Quergedanken

Quergedanken Nr. 37

Man hat uns gesehen. Freund Walter und mich, am Schwerdonnerstag auf dem Kölner Hauptbahnhof. Er sich von mir verabschiedend, um mit einem Schwarm schwäbischer Närrinnen Richtung Schunkel-Märkten zu ziehen. Ich in Eile, weil mein Anschlusszug nach Berlin schon ausgezählt wird. Die Mädels sind eigens von Stuttgart her über Koblenz mit demselben Zug angereist wie wir. Nicht Walters, sondern des dionysisch-kölschen Ringelpietzes wegen; was später am Tag keinen Unterschied mehr macht. Womit auch die Unterstellung einiger Leser widerlegt wäre, Walter und ich seien ein Paar. Bisweilen sind wir ein Kopf und ein Ar…, ansonsten aber krankhaft fixiert aufs weibliche Geschlecht.

Jedenfalls ist nun entdeckt, dass wir über Fastnacht den Mittelrhein fliehen. Einer nach dem Motto „wenn schon doll, dann größtmöglich“.  Der andere nach der Devise: „Je weiter weg von den Dollhäusern, umso besser.“ Da kommt mir Preußens und unser aller Hauptstadt gerade recht. Zumal die regierungsgeschäftlich dorthin verschlagenen Rheinländer justament auf  Heimaturlaub sind. Folglich schlurfe ich als Ehrengast des Bundestages durch die vereinsamten Flure der inneren Bezirke desselben. Kein Mensch weit und breit, nur droben in der Kuppel naseweise Volksmassen und am Hintereingang Wachleute beim Frühstück.

Was soll ich berichten aus dem Herzen der Macht? Es gibt dort beheizte und ordentlich möblierte Raucherzimmer. Auf dem Klo der FDP-Fraktion fehlt das Papier. Bei den Grünen kommt nur heißes Wasser aus den Hähnen. Ein Aufzug zwischen SPD- und CDU-Büros ist mit rohen Brettern vernagelt. An Überwachungskameras herrscht kein Mangel – die beobachten der Sicherheit wegen die Abgeordneten. An deren Stelle würden mich die Setzrisse im Verbindungsgang zwischen Reichtstag und Abgeordnetenhaus mehr beunruhigen: Der Gang führt unter der Spree hindurch. Auf der Meile von Brandenburger Tor über Parlament bis Kanzleramt zieht’s wie Hechtsuppe. Weswegen zwar das reichlich schwarz-rot-goldene Tuch ringsum hübsch flattert, menschliche Hirne indes zu fröstelnder Trägheit neigen.

Ein paar Schritte weg vom Regierungsviertel beginnt das große  Berlin. Ach, nenne mir keiner mehr Koblenz oder Mainz eine Großstadt – mögen am Rhein Bier, Schnitzel und Pizza, Theatergarderoben und Parkhäuser auch deutlich teurer sein als an der Spree. Mainz bleibt Mainz und Koblenz ein nettes Städtchen. Beiden fehlt so mancherlei zur urbanen Metropole. Etwa ein Nahverkehrsnetz, das Stadtteile und Umland im Minutentakt rund um die Uhr anbindet. Berlin hat so ein Netz, Millionen benutzen es so selbstverständlich wie unsereins das Telefon. Verglichen damit steckt die Mittelrhein-Region in der verkehrstechnischen Steinzeit. Allerdings können dennoch in Berlin etliche zehntausend Deppen von ihren dort überflüssigen Karren nicht lassen.

Wieder daheim! Ich mit heilen Knochen, trotz mancher U-Bahn-Fahrt selbst durchs nächtliche Berlin. Walter – dem rheinischen Katholizismus sei’s gedankt – am Aschermittwoch losgesprochen von den karnevalesken Sünden zu Köln. Nun sehen wir den großen Ereignissen entgegen, die sich in den kleinen hiesigen Gefilden anbahnen. Etwa dem ersten mehrtägigen Literaturfestival in Koblenz. Oder der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts für den Limes-Kopf-Erlebnispark. Und vor allem: Dem Schaulaufen der letzten drei Kandidaten für die Chefposition am Theater Koblenz vor Kulturausschuss und Rat der Stadt. Am 6. März fällt die Entscheidung; es ist eine der auf Jahre wichtigsten für die heimische Hochkultur. Der Politik sei ein glückliches Händchen gewünscht – auf dass fürderhin das Theater die sonst durchaus geschätzte Beschaulichkeit des Mittelrheins mit der Widerständigkeit künstlerischen Weltgeistes bereichere.

 

Quergedanken Nr. 36

Was eine Aufregung! Die heimische Politik versorgt die Büttenredner am Mittelrhein noch geschwind mit Munition. „Der Walter tut frohlocken / am Zentralplatz fliegen die Brocken“ – täfftääh, täfftääh. Das wär’ doch was für die Bütt in Koblenz. Der betreffende Vortrag könnte mit einem literarisch-philosophischen Schlussbonmot sogar der hohen Fastnacht zu Mainz den Rang ablaufen: „Pflügt ein Schiffsbug durch die Stadt / Flanken hoch und gläsern matt / setzt ein Dreieck sich aufs Loch mit vieren / lässt sich einmal mehr studieren:/ Das Business glänzt im Luxusliner / im Beiboot schwingt die Kunst den Eimer.“ Uijuijuijuijui, auauauauau …

Ich muss Nicht-Koblenzer Leser um Nachsicht bitten. Sie haben den Furor nicht erlebt, mit dem  jüngst in der Mittelrhein-Hauptstadt jeder gegen jeden um die Neugestaltung des zentralen Platzes focht und noch ficht; Stichwort: Koblenzer Loch. Also müssen Ihnen die Hintergründe obiger Kalauer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Machen Sie sich nichts draus, das geht selbst langjährigen Beobachtern am Ort nicht wirklich anders. Die Sache zu erklären, würde mehr Platz beanspruchen, als diese ganze Zeitschrift böte. Obendrein käme man flott vom Hölzchen aufs Stöckchen. Will sagen: Von der politisch beschwärmten „Einkaufsmetropole“ zur Justizmetropole, und damit vom neuen Einkaufstempel auf dem Zentralplatz zum neuen Justizpalast anstelle der noch zu schleifenden Deinhard-Halle.

Glücklich ist, wer vergisst – dass es für all die betroffenen Örtlichkeiten (Schlachthof inbegriffen) ehedem hochfahrende Kulturvisionen gab. Dass nach der Abhalfterung als Militärmetropole diese Stadt sogar mal den aufregenden Traum von der Kulturmetropole träumte. Ausgeträumt? I wo, sagt der Schängelche Michel, ein so reiches und hochkarätiges Kulturleben wie hier gibt es doch nirgendwo sonst – zwischen Remagen und Boppard. Täfftääh!

Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Heuer sowieso. Dann stehst du notgedrungen draußen vor der Tür, grantelst über Antirauch-Kreuzzüglerin Bätzing und fragst dich, ob die auch nur die Spur einer Ahnung von den prä- wie postkoitalen Seligkeiten des Tabakgenusses hat. Ich will hier keineswegs dem Laster des Rauchens das Wort reden, allerdings die damit befassten Gerichte ermutigen,  „Nichtraucherschutz“ beim Wortsinn zu nehmen. Auf dass nach der rücksichtslosen Diktatur der Qualmer-Mehrheit zur Mitte des 20. Jahrhunderts im 21. nicht ein Zwangsregiment der neuen Abstinenzler-Mehrheit über die heutige Minderheit der Tabakfreunde hereinbreche. Denn Nichtraucherschutz und Freiheit, ihr Lieben samt und sonders, würden sich in vielen Fällen vernünftig verbinden lassen nach dem simplen Motto: Wo du hingehst, da muss ich nicht hingehen.

Könnte sein, dass die Tabakfrage am Ende noch die US-Präsidentenwahl entscheidet. Gewänne nämlich Hillary, hätte sie nicht bloß damit zu tun, in Ordnung zu bringen, was ihr Vorgänger auf der Welt versaubeutelt hat. Zugleich müsste sie neuer Verwicklungs-Potenziale gewärtig sein. Man stelle sich Staatsverhandlungen zwischen Frau Clinton und Herrn Sarkozy vor. Beide grinsen einander jedes Problem himmelblau – derweil im Beiprogramm der liebe Bill mit der schönen Carla eben mal ne gute Zigarre genießt. In solchem Moment könnte die Präsidentin der USA geneigt sein, den Präsidenten der Republik zu einem Schnäpschen zu überreden. Die Folgen für die internationale Politik mag man sich gar nicht ausdenken. Weshalb Amerika wohl gut daran täte, diesen cleanen Hansdampf Obama zu wählen.

Und von Walter sonst nichts? Der ist unansprechbar, weil in die Planung seiner Fastnachts-Sausen vertieft. Der Freund hat diesbezüglich einen Knall. Was soll’s: Helolaulaf!

Quergedanken Nr. 35

Mein Freund Walter ist ein Albtraum für die Wirtschaft. Denn: Er kauft nicht, weil es etwas (Neues) gibt, sondern wenn er etwas braucht. Folglich gibt er für Bücher und Wirtshausbesuche häufig Geld aus, für Klamotten nur gelegentlich und für technisches Gerät ausgesprochen selten. So kocht er Espresso seit seiner ersten Liebesnacht mit dem Dampfdruckkännchen, und steht befremdet dem Phänomen gegenüber, dass neuerdings jede Kaffeemarke einer eigenen Kaffeemaschine bedarf. Walters Toaster ist 14, sein Küchenmixer 18 Jahre alt. Die Stereoanlage hat mehr als zwei Jahrzehnte auf dem Buckel, und seine Bohrmaschine stammt vermutlich noch aus der Gründerzeit der Firma Black & Decker.

Dagegen hilft auch keine Werbeoffensive, Walter ist unempfänglich für Werbung – obwohl er mit Hingabe Werbespots verfolgt. Licht, Ton, Kamera, Dramaturgie, Witz oder Plattheit sowie der Protagonisten Schönheit oder Entstellung, darüber kann er sich nachher stundenlang auslassen. Wofür das betreffende Filmchen allerdings konkret wirbt, das entgeht ihm zumeist. Den Mann stört nicht im Geringsten, dass derartiger Benimm wachstumsfeindlich ist, also die Marktwirtschaft untergräbt. Und woher kommt diese Verweigerungshaltung? Sie ist das verfluchte Erbe von 68. Denn vor 40 Jahren ist die Welt aus den Fugen geraten. Die Jugend verlor den Respekt vor Alter und Konsumpflicht, vor  Strebsamkeit und Heimatreich, vor Führung und Tradition, vor Ehe und Zeugungstugend, vor Gott, der Wehrmacht, Adenauer und den USA.

Seither haben wir den Schlamassel. Mit der Verbannung des Rohrstocks aus den Klassenzimmern und mit der Annahme von Hinz wie Kunz, auch sie hätten ein Recht auf höhere Bildung, fing die PISA-Krise an. Die Entnazifizierung der Universitäts-Lehrkörper eröffnete den Niedergang der deutschen Wissenschaft. Mit den studentischen Kommunen begann der Sturm auf die heilige Familie und die Flucht der Frauen vor ihrer Natur. Rudi Dutschke ist verantwortlich dafür, dass heute nicht mal mehr Geheimdienste dem US-Präsidenten ein iranisches Atombombenprogramm glauben. Und wie das damalige Gerede von sozialer Gerechtigkeit schuld ist am Ende des Wirtschaftswunders, also an Massenarbeitslosigkeit und Hartz IV, so ist das seinerzeit in Mode gekommene  Schlechtreden des Kapitalismus Ursache für die heutige Massenpsychose namens Klimawandel.

Die 68er ruinierten die großdeutsche, pardon: die große deutsche Kultur derart, dass man im Land der Dichter und Denker nun abends ungeniert vorm öffentlichen Porno-TV rumzappelt, statt sich mit seinem Heftchen anständig unter die Bettdecke zu verziehen. Wenn stimmt, dass die Medien zwar ein verzerrtes, aber doch ein Spiegelbild der Gesellschaft sind, dann steht es sogar noch schlimmer. Dann nämlich verbringt eine Hälfte der Bevölkerung den Großteil des Lebens im Krankenhaus, während die andere Hälfte als Opfer, Täter oder Ermittler in Kriminalfälle verwickelt ist. Selbst in Koblenz toben hinter idyllischer Fassade in Wahrheit verderbte Spätfolgen von 68. Diesen Umstand deckt derzeit der Internet-Fünfteiler „C.S.I. Kowelenz“ mit ortsüblichem Feinsinn auf: Hei do lieht ä Laich am Deutsche Egg, Gauner in Küche und Keller selbst so ehrenwerter Etablissements wie Café Hahn und Circus Maximus, bescheuerte Polizisten ohne Autorität, Hurerei mitten in der Altstadt.

Walter blickt aufs Manuskript – und meckert: „Du spinnst wohl! Am Ende nehmen die Leute noch wörtlich, was du da schreibst.“ Ach was, Freund, unsere Leser können Satire unterscheiden von Rückblicken, die auf unschönen Nebenwirkungen und Ausflüssen von 68 so lange herumhacken, bis diese Rebellion selbst und mit ihr jedweder Gedanken an Rebellion als schierer Unfug erscheinen.

Quergedanken Nr. 34

Städtische Ratten und Vögel jubilierten. So etwas hatten beide lange nicht erlebt: Ihre Mitbewohner von der zweibeinigen Säugergattung flohen das Rhein-Mosel-Biotop, statt sich, wie sonst am 11.11., mit Trärä beim ersten Vorspiel zur Enthemmungs-Session zu verlustieren. Koblenz fiel in eine so tiefe Sonntagsruhe, als habe es eben das von Bibel und Arbeiterbewegung aufgestellte Gebot „am siebten Tage sollst du ruhen“ als weisen Ratschluss wiedererkannt und wolle nun für manch arbeitsreichen Sonntag Buße tun.

Ausgerechnet ein nachgelassenes Zeugnis der schlechten Seite menschlicher Existenz erinnerte im vorliegenden Fall an die besseren Errungenschaften der Geschichte: die Weltkriegsbombe an den arbeitsfreien Sonntag. Vielleicht sollte man jenes am Koblenzer Zentralplatz ausgebuddelte Sprengmonster dorten als Mahnmal aufstellen. Damit dereinst, wenn kaufsüchtige Massen mit leerem Portemonnaie sieben Tage die Woche rund um die Uhr durchs neue Mittelrhein-Einkaufsparadies schlurfen, ein paar Leute aufmerken: Das also kann der Mensch sich antun.

Freund Walter kringelt sich. Man werfe ihm das Stichwort „Zentralplatz“ zu, schon prustet er los. Derselbe Effekt bei „Intendantensuche“ und „Lokführerstreik“. Der Tanz ums große Koblenzer Loch hat es ihm schon lange angetan. Seit jüngst aber eine neue Bürgerinitiative auf den Plan getreten ist und selbiges zum Centralpark umgestalten will, kriegt er sich nicht mehr ein. „Das war doch mein und dein Notvorschlag“, feixt er, „von der Politik schnöde ignoriert und auch sonst von keinem ernst genommen. Dann erklärt eine Politikerin die Bevölkerung für dämlich und die Sache für politisch entschieden, gleich fühlt sich das Bürgertum am Nasenring gezerrt und geht auf die Barrikaden. Wunderbar!“

Moral von der Geschicht’? Erstens verstehen manche Politiker vom seltsam widersprüchlichen Wesen namens Volk herzlich wenig. Zweitens begreifen sie nicht: Dinge können politisch erst für entschieden gelten, wenn dieses Volk sie resignierend hinnimmt, sie ihm gleichgültig sind, oder es die Entscheidungen beklatscht. Keine der drei Bedingungen trifft für den Koblenzer Zentralplatz zu, weshalb die Sache wieder völlig offen ist. So ruft das Leben bisweilen in Erinnerung, dass Politik sich nicht im Tun von Politikern erschöpft. Daran sollte denken, wer mit der Findung eines neuen Intendanten für das  Theater Koblenz befasst ist. Immerhin geht es um die Besetzung einer nachhaltig wirkenden Position von besonderem ÖFFENTLICHEN Interesse. Je transparenter das Procedere umso angemessener. Oder wie Walter sagt: „Nach geheimnisvollem Hokuspokus Kaninchen aus dem Zylinder zu ziehen, überlässt man besser den Illusionisten.“

Vor Illusionen scheinen gerade vermeintliche Pragmatiker nicht gefeit. Das bewies die Deutsche Bahn, als sie mitten im Eisenbahnerstreik mit millionenschweren Anzeigen die öffentliche Stimmung gegen die Streikenden wenden wollte. Klar, der Ausstand nervt. Doch seit wir wissen, was auf den Loks verdient wird, nervt Mehdorns Sturheit viel mehr. Und der wirtschaftliche Schaden? Ach Gott, der wird seit jeher bei jedem Streik bejammert.

Wie aber sähe die Welt heute aus, hätten nie starke Arme die Räder stillstehen lassen? Wie würde die Welt bald aussehen, gäbe es keine Gewerkschaften und Streiks mehr? Ich sehe ein paar Zeitgenossen, die bekommen glänzende Augen. Dazu Walter: „Vertut euch nicht, Herrschaften. So wie ihr eben zu ahnen beginnt, dass Einheitsgewerkschaften und Flächentarife wohl das Schlechteste nicht waren, so werdet ihr demnächst unter der Knute von Monopolen und Finanzspekulanten die Zeit noch halbwegs geregelter Geschäftigkeit und geordneter Arbeitskämpfe zurücksehnen.“ 

Quergedanken Nr. 33

Let´s talk about sex. Will sagen: Lasst uns zu den wichtigen Dingen des Lebens kommen. Die beginnen wo? Bei den Unterschieden zwischen Männern und Frauen, etwa. Diese finden, im Grundsatz, Gefallen aneinander, obwohl sie sich bisweilen nicht mal über den Sinn einzelner Wörter verständigen können. Betrachtet SIE „Kuscheln“ als Wert an sich, ist es für IHN zielführendes Tun. Danach wäre  „der Weg ist das Ziel“ ein weibliches, „der Weg führt zum Ziel“ ein männliches Prinzip. Wegen des zu erwartenden Protestes, dies: Liegt die Sache mal umgekehrt, was vorkommen soll, verlässt IHN womöglich die Courage und SIE folglich der Glaube an ehrwürdige Pfadfindergrundsätze.

Die Geschlechterunterschiede sind lebenspraktisch signifikant. Anregung von Freund Walter: „Du solltest mal recherchieren, wo die Übereinstimmung der genetischen Codes größer ist – zwischen Mann und Schwein oder zwischen Frau und Mann.“ Womit Walter keine/n  beleidigen will, sondern die Frage einbringen: Könnten die beiden Vertreter des Homo sapiens nicht doch von verschiedenen Spezies abstammen? Das würde manches erklären. Beispielsweise, dass Frauengehirne zwar kleiner sind als diejenigen von Männern, aber leistungsfähiger, so man(n) sie lässt. Protest von Walter: „Männergehirne sind für die Anforderungen von Jagd, Krieg, Technik besser gerüstet!“ Mag sein. Aber Jagd ist out, die Bundeswehr bisexuell und die ganze Technikentwicklung eher kein Ruhmesblatt.

Trotz Beziehungsplackerei: Ohne kleine Unterschiede wäre der Reiz bald raus aus dem Geschlechterleben. Umso erstaunlicher der verbreitete Drang, den Partner nach eigenem Bilde ummodeln zu wollen. Zwecks Warnung vor solchem Unterfangen seien jene Paare angeführt, bei denen binnen 40 Ehejahren aus zwei Nicht-Blutsverwandten nachgerade Zwillinge geworden sind, die obendrein noch dem gemeinsamen Dackel ähnlich sehen. Drum lasst uns die Unterschiede ehren, wenigstens tolerieren, auch wenn uns abstrus vorkommt, was andere für normal halten. Manche Zeitgenossen/innen empfänden sich als ungepflegt, ja hässlich, würden sie nicht regelmäßig alle Haare vom Kinn an abwärts wegrasieren. Andere kämen sich ohne Achsel- und Schamwolle entblößt, unnatürlich, mag sein kastriert vor.

Für die Kulturgeschichte sind beide Praktiken uralte Hüte. Das hindert die Praktikanten keineswegs, die Leibesmode des je anderen als abartig zu denunzieren. Was soll das? Mag jeder nach eigener Fasson glücklich werden! Ich esse für mein Leben gern Rotkraut, hasse es aber, wenn Nelken drin sind. Ein Umstand, den meine Oma nie begreifen mochte und deshalb auf des Enkels Krautportion immer sitzen blieb. Walter gerät ins Grübeln: „Wenn wir das Rotkrautproblem auf eine Liebelei zwischen totalrasierten und vollbehaarten Überzeugungstätern übertragen, welcher Kompromiss ist vorstellbar?“ Das, lieber Freund, wäre deren Privatsache und geht uns so wenig an wie die Tischgebete unserer Nachbarn oder die Frage, ob unsere Bürgermeister/innen sich zu Frauen, zu Männern oder beiden hingezogen fühlen.

Manche Unterschiede akzeptiert der aufgeklärte Mensch einfach, andere machen ihm Spaß. Beispielsweise der zwischen Kurt Beck und Angela Merkel, mag er auch noch so klein sein. Aber welche Tristesse, gäbe es ihn gar nicht. Oder der zwischen Beck und Münte, dem die SPD wohl ihre Rettung vor dem Langweile-Tod verdankt. Befremdlich ist allerdings, dass die Umfragewerte für eine Partei stets sinken, sobald sie mal durch Diskussionsfreude statt „Geschlossenheit unter starker Führung“ auffällt. Sollte es am Ende ganz undeutsch sein, Nelken im Rotkraut nicht zu mögen, über Körperbehaarungsmoden nur zu schmunzeln und allerlei Unterschiede zwischen Menschen wie Meinungen als inspirierend zu empfinden? 

Quergedanken Nr. 32

Freund Walter hat ein Laster. Falsch: Er hat etliche. Essen, Trinken, wechselnd Lieben, Widerworte geben, nie Krawatte tragen… Und: Ordentlich dem Tobak zusprechen, darin Schiller und  Thomas Mann, Herrn Brecht, Churchill, Helmut Schmitt oder mir folgend. Ach, wir sind allesamt Schweine, Schwächlinge, Abschaum – und deshalb dankbar, dass Sabine Bätzing für unser Heil und die Volksgesundheit streitet wie weiland die heilige Jungfer von Orleans mit göttlichem Schwert gegen teuflische Briten. Möge der Bundesdrogenbeauftragten aus dem Westerwald Johannas Schicksal erspart bleiben: Die Engelsreine vergaffte sich in einen Feindesmann, und aus war’s gleich mit Reinheit wie Heiligkeit.

Aber ich wollte auf ein anderes von Walters Lastern hinaus: Technikfaszination. Die trieb ihn nach Frankfurt zur Automobilausstellung. Wie funkelten seine Augen als er nachher ausrief: „Die Menschheit muss Autos kaufen, je mehr, umso besser! Die neuen Modelle sind ein Gesundbrunnen für die Umwelt.“ Bolidenschock, PS-Trauma oder von IAA-Hostessen um den Verstand gebracht? Eben noch hatte er die automobile Gesellschaft für die hinrissigste Sackgasse der Menschheitsentwicklung gehalten; jetzt das. Walter offenbart  grinsgesichtig ein weiteres Laster: Provokationslust. Seinen IAA-Rundgang muss man sich so vorstellen: Von  Stand zu Stand fragt er nach dem Fortschritt in der Entwicklung des 0-Autos. Null-Auto?, wundern sich die Herrn im Nadelstreifen. Darauf Walter: „Nun tut nicht so, schließlich kann, was ihr hier an Umwelt-Wohltaten für die nähere Zukunft versprecht, nur mit dem 0-Auto realisiert werden.“ Was das denn für ein Ding sei, dieses 0-Auto, wird er gefragt. „Ei, jedes Auto, das nie gebaut wird und niemals fährt.“

Während der Freund die Füße hochlegte, um die Besichtigung von Verbrennungskraftwerken auf vier Rädern zu verdauen, rekapitulierte ich die Sommerfestivalsaison 2007. Ein Wunder war, dass trotz lausigen Wetters und dicht gedrängten Festival-Angebotes in der Region, fast alle Veranstalter „guten Besuch“ oder Besucherrekorde vermelden konnten. Der Mittelrheiner von heute hat sommers offenbar Pfeffer im Hintern oder Flöhe unterm Hut – er will was erleben. Und sage mir keiner mehr, diese Lust gelte bloß leicht verdaulichem Entertainment: Gerade die hohen Künste konnten sich heuer über Besuchermangel nicht beklagen.

Bei solchen Gelegenheiten kommt man auch mit Leuten von auswärts ins Gespräch. So es sich um Freunde klassischer Musik handelt, ist bald die Frage nach den akustischen Qualitäten diverser Räumlichkeiten Thema. Da wird es peinlich, wenn man als Hiesiger gestehen muss, dass es in Koblenz nicht einen einzigen größeren Saal gibt, bei dessen Bau oder Sanierung musikakustische Gesichtspunkte eine Rolle gespielt hätten. Walter – nur ein Gelegenheitsklassiker - hatte mein diesbezügliches Gemecker stets als Überspanntheit abgetan. Bis ich ihn zu Konzerten in der Kölner Philharmonie mitschleppte. Reaktion: „Au Backe, dagegen klingt die Rhein-Mosel-Halle wie ´ne Busgarage und das Görreshaus wie der Trockenspeicher meiner Oma.“

Seit der Freund den Unterschied zwischen sehr gutem Klang und gewöhnlichem Klang erlebt hat, fragt er nach der Liste, auf der er für den Bau eines akustisch optimierten Saales in Koblenz für 400 bis 700 Besucher unterschreiben kann. „Das muss doch zu machen sein in einer Stadt, die so viel Kultur hat und so stolz darauf ist; in einem großstädtischen Oberzentrum mit doppeltem Welterbestatus, Bundesliga-Verein nebst bald neuem Stadion und Bundesgartenschau.“ Tja Walter, sollte man meinen. Aber manchmal begreifen wir´s wohl einfach nicht.

So wie bei jener Leserin, die voll des Lobes über die Querdenkerei dieser Kolumne war, aber darüber klagte, dass sie sich bisweilen Mühe geben müsse, um den Formulierungen zu folgen. Oder gar länger nachgrübeln, was der Autor denn jetzt wieder sagen wolle. Verehrte gnädige Frau, das ist der Sinn dieses Geschreibsels: Dass Sie sich Mühe geben und das eigene Hirn bewegen. Wir sind hier doch nicht bei der Bild-Zeitung, wo bereits ein eingeschobener Nebensatz als Überforderung gilt. Wir sind beim „Kulturinfo“, das sich schon mit Namen – Kultur – als Phänomen einer halbwegs entwickelten Zivilisationsphase ausweist. Hier wird niemand mit durchgekauten Häppchen zufrieden genudelt.

Quergedanken Nr. 31

Das Leben könnte so einfach sein, würde man sich nicht mit Skepsis gegenüber dem Mainstream herumplagen. Ließest du dich treiben im Hauptstrom zeitgenössischen Denkens, du wärest der Grübeleien ledig. Denn im Mainstream ist alles vorgedacht. Verkürzte Schulzeit und bis 67 verlängerte Arbeitszeit treten als unausweichliche Vernunftlösung auf. Privatisierung von Post, Bahn, Müllabfuhr, Wasserwerken und bald Straßen heißt „fit machen für die Zukunft“ und wird mit Verve betrieben, was immer es koste. Dem Mainstream gilt die Steigerung der Geburtenrate trotz übervölkerter Erde ebenso als heilige Pflicht wie die Landesverteidigung am Hindukusch und sonstwo. Er bemisst den Wert von Filmen und Theater, von Konzerten, Ausstellungen und Büchern nach Publikumsquote. Bildung, ja selbst Erholung und Muße betrachtet er bloß als Faktoren der Ertüchtigung für den Markt.

Und was meint Freund Walter zu dieser Lageeinschätzung? Er widerspricht. Aus seiner Mappe für „besondere Presseberichte“ zieht er zweie hervor, die ihn während der  neumodischen Sommerregenzeit in Aufregung versetzt hatten. Der erste, aus dem Juli, vermeldet ein Umfrageergebnis, wonach 60 Prozent der Deutschen Sozialismus für eine gut gedachte, bislang nur schlecht gemachte Alternative halten. Im zweiten, von Anfang August, berichtet die „Zeit“ unter der Schlagzeile „Deutschland rückt nach links“ von einer Umfrage, die quer durchs Parteienspektrum verblüffende Mehrheitsmeinungen der Bevölkerung in der Sache zutage förderte: drei Viertel für Abschaffung der Rente mit 67; gegen Bundeswehreinsätze in Afghanisten = 62 Prozent; Unternehmen wie Bahn, Telekom, Energieversorger sollten Staats- nicht Privatbesitz sein = 67 Prozent; die Regierung tut zu wenig für soziale Gerechtigkeit = 72 Prozent; weiter für den Ausstieg aus der Kernkraft = 54 Prozent.

„Hat sich was mit Mainstream, noch gibt´s Hoffnung. Das Establishment ist dabei, die Meinungsführerschaft zu verlieren“, triumphiert der Freund - der sich neuerdings das alte Peace-Zeichen um den Hals hängt, Stirnband trägt und, gehüllt in bunte Flickerldecke, hippiemäßig den Summer of Love nachholt. Anno 67/68 war Walter noch zu jung, aber die regel- und systemwidrige Haltung von damals scheint ihm durchaus passend angesichts des heutigen Zustandes der Welt mit ihrer stupenden Maxime „Geld, Geld, Geld“. Er brummt Richie Havens „Freedom“ vor sich hin, lässt auf dem Player Jimi Hendrix vibrieren und beantwortet Fragen nach dem Sinn seines Tuns mit der legendären Aufforderung aus Günter Eichs Hörspiel „Träume“: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“.

Das bringt mich auf den Bahnhof  von St. Goarshausen. Vor selbigem stellten wir neulich das Auto ab, um acht Minuten mit dem Zug nach Kaub zu fahren und sechs Stunden über den  Rheinsteig zurück zu wandern. Nicht sehr ökonomisch, aber schön (anstrengend). Das gerade Gegenteil besagter Bahnhof. Verrammelt Fahrkartenschalter und Wartesaal, das Gebäude heruntergekommen, müffelnd; drinnen indes zwei hochmoderne Ticket-Automaten: Sehr ökonomisch, doch abstoßend unschön das Ganze. Ich weiß, St. Goarshausen ist nur ein Städtchen unter vielen, in denen die Bahnhofskultur vor die Hunde gegangen ist. Auskunftsfreudige Bahnler hinter dem Schalter, ein Bahnhofsbuffet, wo der Reisende ´ne Zeitung und was zwischen die Zähne kriegen konnte - passé. Dafür sind die Großstadt-Stations zu Shoppingmalls mit Food-Lounges (Fressmeile) mutiert. Ob klein oder groß, verschwunden ist überall ein früher selbstverständlicher Standard: der Wartesaal, im Winter beheizt.

Wozu ist die Bahn da? Die Post, die Telekom, die Müllabfuhr – der Staat? Antwort meines jetzt hippiesken Freundes: „Für die Rendite, würde das Establishment denken, während es vom Allgemeinwohl schwadroniert und derweil die Bahn vollends verhökert“. So geht der Mainstream, der offizielle. Nicht mit uns! Wir wollen lebende Menschen hinter Schaltern, Wartesäle, Nebenstrecken und Züge darauf. Wir wollen eine zuverlässige, flotte Postzustellung auch ins letzte Gehöft. Wir wollen ein funktionierendes Telefon ohne Technikchaos, Tarifdschungel und Call-Center-Terror. Wir wollen eine ordentliche Müllabfuhr mit ordentlich bezahlten Müllwerkern. Wir wollen einen Bürgerstaat, keinen Yuppie-Börsen-Staat. Sind wir deshalb von gestern? Eher von morgen – das weiß der Mainstream bloß noch nicht.

Quergedanken Nr. 30

Gefragt, ob Literat und Literaturkritiker auch Freunde sein können, pflegt Marcel Reich-Ranicki zu antworten, sinngemäß: Im Ausnahmefall ja, sofern der Kritiker niemals Bücher des Freundes rezensiert. Im Regelfall nein, weil Schriftsteller nur gelobt werden wollen – immer, alle. Was MRR aus Erfahrung für die Poeten anführt, lässt sich auf sämtliche Kunstsparten übertragen: Künstler wollen gelobt werden. Das ist menschlich, schließlich müssen sie von sich überzeugt sein, andernfalls nie ein Künstler irgendeine Bühne betreten könnte. Gelegentliche Selbstzweifel sprechen nicht dagegen, sie gehören zum künstlerischen Schaffensprozess wie ein gerüttelt Maß Eitelkeit auch.

Tatsächlich herrscht an Lob ja kein Mangel, zumal in heimischen Gefilden. In 30 Jahren habe ich unter Hunderten von Theateraufführungen, Konzerten, Vernissagen und Lesungen am Mittelrhein keine Veranstaltung erlebt, die den Akteuren Beifall verweigert oder sie gar ausgebuht hätte. Das ist anderswo anders: In den Schauspielhäusern von Köln und Frankfurt etwa kann Premierenbeifall niederschmetternd knapp und spröde ausfallen. Aus diversen Opernhäusern wird häufiger gar von lautstarken Missfallenskundgebungen berichtet. Und erst die Kritiken nachher in Zeitungen und Radio: Da gibt’s bisweilen aus zwei, drei Dutzend Federn richtig Haue. Kennt man alles so nicht am Mittelrhein. Sollte das am Ende der Beweis für stets makellose Spitzenqualität im hiesigen Kunstschaffen sein?

Könnte man meinen, würden nicht doch gelegentlich - die hierorts leider spärlich gesäten - Vertreter der Kritikerzunft etwas Essig in den Wein regionaler Glückseligkeit träufeln. Gehört sich denn das, ja dürfen die denn das überhaupt? Auf Freikarte inmitten der besten Plätze hocken, aber nachher meckern und sozusagen das eigene Nest beschmutzen? Antwort: Wenn sie die Darbietung für schlecht halten, dürfen sie nicht nur, sie müssen sogar. Denn Kritik ist ihr Aufgabe, und Kritik meint nicht, mit Engelszungen säuseln oder „keinem Wohl und Wehe“, sondern meint: beurteilen, beanstanden, entscheiden (hergeleitet vom griechischen Verb krínein und vom Substantiv kritiké , das als „Kunst der Beurteilung“ übersetzt wird).

Dabei kommt mal hohes Lob, mal scharfe Ablehnung, (viel zu) oft ein „So-la-la“ heraus. Wie gelangt der Kritiker zu solchen Urteilen? Indem er sich um den Publikumsapplaus nicht kümmert, sich gegen die Hübschheit der Darsteller/in verschließt und sich von niemandem einreden lässt, was er sehen und hören oder schreiben soll. Am Ende steht er mit seinen Kenntnissen, Erfahrungen, Maßstäben sowieso allein dem Kunstgeschehen gegenüber, sitzt  anderntags noch alleiner am PC, um zu tun, was alle Welt von ihm verlangt:  Als einziger vor aller Öffentlichkeit ein persönliches Urteil ausbreiten und es begründen. Wie immer das auch ausfällt, irgendjemand wird ihm dann doch vorwerfen, keine Ahnung zu haben oder böse Absichten zu verfolgen. Im Falle des Tadels kommen diese Vorwürfe von den Getadelten und aus jenem Publikumsteil, dem es gefallen hat. Im Falle des Lobes von neidischen Künstlern und von Besuchern, denen es nicht gefallen hat.

Dieses Dilemma ist so alt wie die Kritik selbst, und der Kritiker hat nur zwei Möglichkeiten, ihm zu entrinnen. Erstens: Seinen Platz zwischen allen Stühlen mit selbstbewusster Dickfelligkeit auszufüllen. Zweitens: Schweigen. Theoretisch gibt es noch einen dritten Weg: Werbliche  Gefälligkeitsberichte publizieren. Das wird heute vielfach getan, ist auch kaum verwerflich, solange nicht behauptet wird, es handle sich dabei um Kritiken. Werbung gehört nun mal weder zu den Kriterien noch den Aufgaben der Kunstkritik. Außerdem: Es mag  zwar nett gemeint sein, dem Kritiker maßgeblichen Einfluss auf Besucherzahlen nachzusagen. De facto indes: Zu viel der Ehre! Die Bedeutung simpler Flüsterpropaganda liegt da auf Sicht um ein Vielfaches höher – im Guten wie im Schlechten. Theater, Konzertarenen, Museen werden nicht voll oder leer geschrieben, sondern letztlich voll oder leer „gespielt“.

Kritik muss dennoch sein, sagen Kulturfans und Künstler ebenso. Nun gut. Aber, Freunde, denkt daran: Kritiker haben Urteile zu fällen – und die werden Euch nicht immer zusagen. Kritik gibt es nur ganz oder gar nicht, sie ist entweder geistig unabhängig oder es ist keine. Das übrigens hat sie gemeinsam mit ihrem Gegenstand, der Kunst.  

Quergedanken Nr. 29

Es gibt unter den Lesern meines Geschreibsels einige ältere Damen. Die sind nett, soweit sich das aus der zeitweiligen Korrespondenz ersehen lässt. Oft waren ihre Zuschriften voll des Lobes. Bei einer Sache allerdings entwickelten meine Lieben eine nachgerade zudringliche Fürsorglichkeit: Sie sorgten sich um mein Seelenheil. Was ich mir verbat. Vergeblich. Die Ladies mochten partout nicht einsehen, dass Religion eine  private Sache zwischen mir und den Göttern ist. Weshalb sie, wie das Gretchen im „Faust“, stets die inquisitorische Frage aufwarfen: Wie hälst du’s mit der Religion?

Freund Walter schüttelte nur den Kopf, wenn ich missionarisch bemühte Briefe in aller Ernsthaftigkeit beantwortete. „Lass es“, sagte er, „für deine rechtgläubigen Freundinnen hat die Welt quasi von Natur aus christlich zu sein.“ Walters Einwurf endete stets: „Diese Leute glauben!“ Was heißen sollte: Vernunft hat da keine Chance. Nach etlichen Briefwechseln musste ich ihm Recht geben: Die Damen und ich, wir konnten uns nicht verständigen. Für sie waren nur Christenmenschen Rechtgläubige, Andersgläubige bloß verirrte Schafe, Gottlose schlicht bemitleidenswerte Kranke.

Jeder muss seinen Weg gehen, argumentierte ich, weshalb es ein großes Glück sei, dass ein religionsneutraler Staat jedem das Recht darauf garantiere und obendrein im Inland  verhindere, dass die Religionen wieder aufeinander einschlagen. Sprach ich so, konnten die Damen fuchsig werden: Deutschland sei Christenland, der Staat ein Christenstaat, alles andere  Ausdruck von Gottlosigkeit. Aber, was ist mit den hiesigen Juden, Muslimen, Buddhisten…? „Die sind Gäste.“  Wenn es sich doch um deutsche Staatsbürger handelt? „Tut nichts zur Sache, Deutschland ist christlich.“ Und was, bitteschön, ist mit mir und jenem Drittel der Bevölkerung, das gar keiner Religion angehört?  „Wir beten, dass sie den Weg zu Gott finden.“ Basta.

Da bekam ich eine Ahnung davon, wie Gottesgerichte und Religionskriege entstehen: Aus der  unerschütterlichen Gewissheit, dass der eigene Glaube die einzige Wahrheit sein darf, und keiner ein (guter) Mensch sein kann, der nicht glaubt. Glücklicherweise gibt es im Freundeskreis aufgeklärte Christen, Muslime und sonstwie Gläubige, die völlig anders denken. Gäbe es die nicht, es möchte dem Atheisten mulmig werden. Sollten wir das Prinzip der Religionsfreiheit missverstanden haben? Schließt die Religionsfreiheit etwa das Recht auf Gottlosigkeit aus? Der Blick in die aktuelle Welt legt solchen Verdacht nahe. Fast entsteht der Eindruck, die Gottlosen verbergen ihre Gottlosigkeit, weil die übrige Menschheit sich neuerdings einen Wettbewerb in vermeintlicher Gottgefälligkeit liefert.

Hallo, ihr Agnostiker und Atheisten: Hoch den Kopf! Nur weil ihr statt des Bekenntnisses „ich glaube“ die Gewissheit „ich weiß nicht“ im Herzen tragt, seid ihr keineswegs Schlechtmenschen. Immerhin entspringt eure Sittlichkeit weder Furcht noch Heilsversprechen, sondern freiem Willen zu vernünftigem Handeln. Das ist viel anstrengender als durch Blitzschlag bekehrt zu werden oder ein ungefragt in die Wiege gelegtes Glaubensbekenntnis wie eine zweite Haut zu tragen. Lasst sie über eure Gottlosigkeit schimpfen und spotten. Wir streiten derweil um echte Religionsfreiheit, für alle. Die wir  auch für uns in Anspruch nehmen, ebenso das Recht des Spötters. Denn Spott gehört zur Meinungsfreiheit. Und wo Spott nicht mehr möglich, wird auch Kunst unmöglich. Weshalb die Gottlosen wie die Gottesfürchtigen ihn ertragen müssen, andernfalls wäre es aus mit Meinungs-, Kunst- und schließlich auch Religionsfreiheit.

Walter klopft mir auf die Schulter: „Geht doch. Immer Butter bei die Fisch! Aber wolltest du nicht noch über ein paar andere Glaubensfragen schreiben?“ Wollte ich. Etwa über den Aberglauben, dass wirksamer Klimaschutz ohne Selbstbeschränkung möglich sei. Oder über den Irrglauben, dass der Mittelrhein seinen Welterbestatus behält, auch wenn Koblenz die Buga-Seilbahn nicht wieder abbauen sollte. Doch es reicht für heute mit der Religion. Wer nun beten mag, der bete. Ich bleibe beim mühseligen Geschäft mit den Tatsachen und den zu beweisenden Hypothesen. Wäre schön, man trifft sich nachher beim Leben und Lebenlassen wieder. Toleranz nennt sich das, und ist als Vernunftgebot (noch) Grundlage dieser Republik. Gott sei Dank.

Quergedanken Nr. 28

Da fährt einem doch der Schreck in die Glieder, wenn zur Feierabendzeit plötzlich das Telefon klingelt und einem jemand ins Ohr flötet: „Herzlichen Glückwunsch, sie haben gewonnen!“  Von echtem Gewinn dann keine Spur – man soll Geld ausgeben. Selbst die liebreizende Frauenstimme ist Täuschung, wie du schnell merkst, willst du dich mit der Dame privatim verabreden: Die lässt sich ums Verrecken nicht unterbrechen, besteht trotz feinster Komplimente ungerührt aufs Knöpfchendrücken. Das ätzende Spiel wiederholt sich alle paar Tage, weshalb ich die mir eigenen guten Manieren inzwischen abgelegt habe: Weiter als bis „Herzli“  kommt mir das Luder nicht mehr in die Wohnung.

Diese Nachfahrin von mannsverwirrenden Weibsapparaten wie Olympia oder Coppelia hat leider auch Kollegen aus Fleisch und Blut. Die fallen ebenfalls zuhauf ungerufen durch die telefonische Tür ins intime Home, das ja des Bürgers Castle sein soll, und dessen Unverletzlichkeit dem Staate als besonders schützenswertes Gut zu gelten hätte. Heerscharen von Handytarif- und Versicherungsvertreibern, Lotterie- und Kreditverkäufern ficht das nicht im Geringsten an. Und der Staat mag offenbar der Telefonmarketingbranche keinen Verdruss bereiten, tut die doch mit allerhand „geilen Tschobs“ der Arbeitslosenstatistik gut. Bleibt nur: Sofort auflegen. Oder man macht es wie Freund Walter, der auf einschlägige Fragen zur Gesprächseröffnung antwortet: „Ich haabe gar kein Händi“ oder „Geld sparen ist langweilig“ oder „Gewinnen halte ich für unmoralisch“… Da hat Walter Spaß, wenn die Schnellschulung des armen Drückers solche Antworten nicht vorsah.

Schluss mit lustig war allerdings, als ihm neulich sogar seine heimische Hausbank mit derselben Tour in die Tagesschau platzte. „Seit 30 Jahren bin ich Kunde bei euch, wurde immer von Herrn M. in der Filiale um die Ecke bestens beraten und bedient. Der hat jetzt das Handtuch geworfen, weil neuerdings selbst Kleinkredite nicht mehr von dem entschieden werden, der seine Kunden seit Jahren vor Ort betreut, sondern nur noch von weltfremden Schnöseln in der Zentrale. Aber mir rückt ihr jetzt mit solch einem Schei…dreck  auf die Pelle!“ Walter war richtig geladen, ist es noch – und sitzt seit Tagen über einem Brief an die Chefetage der Bank.

 Im Lateinischen gibt es ein schönes Wort für „Schrecken bereitendes Geschehen“, wie es das willkürliche Eindringen in die Privatsphäre ungeschützter Personen darstellt: „terror“, abgeleitet vom Verb „terrere“ = schrecken, erschrecken. Darauf bezieht sich Walters Antwort zu meiner Frage, wofür denn der Brief nütze: „Terrorabwehr“. Die Anrede des Schreibens steht bereits: „Werter Vorstand der Drückerkolonne, die einmal meine Hausbank war“. Die Schlussformel ist ebenfalls fertig: „Deshalb kündige ich hiermit – Vollmachten anbei – meine beiden Girokonten sowie diejenigen meiner Frau, meines Sohnes, meiner Eltern und meiner Schwiegereltern nebst allen von diesen Personen bei Ihnen eingerichteten Sparkonten. Mit unfreundlichen Grüßen“.

Ich bin ein bisschen in Sorge um den Freund. Wenn er sich schon wegen der Telefonquälerei so aufregt, es möchte ihm ja das Herz stillstehen, sollte Schäuble seinen Willen bekommen und in Sachen Bürgerrechte vollends das Erbe von George W. Bush antreten dürfen. Tja Walter, wie wäre dir, würden die Schlapphüte klammheimlich  zusehen, was du im Internet treibst? Wie erst wäre dir, hingest du plötzlich im Terrornetz, weil du neulich deinem Schwager marokkanischer Herkunft eine E-Mail geschickt hast mit der Ankündigung „das Päckchen kommt nächste Woche“? Kommuniongeschenke für die Kinder? Da zeigt dir im Ernstfall der entsicherte Sicherheitsapparat bloß den Vogel.

Denn hast du nicht auch eben erst in einem Internet-Chat Sperranlagen und Demonstrationsverbot für den G-8-Gipfel in  Heiligendamm als Verfassungsbruch kritisiert? Weil die Bürgerrechte ja nicht nur zum Spaß im Grundgesetz stünden, sondern der Staat auch verpflichtet sei, Bedingungen zu schaffen, dass man sie wahrnehmen kann – selbst wenn das der Staatsräson eben mal gar nicht in den Kram passt, und obwohl das Risiko besteht, dass ein paar Rabauken über die Stränge schlagen. Walter, Walter! Du denkst und machst Sachen, die passen einfach nicht mehr in die Zeit – der  neudeutschen Leitkultur. 

Quergedanken Nr. 27

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Altkanzler Helmut Schmidt mal gesagt. Das Spiel mit der Doppelbedeutung des Wortes „Visionen“ ist indes kein kluges. Da werden ernsthafte Zukunftsentwürfe in Verruf gebracht, indem man sie mit pathologischer Fantasterei in einen Topf schmeißt. Das klassische Politik-Verständnis wird so seiner wichtigsten Aufgaben beraubt: Frühzeitig eine Vorstellung von den Potenzialen der Zukunft gewinnen; dann Weichen stellen, damit nicht Schicksal, sondern Vernunft den Gang der Dinge lenke. Was bleibt der Politik, nachdem Visionen zur Geisteskrankheit erklärt sind?  Pragmatismus. Das Wort bezeichnet eine „philosophische Richtung, die alles Denken und Handeln vom Standpunkt des praktischen Nutzens aus beurteilt“. Ein Urvater dieser Philosophie, William James, hatte 1898 auch Wahrnehmung und Wahrheitsempfinden der Nützlichkeit unterworfen: „Eine Vorstellung ist wahr, solange es für unser Leben nützlich ist, sie zu glauben!“

Womit wir bei der Gegenwart wären, also beim Klimawandel und beim Koblenzer Zentralplatz. Is ja gut, Walter, ich weiß: Mit Klimawandel wollte ich mich nie mehr befassen, seit der Chefredakteur von „Cicero“ ihn ins Reich der Hirngespinnste verwiesen hatte. Ich erkannte den Irrtum, als neulich bei der Schlusskonferenz für den zweiten Teil des UN-Klimaberichtes die Regierungen der USA, Chinas, Russlands sich geifrig mühten, ihren Wissenschaftlichern auf offener Bühne das Wort im Munde zu verdrehen respektive ihnen hinter den Kulissen das Maul zu stopfen. Hätte man vor 20 Jahren auf die Weitsichtigen unter den Weißkitteln gehört, die Sache stünde heute besser an der Klimafront. Warum hörte damals keiner, warum sind heute noch so viele taub? Wegen des Pragmatismus’ – beispielweise beim Verkauf von Innenstadt-Geländewagen.

Das Problem mit dem Pragmatismus ist, dass er Nützlichkeit bloß fürs Jetzt denkt. Ein Geländer um den Brunnen kann erst als nützlich anerkannt werden, wenn ein Kind hineingefallen ist. Bis dahin wäre die Angst vor dem Unfall bloß eine Vision. Man stelle sich vor, die Welt würde Abermilliarden in den umweltverträglichen Umbau der Wirtschaft stecken. Bliebe der große Klimawandel nachher aus, die Pragmatiker wüssten nie, ob´s nützlich war oder nicht. So ähnlich verhält es sich auch mit der Bebauung des Koblenzer Zentralplatzes. Gebaut muss werden und zwar rasch, sonst hat die Stadt zur Bundesgartenschau in ihrem Herzen ein hässliches Loch. Was, wie jetzt jedermann erkennt, wenig nützlich wäre.

Weil in der Kasse Ebbe herrscht, ist die Stadt froh um einen privaten Investor. Der muss Gewinn machen, weshalb er ein Geschäftshaus auf den Zentralplatz bauen will und dessen bodennahe Geschosse mit Läden bestücken. In den Oberetagen soll die Stadt Kulturräume anmieten. Auch wenn dieser Notplan sämtlichen bisherigen Vorstellungen von einem so oder so gearteten Kulturhaus zuwiderläuft, ist er doch pragmatisch: Zur Buga kein Loch; irgendwo über dem Platz wird es auch Kultur-Kemenaten geben. Weiß jemand unter den aktuell  gegebenen Bedingungen eine bessere Lösung? Mit dieser klassischen Kernfrage des realpolitischen Pragmatismus haben sich nun alle Kritiker des Geschäftshausplanes herumzuschlagen.

Selbstredend schließt diese Frage die rückblickende Gegenfrage aus: Seit wann wissen wir, dass der Zentralplatz einer Neubebauung bedarf? Seit 10 Jahren weiß es jeder, der hinguckt. Kenner der Verhältnisse wissen es schon viel länger. Weil nichts geschehen ist über all die Jahre, liegt das Kind nun im Brunnen. Aber das ist – Pragmatismus! – jetzt alles Schnee von gestern. Gestern freilich hätte man die Weichen für die Zukunft ganz anders stellen können. „Wofür damals allerdings eine Sache nötig gewesen wäre: Visionen“, brummt Freund Walter ein Schlusswort, zieht mich dann Richtung Koblenzer Altstadt. Auf dass pragmatisch erst die Kehlen befeuchtet werden und hernach neue Visionen entwickelt. Bis dahin sehen wir auf dem Zentralplatz ein Symbol unserer Zeit entstehen, das gewiss einmal Aufsehen erregt:  „Zum Mittelrhein-Museum im vierten Stock Treppe links hinter dem Mittelrhein-Einkaufsparadies benutzen.“

Quergedanken Nr. 26

„Die Welt wird schöner mit jedem Tag, /  Man weiß nicht, was noch werden mag. / Das Blühen will nicht enden. / Es blüht das fernste, tiefste Thal/ Nun, armes Herz, vergiß der Qual! / Nun muß sich alles, alles wenden.“

                                       ***

Nur zu gerne hören wir die Verse aus Ludwig Uhlands Gedicht „Frühlingsglaube“. Denn mag auch Winter hierorts heuer (bis Redaktionsschluss) Einkehr verweigert haben, erfüllt nach langer grauer Feuchte wärmend lichter Sonnenstrahl doch Herze und Leib mit neuer Lust. Seit am sonnensonntäglichen 11. März mittelrheinische Volksmassen mit Macht zur Sonne, zur Freiheit der Straßencafés und Schleckeisbuffetts zurückfanden, wandelt sie wieder ungebunden: die  Krone der Schöpfung – die Frau. Vom Pludermantel befreit sind Täler und Höhen, beim hellen Tage wie im milden Dämmer umfließt Mützen und Tüchern entfleuchtes  Haar liebliche Angesichte. Auf zartem Fuß schwingen die Schönen daher - man(n) möcht’ das Pflaster beneiden über welches sie schreiten.

Gleich hebt er, Walter, wieder im trockensten Zungenschlag an: „Bedenke …“. Weiß ich: Ich bin nur ein Mann. „Quatsch. Du bist ein grauhaariger, schmerbäuchiger  Zausel, der mit  Wortgeklingel kompensieren will, dass es ihm an Sexappeal mangelt, weil er nicht hat, was es dazu in seinem Alter braucht: Geld und Macht.“ Ach Freund, wie schnöde, wie tumb ist manchmal deine Weltsicht! Des Poeten Minnegesang … Walter prustet: „Hör mir auf mit der Minne. Da dichteten und sangen sich die armen Kerls die Seele aus dem Leib, holten sich nachts unter Burgfenstern Schnupfen nebst Prostatitis. Und wer kam schließlich zum Zug? Statt des Sängers der Herr von Stand mit güldenem Beutel.“ Bevor er sich von hinnen macht, empfiehlt mir der Beckmesser, lieber bei der Politik zu bleiben und gegen den Klimawandel zu streiten.

Aus! Aus! Aus! Halleluja, nix mehr is’ mit Klimawandel! So rufe ich dem vermaledeiten Kerl hinterdrein. Hat er denn gar nichts von den Einlassungen des Herrn Weimer begriffen? Der ist schließlich Chefredakteur des Intelligenzblattes „Cicero“, weiß also Bescheid über das, was die Welt zusammenhält, und über den Geisteszustand ihrer Bewohner. Klimawandel sei gottgegeben und ewig, meint der. Dass diesmal wir uns für die Verursacher halten, zeuge von Großmannssucht der Menschlein, die sich mit himmlischer Allgewalt auf eine Stufe stellen wollen. Klimawandelangst - hörst du, Walter! – ist bloß wollüstiger Feixtanz unserer sadomasochistischen Geheimbegierden. Das lehrt der oberste der Ciceronen, und auch, dass Deng Xiaping selig völlig recht hatte mit seiner revolutionären Parole fürs kapitalkommunistische China: „Bereichert euch!“. Weshalb der Klimawandel für mich passé ist! Mein Streben gilt nunmehr den schönen Seiten des Lebens -  deren schönste für unsereinen eben die Frauen sind.

Und die schönsten aller Frauen sind diejenigen, von denen die Mode für sämtliche andere schönen Frauen präsentiert wird: die Models auf den Haute-Couture-Laufstegen. Sollte man meinen. Warum aber schießen einem dann beim Anblick der Fotos aus Paris oder Mailand unweigerlich Gedanken wie Leberwurstbrot oder volle Deckung durch den Kopf? Von Ersterem würde ich den jungen Damen gerne ein paar Platten rüberschicken. Nicht aus Mitleid, aus purem Egoismus: Lasst jedes Model zehn Kilo zulegen, und aus dem knöchernen Totentanz wird ein ästhetischer Hochgenuss.

Mit Verlaub: Es ist eine Kulturschande, dass so viel naturgegebene Schönheit mit dieser Hungerleiderei so sehr verunstaltet wird. Und „volle Deckung“?  Schauen Sie doch hin: Wie diese Girls mit eiseskalter Mördermiene über den Steg marschieren, lässt eine Begegnung bei Tage, erst recht in nächtlichem Dunkel lebensgefährlich erscheinen. Warum lächeln die nicht ab und zu? Gerade beim Thema Kleidung sollte selbst Lachen nicht allzu schwer fallen. Ein Blick aufs männliche Publikum müsste als Auslöser schon hinreichen: Gibt es doch kaum etwas Amüsanteres als eine Klumpung vermeintlich wichtiger Herren in ihren uniformen Business- oder Abendanzügen; und es gibt gewiss nichts Komischeres als die dazugehörigen Halsschlaffis namens Krawatte. Also: Ein bisschen Lächeln wäre schön. Muss ja nicht gleich Dauerblecken sein wie bei uns Heidi-Mama.

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