis etwas Zeit nimmt. Lecken, saugen, schlürfen, schlozen, auch mal kabbern oder frech zubeißen – von links, von rechts, von oben, von unten. Deshalb ist Speiseeis an Sommertagen ein großartiger Entschleuniger: Rund um die Eistheken beruhigt sich der Lauf des Lebens signifikant. Deshalb ist Eis auch ein großer Gleichmacher: Ob Prolet oder Oberbürgermeister (nebst Kandidaten), mit der Tüte in der Hand werden alle geduldiger, gelassener, erträglicher. Genuss will Weile haben, Zuwendung und Hingabe.

„Natürlich, du Schönschwätzer, andernfalls saut man sich doch rundum ein.“ So Walters  Statement zum Thema. Er kennt sich aus mit dem in der Sonne rasch inkontinenten Element; sein Vater erzählt gerne: Den hätten wir mit Eis großziehen können, wär' das nicht jedesmal eine solche Schweinerei gewesen. Vielleicht rührt daher, dass ein im Umfeld der Eisdielen ganz normaler Vorfall den Freund stets aufs Neue erschüttert. Da hält ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge freudestrahlend seine Waffeltüte mit einer Eiskugel drin/drauf in der Hand. Das süße Wunderwerk fest im Blick wird zweimal genüsslich geleckt. Dann lenkt das Getriebe der Straße oder die Mahnung der Eltern „pass auf!“ die  Augen für einen Moment ab: Gleich kippt die kleine, um die Tüte geschlossene Faust zur Seite –  und, platscht, liegt die Eiskugel im Dreck.

Das Kind starrt erst erstaunt auf die leere Tüte in seiner Hand, dann fassungslos auf den Flatsch zu seinen Füßen, schließlich flehentlich zu Mama, Papa, Oma oder Opa. Für den kindlichen Eisfreund   geht in diesem Augenblick nicht weniger als die Welt unter. Und mit den ersten Tränen schießt ihm die ewige Frage des Unschuldigen nach dem „Warum“ aus den Augen. Vielleicht ist es diese von fast jedem einmal gemachte Kindheitserfahrung, die uns bis ins Alter treibt, eine uralte Kulturtechnik auszuüben: konzentrierte Hingabe an einfaches, nutzloses, aber lustvolles Tun – wenigstens noch ab und zu beim Eis-Essen.

Quergedanken Nr. 51

 „Wo ist mein Kaffee?!“ „Wer hat mein Waschpulver verschwinden lassen?!“ Wenn Sie, werte/r Leser/in, alle paar Monate solche Rufe durch einen mittelrheinischen Supermarkt dröhnen hören, könnte da mein Freund Walter am Werk sein. Walter ist ein überaus treuer Kunde, kauft seit ewigen Zeiten im selben Laden ein. Er kennt die Lebensgeschichten des Personals, kann den wechselnden Filialleitern Auskunft geben über Aussehen und Sortiment ihres Geschäftes vor 10, 15 oder 20 Jahren. Was seine Treue indes regelmäßig auf eine harte Probe stellt, ist die Unsitte des Handels, allweil die Regale umzuräumen. Wo gestern noch Klopapier und Taschentücher lagen, stehen heute saure Gurken und Dosenfisch. Einkaufen wird dann mühselige Sucherei – was Walter auf die Palme bringt und in aller Supermarktöffentlichkeit die Contenance verlieren lässt.

Selbstredend hat die Umräumerei mit Kundenfreundlichkeit gar nichts zu tun. Die Händler glauben: Bei suchenden Kunden erhöhe sich die Verweildauer im Markt, was automatisch Umsatzsteigerungen zur Folge habe. Herrschaften, wenn das mal kein Trugschluss ist! Zumindest Walter und ich sind vom Psycho-Marketing oft derart entnervt, dass wir den Laden durchaus auch mal mit leeren Händen verlassen. Überhaupt diese Vorstellung, verärgerte Leute könnten mehr kaufen. Das ist so absurd wie die Außenwerbung in den Einkaufszentren etwa die B9 entlang von Koblenz nach Neuwied. Fehlt nicht mehr viel, und die Firmenschilder sind dort größer als die Firmenniederlassungen selbst.

Wer hat den Größten? Media-Markt macht auf dick, IKEA  reckt sich protzend 'gen Himmel. In den Gewerbegebieten Mülheim-Kärlich oder Distelfeld verlierst du im Schilder-, Transparent-  und Fahnenwald gleich vollends den Überblick. Hängt einer drei Fahnen zum zwei Quadratmeter großen Schild vor die Tür, legt der Nachbar gewiss mit sechs Fahnen und einem vier Quadrameter-Transparent nach. Das ist ein sich aufschaukelnder Prozess, der in der Masse den vom einzelnen Geschäft angestrebten Werbeeffekt schlechterdings platthaut:  Eine Kakophonie optischen Geschreis, die, verehrte Händler und Marketingspezialisten, Eure Kunden schließlich erblinden und ertauben lässt. Von der gefährlichen Desorientierung suchender Autofahrer in den Gewerbegebieten ganz abgesehen.

Die neue Verpackungsordnung ist auch so ein Ding. Schokolade zu 78 Gramm, Butter zu 224 und die Milch im 0,8 Liter-Pack; fortan frei nach Gusto der Hersteller. Damit könne besser auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden eingegangen werden, säuseln die Verbandssprecher. Verarschen können wir uns selber. Habt Ihr nicht unlängst das Viertel Butter und die Halbe-Liter-Milchtüte aus den Kühlungen genommen, zwecks wohlfeilem Verkauf größerer Einheiten? Wart Ihr es nicht, die Gummibärchen- und Chipstüten oder Limonadeflaschen zu Monstergrößen aufgeblasen haben? Was war da mit „individuellen Bedürfnissen“? Kundenfreundlichkeit, pah! Wir dürfen nun außer Einkaufszettel, Korb und Geldbeutel auch noch den Taschenrechner mit in den Laden nehmen, um herauszufinden, was was wirklich kostet.

So artet das Einkaufen in Arbeit aus. Aber das kennen wir ja schon lange: Selbstbedienung heißt das Zauberwort, das Kunden zu fleißigen Mitarbeitern der Märkte macht. Man muss schon ziemlich alt sein, um zu erinnern, dass es auch anders geht. Es ist wie mit den Bahnhöfen in Deutschland: Einst gab es sie überall als vollwertige Servicestationen mit Kiosk, Wartesaal, WC und lebendigen Menschen hinterm Schalter. Geblieben sind in der Fläche allenfalls zugige Wartehäuschen mit gelegentlich funktionierenden Ticket-Automaten. Während die Hauptbahnhöfe zu Gastro- und Shoppingzentren mutierten, in denen Fahrgäste an vielen Automaten dem schwindenden Bahnpersonal die Arbeit wegnehmen (müssen).    

Quergedanken Nr. 50

Hallo Freunde, die ihr öfter versucht, den Autor schnell mal auf Handy zu erreichen. Vergebliche Müh'! Das Monsterchen und sein Besitzer halten sich selten am selben Ort auf.  Wenn doch, mangelt es dem Kleinen entweder an Saft oder es ward ihm - wegen Verkehr respektive Benimm - die Gurgel abgedreht. Schickt besser die gelbe Post oder  'ne E-mail, meinetwegen probiert es über das Festnetz daheim: Geht alles rascher als die Kontaktsuche via Mobiltelefon. Sollte dann keine Rückmeldung erfolgen, habe ich anderes zu tun und also sowieso keine Zeit - oder keine Lust, mit just diesem Menschen zu reden. Weshalb in beiden Fällen auch das Handy nutzlos wäre.

Ihr meint, diese Einstellung sei gestrig, geschäftsschädigend, kommunikationsfeindlich? Nö! Ordentliche Termin- und Themenabsprachen bedürfen keines nachlaufenden Gegackers. Und wer über Jahre pünktlich ist, dessen Ausbleiben wird von den Wartenden automatisch höherer Gewalt angelastet; ganz ohne Alarmgenöhle aus diesem oder jenem Stau. Auf Freundschafts-Vergewisserung mittels Handy-Gezwitscher kann gut verzichten, wer regelmäßig zwecks ausgiebigen Gedankenaustausches mit den Freunden beisammen hockt. Und wem der Empfang von Herzensgesäusel im 10-Minuten-Takt als Liebesbeweis gilt, der hat eben jene Leidenschaften nicht verdient, die von der Sehnsucht nach dem vorübergehend unerreichbaren Objekt der Begierde entfacht werden.

Es ist, als hätte die Evolution mit dem Handy ein neues Sinnesorgan wachsen lassen. Den Allzeit-bereit-Sinn. Blöd ist nur, dass der neue Sinn die alten abstumpft. Hörst du noch oder telefonierst du schon? Guckst du noch oder fotografierst du schon? Sprichst du noch oder simst du? Denkst du oder twitterst du? Planst du oder hast du einen Blackberry? Sicher, die Geschwindigkeit von Kommunikation und Information ist enorm gestiegen. „Joa“, schnauft Freund Walter aus der Fernsehecke, „aber braucht das jemand, außer vielleicht Nachrichtenfuzzis oder Börsenzocker. Und selbst denen nützt's nix: Die Nachrichten wissen alles sofort, verstehen aber gar nichts; die Börsen sind irre flott, beim Geldverbrennen.“

Walter hat ein neues Hobby. Er klappert im TV Promi-Sendungen ab. Will herausbekommen, wer heute aufgrund welcher Leistung prominent ist. Schwierig, denn von 80 Prozent dieser Promis haben er und ich noch nie gehört. Deren mühsam nachrecherchiertes Leistungsspektrum indes beeindruckt: Käfer gefressen, Rundungen vorgezeigt, gekocht, Dilettanten angeschissen, gekocht, in  schlechten Serien noch schlechter gespielt, gekocht, in Containern randaliert, ausgewandert, eingewandert, gekocht, gekotzt, von einem zum andern Sender gereicht und so kochend wie kotzend prominent geworden. Höhepunkt auf einem Kanal: Redaktion zwingt dem irritierten Helmut Schmidt die Ehre auf, mit käferfressender Rundungsblondine zu diskutieren.

Tröstlich, dass wenigstens die Koblenzer SPD nicht von allem Geist verlassen ist. Einen Landeskulturpolitiker, Hofmann-Göttig,  für die Oberbürgermeister-Wahl zu nominieren: Es gibt schlechtere Empfehlungen als Kulturverstand. Ärgerlich, dass Walter und ich diesbezüglich zu sehr auf Dementis vertrauten. Es hätte sich manche Kiste Wein gewinnen lassen. Was nicht dem Kandidaten anzulasten ist: Dessen Lebensplanung ignorierte bis vor kurzem wohl einfach, dass die Personallage der Sozis am Deutschen Eck ist wie sie ist – und an H-G allenfalls ein Lewentz-Weg hätte vorbeiführen können. Spannend bleibt: Wen zaubert die personell ebenso dünnbrüstige  Koblenz-CDU aus dem Hut? Doch ihren Assenmacher? Das wäre dann jenes hübsche Duell zwischen zwei kultursinnig gescheiten Männern, das wir an dieser Stelle schon im Dezember 2006 prognostiziert hatten. Hey Walter, ruf doch mal die hiesigen Buchmacher an!   

Nachtrag:
Die tagesaktuelle Entwicklung hat die reizvolle Idee von einem Duell zwischen Hofmann-Göttig und Assenmacher um den Koblenzer OB-Posten in Rauch aufgehen lassen. Während die Monatszeitschrift "Kulturinfo", für die diese Kolumne geschrieben wurde, schon durch die Druckmaschinen läuft, hat die Koblenz-CDU ihre Kandidatenliste geschlossen. Assenmacher steht nicht drauf. Je nachdem wie die örtliche CDU-Mitgliederversammlung am 22. April entscheidet, bekommt es Kulturstaatssekretär H-G mit einem Rechtsanwalt und EU-Berater (Thomas Giesen), einem Autohaus-Manager (Ralf John) oder dem derzeitigen Lahnsteiner Oberbürgermeister (Peter Labonte) zu tun. Walter und ich tippen: Labonte wird in den Ring geschickt.  

 

Quergedanken Nr. 49

Wenn es einem im Krisengetümmel mal wieder die Sprache verschlägt wegen des Chaos', das die bestbezahlten Manager der Welt angerichtet haben. Wenn dem Maul die Worte ausgehen angesichts der Unverfrorenheit, mit der die Burschen für sich trotzdem weiter die höchsten Gehälter reklamieren. Wenn du fassungslos zusiehst, wie der von diesen Totalversagern verursachte Schaden Müllwerkern und Schlossern, Krankenschwestern und Lehrern, Verkäuferinnen und Büroarbeitern mitsamt deren Kindern aufgehalst wird. Dann, ja dann machen sich im Kopf Zweifel breit, ob Charles Darwin – bedeutendster unter den Jubilaren Anfang 2009 - recht hatte mit dem, was er über „Die Entstehung der Arten“ schrieb.

Nun gut: Wirtschaftsminister Glos schlurfte müde von der Bühne deutscher Weltgeschichte; seinen Platz nahm die coole, dynamische, geschniegelte Jungdurchlaucht von und zu Guttenberg ein. Rein äußerlich scheint dieser Wechsel Darwins These zu bestätigen, wonach die besser an die Umwelt angepassten Kreaturen obsiegen. Denn im Gegensatz zum alten Müllermeister Michel sieht Mister Guttenberg aus, als käme er frisch von einer privaten Kaderschmiede für Business-Nachwuchs. Seine Art zu sprechen, unterstreicht das: Von Unsicherheit keine Spur, der Mann weiß alles, kann alles und hat alles fest im Griff.

Das Blöde daran ist, dass diese ganze Art so verflucht an jene „Leistungsträger“ erinnert, die uns in den letzten Jahren mit größtem Selbstbewusstsein von einem Schlamassel in den nächsten geritten haben. Ein Umstand, der Darwin wiederum nachdrücklich in Frage stellt. Beweist er doch, dass die am besten Angepassten keineswegs die Besten sind, sondern im Falle der Spezies Mensch häufig die ärgsten Nulpen. Wäre mein Freund Walter anwesend, er würde an dieser Stelle sicher einwenden: „Du sollst nicht auf Basis von Äußerlichkeiten politisieren! Nicht jeder junge Nadelstreifenträger ist ein Depp, wie umgekehrt gilt:  Alter schützt vor Dummheit nicht und der päpstliche Ornat garantiert keineswegs einen von göttlicher Weisheit erleuchteten Träger.“

Stimmt auch wieder. Man denke an die Probleme, die der vatikanische Griff ins Pius-Klo den Katholen beschert. Man denke an die Abwrackprämie, beschlossen von den angeblich besten Politikern der Republik zum Wohle der Wirtschaft UND der Umwelt. Das mit der Umwelt lügen sie; der würde nur helfen, zahlte man die Prämie an Leute, die fortan gar kein Auto mehr benutzen. Oder man denke an den Platzhirschen Mehdorn, der ein historisches Lebenswerk hinterlassen will: Verwandlung der Bundesbahn von einem Verkehrsmittel der Allgemeinheit in ein Aktienpaket. Dem edlen Ziel zuliebe greift er auf bewährtes Werkzeug Marke Stasi zurück. Wie es überhaupt so aussieht, als wachse allmählich doch zusammen, was zusammengehört. Die Besinnung westdeutscher Konzerne auf die Tradition jener ostdeutschen Wertarbeit spricht dafür.

Bei Michel Glos war man wenigstens sicher, dass er nix ausrichtet, also auch keinen zusätzlichen Unfug anrichtet. Bei Guttenberg möchte ich darauf nicht wetten. Soweit zumindest würde auch Walter beipflichten, wäre der Freund nicht zwecks Vermeidung postkarnevalistischer Verwicklungen  untergetaucht. So geht’s halt dem, der zu tief ins Glas schaut und darüber die närrische Schunkeltradition missversteht als Aufforderung, erhitzten Mitschunklerinnen nachher aus dem Kostüm zu helfen. Mit der Folge, dass ihn eine Koblenzer Närrin jetzt partout näher kennenlernen will, während ein kölsches Mädche zwischen Ostern und Pfingsten mit ihm nochmal Rosenmontag feiern möchte. Ob Walter aus dieser Malaise für die nächste Session was lernt? Eher nicht – womit wir einen weiteren Hinweis darauf hätten, dass zumindest die menschliche Evolution für die Katz war.              

 

Quergedanken Nr. 48

Es ist ja nicht so, dass ich dagegen wäre. Man kann schließlich für etwas sein, in einzelnen Punkten aber doch Bedenken haben. Neulich wurde ich als Gegner von Steuersenkungen abgestempelt. Wie das? Ich hatte Obama  – den Messias von Neuamerika – für sein Konjunkturprogramm gelobt. Weil er das Geld der Folgegeneration für Dinge ausgeben will, von denen die Kinder auch noch was haben: Schulen, Gesundheitswesen, Energiewende, Verkehrs-Infrastruktur etc. Dies schien mir vernünftiger als die Losung unsrer Regierung: Kaufkraftstärkung und Förderung von allem, das irgendwie Jobs erhält. Daraus wurde mir ein Strick gedreht: Gleichgültigkeit gegenüber dem Proletariat.

Und das mir! Freund Walter gackert: „Passiert doch einem Kulturkritiker alle Tage.“ Stimmt auch wieder. Man denke nur ans Theater: Ein paar kritische Sätze, gleich heißt es, „der Kerl macht unser Theater schlecht“. Dabei gehen Kritiken nie gegen ein Theater an sich, sondern  höchstens gegen das, was in Mainz, Koblenz oder sonstwo manchmal darin fabriziert wird. Selbst wenn das gehäuft  Käse wäre, würde kein Kritiker je fordern, das Theater zuzusperren. Hilft nichts: Getroffene Künstler und etliche Lokalpatrioten sind festen Glaubens, Kritiker schmissen aus purer Bosheit (verbal) mit Schuhen.

A propos. Seit jener irakische Journalist dem George W. seine Treter vor den Latz knallte, gehört ein Zweitpaar zur Demonstranten-Grundausstattung wie anno dunnemals faule Eier und Tomaten. Walter trägt nun stets ein Paar alte Latschen im Sackerl mit sich: „Man weiß nie, wer einem begegnet.“  Treue Leser dieser Kolumne wissen, Walter ist nicht nur eine Knodderbux (= mittelrheinische Koseform für Meckerfritze), sondern auch ein gescheites Kerlchen. Er kann Dinge, von denen ich so wenig verstehe wie mancher Gemeinderat. Walter kann zum Beispiel Baubeschreibungen lesen. Mit Vorliebe jene, die gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind. Und zwar so gut, dass ihm nach Lektüre des Fachchinesisch quasi vor Augen steht, wie geplante Gebäude funktionieren könnten - oder auch nicht.

Lange vor dem ersten Spatenstich fürs Arp-Museum in Rolandseck wusste er, dass das ein fesches Ensemble wird, aber auch Tücken haben würde. Etwa den gläserne Aufzug, der an Sonnentagen problemlos als Sauna genutzt werden könne. Wie von Walter vorhergesagt, so ist es jetzt. Weshalb ich ernst nehme, was ihm entfleucht, da er über der Baubeschreibung für den kommenden Kulturbau auf dem Koblenzer Zentralplatz brütet.

„War da nicht mal die Rede von Spezialglas mit Klima-Effekt, von einer matt-getriebenen Fassade?“, brummelt er. „Find ich nicht. Ich seh nur Normverglasung, werd schon beim Lesen blind vor lauter Sonne und matt von der Innen-Hitze.“ Ein offenes Atrium fünf Stockwerke hoch, kein Niedrigenergie-Standard, konventionelles Heizsystem. „Entweder ist die  Baubeschreibung ein Fake oder ...“, Walter tippt sich an die Stirn: „Nach diesem Plan müssten die im Sommer kühlen und im Winter heizen, dass es kracht.“ Das Fahrstuhl-System gibt ihm ebenso Rätsel auf wie der Zweck zweier Einliegerwohnungen oder Widersprüche zwischen lautstarker Parterre-Nutzung und ruhebedürftiger Stadtbibliothek darüber; usw. usf.

Der Freund empfiehlt: „Die Gemeinderäte sollten mal die Baubeschreibung studieren. Damit sie wirklich wissen, wofür die Stadt 30 Jahre lang fünf Millionen Euro jährlich bezahlen wird.“ Fünf Millionen? „Unterhalt und Miete; Pi mal Daumen“, meint Walter trocken. Worauf ich mich frage, ob überhaupt schon jemand an die Folgekosten gedacht hat. Ich bin gewiss nicht gegen den Kulturbau, möchte aber keinesfalls erleben, dass er nach ein paar Jahren unter den Hammer kommt oder aus dem Stadttheater-Budget gesponsert werden muss. Das wär' zum Schuhe-Schmeißen.

Quergedanken Nr. 47

Diese Zeitschrift* − in der ich das Vergnügen habe, jeden Monat auf Seite 2 Sinniges sinnlich vortragen zu dürfen – hat ihr Erscheinungsgebiet vergrößert. Es seien jetzt auch Leser/innen aus Boppard und drumherum herzlichst begrüßt. Natürlich kann man die Neuzugänge nicht unvorbereitet meiner Schreiberei aussetzen. Deshalb die Warnung: Liebe Bopparder, in den „Quergedanken“ wird frei Schnauze und quer durchs Unkraut des Zeitgeschehens wie Zeitgeistes gemeckert und gewettert, gestänkert und gestichelt. Kurzum: Was hier aus meiner Feder fließt und bisweilen aus dem ungehobelten Maul meines Freundes Walter purzelt, ist Satire. Also bitterer Ernst, wissen die mehr als 100 000 Altleser aus vierjähriger Erfahrung mit dieser Kolumne.

Zu den wichtigen Themen. In der Annahme, Walter kenne sich als der Jüngere von uns beiden mit den neuzeitlichen Raffinessen männlicher Körperpflege besser aus, frage ich ihn: Woran liegt es und was lässt sich dagegen tun, dass mit dem Alter die Neigung meines Leibes zu selten zart duftender Transpiration zunimmt? Walter zieht skeptisch die Augenbrauen hoch: „Machst du jetzt auf 'Feuchtgebiete für Männer'?“ Darauf ich: Was Charlotte Roche kann, könnten wir schon lange. Aber im Gegensatz zur Frauenunterleibs-Poetin geht es mir um ein echtes Problem. Worauf Walter in trockenstem Ton ausführt: „Das verstärkte Transpirieren ist eine Erscheinung männlicher Wechseljahre. Von der Natur eingerichtet, damit junge Frauen schon von ferne riechen: Der Typ hat seine besten Tage hinter sich.“

Wer braucht Feinde, wenn er solche Freunde hat. Jetzt kommt, liebe Bopparder, einer der irren Sprünge, wie sie für diese Kolumne typisch sind: vom Mannesleib zur Scienes-Fiction-Literatur. Die gehört, so unlängst hier gebeichtet, zu meinen Feierabend-Lastern. Bald aber könnte ich sagen: hat gehört. Denn der Reiz der Zukunftsromane schwindet, da die Realitäten im Hier und Jetzt die Fantasmen der Autoren neuerdings übertreffen. Buch-Szenarien von überall versteckten Überwachungskameras, von das Hirn vernebelndem Neusprech, von Bücher verbrennender Feuerwehr oder den Alltag manipulierenden Computernetzwerken – das alles wirkt platt und grobschlächtig im Vergleich mit der Eleganz tatsächlicher Big-Brother-Entwicklung.

Ämter, Banken, Kaufhäuser, Schäuble und BKA, Siemens, Telekom, Windows, sogar Hinz und Kunz in diversen Call-Centern können das in trauter Vernetzung besser als selbst ein achtbeiniger Spinnen-Imperator im Sternenhaufen M13. Was an persönlichen Daten oder privatem Verkehr im irdischen Netz nicht ohnehin zwangsweise oder freiwillig bei heruntergelassenen Hosen und Höschen verhandelt wird, das steht alsbald auf dem Markt oder auf dem Schwarzmarkt zum Verkauf. Und weil Fälle, die bekannt werden, immer nur die Eisbergspitze sind, ein Vorschlag: Die Buchhändler sollten ihr Sci-Fi-Sortiment neu einsortieren − unter „Historische Literatur“.

Wer wollte schließlich einen Roman noch futuristisch finden, in dem Staatsämter besetzt werden nach modischem Schick und sexueller Tatkraft der Kandidaten. Man schalte das Fernsehen ein, dort testet derzeit die TV-Avantgarde schon Wahlverfahren dafür. „Are you hot?“ lautet da ein zentrales Wahlkriterium. Von weltkluger Jury aus Pomadebürschlein und Kichermaiden werden unter dem Jubel berauschten Volkes die Bewerber beurteilt nach den Kategorien: Styling (= Putz), Body (= Fleisch), Personality (= grinsgesichtige Selbstanpreisung von Putz und Fleisch).  Kennen Sie nicht, diese eklige Beschau bei Viva? Dann denken Sie sich einfach Ihnen bekannte Fernsehformate ein paar Jahre weiter: „Küchenschlacht bei Anne Will“, „Schlag den Kleber“, „Bundestag sucht die Super-Angie“, „Germanys next Top-Köhler“.....

 

(*)  "diese Zeitschrift" meint die mittelrheinische Hauptausgabe des monatlichen Veranstaltungsmagazins "Kulturinfo"

Quergedanken Nr. 46

Neulich wirft Freund Walter in eine traute Runde: „Mal unter uns: Habt ihr euer Geld noch, oder ist es verbrannt?“ Über die bis dahin offenherzige Unterhaltung legt sich Verkrampfung. Das Thema scheint gar zu intim. Man kehrt lieber rasch zurück zu Glaubensfragen, zu Sexualvorlieben vor dem Frühstück und Aspekten des Magen-Darm-Geschäfts hinterher. Doch Walter legt nach: „Was wird euch denn die neue Abgeltungssteuer kosten?“ Und: „Wie trifft euch das neue Erbrecht?“ Betretenes Schweigen als der Frager die anhebende allgemeinpolitische Diskussion unterbricht: „Ich will nicht wissen, was ihr davon haltet, sondern in welchem Maß ihr betroffen seid.“

Das geht zu weit, wäre ein Offenbarungseid. Allein der Freund lässt die Hosen runter: „Der Finanztumult hat mich vorerst keinen Heller gekostet, die Abgeltungssteuer geht mir am Arsch vorbei und das neue Erbrecht ist mir wurscht.“ Maulaffenfeil im Rund. Walters nachgeschobener Grund: „Ich verdiene im Jahr brutto nicht mal ein Viertel jener 150 000 Euro, die sich Herr Mehdorn diesmal als Gehaltserhöhung draufsattelt. Wovon hätte ich Aktien kaufen sollen, was in Fonds anlegen, womit spekulieren?“ Er rechnet vor: Um den Steuerfreibetrag bei Sparzinsen zu überschreiten, müsste er, der Unverheiratete, ständig mehr als 20 000 Euro auf der Bank liegen haben. Um im Erbfall zur Kasse gebeten zu werden, müsste sein alter Herr ihm über 400 000 Euro vermachen. „Wovon wird da eigentlich geredet? Das sind für unsereins Beträge wie vom andern Stern!“

Mit „unsereins“ meint Walter jenes Drittel der Bevölkerung, dass über fürsorgliche Mahnungen zur zusätzlichen Privat-Altersvorsorge nur lachen kann. Wo nichts übrig ist, Herr Jesus Christ … Dabei heißt es, die Deutschen hätten Hunderte Milliarden auf dem Sparbuch, würden nochmal so viele demnächst erben?! Mag sein. Aber welche Deutschen? Die Durchschnittsrechnerei macht keinen Unterschied: Etwa zwischen wohlhabenden Mittelrheinern (die soll's geben) und solchen, die als Leiharbeiter an ein hiesiges Großunternehmen billig ausgeliehen werden – von einer Leiharbeitsfirma, die das Unternehmen selbst in die Welt gesetzt hat, bestückt mit nach der Lehre in eben diesem Unternehmen nicht übernommenen Ex-Azubis.

Worüber reden wir eigentlich?! Wäre Walter etwas älter, er könnte seinen Zwischenruf mit Klaus Staeks satirischem Klassiker von 1972 verdeutlichen: „Deutsche Arbeiter, die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.“ Den Spruch verstanden damals auch nur die Angesprochenen selbst sofort: Wieso, welche Villen? Was heute zu ergänzen wäre um die Frage: Welche SPD? An dieser Stelle würde aus besagter Tischrunde sicher entgegengehalten: Banales Bildnis, das die Vielschichtigkeit heutiger Globalverflechtungen, die Wechselwirkungen zwischen Finanz- und Realwirtschaft, die Bonität, die Variabilität, die Komplexität und andere Tätärätätäten nicht berücksichtigt.

Am Ende wär's wie beim Streit um den Zentralplatz zu Koblenz: Der gemeine Koblenzer weiß längst nicht mehr, wer hier was, wo, wie, warum will oder nicht – und vor allem wann. Er versteht nur noch Bahnhof, und dass es zur Buga womöglich doch keinen neuen gibt, weil die Kosten - erwartungsgemäß - um ein paar Millionen höher liegen als geplant. Schuld sollen sein der Chinese, der Stahlpreis, die Finanzkrise, Mehdorn. Alles normal, von Insidern schlüssig zu begründen, wie das Fällen von Bäumen zwecks Begrünung der Bundesgartenstadt  auch. Natürlich sind Walter und das von Geldanlagen freie Gesellschaftsdrittel (vorhin „unsereins“ genannt) viel zu dumm, all die komplexen Zusammenhänge zu begreifen. Was aber, sollten sie dennoch mal die Geduld damit verlieren?

Quergedanken Nr. 45

Es wird einem ja ganz schwindelig von so viel grundstürzenden Weltveränderungen im Eilzugtempo. Die CSU vom Jahrhundertthron gekippt. Die letzte der alten Supermächte (USA) mit der Schnauze im Dreck. Ihr präsidialer Bush der unbeliebteste Typ weltweit. Die globale Wirtschaftselite vermisst zwischen Frühstück und Feierabend plötzlich ein Portemonnaie mit 3000 Milliarden Dollar drin. Am Spielautomaten versemmelt oder Kolleginnen von Brigittche (1) selig ins Höschen gesteckt – wie die TuS-Kicker vor Rostock ihren Verstand?

Nichts Genaues weiß keiner.  Der siegreiche Weltkapitalismus jedenfalls plötzlich auf dem letzten Loch pfeifend. Seine Helden geteert und gefedert auf den multimedialen Straßen spießrutenlaufend. Seine schreibenden, dozierenden, singenden Parteigänger von eben aufheulend wie betrogene Liebhaber, und ebenso rachsüchtig. „Neoliberal“ wird zum Unwort des Jahres, „freier Markt“ zum Synonym für Pestilenz. Privatisierung klingt wie Abrisskommando, Börsengang wie Mehdorn,  Finanzmanagement nach Kannnitverstahn. Omas Matratze und Opas Genossenschaftsbüchse kommen als Geldanlage auch für Gutbetuchte in Mode. Die Banker sind schuld, der Papst verhängt den Bann über sie.

Die Kanzlerin probiert eine neue Rolle und befiehlt die Herren des Geldes zum Rapport. Der Finanzminister macht’s nach und versohlt den Ackermännern den Hintern. Der Staat rettet die Welt vor der Geldmarkt-Anarchie. Die politischen Aufseher über die Staatsbanken entkommen indes knapp der Guillotine, weil: Aus Blödheit mitzocken, duldend wegsehen oder von Tuten und Blasen keine Ahnung haben fällt bei Staatspersonal unter Unzurechnungsfähigkeit. So einfach lassen wir die privaten Wirtschaftsführer nicht aus. Deutsche Massenblätter schreien nach Käfigen für den Raubtierkapitalismus. Die Chefsprecher von heute-journal wie Tagesthemen rufen Lenin zu Hilfe: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“. 

Bischof Marx donnert von der Kanzel wider Kapitalistengier. Sein historischer Namensvetter aus Trier ist dieser Tage der meistzitierte Klassiker, dessen „Kapital“ wurde seit Jahren nicht mehr so gut verkauft wie heute. Deutschland hat seinen Verteidigungskrieg am Hindukusch verloren, unsere Soldaten kämpfen nur noch ums nackte Überleben. Der greise Marcel Reich-Ranicki haut der versammelten Fernseh-Mischpoke ein giftiges „Blödsinn!“ um die Ohren. Elke Heidenreich legt „hirnlose Scheiße“ aus „verlotterten Sendern“ nach. Worauf Freund Walter und ich jubelnd anstoßen: Wunderbar, auf ewig Dank, beiden!

PFFFfffffff.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, liegt das alles schon ein paar Tage zurück. So schnell, wie die Welt sich momentan dreht, sieht sie bei Erscheinen des Heftes (2) vielleicht schon wieder ganz anders aus. Womöglich hat die Bundesregierung inzwischen alle Banken verstaatlicht und im Gedenken an einstige SPD-Forderungen sowie an das erste CDU-Nachkriegsprogramm die großen Schlüsselindustrien gleich mit. Mag sein, die Berliner Koalition hat in Rückbesinnung auf den territorialen Verteidigungsauftrag des Grundgesetzes die Bundeswehr aus allen Auslandseinsätzen zurückbeordert. Könnte sogar angehen, dass  zwei, drei Herren, die in Rheinland-Pfalz Ministerpräsident waren, zwischenzeitlich ihre Vorreiterrolle beim Ermöglichen der hemmungslosen Ausbreitung des Privatfernsehens bedauern.

Am Ende ist keineswegs auszuschließen, dass nunmehr auch der letzte Mitbürger begriffen hat: Geld arbeitet nicht, es sind allein Menschen, die arbeiten. Wo es scheint, als vermehre sich Geld von selbst, liegt in Wahrheit vor, was Marx Enteignung der Produzenten und Brecht  Diebstahl nannte: Zins und Profit, die oben abgeschöpft werden, sind unten erarbeitet worden. Falls nicht, wird nur mit heißer Luft gehandelt. Was also ist Finanzkapitalismus? Mal Hehlerei, mal der reine Blödsinn. Meist beides zugleich.                                             

***
 
(1) Brigittche hieß eine über Jahrzehnte allseits bekannte und vielfach beliebte Altstadt-Hure in Koblenz. Dieses "Original" ist heuer im Sommer gestorben.

(2) "Heft"  meint die mittelrheinische Monatszeitschrift "Kulturinfo", die jeweils zum Monatswechsel erscheint und stets auf Seite 2 meine Kolumne "Quergedanken" enthält. Zwischen Redaktionsschluss und Erscheinen des Heftes liegen in der Regel knapp zwei Wochen.

Quergedanken Nr. 44

„Wir können alles – außer Hochdeutsch“. Dieser Spruch aus Baden-Württemberg ist ein selten gelungenes Beispiel für originelle Landeswerbung. Obendrein versammelt er zwei Völkchen unter einem Banner, die sich seit Urzeiten nicht grün sind: Badener und Schwaben. Im Vielvölker-Freistaat Bayern gibt’s eine noch knackigere Volksfront-Losung: „Mir san mir“.  Was sich übersetzen lässt als: Leckts mi am Oarsch, Saupreißen, damische! Selbstredend funktioniert das sture wie stolze Pochen auf regionale Eigenartigkeit nur in  Opposition zum Rest der Welt, zum Berliner Großgetue insbesondere.

Rheinland-Pfalz verfügt leider nicht über vergleichbare Wortgewalt. Die einschlägigen Werbemittel verzichten hier weitgehend auf schlagkräftige Parolen, heißen Besucher und Neugierige allenfalls lieb „willkommen“ zum „Genießen“ von „Einmaligkeit“. Die Mainzer Staatskanzlei immerhin hängt den Slogan „Wir machen’s einfach“ zum Internetfenster raus. Genial geht anders. Für den Schulterschluss zwischen Pfälzern, Rheinhessen, Moselfranken und Rheinländern taugt das Sprüchlein wenig: Es klingt nun mal all zu brav nach Baumarkt oder Volksbank.

„Dann lass du dir was einfallen!“, fordert Walter. „Drei, vier Wörtchen, rotzig, trotzig das regionale Wir-Gefühl beschwörend; kann so schwer nicht sein.“ Der Freund hat  Vorstellungen. So ein „Mir san mir“ reimt sich doch nicht daher wie ein Büttenkalauer zur Fastnacht. Da steckt Widerborstigkeit von Generationen drin. Gegen die ethnologische, politische, psychologische Vielschichtigkeit von „Mir san mir“ sind selbst werbliche Geniestreiche wie „Bitte ein Bit!“ bloß Tinnef. Und überhaupt: Wüsste ich einen zündenden Slogan, ich schriebe ihn hier nicht hin, sondern ließe ihn zuerst patentieren, hernach von Landesregierung oder Koblenz-Touristik vergolden – und setzte mich dann zur Ruhe.

Man müsste Geist und Gestus des Rücktritts von Kurt Beck als Chef der Bundes-SPD in eine handvoll Worte fassen können. Das wär’s! Das wäre die rheinland-pfälzische Entsprechung zum bayerischen „Leckts mi am Oarsch, Saupreißen, damische“. (Statt „damische“ noch besser: „hintervotzige“). Jetzt sind die hiesigen Mundartpfleger aufgerufen, ihren Sachverstand in die aktuelle Waagschale zu werfen. Aber bitte nicht mit „Ich sayn ich“ oder „Ich bleiv me treu“ – da könnten wir ja gleich Staatskanzlei-Dichter und Bankhaus-Poeten verbandeln: „Kurt mächt ohfach dä Wech frei“. Ein bisschen mehr Schmackes braucht’s schon, weil auch ein bisschen mehr dahinter steckt.

Das machen die Folgen des kurzbündigen Trennungsaktes deutlich. Wann je hatte man schon mal so eine Konstellation: Die Bundes-SPD freut sich, dass sie den Kurt los ist. Die Landes-SPD ist überglücklich, dass sie ihn wieder ganz für sich hat. Die Landes-CDU hingegen wäre lieber an der Stelle der Bundes-SPD, nämlich Kurt los. Während die Bundes-CDU ihn lieber behalten hätte, als nützliches Linksgespenst. Wobei Letzteres einmal mehr  beweist, dass von verschiedenen Ecken der Republik aus die Welt doch sehr verschieden ausschaut. Ausgerechnet Kurt Beck ein Linker??? Auf so eine Schnapsidee können nur Nicht-Rheinland-Pfälzer kommen oder Zeitgenossen, die sich an Gerhard Schröder als den Kanzler einer CDU/FDP-Regierung erinnern.

Links oder eher nicht: „Uns Kurt“ hat es den Schnöseln, Großkopferten, Ränkeschmieden in Berlin gezeigt. Wie die Herrschaften in Partei und Medien sich das dachten, so lässt kein Pfälzer, ließe erst recht kein Mittelrheiner mit sich umgehen. Wir können über alle Maßen gemütlich sein, zum Steinerweichen provinziell und bis zum Exzess bieder. Eines aber können wir hier nicht, ob Ministerpräsident, Schreiberling oder Reb- und Rübenbauer: Uns für dumm verkaufen lassen und das Kreuz verbiegen.

Quergedanken Nr. 43

So aus intellektueller Distanz betrachtet, kann Kapitalismus bisweilen recht lustig sein. Beispiel: Es rufen die Wirtschaftsverbände unisono nach mehr Geld in Volkes Hand. Auf dass ein kräftiger Konsumschub der Konjunktur beistehe. Ist recht, denkt sich unsereins naiv: Legt mal auf die Löhne ordentlich was drauf. Nö, nö, so nicht, kontern die andern gleich: Höhere Löhne wären Gift fürs Geschäft. Darauf wir, wieder naiv: Ei, woher sollen die Kröten für den Konsumrausch denn kommen, wenn nicht aus der Lohntüte? Antwort: Aus der Senkung der Lohnnebenkosten. Was auf  gut deutsch heißt: Nehmt`s gefälligst vom Staat und den Sozialkassen.

Da lacht Walter wieder – und denkt an das Gezeter derselben Wirtschaftsverbände, wenn die Straßen verrotten, die Schulabgänger nichts können, die Unis zu wenige Ingenieure liefern, die Bevölkerung schrumpft, die Hartz-IV-Zuschüsse für Niedriglöhner oder die Frühverrentung in Frage stehen. Das Lachen über Absurdistan tut dem Freund wohl, nachdem er zwei Olympia-Wochen lang eher mies drauf war. Wie Sie wissen, Walter hat für Sport  einiges übrig. Jedenfalls in der Rolle des Zuschauers. Und als solchen frustrierte ihn die Olympia-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten arg. Für die Zeitdifferenz zwischen den Weltstädten Peking und Koblenz können ARD und ZDF zwar nichts. Ebenso wenig für den Umstand, dass Werktätige hierzulande mit Übertragungen zwischen 3 und 17 Uhr meist wenig anfangen können. Verwiesen war der Sportsfreund also auf Zusammenfassungen am Abend.

Aber welch ein Krampf flimmerte da ins Haus: Statt Wettkampflust nebst Interesse an den  Leistungen anderer Sportler bloß deutsche Medaillenparade, Geschwafel und Tinnef der Marke „Oma weint in Pusemuckel über ihren Goldbuben in China“. Auf der Flucht vor Beckmann wie Kerner  und der Suche nach der „richtigen“ Olympiade nudelten Walter und ich zwischen Feierabend und ortsüblicher  Schlafenszeit die Programme durch. Mit mäßigem Erfolg: „Eurosport“ folgte vor allem den Spuren der US-Athleten; das so genannte Deutsche Sport Fernsehen kaprizierte sich derweil auf Leibesübungen in den nichtolympischen Rubbel- und Schütteldisziplinen. Übermenschliches auf beiden Kanälen.

Die Leserschaft möchte obigen Weltstadtvergleich Peking/Koblenz für mutwillig  halten? Wenn sie sich da mal nicht täuscht. Hinsichtlich Größe wie politischer Eigenheiten wäre der Vergleich Unfug, logisch. Aber die Weltläufigkeit der beiden Städte, die, Herrschaften, kann man durchaus ins Verhältnis setzen. Hier wie da ist Englisch vorherrschende Sprache geworden. Für Olympia haben auch die letzten Pekinger noch geschwind Englisch gelernt. Für Koblenz beweist schon ein kleiner Stadtbummel: Rund um German Corner wird englisch spoken.

Die Beschriftungen quer durch Oldcity und Shopping-Center schreien nach einer postolympischen Partnerschaft mit Peking. Man sollte die jetzt arbeitslos gewordenen chinesischen Volunteers herholen. Sie könnten den Koblenzern beim Stadtgang behilflich sein. Schließlich weiß der geschulte Chinese, dass ein „Hairkiller“ ungefährlich ist und weder „Juice in the City“ noch „Beauty in the City“ etwas mit einem „Erotic-Store“ im Sinne von „Sex in the City“ zu tun haben. Auch würde der Chinese seinen Schutzbefohlenen vorbeilotsen an „Sale“, „Final Sale“ oder gar „Power Final Sale“ mit dem Hinweis „Come in and find out“. Was nach Konfuzius meint: Komm herein, um hinauszufinden. Solch weise Belehrung könnte vor dem Verhungern bewahren. Denn wer denkt bei „Factory“ schon an  Brotladen oder bei „Subway“ an Stullen-Büfett – in dieser Stadt, die dir strotzend vor globalophilem Heimatbewusstsein zuruft: Eat fresh! Meet your style! Feel glamorous! Thank God: You are a Middlerhiner! 

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