Neujahrsessays

Das Millennium verlangt nach Visionen für die Zukunft: 1999 könnte zum Jahr der großen Grundsatzdebatten werden

ape. Der Silvesterkater ist vorüber - das Sinnen kann sich nach vorne wenden. Dort landet es übergangslos in den Vorbereitungen auf den nächsten, auf den allgewaltigen Jahreswechsel: das Millennium ruft. Neujahrsreden und -aufsätze deuten bereits darauf hin, daß 1999 das Jahr des großen Nachdenkens über das Woher und Wohin sein könnte.

Lessing erhob die großen Weltreligionen in den gleichen Rang, Schiller die Freiheit zum höchsten Gut. Und Beethoven erklärte in seiner 9. Sinfonie alle Menschen zur Gott-gewollten Bruderschaft. Einst hatten die Dichter Visionen und die Denker hatten sie auch. Heutzutage, wo die Welt fortwährend in nie gekanntem Tempo umgekrempelt wird, scheinen der Kunst wie der Geisteswelt die Visionen abhanden gekommen.

Pragmatismus nennt sich, was das Denken und Handeln im Vorfeld der Jahrtausendwende prägt. Pragmatisch ist der, dessen Tun sich auf praktischen Nutzen ausrichtet. Das schließt in unseren Tagen allenthalben die Konzentration aufs Machbare ein. Der moderne Mensch hat pragmatischer Realist zu sein, der moderne Politiker sowieso.

Ungewisse neue Zeit

Jede andere Art der Weltbetrachtung landet auf jener Wiese, wo Esoterik, Feierabend-Utopismus und Gefühlsentertainment spielen. Die Frage "wo w o l l e n wir hin?" gilt zwar als interessant, gut gemeint - aber irrelevant. Ernstgenommen wird allein noch die Frage "wo m ü s s en wir hin?". Und wie stellen wir's an, beim Wettlauf in die neue Zeit stets unter den Erstplazierten zu sein?

Doch keiner weiß, wohin das Gerenne eigentlich führt, führen soll. Ins "globale Dorf" - was immer das sein mag. In die Kommunikations-Gesellschaft - worüber auch immer die geschwind auf allen Kanälen kommunizieren mag. In die Wissens-Gesellschaft - welche Inhalte und Fertigkeiten deren Mitglieder auch immer zu welchem Zweck lebenslang bimsen sollen. Man rennt mit, weil man - bei Strafe des Untergangs - mitrennen muß. Die Welt dreht sich hastig im Selbstlauf und ein jeder sieht, wo er eben bleibt.

Die Kunst immerhin knurrt das ohnmächtige Gerenne an: die Klassiker mahnen wie eh und je, doch will sie kaum einer als Fingerzeig aufs Gegenwärtige verstehen. Die Modernen machen gelegentlich, wie derzeit etwa das junge britische Theater wieder, Agonien im menschlichen Zusammenleben ätzend-giftig bewußt. Daneben bieten Kunst und Kultur Ruhe-Inseln für die Abgehetzten: Von hoher Ästhetik über schönen Schein bis zum rauschhaftem Amüsier-Event. Das kann besinnlich sein, führt indes selten zu Besinnung, nie zu Besonnenheit oder Sinn. Vor wirklichen Visionen - des Herzens oder des Geistes - scheinen sich auch die Künstler unserer Tage geradeweg zu fürchten. Wie gebrannte Kinder benehmen sich manche, vielleicht, weil sie vor Jahr und Tag noch einem mißratenen Sozialismus auf den Leim krochen.

Gefängnis des Pragmatismus

Wenn die Kunst schon keine Visionen mehr hat, wie soll man sie dann von der im Denk-Gefängnis des Pragmatismus einsitzenden Politik verlangen? Das Jahrtausend neigt sich dem Ende zu, und für alle großen Fragen ist nach wie vor keine Lösung zu erkennen. Die soziale Frage ist offen wie lange nicht; die Überbevölkerungsfrage ungelöst; das "globale Dorf" hat keinen Gemeinderat, es gilt das Recht des Stärkeren; der Wald stirbt weiter und das Ozonloch wächst, auch wenn niemand mehr darüber spricht; die alten Gesellschaften und ihre Werte zerfallen, ohne daß Ersatz in Sicht wäre; der Weltfriede ist genauso fern wie die Gleichberechtigung von nördlicher und südlicher Hemisphäre . . .

Der Jahrhundert-Probleme sind viele, doch es scheint nur diesen einen alles überwuchernden Ansatz zu geben: Fit machen für den globalen Wettbewerb. Eine armselige "Vision", der nur das Streben nach bester Armierung für einen Streit jeder gegen jeden einfällt. Für einen Streit, der heute diesen, morgen jenen Verlierer in Not stürzt. Doch wenn 1999 ein Jahr der großen Diskussionen wird, besteht vielleicht auch die Chance auf ein Kopfzerbrechen über Wege heraus aus solcher Tristesse. Dann erst wäre auch die dickste Fete gerechtfertigt.

Andreas Pecht

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